Philosoph Philipp Hübl – Wofür benutzen wir Moral
Matze Hielscher & Gäste
Philipp Hübl, Philosoph und Autor von "Moralspektakel", seziert, warum moralische Empörung im progressiven Lager oft mehr dem eigenen Status dient als der Sache selbst — und warum gerade die lautesten Tugendwächter untereinander kämpfen, statt die eigentlichen Feinde der offenen Gesellschaft zu bekämpfen. Er zeigt, wie inflationär verwendete Vorwürfe wie "Rassist" oder "Sexist" ihre Wirkung verlieren und ein Reinheitsstreben entsteht, bei dem schon moderat linke Positionen als rechts gelten.
„Die Situation von Migranten an der Außengrenze verbessert sich nicht, wenn ich sie Geflüchtete statt Flüchtlinge nenne, sondern sie verbessert sich, wenn sie besser behandelt werden.“
Erwähnte Medien (25)
Moralspektakel
Philipp Hübl
Das Buch untersucht Narzissmus neu und argumentiert, dass Narzissten nicht in sich selbst verliebt sind, sondern von dem unmäßigen Wunsch erfüllt, von anderen bewundert zu werden. Die zentrale These: Narzissmus ist nicht Ich-Bezogenheit, sondern Ihr-Bezogenheit – eine fundamentale Uminterpretation des Konzepts.
🗣 Matze Hielscher referenziert bei ⏱ 00:01:55 „Mein heutiger Gast ist Philipp Hübel. Philipp ist Philosoph und Autor und beschäftigt sich mit Moral. Wenn man mit Philipp spricht oder sein letztes Buch Moralspektakel liest, dann kann es schon sein, dass man manche Menschen danach und vor allen Dingen aktuelle Debatten mit anderen Augen sieht.“
Matze Hielscher stellt seinen Gast Philipp Hübl vor und nennt dessen Buch "Moralspektakel" als zentrales Werk des Gesprächs. Das Buch handelt davon, dass moralische Haltungen nicht immer die Welt verbessern, sondern manchmal vor allem dem eigenen Status dienen. Matze beschreibt es als anregend, aber auch unbequem, weil man sich beim Lesen selbst ertappt fühlt.
Deutschland spricht
Eine Studie der ZEIT, die Menschen mit gegensätzlichen Meinungen zusammenbringt, um durch persönliche Dialoge Vorurteile abzubauen. Die Initiative wurde von Sozialwissenschaftlern begleitet und wissenschaftlich ausgewertet.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:17:29 „Es gibt diese Studie, Deutschland spricht von der Zeit. Ich weiß nicht, ob du davon gehört hast. Also, wo man Leute zusammenbringt, die sehr verschiedene Auffassungen haben. Man fragt vorher, das ist begleitet worden von Sozialwissenschaftlern, die haben vorher gefragt, was denkst du von dem anderen?“
Philipp Hübl erwähnt das Dialogformat "Deutschland spricht" der ZEIT als Beispiel dafür, dass persönliche Begegnungen zwischen Menschen mit gegensätzlichen Meinungen Vorurteile abbauen und Positionen annähern können. Die Initiative wurde von Sozialwissenschaftlern begleitet und wissenschaftlich ausgewertet.
Ich! Die Kraft des Narzissmus
Mitja Back · 2023
»Spannend wie ein Thriller und gleichzeitig fundiert, witzig und charmant. So geht Wissenschaftskommunikation. Toll!« Dr. Leon Windscheid, Psychologe, Unternehmer und Bestsellerautor Der Persönlichkeitspsychologe und international führende Narzissmusforscher Mitja Back zeichnet ein völlig neues Bild des Narzissmus. Er macht deutlich, dass Narzissmus keine Krankheit ist, sondern ein Persönlichkeitszug, der mehr oder weniger stark in uns allen steckt.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:27:18 „Er ist einer der führenden Forscher Narzissmusforschung weltweit. Er hat ein Buch geschrieben darüber, hat seine Forschung zusammengefasst.“
Philipp Hübl spricht über Narzissmus als Spektrum und verweist auf den deutschen Psychologen Mitja Back, der die Narzissmusforschung international geprägt hat. Hübl nutzt Backs Forschung, um zu erklären, dass die meisten Menschen in einem Mittelbereich liegen und Narzissten ihre Neigung oft selbst kennen und reflektieren können.
