Jenseits der Scham
Anne Kunze, Daniel Müller & Annika Joeres
Frankreich-Korrespondentin Annika Jörres berichtet vom Prozess gegen Dominique Pelicot, der seine Ehefrau Gisèle jahrzehntelang betäubte und von Fremden vergewaltigen ließ — aufgeflogen durch eine banale Supermarkt-Szene, in der er Frauen unter den Rock filmte. Was nach außen wie eine mustergültige Rentner-Ehe mit sieben Enkeln und Häuschen in der Provence aussah, entpuppte sich als einer der erschütterndsten Kriminalfälle des Jahres 2024.
„Das Ehepaar Gisèle und Dominique Pelicot waren wirklich das, was man ja eigentlich als Traumpaar beschreiben würde. Die sind als Rentner nach Südfrankreich gezogen in ein kleines Dorf, die Enkelkinder waren häufig zu Besuch — es war nach außen hin wirklich so ein durchschnittliches und sogar überdurchschnittlich glückliches Paar.“
Erwähnte Medien (3)
Ich werde dich nicht mehr Papa nennen
Caroline Pellicot · 2025
Die Scham muss die Seite wechseln Ein Prozess, der die Welt erschüttert. Eine Mutter, die als Ikone gefeiert wird. Ein Vater, den man als Monster bezeichnet. Eine Tochter, die ums Überleben kämpft. Weil sie Teil eines Verbrechens ist, in dem ihre Eltern Opfer und Täter sind. Das ist ihre Geschichte. Caroline Darian, Tochter von Gisèle und Dominique Pelicot, erhält am 2. November 2020 einen Anruf von ihrer Mutter. Ihr Vater wurde verhaftet.
🗣 Annika Joeres referenziert bei ⏱ 00:21:59 „Sie hat ja auch ein Buch darüber veröffentlicht, zuerst auf französischer Sprache, das gibt es jetzt auch in deutscher Sprache. Ich werde dich nicht mehr Papa nennen, heißt das, wo sie genau das beschreibt, was ihr passiert ist, aber wo sie auch beschreibt, was ihr Verein, den sie auch inzwischen gegründet hat, versucht zu machen, nämlich darüber aufzuklären über diese chemische Unterwerfung und wie häufig das passiert.“
Im Gespräch über die Rolle von Caroline Pellicot, der Tochter von Giselle und Dominique Pellicot, erklärt Sabine Rückert, dass Caroline als erste in der Familie den Fall öffentlich gemacht hat. Das Buch beschreibt sowohl ihre persönliche Geschichte als auch ihren Aktivismus gegen chemische Unterwerfung. Caroline gründete einen Verein zur Aufklärung und kämpft dafür, dass Ärzte die Symptome besser erkennen.
Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde
Robert Louis Stevenson
Dr. Jekyll invented a drug that would change him into the ominous Mr. Hyde. His evil nature, however, became the stronger part of him and to his horror, he no longer needed the formula to transform his appearance.
🗣 Anne Kunze referenziert bei ⏱ 00:29:27 „Okay, aber das klingt jetzt tatsächlich ein bisschen nach Dr. Jekyll und Mr. Hyde, also nachts der böse Vergewaltiger und tagsüber der liebevolle Ehemann.“
Anne Kunze greift die psychiatrischen Gutachten über Dominique Pellicots gespaltene Persönlichkeit auf und vergleicht sie mit Stevensons Klassiker. Die Psychiater hatten zuvor beschrieben, dass Pellicot tagsüber ein liebevoller Ehemann und nachts ein sadistischer Vergewaltiger war – zwei Seiten derselben Person, ohne klassische Schizophrenie.
Wissenschaftliche Untersuchungen zur chemischen Unterwerfung
Wissenschaftliche Studie zur chemischen Unterwerfung durch K.O.-Tropfen und ähnliche Substanzen. Die Forschung zeigt, dass etwa 50% der Opfer aus dem unmittelbaren persönlichen Umfeld der Täter stammen – ein Ergebnis, das dem bisherigen öffentlichen Verständnis von K.O.-Tropfen als Zufallsdelikte widerspricht und die Dimension des Missbrauchs in vertrauten Beziehungen dokumentiert.
🗣 Annika Joeres referenziert bei ⏱ 00:41:48 „Und das zeigen ja auch die wissenschaftlichen Untersuchungen zu dieser chemischen Unterwerfung, dass fast 50 Prozent aller Opfer entweder Familienmitglieder oder enge Bezugspersonen waren. Und das ist ja tatsächlich völlig kontra zu dem, was wir bislang kannten von diesen Zufälligkeitsopfern von K.O.-Tropfen.“
Daniel Müller verweist auf Forschungsergebnisse zur sogenannten chemischen Unterwerfung (Verabreichung von Substanzen zur Wehrlosmachung), die zeigen, dass knapp die Hälfte der Opfer aus dem engsten Umfeld der Täter stammt. Er kontrastiert diese Erkenntnis mit dem bisherigen öffentlichen Bild von K.O.-Tropfen als Zufallsdelikt und ordnet den Fall Pellicot in eine größere, bislang unterschätzte Dimension ein.