Perspektivwechsel
Markus Lanz & Richard David Precht
Die Episode kreist um den Blick auf die sich verändernde Weltordnung: Precht berichtet begeistert von seinem Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Ivan Krastev, der das Weltgeschehen — den Abstieg der USA, den Aufstieg Chinas und Indiens, die Verschiebung zur multipolaren Ordnung — mit analytischer Klarheit statt ideologischer Brille beschreibt. Zuvor geht es um ein Gespräch mit Olena Selenska beim Jahresrückblick, die einen seltenen Einblick in das Leben der Familie des ukrainischen Präsidenten gab.
„Das Spannende an Gesprächen mit ihm besteht immer darin, dass er so unbestechlich auf die Welt guckt. Also dass jemand mal hingeht und einfach mal beschreibt, was er sieht. Nicht gleich wertet.“
Erwähnte Medien (3)
Das Licht, das erlosch
Ivan Krastev · 2019
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde das liberal-demokratische Modell westlicher Prägung alternativlos. Heute zerbrechen weltweit Demokratien vor unseren Augen, zersetzt von Populismus, Nationalismus und der Abkehr von freiheitlichen Werten - gerade auch in Osteuropa. Warum hat der Westen seine Strahlkraft verloren? In ihrer brillanten Analyse zeigen Ivan Krastev und Stephen Holmes, dass das seinerzeit ausgerufene »Ende der Geschichte« in Wahrheit ein Zeitalter der Nachahmung einläutete.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:24:40 „Darüber bin ich ja selber über diesen Mann irgendwann gestolpert, in diesem großartigen Buch »Das Licht, das erloscht«, damit ist er ja so international berühmt geworden. Und da findet sich diese ganz nüchterne Betrachtung, als die Mauer fiel, gab es weltweit 16 Grenzzäune, heute sind es, das Buch ist aus 2017 glaube ich, 65, die entweder schon im Betrieb oder im Bau sind.“
Markus Lanz erzählt, wie er auf den bulgarischen Politologen Ivan Krastev aufmerksam wurde – nämlich durch dessen Buch, das die Krise der liberalen Demokratien nach 1989 analysiert. Er zitiert daraus die eindrucksvolle Statistik über die Zunahme von Grenzzäunen weltweit als Beleg dafür, dass sich die Welt trotz Mauerfall nicht geöffnet, sondern wieder abgeschottet hat.
Artikel über den globalen Süden
Alan Posener
Posener hinterfragt in seinem Artikel die Erzählung vom „globalen Süden" als gedankliche Konstruktion. Er argumentiert, dass die Länder des Südens – von Australien bis zu den Tigerstaaten – zu unterschiedlich sind, um unter einem Sammelbegriff zusammengefasst zu werden. Damit widerspricht er Thesen vom Bedeutungsverlust des Westens.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:37:02 „So ähnlich hat es Alain Posener neulich mal in einem sehr guten Stück beschrieben, wo er sagte, die Idee dieses globalen Südens, gibt es die eigentlich wirklich? Und er liefert auch das zentrale Argument, haben wir auch schon ein paar Mal darüber geredet hier, die große Mehrheit der Weltbevölkerung wird ja schließlich von Ländern aus dem globalen Süden repräsentiert und so weiter.“
Lanz greift einen Artikel von Alan Posener auf, der die gängige Erzählung vom 'globalen Süden' als gedankliche Konstruktion hinterfragt. Posener argumentiert, dass die Länder des Südens – von Australien über Indien bis zu den Tigerstaaten – so unterschiedlich sind, dass der Sammelbegriff irreführend sei. Lanz nutzt den Artikel als Gegenposition zu Prechts These vom relativen Bedeutungsverlust des Westens.
Stabile Ungleichgewichte
Josef Reichholf · 2008
Das Buch führt das ökologische Konzept der stabilen Ungleichgewichte ein: Systeme befinden sich nicht in statischem Gleichgewicht, sondern in dynamischen, temporär stabilen Zuständen. Dieses Prinzip lässt sich von der Natur auf Politik und Geopolitik übertragen, wo es nie echtes Gleichgewicht gibt, sondern nur wechselnde stabile Ungleichgewichte.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:41:19 „Es gibt Josef Reicholf, der Ökologe und Vogelkenner, der benutzt immer den Begriff für die Natur, stabile Ungleichgewichte. Und ich finde, den kann man wunderbar auf die Politik übertragen. Gleichgewicht hat es nie gegeben. Es hat immer nur unterschiedliche, stabile Ungleichgewichte, die für einige Zeit hielten, in der Welt gegeben.“
Precht entlehnt den ökologischen Begriff 'stabile Ungleichgewichte' vom Biologen Josef Reichholf und überträgt ihn auf die Geopolitik. Er argumentiert damit, dass es in der Weltpolitik nie ein echtes Gleichgewicht gegeben habe, sondern immer nur temporär stabile Ungleichgewichte – und dass die aktuelle Verschiebung hin zur multipolaren Weltordnung ein solcher Übergang sei.