Schnelles Denken, langsames Denken
Daniel Kahneman · 2012
Der Weltbestseller, der das Denken von Millionen Menschen verändert hat - jetzt als hochwertige Erfolgsausgabe Dieses Buch hat die Welt erobert und die Art und Weise, wie wir über unser Verhalten nachdenken, revolutioniert. Ein Kompass für den Alltag, ein Handbuch für Entscheider - ein Bestseller, der von einer jüngeren Generation immer wieder aufs Neue entdeckt wird.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:34:33 „Kahnemann, der berühmte Psychologe und Nobelpreisträger für Ökonomie hat das System 1 und 2 genannt. Es gibt so eine Art schnelles Denken, wie du es beschrieben hast, instinktiv, emotional, Bauchgefühl, kommt in Sekundenschnelle.“
Im Gespräch über Alltagsmoral und die Frage, ob Grüßen bereits ein moralischer Akt ist, greift Hübl auf Kahnemans bekanntes Zwei-Systeme-Modell zurück. Er nutzt es, um zu erklären, dass wir moralische Urteile oft intuitiv und schnell fällen (System 1), aber auch rational reflektieren können (System 2).
World Values Survey
Ronald Inglehart
Seit 40 Jahren laufende globale Langzeitstudie des Politikwissenschaftlers Ronald Inglehart zur Messung von Gesellschaftswerten weltweit. Die Studie untersucht Unterschiede in Wertvorstellungen zwischen westlichen und nicht-westlichen Gesellschaften, etwa zur Familienplanung und individueller Selbstbestimmung. Sie zeigt, dass westliche Gesellschaften sich durch größere Offenheit, Individualismus und globale Gerechtigkeitsorientierung deutlich von anderen Kulturen unterscheiden.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:35:45 „World Value Survey wird das genannt. Ingelhardt ist kurzkürzig verstorbener Politikwissenschaftler, der das gemacht hat. Also er fragt auf der ganzen Welt sowas wie, wer sollte über die Familiengröße bestimmen?“
Hübl zitiert die seit 40 Jahren laufende Langzeitstudie des verstorbenen Politikwissenschaftlers Ronald Inglehart, um zu belegen, dass westliche Gesellschaften sich in ihren Werten – Offenheit, Individualismus, globale Gerechtigkeit – deutlich vom Rest der Welt unterscheiden. Die Studie stützt seine These, dass der Westen bei Menschenrechten tatsächlich führend ist.
Factfulness
Hans Rosling · 2022
Hans Rosling war der "Popstar der Vernunft" (Süddeutsche Zeitung Magazin), der Herr der Fakten – und zeitlebens ein Kämpfer für eine bessere und gerechtere Welt. Es wird alles immer schlimmer, eine schreckliche Nachricht jagt die andere: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Es gibt immer mehr Kriege, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen. Viele Menschen tragen solche beängstigenden Bilder im Kopf. Doch sie liegen damit grundfalsch.
🗣 Philipp Hübl empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:38:58 „Wenn man sich aber die empirischen Daten anguckt, Factfulness von Rosling ist vielleicht so ein tolles Buch, das viele Leute kennen, wenn man es mal gelesen hat, der einfach weltweit die ganzen Daten zusammengetragen hat.“
Hübl beschreibt das 'Moralparadox': Je besser es uns geht, desto mehr reden wir über Probleme. Als Beleg für die tatsächliche Verbesserung der Welt empfiehlt er Roslings Buch, das zeigt, dass die Menschheit in fast allen Dimensionen große Fortschritte gemacht hat – die meisten Menschen das aber systematisch unterschätzen.
