Ausgabe Fuenfundzwanzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Zwischen Corona und Ukraine-Krise ist ein Vorgang fast untergegangen: die Wahl des Bundespräsidenten. Anlass für eine grundsätzliche Debatte darüber, wie demokratisch dieses Ritual wirklich ist, wenn vorher alles ausgekungelt wird und die Bundesversammlung nur noch abnickt. Richard David Precht erinnert sich an seine Wut über die Nominierung Christian Wulffs durch Angela Merkel und plädiert dafür, das Amt an Persönlichkeiten aus der Zivilgesellschaft zu vergeben statt an amtsmüde Ministerpräsidenten.
„Es ist die Illusion von Demokratie. Weil es ja tatsächlich so ist, dass diejenigen, die keine Politiker sind und da wählen, auf Parteitickets segeln.“
Erwähnte Medien (13)
Essays zur Wahl des Bundespräsidenten
Richard David Precht · 2011
In den letzten Jahren hat sich Richard David Precht immer auch zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen geäußert und in wichtigen Debatten Stellung bezogen. Sein Interesse gilt dabei über den konkreten Anlass hinaus stets auch übergeordneten Fragen wie u.a. und der Suche nach einer neuen Moral und der Frage nach der demokratischen Legitimation in modernen Gesellschaften.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:01:45 „Ich habe zwei Essays von dir gefunden, wütende Texte, das war mein Eindruck, darüber, wie die Wahl zum Bundespräsidenten abläuft.“
Markus Lanz konfrontiert Richard David Precht mit dessen eigenen, rund zehn Jahre alten Essays, die in der ZEIT erschienen sind. Darin kritisierte Precht scharf das Verfahren der Bundespräsidentenwahl als undemokratisch, insbesondere die Nominierung von Christian Wulff durch Angela Merkel. Der zentrale Vorwurf: Das höchste Amt im Staat werde ausgekungelt statt wirklich gewählt.
Rede in Bergen-Belsen
Theodor Heuss · 2001
Theodor Heuss hielt diese Rede 1952 in Bergen-Belsen und forderte die Deutschen zur Auseinandersetzung mit ihrer NS-Vergangenheit auf. Für die damalige Zeit spektakulär mutig, stellte sie sich gegen das kollektive Schweigen und die Verleugnung. Ein Schlüsselmoment der frühen Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:08:23 „Also der erste war ja nach dem Krieg Theodor Heuss, der damals diese viel beachtete Rede in Bergen-Belsen hielt und damals ja, und das war glaube ich für damalige Verhältnisse ziemlich spektakulär, die Deutschen aufforderte sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen und ihnen sagte, hört auf mit der Märchen, ihr hättet nichts gewusst.“
Im Durchgang durch die Bundespräsidenten beginnt Markus Lanz mit Theodor Heuss und hebt dessen Bergen-Belsen-Rede hervor, in der Heuss die Deutschen zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit aufforderte. Precht bestätigt, dass dies für die damalige Zeit mutiger war, als man sich vorstellt.
Die Unfähigkeit zu trauern
Alexander und Margarete Mitscherlich · 1967
Die Unfähigkeit zu trauern ist ein psychoanalytisches Klassiker-Werk von Alexander und Margarete Mitscherlich über die gesellschaftliche Verdängung deutscher Vergangenheit. Der Titel wird im Podcast herangezogen, um die fehlende emotionale und gesellschaftliche Aufarbeitung von Gastarbeiter- und Einwanderungsgeschichte zu analysieren. Das Buch bietet theoretische Ansätze zum Verständnis kollektiver psychologischer Verdrängungsmechanismen in modernen Gesellschaften.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:09:08 „Aber damals, unmittelbar nach dem Krieg, 1952, das ist die Zeit, über die nach der Regierung diskutiert wurde, die Unfähigkeit zu trauern. Das war die ganz große Zeit erstmal des Verdrängens, des Nicht-drüber-Redens.“
Precht erwähnt das berühmte Werk der Mitscherlichs beiläufig im Kontext der deutschen Nachkriegsverdrängung. Er ordnet die Rede von Theodor Heuss in Bergen-Belsen zeitlich ein und beschreibt die 1950er Jahre als eine Ära, in der die Deutschen sich nicht mit ihrer Schuld auseinandersetzen wollten – genau das Phänomen, das die Mitscherlichs in ihrem Buch analysierten.
