Die digitale DDR
Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Anlass ist Dave Eggers' dystopischer Roman „Every
„Ich mache es für den Algorithmus — weil wenn ich die ganze Zeit nur die harten politischen Infos poste, verliere ich nämlich ganz viel Reichweite.“
Erwähnte Medien (13)
Every
Dave Eggers · 2021
From the award-winning, bestselling author of The Circle comes an exciting new follow-up. When the world’s largest search engine/social media company, the Circle, merges with the planet’s dominant ecommerce site, it creates the richest and most dangerous—and, oddly enough, most beloved—monopoly ever known: the Every. Delaney Wells is an unlikely new hire at the Every.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:02:11 „Den neuen Roman, über den wir nämlich heute reden wollen, über den ganz viele Leute gerade reden. Er heißt Every. Every ist eine düstere Silicon Valley Dystopie, in der ein übermächtiges Digitalunternehmen aus dem Silicon Valley unsere Gesellschaft umbaut.“
Every ist das Hauptthema dieser Podcast-Folge. Lars Weisbrod stellt den Roman als Fortsetzung von 'The Circle' vor und ist begeistert davon, wie viele Gegenwartsdiskurse — von Corona über Klima bis Wokeness — darin zusammenlaufen. Ijoma Mangold ist literaturkritisch skeptischer, erkennt aber die inhaltliche Relevanz an.
The Circle
Dave Eggers · 2013
INTERNATIONAL BESTSELLER • A bestselling dystopian novel that tackles surveillance, privacy and the frightening intrusions of technology in our lives—a “compulsively readable parable for the 21st century” (Vanity Fair). When Mae Holland is hired to work for the Circle, the world’s most powerful internet company, she feels she’s been given the opportunity of a lifetime.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:17:44 „2013 erschien von Dave Eggers The Circle oder auf Deutsch Der Circle. Das war in den Filthors eine Riesensache damals.“
Vorgängerroman von Every, wird als Kontext und Vergleich herangezogen
McSweeney's
Dave Eggers
McSweeney's ist eine von Dave Eggers gegründete Literaturzeitschrift, die sich auf satirische und humorvolle Kurztexte spezialisiert. Die Plattform zeichnet sich durch experimentelle, kreative Inhalte aus und richtet sich an ein literarisches Publikum, das unkonventionelle Perspektiven schätzt.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:23:59 „Er hat ja auch diese Plattform Max Sweeney's, ich weiß nicht, ob die jemand kennt, wo oft so satirische Kurztexte erscheinen. Und in dem Sinne einer Satire stellen sich dann vielleicht manche Fragen, die du jetzt gestellt hast, vielleicht gar nicht mehr an so ein Werk.“
Lars Weisbrod erwähnt McSweeney's, die von Dave Eggers gegründete Literaturplattform, als Argument dafür, Eggers eher als Satiriker denn als dystopischen Erzähler zu lesen. Dies soll Mangolds literaturkritische Einwände gegen die mangelnde Ambivalenz in Eggers' Romanen entkräften.
Das konsumistische Manifest
Norbert Bolz · 2002
Der Konsumismus ist das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen. Die Apologie dieses Lebensstils, bis hinein in die Sphäre der Liebe, muß nicht die Augen verschließen vor den Folgelasten der Modernisierung, den Ausschlußmechanismen unserer westlichen Rationalität und den Schicksalen der Globalisierungsopfer.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:43:12 „Norbert Bolz fällt mir gerade ein, Norbert Bolz, mittlerweile bestimmt 20 Jahre altes Buch, das konsumistische Manifest, wirklich ein subversiver Titel, weil gegen Konsum waren sich sonst alle einig, übrigens von rechts bis links.“
Mangold erinnert sich an Norbert Bolz' Buch, weil es thematisch zu Eggers' Every passt: Während sich in der Realität links wie rechts alle einig sind, dass Konsumismus etwas Erbärmliches sei, war Bolz' Titel vor 20 Jahren bewusst provokant — eine Pro-Konsum-Position. In Eggers' Roman übernimmt ausgerechnet der Monopol-Konzern Every diese konsumkritische Haltung und will die Produktvielfalt abschaffen.
Competition is for Losers
Peter Thiel · 2022
Amerika durchlebt ein epochales Gesellschaftsbeben. Mit faschistischen Methoden versuchen die Republikaner, die Demokratie zu kapern und eine autokratische Herrschaft zu etablieren: Sie befeuern die militante Spaltung der Gesellschaft, fördern einen Führerkult, rufen zu Gewalt auf und erschaffen mittels Propaganda eine fiktive Realität. Dabei kooperieren sie mit verschiedenen radikalen Gruppierungen wie extremistischen Christen, Verschwörungstheoretikern und Milizen.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:44:17 „Genau, Peter Thiel ist sehr berühmt für seinen Satz, Competition is for Losers. Competition is for Losers, ja.“
Mangold zitiert Peter Thiels berühmten Vortrag bzw. Essay über Monopole, um die reale Parallele zu Eggers' fiktivem Every-Konzern zu verdeutlichen. Thiels These — dass wahre Innovation Monopole schafft und Wettbewerb ein Zeichen von Mittelmäßigkeit ist — spiegelt sich in Eggers' Roman, wo Every den Markt komplett dominiert und die Produktvielfalt abschaffen will.
