Ausgabe Dreiundneunzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Richard David Precht schwärmt vom neuen Roman von T. C. Boyle, der eine kalifornische Familie im schleichenden Klimawandel begleitet — und liest eine Passage vor, in der eine Frau vom Planetensterben bis zur papierlosen Kreditkartenabrechnung denkt. Die Episode kreist um die Kluft zwischen dem großen Bewusstsein für die Klimakrise und der Winzigkeit unserer tatsächlichen Gegenmaßnahmen.
„Du denkst groß und am Ende kommt elektronische Übermittlung von Kontoauszügen daraus.“
Erwähnte Medien (9)
Blue Skies
T. C. Boyle · 2023
"Boyle’s satire has lost none of its edge over the course of a nearly half-century literary career . . . [Blue Skies is] an expert blend of suspense, terror and, occasionally, very black humor . . . this fiercely honest writer shows us what he sees and invites his readers to draw their own conclusions." —Wendy Smith, Washington Post From best-selling novelist T. C. Boyle, a satirical yet ultimately moving send-up of contemporary American life in the glare of climate change.
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:00 „Und jetzt habe ich mir Zeit genommen, das neue Buch von T. C. Boyle zu lesen. Also T. C. Boyle ist ja einer der größten, bedeutendsten lebenden Autoren der Gegenwart. Aber so gut lesbar, dass er natürlich keinen Nobelpreis gekriegt hat und auch noch keinen Pulitzerpreis.“
Richard David Precht erzählt, dass er sich in einer ruhigen Phase Zeit genommen hat, den neuen Roman von T. C. Boyle zu lesen. Er liest eine längere Passage daraus vor, in der eine kalifornische Familie im Zeitalter des Klimawandels beschrieben wird. Precht empfiehlt das Buch als absolute Pflichtlektüre für Schulen und Politiker, weil es den Klimawandel greifbar und alltagsnah erzählt — genau das Gegengift gegen die abstrakte Klimakommunikation, die das Gespräch durchzieht.
Konstruktiver Journalismus / Medienkritik
Maren Urner
Medienwissenschaftlerin Maren Urner erklärt in diesem Interview mit Der Standard, warum es keinen objektiven Journalismus gibt. Sie analysiert psychologische Mechanismen, die zu negativer Berichterstattung führen, und zeigt auf, wie diese Dynamiken besonders im Klimajournalismus zu Problemen führen. Der Artikel beleuchtet, warum Nachrichtenvermeidung zunimmt und wie konstruktiver Journalismus einen anderen Weg bieten könnte.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:11:42 „Maren Urner, sehr interessant. Und wieder die Medien, also wir alle. Die sagt am Beispiel Klimajournalismus kannst du sehen, was in der Kommunikation an vielen Ecken schiefgelaufen ist. Das ist psychologisch sehr interessant.“
Markus Lanz bezieht sich auf ein Interview, das die Medienwissenschaftlerin Maren Urner der österreichischen Zeitung Der Standard gegeben hat. Darin erklärt Urner, warum es keinen objektiven Journalismus geben kann und warum negative Nachrichten deutlich häufiger geklickt werden. Lanz nutzt ihre Thesen, um zu erklären, warum die Klimadebatte in Deutschland so angstgetrieben geführt wird.
Merchants of Doubt (Händler des Zweifels)
Naomi Oreskes, Erik M. Conway
Das Buch untersucht, wie Fossilkonzerne systematisch Wissenschaftler engagierten, um Zweifel an Klimaforschungsergebnissen zu säen. Es zeigt, wie die bewusste Verbreitung von Unsicherheit als Strategie gegen wissenschaftliche Erkenntnisse eingesetzt wurde und damit das wissenschaftliche Prinzip des Zweifels selbst in Verruf geriet.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:13:27 „Und dann kommt dazu das, was sie nennt, massive Lobbyarbeit, Händler des Zweifels, nennt sie das, finde ich super. Also die in den letzten Jahrzehnten einfach nur Zeit damit verbracht haben, Zweifel an dem zu sehen.“
Markus Lanz gibt die Argumentation von Maren Urner wieder, die beschreibt, wie eine ganze Industrie systematisch Zweifel am Klimawandel gesät hat. Der Begriff 'Händler des Zweifels' ist der deutsche Titel des bekannten Buches von Oreskes und Conway über die gezielte Desinformationsstrategie der Fossilindustrie.
