Ich bereue nichts!
Sabine Rückert, Andreas Sentker & Michael Thumann
In dieser Folge geht es um Paragraf 293 der russischen Strafprozessordnung — das Recht auf ein letztes Wort vor der Verurteilung. Russland-Korrespondent Michael Thumann schildert, wie politische Gefangene diesen Moment nutzen, um vor ihrer möglicherweise endgültigen Verurteilung noch einmal frei und unzensiert zu sprechen — ein Akt des Widerstands in einem System, in dem Haftstrafen einem schleichenden Todesurteil gleichkommen können.
„Die Haftstrafe ist eine protrahierte Todesstrafe, eine langsam sich hinziehende — wie das in russischen Lagern ja gar nicht so unbeabsichtigt ist, dass der eine oder andere dabei über die Klinge springt.“
Erwähnte Medien (11)
Die letzten Helden
Michael Thumann, Alice Bota, Katharina Lobenstein
Man wird es mir hoffentlich nicht als groben Mißbrauch anrechnen, wenn ich diese berühmte Überschrift herbeiziehe, um auf die Tatsache hinzuweisen, daß es von Zeit zu Zeit notwendig sei, die Begriffe Held und Heldentum von planmäßiger Mißdeutung zu befreien und auf ihre wahre Substanz zurückzuführen.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:28 „Es geht um einen Titel, der in der Zeit vor kurzem erschienen ist, mit der Überschrift auf der Seite 1, die letzten Helden. Und es geht um Menschen, die vor Gericht stehen und die vielleicht nie wieder auftauchen und bei denen die Haftstrafe eine protrahierte Todesstrafe ist.“
Das Dossier der ZEIT bildet den Hauptgegenstand der gesamten Episode. Sabine Rückert stellt den Artikel vor, der letzte Worte russischer politischer Gefangener vor Gericht dokumentiert. Im Verlauf des Gesprächs wird erklärt, dass die Idee von Katharina Lobenstein kam, die dann Alice Bota und Michael Thumann als Co-Autoren hinzuzog.
Ostcast
Michael Thumann, Alice Bota
Podcast über Russland und Osteuropa von Michael Thumann und der ehemaligen Moskau-Korrespondentin Alice Bota. Sie analysieren geopolitische Entwicklungen und wie osteuropäische Länder sich von Russland abgrenzen. Ein Insider-Blick auf die Region von zwei erfahrenen Journalisten.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:02:42 „Michael mit seiner Kollegin und auch meiner Kollegin Alice Botha einen eigenen Podcast macht. Der heißt Ostcast und ich bin ein Riesenfan davon. Es geht um Russland und um alle Länder, die auf keinen Fall so wie Russland sein wollen.“
Sabine Rückert stellt den Gast Michael Thumann vor und empfiehlt dabei ausdrücklich seinen Podcast Ostcast, den er gemeinsam mit der ehemaligen Moskau-Korrespondentin Alice Bota produziert. Sie bezeichnet sich selbst als 'Riesenfan' und empfiehlt den Podcast den Zuhörern.
Russland hinter Gittern (Buch in Arbeit)
Juri Barowskij, Olga Romanowa · 2018
Immer wieder führt Ildar Dadins Weg im Jahr 2014 vor den Kreml. Still, aber beharrlich hält er dort Mahnwache gegen die aggressive Außenpolitik Russlands und den Krieg in der Ukraine – selbstgemalte Plakate mit der Aufschrift "Putin – eine Schande für Russland" oder "Heute Kiew – morgen Moskau" in der Hand. Es ist ein einsamer Protest, denn unter dem Eindruck der Ukraine-Krise hat die russische Regierung selbst friedliche Demonstrationen verboten.
🗣 Michael Thumann referenziert bei ⏱ 00:12:17 „Es gibt eine Organisation, eine ganz großartige, Russland hinter Gittern, Russidjashchaya, und die wird geleitet von Juri Barovskij und Olga Romanova. Zwei Journalisten und Menschenrechtler, die mittlerweile auch nicht mehr in Russland leben, sondern in Berlin. Und die sitzen gerade an einem Buch, wo sie dann eben auch letzte Worte sammeln.“
Daniel Müller erwähnt, dass die Menschenrechtsorganisation 'Russland hinter Gittern' gerade an einem Buch arbeitet, in dem letzte Worte russischer Angeklagter gesammelt werden. Das Material dieser Organisation floss auch in die Recherche für das ZEIT-Dossier ein.