Zero to One
Peter Thiel · 2014
#1 NEW YORK TIMES BESTSELLER • “This book delivers completely new and refreshing ideas on how to create value in the world.”—Mark Zuckerberg, CEO of Meta “Peter Thiel has built multiple breakthrough companies, and Zero to One shows how.”—Elon Musk, CEO of SpaceX and Tesla The great secret of our time is that there are still uncharted frontiers to explore and new inventions to create.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:45:09 „Diese herrliche Paradoxie entwickelt der Peter Thiel da sehr schön und sagt aber natürlich die wirklich guten Zufallsklassen, die legen es auf ein Monopol an. Nur dann hat man wirklich was Neues geschaffen und einen Markt dominiert.“
Ijoma Mangold erläutert Peter Thiels Monopol-Theorie im Kontext von Dave Eggers' Every. Die Diskussion über Monopolisten, die ihren Markt groß definieren um nicht als solche zu gelten, und die These dass die besten Unternehmen Monopole anstreben, stammt aus Thiels Buch Zero to One. Der Vortrag 'Competition is for Losers' wurde bereits erfasst, aber das zugrundeliegende Buch nicht.
Der Weg zur Knechtschaft
Friedrich August von Hayek · 2004
Dieses Buch, wahrend des zweiten Weltkriegs entstanden und 1944 zunachst auf Englisch erschienen, war ein Alarmruf, der sich an diejenigen richtete, welche die Freiheit schatzen und diese durch sozialistische Stromungen und nationalsozialistische Bestrebungen gefahrdet sahen.Mit scharfer Logik, in klarer Sprache und stellenweise mit schneidender Ironie fuhrt Friedrich A.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:42 „Wir sind, ich bin ja wirklich der Meinung, wir sind nicht auf dem Weg in die Knechtschaft, wie Friedrich von Hagen gesagt, aber zumindest sind wir auf dem Weg in die Planwirtschaft.“
Mangold zitiert Hayeks berühmtes Werk als Referenzpunkt für seine eigene politische Einordnung. Er sieht zwar nicht die klassische Knechtschaft im Hayek'schen Sinne kommen, wohl aber eine neue Form der Planwirtschaft — was direkt an Eggers' Every-Dystopie anschließt, in der ein Silicon-Valley-Konzern de facto eine zentrale Wirtschaftssteuerung betreibt.
Standardsituationen der Technologiekritik
Kathrin Passig · 2013
Auto, PC, Internet – wenn die Menschheit mit technologischen Neuerungen konfrontiert ist, zeigt sie immer dieselben Reflexe: »Wer braucht das?«, »Ist das nicht viel zu teuer?«, »Verdirbt das nicht das Denken?« Erkenntnisfördernd sind solche Standardreaktionen nicht unbedingt, und daher wirft Kathrin Passig in sechs ursprünglich für den »Merkur« verfassten Essays einen genaueren Blick auf Phänomene, die oft als Anzeichen für den bevorstehenden Untergang des Abendlands betrachtet werden: auf E-Boo...
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:00:01 „Mir fällt gerade, nur um das zu untermauern, auch die, die ich sehr schätze, Kathrin Passig, was hat die an Witz und Pointenreichtum eingesetzt, um sich über jede Form des Digitalskeptizismus lustig zu machen und auch unendlich auf diese Sachen, ja, als die Eisenbahn aufkam, sagten die Leute, es verträgt kein menschliches Gehirn, so schnell von Punkt A zu Punkt B zu kommen.“
Ijoma Mangold verweist auf Kathrin Passigs berühmten Text, in dem sie wiederkehrende Muster der Technologiekritik historisch einordnet und parodiert. Er nennt sie als Beispiel für die damalige Stimmung, Digitalskeptizismus nicht ernst zu nehmen – im Kontrast zu Dave Eggers' Circle, der genau diese Skepsis literarisch bediente.
A Cypherpunk's Manifesto
Eric Hughes · 2022
Using the lens of history, A History of Financial Technology and Regulation illuminates recent changes to the world of finance. With lucid prose and the help of concrete examples, Seth Oranburg helps readers understand the role of technology in finance today, including complex phenomena such as mutual funds, cryptocurrencies, and the stock market itself. Chapters begin with basic principles and historical analogy before describing complex digital-investment strategies and instruments.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:01:21 „Natürlich die Vordenker der gesamten Digitalisierung, die Cypherpunks, die schon in den Früh-90er-Jahren das berühmte kryptografische, glaube ich heißt es, Kryptomanifest geschrieben haben, denen vollkommen klar war, was Big Data mit uns machen wird und die suchten nach digitalen Lösungen für die Überwachungsgefahr.“
Ijoma Mangold verweist auf das Cypherpunk-Manifest der frühen 90er als historischen Beleg dafür, dass die Gefahren der Digitalisierung schon früh erkannt wurden. Er argumentiert, dass es digitale Gegenmittel gegen Überwachung gibt – etwa Kryptowährungen wie Bitcoin und Monero.
