Ausgabe Neunzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Im Mittelpunkt steht Jonas Kratzenberg, ein 22-Jähriger aus Aachen, der seinen fassungslosen Eltern — Ärztin und Polizist, pazifistischer Haushalt — eröffnete, er fahre in die Ukraine zum Kämpfen. Dort schloss er sich internationalen Brigaden an, einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Israelis, Kanadiern, Belarusen und sogar Russen, die für 500 Euro Sold und das Versprechen auf 3000 Euro Frontzulage kämpften — Geld, das wegen grassierender Korruption selten ankam.
„Nichts ist weiter weg von denen als Krieg.“
Erwähnte Medien (10)
Letzte Worte vor der Hinrichtung
Julius Leber · 1964
Unter den letzten Worten versteht man das, was ein Mensch im Angesicht seines Todes der Nachwelt hinterlässt. Sie werden seit Jahrtausenden von verschiedenen Völkern für bewahrenswert erachtet. Obwohl sie nicht immer zweifelsfrei verbürgt sind, haben doch einige ihren Weg in den Sprichwortschatz und das Gedächtnis der Welt gefunden.
🗣 Markus Lanz zitiert daraus „Julius Leber, der auch berühmter SPD-Mann, der 1945 in Plötzensee hingerichtet worden ist, war einer der Beteiligten am Attentat am 20. Juli von Stauffenberg, und der sagt dann, auch da Gänsehaut, für eine so gute und gerechte Sache ist der Einsatz des eigenen Lebens der angemessene Preis.“
Lanz zitiert die letzten Worte des SPD-Politikers Julius Leber, der als Beteiligter am Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet und 1945 in Plötzensee hingerichtet wurde. Das Zitat reiht sich ein in die Darstellung sozialdemokratischen Heldentums gegen den Nationalsozialismus.
Kratzenbergs Buch über seine Zeit als deutscher Soldat in der Ukraine
Jonas Kratzenberg
Ein junger Panzergrenadier verlässt mit 22 Jahren Aachen, um sich freiwillig der Ukraine im Krieg gegen Russland anzuschließen. Das Buch dokumentiert seine intensiven Erfahrungen an der Front: Kriegsverbrechen beider Seiten, Drohnen-Einsätze und schwere Verletzungen, die sein Leben prägen.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:00:53 „Ich hatte Jonas Kratzenberg in der Sendung, der ein interessantes Buch geschrieben hat über seine Zeit als deutscher Soldat in der Ukraine. Das ist eine krasse Geschichte. Das ist ein junger Mann, ich glaube 22 ist Jonas. Und der packt seine Koffer in Aachen und stellt sich vor seine Eltern und die sagen, Junge, wo willst du hin? Und er sagt, ich fahre jetzt in die Ukraine.“
Markus Lanz berichtet von einem intensiven Gespräch mit Jonas Kratzenberg, der ein Buch über seine Erfahrungen als freiwilliger deutscher Soldat in der Ukraine geschrieben hat. Der junge Panzergrenadier verließ mit 22 Jahren Aachen, um an der Seite der Ukraine zu kämpfen, und schildert darin Kriegsverbrechen beider Seiten, den Einsatz von Drohnen und seine schweren Verletzungen.
Weiße Raben
· 2005
Neun Jahre Krieg in Tschetschenien. Ein schmutziger, sinnloser Krieg. Ein Krieg des verletzten russischen Reiches. Ein Krieg, an dem viele verdienen. Ein Krieg, von dem keiner gerne spricht. Die Beziehung zu Russland ist wichtiger. Man ist froh, dass der Krieg ein neues Etikett bekommen hat: Kampf gegen den Terrorismus. Das klingt gesund und gerecht.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:08:38 „Ich hatte ja damals erzählt von dieser Dokumentation Weiße Raben über den Tschetschenien-Krieg. Und ich habe ja Gott sei Dank solche Dinge nie erlebt, aber in diesem Dokumentarfilm kam das alles so nahe. Diese unglaubliche Verrohung zu der ganz normalen Menschen fähig sind in Kriegssituationen und die Dinge mit einem machen, die man sich bei sich selbst in seinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen kann.“
Im Kontext der Berichte über Kriegsgräuel in der Ukraine erinnert Precht an die Dokumentation 'Weiße Raben' über den Tschetschenien-Krieg. Er nutzt den Film als Beleg dafür, wie normale Menschen im Krieg zu extremer Verrohung fähig sind – ein Phänomen, das sich nun in der Ukraine wiederholt.