Our World in Data
Max Roser
Max is the founder of Our World in Data and began working on this free online publication in 2011. Today, he serves as the publication’s editor and leads the team as its co-director.He is the Professor of Practice in Global Data Analytics at the University of Oxford’s Blavatnik School of Government, the Programme Director of the Oxford Martin Programme on Global Development, and the Executive Co-Director of Global Change Data Lab, the non-profit organization that publishes Our World in Data.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:39:13 „Es gibt mittlerweile von Max Rosa, Rosa eigentlich ist ein Deutscher, der in Amerika lebt. Our World in Data, so eine Webseite, wo die einfach zusammentragen, wie hat sich die Welt in den ganz großen Dimensionen entwickelt.“
Ergänzend zu Roslings Factfulness verweist Hübl auf die Datenplattform 'Our World in Data' des deutschen Ökonomen Max Roser. Die Webseite dient ihm als Beleg dafür, dass die Welt in vielen Bereichen deutlich besser geworden ist, was die meisten Menschen aber nicht wahrnehmen.
Die aufgeregte Gesellschaft
Philipp Hübl
Das Buch analysiert das tribalistische Gruppendenken in der modernen Gesellschaft. Anhand von Alltagskonflikten wie dem Streit zwischen Auto- und Fahrradfahrern zeigt Hübl, wie Menschen in moralisch aufgeladene Lager zerfallen und um begrenzte Ressourcen konkurrieren wie frühe Menschengruppen. Ein wichtiger Beitrag zum Verständnis von gesellschaftlicher Polarisierung und sozialen Konflikten.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 00:54:53 „Und dadurch gibt es, glaube ich, kuriose Phänomene, dass es zum Beispiel auf Twitter, das habe ich in meinem letzten Buch beschrieben, die aufgeregte Gesellschaft, einen Streit gibt zwischen Autofahrern und Fahrradfahrern.“
Hübl verweist auf sein vorheriges Buch, um ein Beispiel für tribalistisches Gruppendenken im Alltag zu illustrieren: den Konflikt zwischen Auto- und Fahrradfahrern, die jeweils eine moralische Agenda verfolgen und um begrenzten Straßenraum konkurrieren wie frühe Menschengruppen um Ressourcen.
Tatort
ARD · 1970
Unter dem Titel Tatort sind streng genommen Dutzende von Krimiserien vereint. Jede ARD-Anstalt produziert innerhalb der Tatort-Reihe 90 Minuten lange Filme mit eigenen Ermittlern, die in der Regel Mordfälle aufzuklären haben. Auch das Schweizer und das Österreichische Fernsehen schicken eigene Polizisten ins Rennen. Einige Folgen wurden vom ORF außerhalb der offiziellen Tatort-Reihe ohne die ARD produziert und in der Erstausstrahlung nur in Österreich in der Erstausstrahlung gesendet.
🗣 Philipp Hübl erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:31:59 „Also je weniger Klischee-Schwule und Klischee-Lesben es gab in Vorabendserien oder beim Tatort, die es noch in den 90er Jahren gegeben hat, je mehr das Teil wurde der Populärkultur, desto normaler ist es für alle Menschen.“
Philipp Hübl nutzt den Tatort als Beispiel für den Wandel der LGBTQ-Darstellung im deutschen Fernsehen. Er argumentiert, dass die zunehmend klischeefreie Repräsentation in der Populärkultur – vom Tatort bis zu Vorabendserien – erheblich zur gesellschaftlichen Akzeptanz beigetragen hat, gerade bei Menschen außerhalb großstädtischer Milieus.
ZDF-Reportage über Diversität in Konzernen
ZDF-Reportage, die die tatsächliche Vielfalt in großen Konzernen kritisch hinterfragt. Die Reportage zeigt auf, dass Diversitätszusagen in der Praxis oft nicht umgesetzt werden und Diskrepanzen zwischen Anspruch und Realität bestehen.