Die Steinstrategie
Holm Friebe · 2013
Ständige Veränderung! So lautet der Imperativ der Gegenwart. Die klügere Option des Abwartens wird ausgeblendet. Dabei führt blinder Aktionismus oft ins Verderben, und Ruhe und Gelassenheit sind der Garant langfristigen Überlebens. Nicht-Handeln ist die mit Abstand erfolgreichste Strategie: ob an der Börse, wo Warren Buffett Geld nicht durch hektisches Zocken, sondern durch kluges Warten verdient, in der Politik, wo Angela Merkel durch Aussitzen Kanzlerin bleibt, oder in der Kommunikation, wo Sc...
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:04:21 „Ich denke da an Holm Friebe, der mal so eine Mischung aus echten Lebensratgeber und Unternehmensphilosophie-Parodie geschrieben hatte. Ich glaube, das hieß die Steintheorie. Die Steinstrategie, Wahnsinn.“
Im Kontext der satirischen Management-Theorien aus Eggers' Roman erinnert Ijoma Mangold an Holm Friebes Buch, das Managementratgeber parodiert, indem es empfiehlt, es den Steinen gleichzutun – eine ironische Verklärung der Trägheit als Gegenentwurf zu den üblichen Appellen an produktive Zerstörung und ständige Neuerfindung.
Die Mäuse-Strategie für Manager
Spencer Johnson
Spencer Johnsons „Die Mäusestrategie" ist ein Management-Ratgeber, der komplexe Unternehmenskonzepte durch Tiermetaphern erklärt. Das Buch steht exemplarisch für eine lange Tradition von Management-Literatur, die auf Analogien aus der Tierwelt basiert. Im Podcast wird es als klassisches Beispiel genannt, von dem sich Holm Friebes ironische „Steinstrategie" bewusst absetzt, indem sie Management-Weisheiten ins Reich des Unbelebten überträgt.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:04:34 „Hat viele immer erklärt, weil es gibt so viele Managementberater, die aus dem Bereich des Tierischen und dann auch der Flora kommen, die Mäusestrategie. Und er hat dann gesagt, er geht noch unter die Flora. Er sagt einfach, man muss es sozusagen machen wie die Steine.“
Lars Weisbrod erwähnt die Mäusestrategie als Beispiel für die Tradition tierischer Management-Metaphern, von der sich Holm Friebes Steinstrategie als Parodie absetzt, indem sie noch weiter ins Unbelebte geht.
Der schwarze Schwan
Nassim Nicholas Taleb · 2021
Die Weltbestseller des großen Zufallsforschers Ein “Schwarzer Schwan” ist ein Ereignis, auf das drei Dinge zutreffen: Es ist erstens ein Ausreißer – es liegt außerhalb der regulären Erwartungen, nichts in der Vergangenheit weist darauf hin. Es hat zweitens enorme Auswirkungen. Drittens bringt uns die menschliche Natur dazu, im Nachhinein Erklärungen für sein Eintreten zu konstruieren, um es erklärbar und vorhersagbar zu machen.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:05:19 „Und sie würde lauten Antifragilität in Bezug auch auf, wie heißt der Autor des Schwarzen Schwans? Taleb. Taleb. Taleb. Ja.“
Ijoma Mangold identifiziert Nassim Nicholas Taleb über dessen bekanntestes Werk Der Schwarze Schwan, um dann auf Talebs Konzept der Antifragilität zu kommen, das er als Management-Theorie des Jahres 2022 prognostiziert.
Antifragilität
Nassim Nicholas Taleb · 2013
Die Summe von Talebs Denken – originelle Thesen, eleganter Lesegenuss und scharfe Pointen Wir leben in einer unsicheren Welt, und das System, das sie beherrscht, hat auf dramatische Weise vorgeführt, wie zerbrechlich es ist. Und doch haben wir nichts daraus gelernt und setzen dieser Fragilität keine »Antifragilität« entgegen. Der Bestsellerautor Nassim Nicholas Taleb zeigt uns indes, wie das gehen kann.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:05:27 „Der denkt viel über Antifragilität nach und das meint, wie bauen wir Systeme so, dass sie mit unerwarteten Ereignissen, die tendenziell bedrohlich sind und die das Fortführen des Systems gefährden können, so umgehen, dass zumindest Teile des Systems weiterarbeiten.“
Als Antwort auf die Prognosefrage nennt Ijoma Mangold Antifragilität als Management-Theorie des Jahres 2022. Er erklärt Talebs Kernidee: Systeme sollten nicht nur robust, sondern so gebaut sein, dass sie von Störungen profitieren, statt an ihnen zu zerbrechen – eine Lektion, die er aus der Pandemie-Erfahrung ableitet.