Artikel/Text über die Zufriedenheit der Deutschen in den 50er Jahren
Frauke Hohenfeld
Ein deutsch-britisches Forschungsteam hat die Zufriedenheit von Menschen über fast 200 Jahre hinweg untersucht, indem sie 8 Millionen Bücher aus Google Books analysierten und die darin verwendeten Emotionswörter auswerteten. Die resultierende Zufriedenheitskurve von 1820 bis 2009 für USA, Großbritannien, Italien und Deutschland zeigt deutlich wichtige historische Ereignisse wie Kriege, Börsencrash und Revolutionen als Einbrüche in der Zufriedenheit. Eine auffällige Anomalie ist Deutschlands steil ansteigende Zufriedenheitskurve während des Zweiten Weltkriegs, die Forscher führen dies auf Propaganda-Verzerrungen in der publizierten Literatur zurück. Die neueren Daten seit den 1950er Jahren gelten als zuverlässiger, da sie weniger durch Selektionsbias beeinflusst sind, und deuten darauf hin, dass die Zufriedenheit in Deutschland seitdem auf stabilen Niveau geblieben ist.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:09:44 „Ich habe dieser Tage einen Gedanken gelesen, der mir seitdem nicht mehr durch den Kopf geht, genau über diese 50er Jahre. Da schrieb jemand, ich glaube Frauke Hohenfeld war es, die schrieb, in den 50er Jahren waren die Deutschen zwar nicht wirklich mit Demokratie vertraut, noch nicht vertraut, aber sie waren zufrieden.“
Lanz bringt einen kürzlich gelesenen Text ein, in dem die Autorin die paradoxe Entwicklung beschreibt: In den 50ern waren die Deutschen ohne echte demokratische Erfahrung zufrieden, heute seien sie demokratieerfahren und wohlhabend, aber unzufrieden. Der Name der Autorin ist unsicher (Transkriptionsfehler möglich).
Wohlstand für Alle
Ludwig Erhard · 2020
Der Titel des Buches Wohlstand für Alle ist zu einem verbreiteten Slogan geworden. Von Sahra Wagenknecht bis Friedrich Merz berufen sich noch heute viele unterschiedliche Politiker auf Ludwig Erhards Konzept der Sozialen Marktwirtschaft. In der Tat sind seine beiden Kernideen bis heute aktuell und gültig: Die freie Wirtschaft muss vor staatlichen Eingriffen sowie vor Kartellen und Monopolen geschützt werden, und die überkommene Situation einer dünnen Oberschicht, die einer breiten Unterschicht g...
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:15:10 „Ich komme nur deswegen drauf, weil du in diesem Zusammenhang auch über das Jahr 1957 schreibst. Und 57 war das Jahr, in dem dieses berühmte Buch von Ludwig Erhard erschienen ist, Wohlstand für alle. Und du beschreibst, wie das wirklich einen Paradigmenwechsel für dieses Land bedeutet hat.“
Im Gespräch über die Nachkriegszeit und den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands erwähnt Lanz Ludwig Erhards programmatisches Buch von 1957. Er verknüpft es mit Prechts kommendem Buch, in dem die Überwindung der Mangelgesellschaft beschrieben wird. Beide diskutieren, wie Erhards Vorstellung maximaler wirtschaftlicher Freiheit sich von der heutigen Realität staatlicher Wirtschaftseingriffe unterscheidet.
Schallplatten mit Best-Ofs von Heinrich Lübke
Kompilation von Sprachmaterial: Sammlungen von Versprechern und sprachlichen Entgleisungen auf Schallplatte, die zu Unterhaltungszwecken zusammengestellt wurden. Ein Zeitdokument mit hohem Unterhaltungswert und kulturhistorischer Bedeutung.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:21:31 „Es gab ganze Schallplatten mit Best-Ofs von Lübcke und so weiter. Also er kam einfach als Depp rüber.“
Im Gespräch über Bundespräsident Heinrich Lübke als unbeholfenen Redner erwähnt Precht, dass es ganze Schallplatten mit Zusammenstellungen seiner berüchtigten Versprecher und sprachlichen Entgleisungen gab, die Lübke als unfreiwillig komische Figur zeigten.