🗣 Philipp Hübl erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:33:39 „es gibt da hier diese ZDF-Reportage, so divers seid ihr gar nicht“
Beiläufige Erwähnung einer ZDF-Reportage, die die tatsächliche Diversität großer Konzerne hinterfragt
ZEIT-Reportage über CO2-Zertifikate und Waldstücke
Die ZEIT berichtet in einer investigativen Reportage über ein Betrugssystem bei CO₂-Zertifikaten. Die Organisation Verra hat über Jahre hinweg Millionen wertloser Zertifikate ausgegeben, die es Konzernen ermöglichten, Greenwashing zu betreiben, statt echte Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen. Der Chef von Verra trat nach den Berichten der ZEIT zurück. Der Artikel zeigt, wie Unternehmen mit falschen CO₂-Zertifikaten ihre Klimabilanz künstlich verbessern, ohne tatsächlichen Umweltnutzen zu schaffen.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 01:35:04 „die Zeit hatte mit Forschern eine große Reportage, wo sie herausgefunden haben, dass dieses Zertifikate kaufen, also man kauft CO2-Zertifikate“
Hübl verweist auf eine investigative ZEIT-Reportage über betrügerische CO2-Zertifikate als Beispiel für moralische Trittbrettfahrerei von Konzernen
ZDF-Reportage über Diversität in Firmen
ZDF-Reportage, die untersucht, wie Unternehmen sich als vielfältig darstellen, obwohl sie tatsächlich nicht divers sind. Enthüllt den Widerspruch zwischen Diversitäts-Marketing und betrieblicher Realität in deutschen Firmen.
🗣 Philipp Hübl erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:37:51 „Oder es gibt da hier diese ZDF-Reportage, so divers seid ihr gar nicht. Ich bin mir nicht so sicher, ob es wirklich den Firmen jetzt inzwischen noch schadet.“
Hübl erwähnt beiläufig eine ZDF-Reportage, die Firmen vorführt, die sich als divers darstellen, es aber nicht wirklich sind. Er bezweifelt allerdings, dass solche Enthüllungen den Firmen tatsächlich schaden, da Diversitäts-Signale inzwischen so inflationär verwendet werden, dass niemand mehr genau hinschaut.
Reportage über CO2-Zertifikate und Waldstücke
Die ZEIT-Reportage untersucht die Glaubwürdigkeit von CO2-Kompensationszertifikaten. Sie deckt auf, dass Waldstücke im Amazonas mehrfach an verschiedene Firmen als Kompensationsflächen verkauft wurden oder teilweise gar nicht existieren. Der Artikel zeigt die systematischen Lücken in der Kontrolle dieser vermeintlichen Nachhaltigkeitslösungen.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 01:42:59 „Die Zeit hatte mit Forschern eine große Reportage, wo sie herausgefunden haben, dass dieses Zertifikate kaufen, also man kauft CO2-Zertifikate... Und es kam in dieser Studie heraus, dass dasselbe Waldstück halt Dutzende von Firmen gekauft hat.“
Hübl verweist auf eine Investigativ-Reportage der ZEIT, die aufdeckte, dass CO2-Kompensationszertifikate für Waldstücke im Amazonas mehrfach an verschiedene Firmen verkauft wurden oder die Waldstücke gar nicht existierten. Er nutzt das als Beleg dafür, dass moralische Signale oft ein Ablenkungsmanöver sind und selbst große Konzerne kaum Konsequenzen fürchten mussten.
Die feinen Unterschiede (La Distinction)
Pierre Bourdieu
Bourdieu analysiert, wie Menschen sich durch Geschmack und kulturelle Vorlieben voneinander unterscheiden und dadurch Klassenunterschiede ausdrücken. Der Artikel zeigt, dass diese Mechanismen der sozialen Distinktion bis heute relevant sind – nur dass sich die Unterscheidungskriterien verschoben haben: statt ästhetische Vorlieben geht es heute um moralisches Vokabular wie Gendersprache oder inklusive Begriffe als Erkennungszeichen der Gruppenzugehörigkeit.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 01:58:01 „Und Bourdieu hat gesagt, der französische Soziologe hat gesagt, wir machen ständig Klassenunterschiede. Er hat sich vor allem auf Geschmack konzentriert, aber er hatte eigentlich auch schon moralische Beispiele dabei.“
Hübl zieht eine Parallele zwischen Bourdieus Theorie der Distinktion durch Geschmack und seiner eigenen These der moralischen Distinktion. So wie sich Menschen früher durch ästhetische Vorlieben abgrenzten, nutzen sie heute moralisches Vokabular – etwa Gendersprache oder inklusive Begriffe – als Erkennungszeichen der eigenen Gruppenzugehörigkeit.
