Rassismus vor Gericht
Sabine Rückert, Andreas Sentker
In der Osternacht 2006 wird der Deutsch-Äthiopier Ermias Mullugeta in Potsdam niedergeschlagen und liegt wochenlang im Koma — kurz vor der Fußball-WM ein Fall, der ganz Deutschland aufwühlt. Zwei Verdächtige werden vermummt von Sondereinsatzkommandos festgenommen und per Hubschrauber zum Generalbundesanwalt nach Karlsruhe geflogen, die Medien berichten über No-Go-Areas im Osten. Doch hinter der spektakulären Inszenierung deutet sich früh an, dass die wahren Tatsachen komplizierter sind als die Schlagzeilen.
„Das Land stand Kopf und es gab große Geschichten im Spiegel und sonst wo, wo also geschrieben wurde über No-Go-Areas, wo man, wenn man eben keine weiße Hautfarbe hat, sich gar nicht mehr sehen lassen kann, wo man um sein Leben fürchten muss, sobald man den Osten betritt.“
Erwähnte Medien (5)
Ein vorbildlicher Deutscher
Der Artikel behandelt die mediale Darstellung von Ermias Mulugeta, dem Opfer eines Angriffs in Potsdam 2006. Der Stern wird kritisiert, weil er das Opfer unkritisch als vorbildlich und tugendhaft darstellt, statt eine ausgewogene journalistische Perspektive zu bewahren. Dies wird als Beispiel für die problematische Heiligsprechung von Opfern in der Berichterstattung analysiert.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:05:39 „Und der Stern hat einen großen Artikel über Herrn Mologeta geschrieben, wo er ja schon fast als Heiliger erscheint. Also alles, was er tat, war gut und heilig und nur einser und ein unglaublicher Mensch. Es stand auch oben drüber, ein vorbildlicher Deutscher war die Überschrift.“
Sabine Rückert beschreibt die mediale Überhöhung des Opfers Ermias Mulugeta nach dem Angriff in Potsdam 2006. Der Stern-Artikel wird als Beispiel für die unkritische Heiligsprechung des Opfers angeführt, die Rückert als journalistisch fragwürdig einordnet.
Günter Jauch – Der große Jahresrückblick 2006/2007
Günter Jauch interviewte in seiner Jahresrückblick-Sendung 2006/2007 einen Augenzeugen, der öffentlich aussagte, zwei Angeklagte wiedererkennen zu können. Diese TV-Aussage diente später als Beleg für frühere Identifikationen des Zeugen, wurde von diesem jedoch in der Hauptverhandlung widerrufen. Die Sendung ist im Kontext des Falls relevant, da sie die initiale öffentliche Aussage dokumentiert, deren Glaubwürdigkeit später in Frage gestellt wurde.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:06:41 „Er war zweimal bereits im Fernsehen gewesen. Einmal zum Jahreswechsel 2006, 2007 habe ich ihn gesehen bei Günter Jauch, der große Jahresrückblick. Und da wurde er auch schon interviewt, wie er diese Sache damals empfunden hat.“
Rückert erwähnt die TV-Sendung als Beleg dafür, dass Mulugeta vor dem Prozess öffentlich im Fernsehen behauptet hatte, die beiden Angeklagten als Täter wiedererkannt zu haben – eine Aussage, die er dann in der Hauptverhandlung widerrief.
Aktenzeichen XY … ungelöst
Eduard Zimmermann · 1967
Mithilfe von Zuschauerhinweisen sollen ungeklärte Verbrechen im Rahmen der Öffentlichkeitsfahndung aufgeklärt werden. Dazu werden den Zuschauern in jeder Sendung drei bis sechs ungelöste Kriminalfälle in Form von etwa zehnminütigen filmischen Rekonstruktionen (Filmfälle) vorgestellt, in denen die polizeilich ermittelten Fakten veranschaulicht werden.
🗣 Andreas Sentker erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:13:02 „Du hattest vorhin auf diese helle Stimme hingewiesen, die man auch als, also so quasi wie bei Aktenzeichen XY, man konnte irgendwo anrufen, konnte sich das anhören, das wurde über die Medien verbreitet, um diesen Mann zu identifizieren.“
Andreas Sentker vergleicht die öffentliche Fahndung nach dem Besitzer der hellen Stimme auf der Mailbox-Aufnahme mit dem Verfahren der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY. Ein reiner Vergleich, kein inhaltlicher Bezug zur Sendung.
Gleichnis vom barmherzigen Samariter
· 2010
Studienarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Theologie - Biblische Theologie, Note: 1,3, Universität Koblenz-Landau, Veranstaltung: Leiderfahrungen und Leiddeutungen in der Bibel, Sprache: Deutsch, Abstract: Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist wohl eines der bekanntesten in der Bibel. Darin werden viele christliche Elemente verbunden. Vor allem wird das Gebot der Nächstenliebe konkretisiert.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:15:46 „Ich weiß nicht, ob du das Gleichnis vom barmherzigen Samariter kennst aus dem Neuen Testament, da wird das genau so geschildert, dass einer überfallen wird und dann laufen die Leute an ihm vorbei und kümmern sich nicht um ihn. Und das sind alles Leute, die hoch gebildet sind und einen ganz hohen Status haben.“
Rückert zieht die biblische Parabel als Parallele zur Tatsache, dass zahlreiche Passanten den schwer verletzten Mulugeta ignorierten – niemand half, sogar die Polizei verwies auf die Feuerwehr. Die Analogie unterstreicht das moralische Versagen der Umstehenden.
Artikel über den Mordfall Marwa El-Sherbini
Sabine Rückert
Am 1. Juli 2009 wurde die ägyptische Apothekerin Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht von Axel W. mit 18 Messerstichen getötet – während sie als Zeugin aussagte, weil er sie zuvor als Terroristin beschimpft hatte. Sabine Rückert analysiert, wie das deutsche Rechtssystem in diesem Fall strukturell versagte: Richter, Justizbeamte und Staatsanwälte handelten jeweils nach Vorschrift, und trotzdem wurde eine Frau im Schutzraum eines Gerichtssaals ermordet. Der Fall gilt als erstes rassistisch motiviertes Attentat auf eine Muslimin in Deutschland und löste international, besonders in der arabischen Welt, Entsetzen aus. Die zentrale These des Textes: Nicht böser Wille, sondern das Zusammenspiel von Gleichgültigkeit, Bürokratie und fehlender Sensibilität ermöglichte die Tat.
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:38:44 „Das, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, finde ich, ist das perfide an diesem Fall. Alle wollten alles richtig machen. Und am Ende, das schreibst du, Sabine, am Ende deines Textes ist ein Mensch tot.“
Andreas Sentker verweist auf einen Text von Sabine Rückert über den Mordfall im Dresdner Landgericht, in dem Axel W. die Ägypterin Marwa El-Sherbini erstach. Der Artikel beschreibt, wie trotz guter Absichten aller Beteiligten das System versagte und eine Frau in einem deutschen Gerichtssaal ermordet wurde. Der genaue Titel und Erscheinungsort werden nicht genannt, es handelt sich aber vermutlich um einen ZEIT-Artikel.