Hoch auf dem gelben Wagen
Walter Scheel
Walter Scheels Schallplattenaufnahme des Volkslieds „Hoch auf dem gelben Wagen" von 1974 wurde ein überraschender kommerzieller Hit. Der damalige Bundespräsident schaffte damit mehr kulturelle Nachwirkung als durch seine politische Karriere. Die Aufnahme zeigt die ironische Diskrepanz zwischen seinem höchsten Amt und dem, wofür er letztlich in Erinnerung blieb – ein Pop-Hitchen statt Staatsleistungen.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:25:41 „1974 wurde unfassbar verkauft eine Platte, hoch auf dem gelben Wagen, gesungen, intoniert von Walter Scheel.“
Im Durchgang durch die Bundespräsidenten kommt Lanz auf Walter Scheel zu sprechen, dessen Amtszeit 1974 begann. Scheels Schallplatte mit dem Volkslied 'Hoch auf dem gelben Wagen' wurde ein großer kommerzieller Erfolg. Precht merkt an, dass dies ironischerweise das Einzige sei, was wirklich von Scheel geblieben ist – was für einen Bundespräsidenten etwas wenig sei.
Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges (8. Mai 1985)
Richard von Weizsäcker
Bundespräsident Richard von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes definierte den 8. Mai 1985 als "Tag der Befreiung" statt Niederlage – eine wegweisende Umdeutung für die deutsche Erinnerungskultur. Die Rede löste heftige Debatten aus und wird bis heute als zentral für das deutsche Geschichtsverständnis der Nachkriegszeit diskutiert.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:32:06 „Weizsäcker, bekannteste Rede ab 1984, der damals, wenn du dich erinnerst, vom Tag der Befreiung gesprochen hat.“
Im Rahmen eines Durchgangs durch alle Bundespräsidenten sprechen Lanz und Precht über Weizsäckers historische Rede, in der er das Kriegsende als 'Tag der Befreiung' bezeichnete. Precht ordnet ein, dass dies ein wichtiges Signal gegen die 'Stahlhelm-Fraktion' in der CDU war, die das Kriegsende als Niederlage empfand, und erklärt damit die parteiübergreifende Anerkennung.
Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2010 (Der Islam gehört zu Deutschland)
Christian Wulff · 2012
Essay aus dem Jahr 2012 im Fachbereich Kulturwissenschaften - Sonstiges, Note: 2,0, Universität Konstanz (Exzellenzcluster Kulturelle Grundlagen von Integration ), Veranstaltung: Kulturtheorie, Sprache: Deutsch, Abstract: Als Christian Wulff kürzlich seinen Rücktritt erklärte, freute ich mich. Dann las ich die Schlagzeile „Migrantenverbände bedauern Wulffs Rückblick“ und stutzte. „Er war der Präsident, den die Migranten brauchten“ (O. Verf.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:34:56 „Ich habe ihn dann auf seinen Satz angesprochen, der Islam gehört zu Deutschland. Das ist ja der Satz, der definitiv mit Christian Wulff verbucht ist. Und es war interessant, während dieser Einspieler lief, und man sieht ihn da bei dieser Rede, dreht er sich zu mir und sagt, Herr Lanz, keine gute Performance.“
Lanz berichtet von einem Gespräch mit Christian Wulff in seiner Sendung, bei dem er ihn auf dessen berühmtesten Satz ansprach. Wulff selbst habe rückblickend eingeräumt, dass er die Rede heute besser halten würde – mit mehr Gravitas und Bedeutung.