Goldberg-Variationen
Johann Sebastian Bach
Bachs Goldberg-Variationen gehören zu den Meisterwerken der Klaviermusik. Glenn Goulds legendäre Aufnahmen von 1955 und 1981 sind ikonisch, wobei Kennern die frühe Version besonders gilt. Die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Interpretationen desselben Werks zu unterscheiden und eine Vorliebe auszudrücken, signalisiert im Sinne Bourdieus kulturelle Bildung und künstlerischen Geschmack – ein Marker für Zugehörigkeit zur gebildeten Elite.
🗣 Philipp Hübl erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:58:18 „Oder ich mag Goldberg-Variationen, aber nur eingespielt von Glenn Gould, aber auch nur die alten Aufnahmen, nicht die neuen. Also man macht diese feinen ästhetischen Unterschiede, um sich abzugrenzen von anderen.“
Hübl nennt die Goldberg-Variationen in der Einspielung von Glenn Gould als Beispiel für ästhetische Distinktion im Sinne Bourdieus. Wer nicht nur das Werk kennt, sondern auch zwischen den frühen und späten Gould-Aufnahmen unterscheidet, signalisiert kulturelle Zugehörigkeit zur gebildeten Elite.
Der Hirtenjunge und der Wolf
Aesop · 2025
Sich das Leben schönreden. Kommen zwei Menschen zusammen und beginnen, sich verbal auszutauschen, wird davon ausgegangen, dass das (Aus-)Gesprochene der Wahrheit entspricht. Ginge einer der beiden davon aus, mit Lügen konfrontiert zu werden, würde er sehr wahrscheinlich den Dialog meiden wollen. Es ist ein ehrenvoller Gedanke, anzunehmen, dass das Gegenüber weder schwindelt, flunkert oder tatsächlich - bewusst oder unbewusst - Unwahrheiten verbreitet.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:15:07 „Es gibt diese berühmte Fabel von Aesop mit dem Kind, dem Jungen, der auf die Schafe aufpasst und immer Wolf ruft. Und die Dorfbewohner kommen dann zwei, dreimal und irgendwann kommen sie nicht mehr und dann ruft er wirklich Wolf und keiner kommt mehr.“
Hübl zieht die Aesop-Fabel als Analogie für die Entwertung moralischer Vorwürfe heran. Wenn Begriffe wie 'rechts', 'Rassist' oder 'Faschist' inflationär und auf immer mildere Fälle angewendet werden, verlieren sie ihre Wirkung – genau wie der Wolfsruf des Hirtenjungen. Die Fabel illustriert seine These, dass die Überdehnung moralischer Begriffe letztlich den wirklich Betroffenen schadet.
Titel, Thesen, Temperamente
ARD
Die ARD-Kultursendung ttt – titel thesen temperamente geriet in einen Shitstorm, als Journalist Thilo Mischke als neuer Moderator vorgesehen war. Der Widerstand kam überraschend nicht von politischen Gegnern, sondern aus seiner eigenen progressiven Peer-Group. Der Fall zeigt, wie moralische Empörung oft Statuskämpfe innerhalb derselben ideologischen Blase verdeckt und wie Machtdynamiken innerhalb progressiver Kreise funktionieren.
🗣 Matze Hielscher erwähnt beiläufig bei ⏱ 02:29:19 „Und ich habe das ganz doll gehabt bei Thilo Mischke, Ende letzten Jahres Journalist, der jetzt Titelthesen-Temperamente moderieren sollte. Und es kam nicht von außen, dass man sagte, nee, der sollte das nicht moderieren, der ist zu linksgrün versifft, sondern es kam von der eigenen Bubble.“
Die ARD-Kultursendung wird als zentrales Beispiel für einen Shitstorm aus dem eigenen Lager herangezogen. Thilo Mischke sollte die Moderation übernehmen, doch der Widerstand kam nicht von politischen Gegnern, sondern aus seiner eigenen progressiven Peer-Group. Hübl und Hielscher analysieren den Fall als Beleg für Statuskämpfe unter dem Deckmantel moralischer Empörung.
