Ausgabe Vierundzwanzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Von Dynamo Kiew über Oleg Blochin bis zu Steven Pinkers These in *Gewalt* — die Episode schlägt den Bogen von Fußballnostalgie der 1970er zur Frage, warum sich die Welt trotz statistisch sinkender Gewalt so unsicher anfühlt. Richard David Precht erinnert sich, wie er als Zehnjähriger Dynamo Kiew die Daumen drückte, weil seine Eltern alles hassten, wofür die Bayern standen — und erklärt, warum Gewalt heute zwar geächtet, aber keineswegs verschwunden ist.
„Mein Vater war theoretischer Marxist, wir drücken es mal so aus. Und meine Eltern waren unglaublich gegen die Bayern. Das war die Zeit, als Beckenbauer Wahlkampfhilfe für Franz Josef Strauß gemacht hat und so. Das war für die der Inbegriff des Bösen.“
Erwähnte Medien (8)
Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit
Steven Pinker · 2011
Die Geschichte der Menschheit – eine ewige Abfolge von Krieg, Genozid, Mord, Folter und Vergewaltigung. Und es wird immer schlimmer. Aber ist das richtig? In einem wahren Opus Magnum, einer groß angelegten Gesamtgeschichte unserer Zivilisation, untersucht der weltbekannte Evolutionspsychologe Steven Pinker die Entwicklung der Gewalt von der Urzeit bis heute und in allen ihren individuellen und kollektiven Formen, vom Verprügeln der Ehefrau bis zum geplanten Völkermord.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:03:39 „Du kennst Steven Pinker und sein Buch »Gewalt«. In diesem Buch schreibt er, die Welt war noch nie so friedlich wie heute. Und im Vergleich zu den Gewalterfahrungen aller Generationen vor uns nimmt die Gewalt deutlich und kontinuierlich ab.“
Markus Lanz führt Pinkers Buch als Ausgangspunkt für die Diskussion über Krieg und Gewalt ein. Die zentrale These – dass Gewalt historisch abnimmt – dient als Kontrast zur gefühlten Unsicherheit angesichts des Ukraine-Konflikts. Precht greift die These auf und differenziert zwischen offener und versteckter Gewalt.
War Is a Force That Gives Us Meaning
Chris Hedges · 2002
General George S. Patton famously said, "Compared to war all other forms of human endeavor shrink to insignificance. God, I do love it so!" Though Patton was a notoriously single-minded general, it is nonetheless a sad fact that war gives meaning to many lives, a fact with which we have become familiar now that America is once again engaged in a military conflict. War is an enticing elixir. It gives us purpose, resolve, a cause. It allows us to be noble.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:06:14 „Und es gibt dieses Buch von Chris Hedges, War is a force that gives us a meaning. Also Krieg sozusagen ist etwas, was Sinn stiftet. Und da geht dort der These hinterher, es gibt Kriege vor allen Dingen deswegen, weil es Nationen gibt, die sich ihrer selbst nicht sicher sind.“
Lanz zitiert Hedges' Buch im Zusammenhang mit der Frage, warum es heute noch Kriege gibt. Die These, dass Kriege eine identitätsstiftende Funktion für unsichere Nationen haben, wird als psychologische Erklärung für Konflikte wie den Ukraine-Krieg herangezogen.
Boulevard Bio
Alfred Biolek · 1991
Talkshow mit Alfred Biolek
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:10:33 „Diese Zeit, in der Putin damals im Bundestag gesprochen hat und bei Biolek in der Talkshow saß.“
Precht erinnert an die Phase der Annäherung zwischen Russland und dem Westen nach dem Ende des Kalten Krieges. Als Beleg für die damalige Offenheit nennt er Putins Auftritt in der Talkshow von Alfred Biolek, neben seiner Rede im Bundestag.
Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch
Francis Fukuyama · 2022
Ist Geschichte eine endlose Wiederholung von Aufstieg und Verfall? In seinem weltberühmten Grundlagenwerk legt Francis Fukuyama dar, warum für ihn die liberale Demokratie den Endpunkt der Geschichte bedeutet. Im Sommer 1989 elektrisierte ein Artikel eines bis dato unbekannten Politikwissenschaftlers in der Zeitschrift The National Interest die Welt. Er führte zu Kontroversen bis in die Leitartikel diverser Zeitungen.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:11:42 „Genau, das Ende der Geschichte, Francis Fukuyama.“
Lanz und Precht sprechen über die Euphorie nach dem Ende des Kalten Krieges. Fukuyamas These, dass mit dem Sieg des Liberalismus die Geschichte an ihr Ende gekommen sei, wird als Kontrastfolie zur aktuellen Eskalation des Ukraine-Konflikts erwähnt – die Hoffnung von damals steht im krassen Gegensatz zur heutigen geopolitischen Realität.