Berliner Rede (Ruck-Rede)
Roman Herzog · 2015
Wie lässt sich die Exzellenzinitiative, die für einen umfangreichen Wandel des deutschen Wissenschaftssystems steht, erklären? Dieses Buch skizziert die Genese dieses Programms von Bund und Ländern zur Förderung der Spitzenforschung, in dem es die Deutungskämpfe in Politik und Wissenschaft um Leitideen und Ordnungsvorstellungen für das Wissenschaftssystem seit Beginn der 1980er Jahre untersucht.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:38:35 „Roman Herzog, die berühmte Ruckrede. Ruck Rede, ich habe vor einiger Zeit gelesen, dass das damals im Adlon war, in Berlin. Ja, die erste Berliner Rede. Seitdem sehe ich das Adlon, wenn man da manchmal so vorbeigeht, mit völlig anderen Augen.“
Precht beschreibt Roman Herzog als den 'politischsten Bundespräsidenten', der mit seiner Ruck-Rede im Hotel Adlon das Klima für große gesellschaftliche Veränderungen vorbereitete – konkret die Reform von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe, die später Gerhard Schröder als Hartz-Reform umsetzte. Die Rede hatte also eine klare inhaltliche Füllung und war nicht nur rhetorisch.
Weißbuch der Bundeswehr
· 1970
Offizielles Strategiedokument der Bundeswehr zu Sicherheitspolitik und militärischer Strategie. Dokumentiert die Verbindung von Auslandseinsätzen mit wirtschaftlichen Interessen und dient als Grundlage deutscher Sicherheitspolitik.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:42:26 „Und so ist ihm, als man ihn da in die Kritik gestellt hat, weil er Dinge gesagt hat, die eigentlich gar nicht besonders abwegig waren, sondern im Weißbuch der Bundeswehr standen. Dass Auslandseinsätze, die wir machen, auch immer was mit wirtschaftlichen Interessen zu tun haben.“
Precht verteidigt Horst Köhler, der als Bundespräsident für Aussagen zu wirtschaftlichen Interessen bei Auslandseinsätzen kritisiert wurde. Precht verweist darauf, dass diese Aussagen im Weißbuch der Bundeswehr standen und somit eine triviale Feststellung waren, für die Köhler dennoch ungewöhnlich hart angegangen wurde.
Autobiografie von Joachim Gauck
Joachim Gauck · 2013
Autobiografie des ehemaligen Bundespräsidenten, die sein persönliches Leben und Werdegang erzählt. Das Buch enthält emotional bewegende Passagen, die eine tiefe Verbundenheit des Autors zu seinen Erlebnissen und Überzeugungen widerspiegeln.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:46:11 „Es gab auch Leute, die sich, wir haben ein bisschen darüber lustig gemacht haben, wenn Joachim Gauck aus seiner Biografie vorgelesen hat, dann hat er immer zuverlässig an den gleichen Stellen ein Tränchen der Rührung verdrückt.“
Lanz erzählt amüsiert, dass Gauck bei öffentlichen Lesungen aus seiner eigenen Biografie immer an denselben Stellen gerührt war. Er verteidigt ihn aber sogleich: Das sei nicht pathetisch, sondern authentisch – er habe Gauck persönlich anders kennengelernt, als einen offenen Menschen, der wirklich so empfindet.
Let's Dance
· 2006
Kamerateams begleiten Prominente beim Erlernen von professionellen Tänzen. Auf dem Programm stehen sowohl Standard- als auch anspruchsvolle lateinamerikanische Tänze, die den Tanzduos alles abverlangen. Doch nach dem Lernen geht es ans Eingemachte: Die Let’s Dance Kandidaten müssen ihr Können vor einem großen Live-Publikum zum Besten geben. Eine Jury bewertet die Tanzpaare nach jedem Auftritt.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:56:26 „Also wenn es einen unglaublich wilden Kampf gibt, so wie bei diesen Kandidatenturnieren, die die SPD, diese Let's Dance Veranstaltungen, die die da gemacht haben, als sich immer Pärchen miteinander bewerben mussten.“
Precht nutzt die RTL-Tanzshow 'Let's Dance' als ironischen Vergleich für die SPD-Kandidatenturniere, bei denen sich Zweierteams um den Parteivorsitz bewarben. Er kritisiert dieses Format als schädlich für die Kandidaten und verweist auf Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, die 'beschädigt' aus dem Prozess hervorgegangen seien.