Das Unbehagen in der Kultur
Sigmund Freud · 2020
Eine umfassende kulturtheoretische Abhandlung Freuds: In diesem Werk von 1930 untersucht Sigmund Freud die Entwicklung unserer Kultur. Er sieht eine unvermeidliche Verbindung zwischen dem Anwachsen der Kultur und dem Anwachsen eines Schuldgefühls. Er kritisiert, dass Triebregungen im Rahmen von Kultur eingeschränkt und unterdrückt werden und dies eine innere Destruktivität auslöst.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:37:50 „Freud sagt, das ist der Narzissmus der kleinen Differenz. Man sieht halt bei diesen Statusdingen immer nur den, der einem nahe ist.“
Philipp Hübl erklärt, warum progressive Gruppen eher Abweichler im eigenen Lager angreifen als die tatsächlichen Gegner ihrer Werte. Er zitiert Freuds Konzept des 'Narzissmus der kleinen Differenz' als Erklärung für das Phänomen, dass Statusvergleiche vor allem mit nahestehenden Personen stattfinden.
Das Leben des Brian
Terry Jones / Monty Python · 1979
Brian Cohen ist ein durchschnittlicher junger Jude, doch durch eine Reihe lächerlicher Ereignisse erlangt er den Ruf, der Messias zu sein. Wenn er nicht gerade seinen Anhängern ausweicht oder von seiner schrillen Mutter gescholten wird, muss sich der unglückliche Brian mit dem aufgeblasenen Pontius Pilatus und den von Akronymen besessenen Mitgliedern einer separatistischen Bewegung herumschlagen.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:40:13 „Du kennst ja Monty Python, das Leben des Brian. Da gibt es auch dieses eine lustige Beispiel. Da gibt es die jüdische Volksfront von Judäa und die wissen am Ende gar nicht mehr, was sie, also sie regen sich über die anderen auf, aber sie wissen nicht mehr, was die Unterschiede sind.“
Hübl nutzt die berühmte Szene mit der Volksfront von Judäa als komödiantische Illustration seiner These über den Narzissmus der kleinen Differenz. Statt sich gegen den gemeinsamen Feind – die römische Besatzung – zu verbünden, bekämpfen sich die Splittergruppen untereinander wegen winziger Unterschiede. Genau dieses Muster sieht er in heutigen Shitstorms innerhalb derselben politischen Lager.
Studien zur autoritären Persönlichkeit
Theodor W. Adorno
Adornos empirische Studie zur Messung und Charakterisierung der autoritären Persönlichkeit, entwickelt mit Kollegen durch standardisierte Tests. Die Forschung systematisiert Muster des Rechtsautoritarismus und dient als Grundlage für neuere Analysen des Linksautoritarismus.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:41:50 „Das hat Adorno mit Kollegen und Kolleginnen erforscht und sehr früh und ist mittlerweile systematisiert worden. Das ist gut erforscht und da gibt es bestimmte Tests, die das relativ gut festlegen.“
Verweis auf Adornos Forschung zum Rechtsautoritarismus als Grundlage für die neuere Forschung zum Linksautoritarismus
Wolfram Eilenberger Interview zum Fall Mischke
Wolfram Eilenberger
Wolfram Eilenberger, Philosoph und Autor, äußert sich in einem Interview zur Kontroverse um Thilo Mischke. Der Artikel dokumentiert seine klare und präzise Stellungnahme zu dem Shitstorm, in der Eilenberger die Vorgänge sachlich analysiert und Position bezieht. Seine Ausführungen bieten eine philosophische Perspektive auf den gesellschaftlichen Konflikt.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:41:50 „Wolfram Eilenberger, der Philosoph, hat ein hervorragendes Interview dazu gegeben, wo er sagt, auch sehr selbstsicher und sehr präzise einfach beschrieben hat, was da passiert ist“
Hübl lobt Eilenbergers Stellungnahme zum Shitstorm gegen Thilo Mischke als Beispiel für klare Positionierung
Interview zu Thilo Mischke
Wolfram Eilenberger
Artikel über die Absetzung des ARD-Moderators Thilo Mischke, bei dem der Philosoph Wolfram Eilenberger in einem Interview eine differenzierte Einordnung des Falls vornimmt. Der Beitrag ist relevant, weil er zeigt, wie selten es ist, dass Personen öffentlich eine ausgewogene Position zu solch kontroversen Fällen einnehmen, ohne dabei selbst kritisiert zu werden. Eilenbergers Analyse wird als vorbildlich für eine sachliche Diskussionskultur hervorgehoben.