Die Grenzen des Wachstums (The Limits to Growth)
Club of Rome / Dennis Meadows et al.
Der Klassiker der Umweltbewegung: 1972 warnte der Club of Rome vor den Grenzen exponentiellen Wachstums und prognostizierte Ressourcenengpässe sowie wirtschaftlichen Kollaps. Sein Bericht prägt bis heute die Debatte über Nachhaltigkeit und wird von Klimaskeptikern als gescheiterte Vorhersage herangezogen – doch die zugrundeliegenden Mechanismen des mathematischen Modells erweisen sich immer noch als bemerkenswert präzise.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:13:43 „Die erzählen ja immer die Fehlprognosen des Club of Rome und das ist ja alles nicht so gekommen wie angekündigt und wer weiß und dann irren die vielleicht doch alle und keine letzten Sicherheiten und so dieser ganze Quatsch.“
Richard David Precht beschreibt die Argumentationsmuster der Klimawandel-Skeptiker, die sich auf angebliche Fehlprognosen des Club of Rome berufen, um wissenschaftliche Vorhersagen zum Klimawandel zu diskreditieren. Gemeint ist der berühmte Bericht 'Die Grenzen des Wachstums' von 1972.
Interview mit Maren Urner
Der Standard
Die Medienprofessorin Maren Urner argumentiert in einem Interview, dass objektiver Journalismus eine Illusion ist. Menschen konsumieren verstärkt negative Nachrichten, besonders in Stresssituationen, was dem menschlichen Gehirn entspringt. Urner diskutiert die Unterschiede zwischen konventionellem und konstruktivem Journalismus sowie die Verantwortung von Medien bei der Darstellung von Informationen wie dem Klimawandel.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:16:13 „Neulich im Standard ein super Interview gegeben, wo sie sagt, es kann keinen objektiven Journalismus geben. Den gibt es nicht. Es gibt keinen objektiven Journalismus, sondern negative Nachrichten werden deutlich mehr geklickt.“
Markus Lanz verweist auf ein konkretes Interview, das die Medienwissenschaftlerin Maren Urner der österreichischen Tageszeitung Der Standard gegeben hat. Darin argumentiert Urner, dass objektiver Journalismus eine Illusion sei und dass Menschen in Stresssituationen noch stärker zu negativen Nachrichten tendieren — entgegen ihrer eigenen Behauptung, lösungsorientierten Journalismus zu bevorzugen.
My Rifle, My Pony and Me
Dean Martin
Dean Martin eigentl. Dino Paul Crocetti * 7. Juni 1917 in Steubenville, Ohio; † 25. Dezember 1995 in Beverly Hills, Kalifornien; war ein US-amerikanischer Sänger, Schauspieler und Entertainer. Frühe Jahre Dino Paul Crocetti wurde am 7. Juni 1917 in Steubenville (Ohio) als Sohn des 1913 aus Italien eingewanderten Gaetano Crocetti und seiner aus Ohio stammenden Frau Angela Barra geboren. Er sprach bis zu seinem fünften Lebensjahr nur Italienisch und tat sich danach in der Schule mit seinem gebrochenen Englisch sehr schwer.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:30:10 „Und das andere, das sind diese Palio-Liberalen, die so dieses My Pony, My Rifle und Me, staatheitlich raus, ich will meine Freiheit, ich will, dass sich niemand in mein Leben einmischt, ich will mich nicht von irgendeiner Obrigkeit gängeln lassen.“
Precht verwendet den Titel des bekannten Songs aus dem Western 'Rio Bravo' als kulturelle Kurzformel für die paläolibertäre Strömung innerhalb der AfD – jene Fraktion, die den Staat auf ein Minimum reduzieren will und individuelle Freiheit über alles stellt. Der Song-Titel dient hier als Chiffre für eine amerikanisch geprägte Cowboy-Mentalität.
