Ausgabe Einundsechzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Eine Virus-Attacke auf die Stimmbänder zwingt Lanz zum ungewohnten Schweigen — und liefert den perfekten Einstieg für eine philosophische Runde über die Frage aller Fragen: Warum ausgerechnet ich? Vom HNO-Arzt über Epikur bis zu Ricky Gervais arbeiten sich die beiden an der menschlichen Angst vor dem Tod ab, wobei die besten Pointen von den Toten selbst stammen: Marcel Duchamp fand, es sterben immer nur die anderen, und Otto Reutter reimte schon in den Zwanzigern, dass man den Tod schlicht verpasst.
„Vom Tod sich zu fürchten hat keinen Zweck. Man erlebt ihn ja nicht. Wenn er kommt, ist man weg.“
Erwähnte Medien (7)
In 50 Jahren ist alles vorbei
Otto Reutter
Otto Reutter war ein populärer Chansonnier und Komiker der 1920er Jahre. Sein Lied "In 50 Jahren ist alles vorbei" verarbeitete eine klassische epikureische Weisheit: dass man seinen eigenen Tod nicht erlebt, da man beim Eintritt des Todes bereits nicht mehr existiert. Das Lied verbindet philosophische Tiefgründigkeit mit populärer Unterhaltung und zeigt, wie existenzielle Fragen in der Weimarer Unterhaltungskultur verankert waren.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:03:45 „Otto Reutter, sozusagen ein Rapper der 20er Jahre, der hat in diesem Lied, in 50 Jahren ist alles vorbei, das in diesen Satz gebracht. Nur einmal im Jahr blüht der Mai und in 50 Jahren ist alles vorbei. Vom Tod sich zu fürchten hat keinen Zweck. Man erlebt ihn ja nicht. Wenn er kommt, ist man weg.“
Precht greift Lanz' Erwähnung der epikureischen Weisheit auf, dass man den eigenen Tod nicht erlebt, und ordnet sie kulturgeschichtlich ein. Er verweist auf Otto Reutter, der diese philosophische Einsicht in einem populären Lied der 1920er Jahre verarbeitet hat.
Die Fußbroichs
· 1991
Die Fussbroichs ist der Titel einer Dokumentarfilmreihe über die Kölner Arbeiterfamilie Fred, Annemie und Frank Fussbroich
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:05:44 „Ja, das war eine Fernsehserie, die von Anfang der 90er bis Anfang der Nullerjahre im Fernsehen lief. Und die eine ganz normale Familie aus Köln, Mülheim, Buchheim zeigte. Er war Vorarbeiter, sie arbeitete im Büro.“
Precht würdigt den kürzlich verstorbenen Fred Fußbroich und die gleichnamige TV-Serie als persönlich prägend. Er beschreibt, wie er als junger Mann in Fred Fußbroichs Souveränität, Gelassenheit und Selbstsicherheit ein Vorbild fand – eine Art praktische Philosophie des Alltags, die ihm mehr gab als manche akademische Lehre.
Metro 2033
Dmitri Glukhovsky · 2017
The year is 2033. The world has been reduced to rubble. Humanity is nearly extinct and the half-destroyed cities have become uninhabitable through radiation. Beyond their boundaries, they say, lie endless burned-out deserts and the remains of splintered forests. Survivors still remember the past greatness of humankind, but the last remains of civilisation have already become a distant memory. Man has handed over stewardship of the Earth to new life-forms.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:13:33 „Dimitri Glukhovski ist ein Science-Fiction-Autor. Metro 33, Megabuch.“
Lanz stellt den russischen Bestsellerautor Dmitri Glukhovsky vor, den er in seiner Sendung zum Thema Russland und Protest interviewt hat. Glukhovsky wird als Dissident beschrieben, der von der russischen Geheimpolizei gesucht wird, aber trotzdem Souveränität und Verschmitztheit ausstrahlt. Precht ergänzt, dass er ihn gerade auf der Buchmesse kennengelernt hat.