🗣 Philipp Hübl empfiehlt aktiv bei ⏱ 02:46:39 „Wolfram Eilenberger, der Philosoph, hat ein hervorragendes Interview dazu gegeben, wo er auch sehr selbstsicher und sehr präzise einfach beschrieben hat, was da passiert ist, aber das haben sich als auch nicht so viele getraut.“
Im Kontext des Mischke-Falls lobt Hübl ein Interview des Philosophen Wolfram Eilenberger, der den Fall differenziert eingeordnet habe. Hübl hebt hervor, dass es Mut erforderte, öffentlich eine differenzierte Position zu beziehen, weil man dann leicht als Verteidiger der kritisierten Äußerungen wahrgenommen werden könnte.
Studien zum autoritären Charakter
Theodor W. Adorno
Adornos bahnbrechende Forschung zur autoritären Persönlichkeitsstruktur und zum Rechtsautoritarismus. Die Studie entwickelte systematisierte Tests zur Identifikation und Messung autoritärer Charakterzüge, die bis heute in der psychologischen und soziologischen Forschung als Standardinstrumente gelten.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:50:05 „Das hat Adorno mit Kollegen und Kolleginnen erforscht und sehr früh und ist mittlerweile systematisiert worden. Das ist gut erforscht und da gibt es bestimmte Tests, die das relativ gut festlegen.“
Hübl erklärt die Forschung zum Rechtsautoritarismus und verweist auf Adornos Pionierarbeit zu autoritären Persönlichkeitsstrukturen. Er nutzt dies als Sprungbrett, um parallel dazu die neuere Forschung zum Linksautoritarismus einzuführen, die er als spiegelbildliches Phänomen mit subtileren Methoden beschreibt.
MEDEM-Studie (Affektive Polarisierung in Deutschland)
Die MEDEM-Studie untersucht das Ausmaß affektiver Polarisierung in Deutschland und analysiert, wie stark Menschen emotionale Ablehnung gegenüber politischen Gegnern empfinden. Zentrale Erkenntnisse: Hochgebildete zeigen die stärkste emotionale Polarisierung. Die Forschung widerlegt damit das Stereotyp, dass höhere Bildung automatisch zu weniger Polarisierung führt.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:53:23 „Das musst du woanders gelesen haben, aber ich glaube, das ist die MEDEM-Studie. Also die haben untersucht, wie die affektive Polarisierung ist.“
Studie zur affektiven Polarisierung in Deutschland, die zeigt, dass Hochgebildete am stärksten polarisiert sind
Miedem-Studie
Große repräsentative Studie zur affektiven Polarisierung in Deutschland. Untersucht die emotionale Distanz zwischen Wählern verschiedener Parteien und deren Offenheit gegenüber Andersdenkenden. Zentrale Erkenntnis: Hochgebildete sind am stärksten affektiv polarisiert; besonders Wähler von SPD und Grünen zeigen geringste Nähe zum anderen politischen Lager.
🗣 Philipp Hübl referenziert bei ⏱ 02:54:20 „Das musst du woanders gelesen haben, aber ich glaube, das ist die Miedem-Studie. Also, die haben untersucht, wie die affektive Polarisierung ist.“
Matze erwähnt, dass SPD- und Grünen-Wähler die geringste Offenheit gegenüber Andersdenkenden zeigen. Hübl ordnet dies der Miedem-Studie zu, einer großen repräsentativen Untersuchung zur affektiven Polarisierung in Deutschland. Er erklärt, dass Hochgebildete am stärksten affektiv polarisiert seien, also am wenigsten Nähe zu Menschen des anderen politischen Lagers wünschen.