Bloodlands
Timothy Snyder · 2012
From the author of the international bestseller On Tyranny, the definitive history of Hitler’s and Stalin’s politics of mass killing, explaining why Ukraine has been at the center of Western history for the last century. Americans call the Second World War “the Good War.” But before it even began, America’s ally Stalin had killed millions of his own citizens—and kept killing them during and after the war.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:19:36 „Ich meine, deswegen sagte ich gerade Bloodlands, Timothy Snyder, der in Yale ja Geschichtsprofessor war oder ist, gibt dieses Buch, du hast das bestimmt gelesen, über diesen Streifen in Osteuropa sozusagen, vom Baltikum über Polen, Belarus bis runter zur Krim. Das ist der Schauplatz im 20. Jahrhundert dieser unvorstellbaren Gewalt.“
Lanz verweist auf Timothy Snyders Standardwerk 'Bloodlands', um die historische Dimension der Gewalt in Osteuropa einzuordnen. Der Streifen zwischen Baltikum und Schwarzem Meer war im 20. Jahrhundert Schauplatz extremer Gewalt sowohl durch Deutsche als auch durch Russen – ein Kontext, der die heutige Angst der baltischen Staaten und Polens vor Russland erklärt.
Rede gegen das Ermächtigungsgesetz
Otto Wels · 1963
Otto Wels' Rede gegen das Ermächtigungsgesetz (März 1933) ist ein Manifest des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur. Unter SA-Schutz verteidigte der SPD-Vorsitzende Freiheit und Ehre, warnte mit prophetischen Worten vor der kommenden "Welltragödie" und setzte ein Zeichen demokratischer Standhaftigkeit in einer der finstersten Stunden der deutschen Geschichte.
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:31:27 „Wir haben gerade über Otto Wels gesprochen, diese berühmte Rede gegen das Ermächtigungsgesetz. Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre aber nicht. Wenn du das liest, 1933 sagt er das, benutzt das Wort Welttragödie, da geht es einem doch kalt den Rücken runter.“
Lanz liest ausführlich aus der berühmten Rede von Otto Wels vor, die dieser 1933 im Reichstag gegen das Ermächtigungsgesetz hielt – während SA-Männer im Saal standen. Lanz betont die prophetische Qualität der Rede, in der Wels das Wort 'Welttragödie' benutzte und damit den Zweiten Weltkrieg und möglicherweise den Holocaust vorwegnahm. Die Rede dient als Beispiel für sozialdemokratisches Heldentum und moralische Standhaftigkeit.
Rede über den Nationalsozialismus (1932)
Kurt Schumacher · 2024
Die Studie analysiert erstmals den Umgang italienischer, deutscher und französischer Sozialisten mit Faschismus und Nationalsozialismus über mehr als vier Jahrzehnte hinweg in vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Perspektive. Im Mittelpunkt der individual- und kollektivbiographischen Untersuchung stehen die pluralen Erfahrungen, Erwartungen und Erinnerungen der Akteure im Spannungsfeld von Diktatur und Demokratie zwischen 1919 und 1960.
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:33:29 „Von Kurt Schumacher gibt es einen großartigen Satz. Wenn wir irgendetwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, dass ihm zum ersten Mal in der Politik die restlose Mobilisierung menschlicher Dummheit gelungen ist.“
Lanz zitiert Kurt Schumachers berühmten Satz über den Nationalsozialismus als Beispiel dafür, dass man die Geschichte der SPD an prägnanten Sätzen ihrer Protagonisten erzählen kann. Schumacher war der erste SPD-Vorsitzende in der Bundesrepublik und berühmter Gegenspieler Adenauers.
Rede über politische Aktion
Ferdinand Lassalle · 1882
Historische Rede des Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle, in der er politische Handlung als das Aussprechen von Wahrheit definiert – im Gegensatz zur Kleingeisterei des Verschweigens. Lanz nutzt dieses Zitat als Kritik an der modernen, umfragegetriebenen Politik, die unbequeme Wahrheiten vermeidet.