Artikel über den Mut der iranischen Frauen
Sabine Rückert
Sabine Rückert analysiert in diesem ZEIT-Stück die iranischen Frauenproteste der Bewegung 'Frau, Leben, Freiheit', die nach dem Tod von Mahsa Amini im September 2022 ausbrachen. Im Mittelpunkt steht die Frage, woher iranische Frauen die Kraft und den Mut nehmen, trotz brutaler Repression auf die Straße zu gehen und ihr Leben zu riskieren. Rückert beleuchtet die psychologischen, historischen und gesellschaftlichen Wurzeln dieses Widerstands gegen das Regime.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:21:56 „Sabine Rückert hat in der Zeit ein ganz tolles Stück geschrieben über die Frage, woher kommt der Mut? Und benutzt sozusagen dieses biblische Motiv. Also David gegen Goliath.“
Im Kontext der iranischen Frauenproteste empfiehlt Lanz einen Artikel von Sabine Rückert in der ZEIT. Der Artikel fragt, woher der Mut der Protestierenden kommt, und nutzt das biblische David-gegen-Goliath-Motiv als Erklärungsrahmen – übertragen auf moderne Beispiele wie Nawalny, Greta Thunberg oder die Ukraine gegen Russland.
Die Zauberflöte
Wolfgang Amadeus Mozart
Mozarts "Die Zauberflöte" ist eine der meistaufgeführten Opern der Welt und verbindet Musiktheater mit zeitloser Geschichte. Der Artikel bietet einen informativen Überblick über Handlung, Charaktere und praktische Details wie Spieldauer. Relevant ist hier die persönliche Perspektive: Das Opernwerk hat generationenübergreifende Kraft, wie Guido Maria Kretschmers Erlebnis zeigt – die inszenierte Erfahrung, zunächst nur die Musik zu erleben, bevor die visuelle Pracht der Bühne folgt, prägte sein ganzes Leben. Der Artikel dokumentiert somit ein kulturelles Klassiker-Werk und dessen emotionale Wirkung auf Zuschauer.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:35:41 „Und der regierende Bürgermeister geht mit dem Schar in die Zauberflöte.“
Precht erwähnt die Zauberflöte im Zusammenhang mit dem Besuch des Schahs von Persien in Berlin 1967, bei dem der regierende Bürgermeister trotz der tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg mit dem Schah gemeinsam in die Oper ging – als Symbol für die politische Ignoranz gegenüber den Protesten.
L'Ancien Régime et la Révolution
Alexis de Tocqueville · 1856
*L'Ancien Régime et la Révolution* (1856) is a work by the French historian Alexis de Tocqueville translated in English as either *The Old Regime and the Revolution* or *The Old Regime and the French Revolution*. The book analyzes French society before the French Revolution, the so-called "Ancien Régime", and investigates the forces that caused the Revolution. It is one of the major early historical works on the French Revolution.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:48:45 „Und der Tocqueville-Effekt beschäftigt sich mit der Frage, wann brechen Systeme zusammen? Und er sagt, Systeme, die noch an sich selber glauben, brechen nie zusammen. Sondern es brechen immer Systeme zusammen, die aus Angst um ihren Fortbestand bereit sind, Reformen zu machen.“
Precht erklärt den sogenannten Tocqueville-Effekt im Kontext der Iran-Proteste und zieht Parallelen zum Zusammenbruch des Kommunismus unter Gorbatschow. Er bezeichnet Tocqueville als 'ausgesprochen klugen Menschen' und nutzt dessen Theorie, um die Frage zu beleuchten, ob das Mullah-Regime tatsächlich fallen könnte.
Rede von Hamed Esmailion in Berlin
Hamed Esmailion
Bewegende Rede des iranischen Schriftstellers Hamed Esmailion in Berlin. Sie behandelt Hoffnung auf Freiheit im Iran und Gerechtigkeit für Frauen. Esmailion schließt mit dem eindringlichen Bild: „In unseren Träumen feuert niemand mehr Tränengas in die Klassenräume der Mädchen."
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:55:41 „Es gibt einen total schönen Gedanken oder mehrere schöne Gedanken von Hamed Esmailion. Iranischer Schriftsteller, der in Berlin lebt, hat in Berlin dieser Tage eine bewegende Rede gehalten. Und zum Abschluss nur zwei Sätze daraus: In unseren Träumen feuert niemand mehr Tränengas in die Klassenräume der Mädchen.“
Lanz zitiert zum Abschluss der Episode aus einer Rede des iranischen Schriftstellers Hamed Esmailion, der in Berlin lebt. Die Rede handelt von der Hoffnung auf Freiheit im Iran, insbesondere für Frauen. Lanz wählt die Passage als emotionalen Schlusspunkt der gesamten Diskussion über die iranische Protestbewegung.