Nawalnys Palast-Film (Ein Palast für Putin)
Alexej Nawalny
Eine investigative Dokumentation über die prächtigen Privatpaläste des russischen Präsidenten Putin. Der Film zeigt den extremen Luxus und verborgene Vermögenswerte hinter der Machtzentrale – eine detaillierte Aufdeckung von Korruption und persönlicher Bereicherung. Ein intensiver, gut recherchierter Enthüllungsfilm, der die Kluft zwischen öffentlichem Image und privater Realität offenlegt.
🗣 Michael Thumann referenziert bei ⏱ 00:19:59 „Hat dann aus dem Krankenhaus herauskommend einen Film gemacht, in dem er Putin auf das Schlimmste bloßgestellt hat, gezeigt hat, was der sich für Paläste baut und was er für Vorlieben und Gelüste hat und so weiter. Sehr, sehr glaubwürdig, sehr gut recherchiert.“
Daniel Müller beschreibt, wie Nawalny nach seiner Vergiftungsbehandlung in der Berliner Charité einen Enthüllungsfilm über Putins Luxuspaläste produzierte. Der Film ging viral und war ein direkter Affront gegen Putin – danach flog Nawalny bewusst nach Russland zurück, wo er sofort verhaftet wurde.
Unter Pfarrerstöchtern – Ostersendung 2022: Macht und Widerstand
Wie einsam war Gott vor der Schöpfung? Warum aß Eva vom verbotenen Apfel? Und was hat die Sintflut mit dem Klimawandel zu tun? Die Schwestern Sabine Rückert, Redakteurin für besondere Aufgaben der ZEIT, und Johanna Haberer, Theologieprofessorin, sprechen über die Bibel. Sie erzählen all jene Geschichten, mit denen sie als Pfarrerstöchter aufgewachsen sind – und räumen dabei auf mit Kitsch und Klischees.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:23:33 „Aber wir haben sie in der Ostersendung unseres Podcasts unter Pfarrerstöchtern einmal ganz verlesen lassen. Das war die Ostersendung 2022, Macht und Widerstand heißt die. Und da liest unser Sprecher die gesamte Rede, Nawalny ist damals vor Gericht.“
Sabine Rückert verweist auf eine konkrete Episode des Podcasts Unter Pfarrerstöchtern, in der Nawalnys vollständige Gerichtsrede vorgelesen wurde. Sie empfiehlt den Hörern, dort reinzuhören, da die Rede zu lang für die aktuelle Sendung sei.
Aufzeichnungen aus einem Totenhaus
Fjodor Dostojewski · 2019
Fjodor M. Dostojewski: Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. In der Übersetzung von Alexander Eliasberg Lesefreundlicher Großdruck in 16-pt-Schrift Großformat, 210 x 297 mm Berliner Ausgabe, 2019 Durchgesehener Neusatz mit einer Biographie des Autors bearbeitet und eingerichtet von Theodor Borken Entstanden ab 1856. Erstdruck 1861/62 in der Zeitschrift Wremja. Hier nach einer Übersetzung von Alexander Eliasberg.
🗣 Michael Thumann referenziert bei ⏱ 00:26:29 „Wie muss man sich denn so ein Gefängnis vorstellen? Es gibt ja mehrere Sorten von Gefängnissen. Es gibt psychiatrische Anstalten, in denen die Leute verschwinden. Es gibt Lager, das erinnert mich an Dostoevsky und an Solzhenitsyn.“
Sabine Rückert zieht eine literarische Parallele zwischen den heutigen russischen Straflagern und den Beschreibungen bei Dostojewski und Solschenizyn. Daniel Müller bestätigt, dass diese Erinnerung berechtigt sei, da das russische Lagersystem tatsächlich noch weitgehend sowjetisch geprägt ist.
Der Archipel Gulag
Alexander Solschenizyn · 2012
In seinem monumentalen Werk beschreibt Alexander Solschenizyn aus eigener Erfahrung den Terror der sowjetischen Straflager des GULAG, mit der dokumentarischen Sorgfalt eines Historikers und der Sprachgewalt eines großen Epikers.
🗣 Michael Thumann referenziert bei ⏱ 00:26:29 „Es gibt Lager, das erinnert mich an Dostoevsky und an Solzhenitsyn. Und es gibt normale Gefängnisse. Wodurch unterscheiden sich diese Institutionen?“
Sabine Rückert erwähnt Solschenizyn zusammen mit Dostojewski als literarische Referenz für die Beschreibung russischer Straflager. Daniel Müller greift die Parallele auf und bestätigt, dass das heutige System in der Tradition des Gulag steht, der früher unter Stalin so hieß und heute FSIN heißt.