Tagesthemen
Die Tagesthemen sind ein Nachrichtenmagazin der ARD, das sich von der reinen Informationsvermittlung der Tagesschau unterscheidet. Die Sendung prägt seit ihrer Einführung das Format durch Kommentierung und journalistische Einordnung von Nachrichtenereignissen. Damit markieren die Tagesthemen einen Wendepunkt in der deutschen Fernsehlandschaft: den Übergang von neutraler Berichterstattung zu einer bewussten Verbindung von Information und Interpretation, die das öffentlich-rechtliche Nachrichtenformat bis heute bestimmt. Ihre Bedeutung liegt in dieser Neuerfindung des Nachrichtenformats als Medium der Wertung und Analyse.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:45:20 „Das heißt, da gibt es sozusagen Wordings, auf die man sich einfach einigt. Die USA sind der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands.“
Precht erwähnt die ARD-Nachrichtensendung Tagesthemen als Beispiel dafür, dass Olaf Scholz gegenüber Ingo Zamperoni exakt dieselben ausweichenden Formulierungen zu Nord Stream 2 benutzte wie gegenüber Lars Klingbeil – ein Beleg für abgestimmte politische Wordings.
Die Letzte Seite
Die Letzte Seite ist eine bekannte Rubrik des Stern-Magazins, in der prominente Persönlichkeiten porträtiert und kommentiert werden. Der Artikel behandelt mit humorvollem Ton die Frage, was aus bekannten politischen Figuren wie dem geflohenen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch geworden ist und verweist auf die Tradition dieser Magazin-Kolumne.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:48:39 „Letzte Seite Stern, wo ist der Stern, den man immer wirklich braucht? Wo ist Viktor Janukowitsch geblieben?“
Lanz spielt humorvoll auf die bekannte Rubrik 'Letzte Seite' im Stern-Magazin an, in der prominente Persönlichkeiten porträtiert werden, und fragt sich scherzhaft, was eigentlich aus dem geflohenen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch geworden ist.
Das Licht, das erlosch
Ivan Krastev · 2019
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde das liberal-demokratische Modell westlicher Prägung alternativlos. Heute zerbrechen weltweit Demokratien vor unseren Augen, zersetzt von Populismus, Nationalismus und der Abkehr von freiheitlichen Werten - gerade auch in Osteuropa. Warum hat der Westen seine Strahlkraft verloren? In ihrer brillanten Analyse zeigen Ivan Krastev und Stephen Holmes, dass das seinerzeit ausgerufene »Ende der Geschichte« in Wahrheit ein Zeitalter der Nachahmung einläutete.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:57:01 „Ich würde dir gerne zum Schluss noch etwas mitgeben, was ich von Ivan Krastev, den du kennst, das Licht, das Erlosch, großartiges Buch über das Ende des Ostblocks sozusagen, der hat in der Süddeutschen Zeitung jetzt einen Artikel veröffentlicht.“
Am Ende der Folge empfiehlt Markus Lanz das Buch von Ivan Krastev als Hintergrundlektüre zur aktuellen geopolitischen Lage. Er bezeichnet es als 'großartiges Buch' über das Ende des Ostblocks und leitet damit zu einem Krastev-Artikel über, der die Unübersichtlichkeit der aktuellen Ukraine-Krise mit einer Anekdote aus dem Ersten Weltkrieg illustriert.
Artikel von Ivan Krastev zur Ukraine-Krise
Ivan Krastev
Ivan Krastev untersucht in seinem Gastbeitrag Putins strategisches Ziel jenseits des militärischen Konflikts: die Zersetzung der westlichen Allianz und der NATO. Der Autor illustriert dies mit einer historischen Anekdote aus dem Ersten Weltkrieg, wonach ein deutscher General den Lagelagebericht an österreichische Verbündete mit „ernst, aber nicht katastrophal" zusammenfasste, während die Österreicher antworteten: „Hier ist die Lage katastrophal, aber nicht ernst." Diese Gegenüberstellung veranschaulicht die fragmentierte und widersprüchliche Reaktion Europas auf die Ukraine-Krise. Krastev argumentiert, dass Putins Strategie über direkte militärische Mittel hinausgeht und Desinformation, Cyberattacken sowie Energiepolitik als Werkzeuge zur Destabilisierung des Westens einsetzt. Der Artikel zeigt, wie die asymmetrische Kriegsführung auf europäische Widersprüche und innere Bruchlinien abzielt.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:57:17 „Der hat in der Süddeutschen Zeitung jetzt einen Artikel veröffentlicht. Und der beginnt sozusagen anekdotisch und schreibt, in der Endphase des Ersten Weltkriegs schickte ein deutscher General ein Telegramm an die österreichischen Verbündeten, in dem er die Lage zusammenfasste und schrieb, die Lage ist ernst, aber nicht katastrophal.“
Lanz zitiert ausführlich aus einem aktuellen Artikel von Ivan Krastev in der Süddeutschen Zeitung, in dem dieser die Ukraine-Krise mit einer Anekdote aus dem Ersten Weltkrieg einordnet: Ein deutscher General kabelte 'Die Lage ist ernst, aber nicht katastrophal', worauf die Österreicher antworteten 'Hier ist die Lage katastrophal, aber nicht ernst'. Lanz nutzt das als Schlussbild für die unübersichtliche geopolitische Situation.