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:39:28 „Alle große politische Aktion besteht im Aussprechen dessen, was ist und sie beginnt damit. Und alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist. Und dann denkst du an das, was wir heute politisch häufig erleben.“
Lanz zitiert Ferdinand Lassalle, den er als 'Vater der Sozialdemokratie' einführt, und schlägt damit eine Brücke zur heutigen Politik. Der Satz über das Aussprechen dessen, was ist, wird als Kontrast zur modernen umfragegetriebenen Politik herangezogen, in der Politiker den Bürgern nichts mehr zumuten wollen.
Artikel über Politik als Serviceleistung
Bernd Ulrich
Bernd Ulrich argumentiert, dass in Deutschland der Gedanke verloren gegangen ist, dass Politik mehr sein muss als die bloße Umsetzung von Umfragewerten. Politiker sollten nicht wie Servicekräfte handeln, die den vermeintlichen Willen des Volkes abfragen und sofort erfüllen. Stattdessen müsse Politik gestalten, führen und auch unbequeme Entscheidungen treffen. Der Text greift eine zentrale Debatte über das Verhältnis von Demokratie, Populismus und politischer Verantwortung auf.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:41:55 „Bernd Ulrich von der Zeit hat einen ähnlichen Gedanken dieser Tage geschrieben, den ich super finde. Irgendwie, schreibt er, ist in Deutschland der Gedanke abhandengekommen, dass Politik nicht nur darin besteht, den Willen des Volkes in Umfragen zu erahnen und dann gleich einer Servicekraft umzusetzen.“
Lanz zitiert einen aktuellen Artikel von Bernd Ulrich in der ZEIT, der die These vertritt, dass Politik nicht bloß darin bestehen sollte, Umfragewerte umzusetzen wie eine Servicekraft. Lanz nutzt das Zitat, um Prechts frühere Beobachtung über den 'Staat als Dienstleister' zu untermauern und die Diskussion über Robert Habecks Klimapolitik einzuordnen.
Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft
Helmut Schelsky
Helmut Schelskys Konzept der nivellierten Mittelstandsgesellschaft beschreibt eine Gesellschaftsform, in der die Mittelschicht die breiteste Bevölkerungsschicht bildet. Der Soziologe prägte diesen Begriff in den 1960er Jahren, um die Chancengleichheit und breite Wohlstandsverteilung der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu charakterisieren. Das Modell gilt als zentrale Errungenschaft der Sozialdemokratie und prägt bis heute die Debatte über Klassenstruktur und Wohlfahrtsstaat.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:45:45 „Ich denke, dass wir der Sozialdemokratie die Mittelstandsgesellschaft verdanken. Diese berühmte nivellierte Mittelstandsgesellschaft, wie der Soziologe Schelsky das in den 60er Jahren genannt hat.“
Precht verweist auf Helmut Schelskys soziologisches Konzept der 'nivellierten Mittelstandsgesellschaft' aus den 1960er Jahren, um die zentrale Errungenschaft der SPD zu beschreiben: eine Gesellschaft, in der die Mittelschicht die breiteste Bevölkerungsschicht bildet – im Gegensatz etwa zu England, wo die Labour Party dies nicht erreicht habe.
Dokumentationen über Willy Brandt
Dokumentationen, die ein differenziertes Bild von Willy Brandt zeigen und sein öffentliches Image als moralischer Politiker hinterfragen. Sie belegen Prechts These, dass der Kanzler weniger ein konsistenter Gesinnungmoralist als vielmehr ein pragmatischer Instinktpolitiker war, dessen Handlungen oft einer anderen Logik folgten als seinem öffentlich vermittelten Selbstverständnis.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:48:42 „Wenn es um die Person geht, Willy Brandt, und ich habe viele Dokumentationen über Brandt gesehen, habe ich kein so positives Urteil, wie das allgemeine Image von Brandt ist.“
Precht erwähnt, dass er viele Dokumentationen über Willy Brandt gesehen hat, die sein differenzierteres Bild des Kanzlers geprägt haben. Er nutzt dies als Grundlage für seine These, dass Brandt nicht der durchgängige Gesinnungsmoralist war, als der er oft dargestellt wird, sondern ein chamäleonhafter Instinktpolitiker.