Das Unbehagen in der Demokratie
Michael Sandel · 2023
Michael J. Sandels bahnbrechende Kritik am globalen Kapitalismus – erstmals in deutscher Übersetzung Unsere Gegenwart hat ein Demokratie-Problem. Zum einen sind unsere Gesellschaften gespalten wie nie zuvor: Befeuert durch die sozialen Medien treiben uns rassistische Ausschreitungen, Populismus, soziale Ungleichheit und eine weltweite Pandemie in die Vereinzelung.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:33:05 „Ich habe dieser Tage in einem interessanten Buch gelesen. Michael Sandel kennst du bestimmt. Berühmter amerikanischer Philosoph, angeblich der Lieblingsphilosoph von Olaf Scholz. Das Unbehagen in der Demokratie. Und der sagt in diesem Buch sinngemäß und beschreibt das auch sehr genau, dass sich in den demokratischen Gesellschaften eine enorme Unzufriedenheit angesammelt hat.“
Markus Lanz bringt Sandels Buch als Erklärungsrahmen für die wachsende Unzufriedenheit in demokratischen Gesellschaften ein. Er referiert Sandels These, dass sich vor allem in den Arbeiterklassen das Gefühl breitgemacht hat, nicht beachtet zu werden, und dass der Kult des Geldes geteilte Gesellschaften von Gewinnern und Verlierern hervorgebracht hat. Besonders der 'Hochmut der Eliten', die sich am eigenen Erfolg ergötzen, falle der Gesellschaft nun auf die Füße.
The Unwinding (Die Abwicklung)
George Packer
George Packer erzählt die Geschichte des amerikanischen Niedergangs über die vergangenen Jahrzehnte. Anhand einzelner Lebensgeschichten zeigt er, wie Institutionen zerfielen, Industrien verschwanden und die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs. Ausgezeichnet mit dem National Book Award 2013.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:45:05 „Wir haben oft darüber gesprochen, dass wir damals 2016 das erste Mal in Amerika, ich jetzt für mich persönlich wirklich wahrgenommen habe. George Pecker hat das Buch dazu geschrieben, The Unwinding, die Abwicklung. Wenn man das mal liest, da kriegst du heute noch Gänsehaut, weil genau so ist es eingetreten.“
Lanz verweist auf George Packers Buch über den schleichenden Verfall amerikanischer Institutionen und gesellschaftlicher Strukturen. Er betont, dass die darin beschriebenen Entwicklungen inzwischen eingetreten seien, und nutzt das Buch als Kontrast: Während Amerika trotz dieser Probleme mit dem Inflation Reduction Act pragmatisch in grüne Technologie investiere, hinke Europa hinterher.
Artikel/Essay über Vertrauen und Kontrollillusion
Essay über Vertrauen als gesellschaftlichen Kitt und seine zunehmende Erosion. Der Text argumentiert mit Bezug auf ein Harvard-Experiment zur Kontrollillusion, dass Misstrauen ein zersetzendes Gift ist, während Vertrauen für funktionierende Demokratien unverzichtbar bleibt. Ein Plädoyer für die Wiederherstellung gesellschaftlichen Vertrauens in Institutionen und Mitmenschen.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:50:05 „Ich habe neulich ein schönes Stück über Vertrauen gelesen. Ich glaube, wir haben zu wenig Vertrauen. Ich glaube, uns ist als Gesellschaft das Vertrauen abhandengekommen. Das Vertrauen in die Institutionen, das Vertrauen in die Leute an der Spitze, das Vertrauen, dass wir das irgendwie geregelt kriegen.“
Lanz referiert zum Ende des Gesprächs einen Artikel oder Essay über Vertrauen als gesellschaftlichen Kitt. Der Text enthält Bezüge zu einem berühmten Harvard-Experiment zur Kontrollillusion und argumentiert, dass Misstrauen ein zersetzendes Gift sei, während Vertrauen gerade für Demokratien existenziell wichtig ist. Lanz nutzt die Thesen des ungenannten Autors als Schlussplädoyer für mehr gesellschaftliches Vertrauen.