Ilya Yashins YouTube-Video über das Massaker in Butscha
Ilja Jaschin
Der Moskauer Oppositionspolitiker Ilja Jaschin wurde wegen eines YouTube-Videos über das Massaker von Butscha angeklagt und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Video war die unmittelbare Ursache seiner Verhaftung durch die russischen Behörden. Der Artikel dokumentiert diesen Fall von staatlicher Repression gegen kritische Berichterstattung und Meinungsfreiheit während des Ukraine-Krieges.
🗣 Michael Thumann referenziert bei ⏱ 00:32:26 „Ilya Yashin. Politiker aus Moskau. Der hatte in einem YouTube-Video über das Massaker in Butscha gesprochen. Wir erinnern uns alle an die schrecklichen Bilder aus Butscha.“
Andreas Sentker stellt den Fall des Moskauer Politikers Ilja Jaschin vor, der wegen eines YouTube-Videos über das Massaker von Butscha vor Gericht stand und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Das Video war der konkrete Anlass für seine Verhaftung und Verurteilung.
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Immanuel Kant · 2022
Immanuel Kants einflussreiche Schrift "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" bietet eine tiefgehende Analyse der intellektuellen Bewegung des 18. Jahrhunderts, die als Aufklärung bekannt ist. Kant definiert Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, die er als Unfähigkeit bezeichnet, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:38:20 „Erstens, Wörter haben Bedeutung. Zweitens, man muss die Dinge beim Namen nennen. Und schließlich, sapere aude, habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen.“
Anne Kunze liest die letzten Worte von Alla Gutnikova vor Gericht vor. Gutnikova zitiert Kants berühmten Wahlspruch der Aufklärung – 'sapere aude' – als Aufruf zum eigenständigen Denken gegen staatliche Unterdrückung. Das Zitat stammt aus Kants Essay von 1784 und wird hier bewusst als Akt des Widerstands eingesetzt.
Des Kaisers neue Kleider
Hans Christian Andersen · 2002
Hans Christian Andersens klassisches Märchen erzählt von einem eitle Herrscher, der von betrügerischen Schneidern um sein Vermögen gebracht wird. Es illustriert ein zeitloses menschliches Phänomen: Wie mächtige Menschen sich selbst täuschen und sich von Schmeicheleien blenden lassen, bis ein ehrliches Kind die unbequeme Wahrheit ausspricht. Die Geschichte steht metaphorisch für die Entlarvung von Betrügerei, wenn jemand mutig die offensichtliche Lüge benennt, die alle anderen ignorieren.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:42:01 „Und der hatte halt diese Telegram-Gruppe gegründet gegen den Krieg und wurde dann zu acht Jahren verurteilt und hat eben auch in seinen letzten Worten da gestanden und hat dann gesagt, mit Blick und Hinweis auf Putin habt keine Angst zu sagen, dass der Kaiser keine Kleider trägt.“
Daniel Müller berichtet über den Mathematikstudenten Dmitri Ivanov, der wegen einer Anti-Kriegs-Telegram-Gruppe zu acht Jahren Straflager verurteilt wurde. In seinen letzten Worten vor Gericht verwies Ivanov auf Andersens Märchen und rief dazu auf, keine Angst davor zu haben, die Wahrheit über Putin auszusprechen – so wie das Kind im Märchen die Nacktheit des Kaisers benennt.
1984
George Orwell · 1949
George Orwells dystopischer Roman von 1949 schildert eine totalitäre Gesellschaft, in der der Staat jeden Aspekt des Lebens kontrolliert. Winston Smith versucht, sich gegen die allgegenwärtige Überwachung und Gedankenkontrolle aufzulehnen. Ein zeitloses Werk über Macht, Wahrheit und Freiheit.
🗣 Andreas Sentker referenziert bei ⏱ 00:52:12 „Wiederhole für dich und andere. Zwei plus zwei ist vier. Schwarz ist schwarz. Weiß ist weiß. Ich bin ein mutiger, starker Mann. Ich bin eine mutige, starke Frau.“
Anne Kunze liest die letzten Worte von Alla Gutnikova vor Gericht vor. Gutnikova zitiert das zentrale Motiv aus Orwells '1984' – 'Zwei plus zwei ist vier' – als Symbol für die Verteidigung objektiver Wahrheit gegen ein totalitäres System, das die Realität verbiegen will. Die Passage ist ein impliziter, aber unmissverständlicher Verweis auf den Roman.