Corona-Aufarbeitung
Markus Lanz & Richard David Precht
Auf den Tag genau vier Jahre nach Pandemiebeginn liest Lanz einen damals in der ZEIT erschienenen Text von Precht vor, der die surreale Stimmung von 2020 einfängt — und beide stellen fest, wie unmittelbar die Erinnerungen zurückkehren. Anlass sind die frisch freigeklagten, aber großflächig geschwärzten RKI-Protokolle, die alte Debatten über Masken, Schulschließungen und Impfpflicht neu entfachen und zwischen berechtigter Aufarbeitung und Verschwörungstheorien oszillieren.
„Es fühlt sich so unendlich weit entfernt an und ist dennoch gerade wieder da und in aller Munde und wird auch wieder heftig diskutiert.“
Erwähnte Medien (6)
Das große Erwachen
Richard David Precht · 2020
Alles hängt mit allem zusammen. Das Handbuch Klimakrise versammelt die relevanten Fakten, Zahlen und Argumente rund um die Klimakrise und das Massenaussterben sowie zur großen Transformation, die unweigerlich kommen wird, kommen muss und in vielerlei Hinsicht schon längst begonnen hat. Das Leben, wie wir es kannten, ist vorbei. Viele von uns haben es nur noch nicht gemerkt.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:01:53 „Das große Erwachen. Das habe ich damals in der Zeit geschrieben, übrigens auf den Tag genau vor vier Jahren.“
Markus Lanz liest Richard David Precht einen Text vor, den dieser am 4. April 2020 in der ZEIT veröffentlicht hat. Der Essay beschreibt das surreale Gefühl während des ersten Lockdowns – verlassene Straßen, Militärfahrzeuge mit Särgen in Bergamo, Talkshows mit Sicherheitsabständen. Precht erkennt seinen eigenen Text sofort wieder.
Von der Pflicht. Eine Betrachtung
Richard David Precht
Richard David Precht fragt in seinem Buch, das während der Covid-19-Pandemie entstand: Was schulden wir einander? Während die meisten Menschen Empathie mit den Schwachen zeigten, entpflichteten sich andere im Namen der Freiheit. Ein philosophischer Appell an Verantwortung und Gemeinsinn.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:07:30 „Der dritte Teil war, dass ich dann das Buch über die Pflicht geschrieben habe, weil ich mich auch unter anderem in meinem persönlichen Umfeld sehr über Menschen geärgert habe.“
Precht schildert seine verschiedenen Stationen während der Pandemie und erwähnt sein Buch über staatliche Pflichten und Grundrechtseinschränkungen als dritten Abschnitt seiner Corona-Erfahrung.
Heinsberg-Studie
Hendrik Streeck
Hendrik Streecks Heinsberg-Studie wurde in den RKI-Protokollen komplett geschwärzt, obwohl sie öffentlich einsehbar ist. Der Virologe zeigt sich verwundert über diese Maßnahme, die illustriert, wie übervorsichtig agierende Juristen pauschal schwärzen, ohne die tatsächliche Sensibilität der Inhalte zu hinterfragen. Der Fall offenbart Probleme bei der Handhabung von Transparenzanforderungen und der Veröffentlichung von RKI-Dokumenten.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:13:57 „Der sagte zum Beispiel, alles was da drin steht zum Thema Heinsberg, seine berühmte Heinsberg-Studie ist komplett geschwärzt. Ich meine, die ist überall zugänglich, die ist einsehbar, die kannst du lesen, die ist geschwärzt. Und er sagt, warum?“
Im Gespräch über die geschwärzten RKI-Files berichtet Lanz von Hendrik Streecks Verwunderung darüber, dass seine öffentlich zugängliche Heinsberg-Studie in den RKI-Protokollen komplett geschwärzt wurde. Lanz vermutet, dass übervorsichtige Juristen pauschal schwärzten, ohne die politische Sprengkraft zu bedenken.
RKI-Files
Robert Koch-Institut
Freigeklagte interne Protokolle des Robert Koch-Instituts zur COVID-19-Pandemie. Die Dokumente belegen, dass der RKI-Krisenstab differenziert über Todeszahlen, Übersterblichkeit und Sterblichkeitsraten diskutierte – differenzierter als die öffentliche Kommunikation vermuten ließ. Konkrete Beispiele: Diskussion über Durchschnittsalter der Verstorbenen und Risikogruppen im März 2021.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:29:06 „Wenn du zum Beispiel in diesen RKI-Files dir mal anschaust, was da unter anderem drinsteht, da stehen schon ein paar spannende Sachen drin. Am 19. März 2021 spricht der Krisenstab über mögliche Todeszahlen und über das sehr hohe Durchschnittsalter der Verstorbenen. Und da findet sich der Satz, das Argument, dass ältere, gebrechliche Menschen, die auch ohne Covid-19 zeitnah versterben würden, das sollte entschärft werden.“
Lanz zitiert ausführlich aus den freigeklagten internen Protokollen des Robert Koch-Instituts, um zu belegen, dass intern deutlich offener und differenzierter diskutiert wurde, als es die offizielle Kommunikation nach außen vermuten ließ. Er nennt konkrete Daten und wörtliche Passagen, etwa zur Übersterblichkeit und zum Vergleich mit der Grippe, und kritisiert, dass diese Erkenntnisse im öffentlichen Diskurs unterdrückt wurden.
PISA-Studie
Andreas Schleicher / OECD
PISA-Studie der OECD untersucht die Schulleistungen von 15-Jährigen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Zentrale Erkenntnis: Deutschland hat trotz Reformbemühungen seit dem "PISA-Schock" vor 20 Jahren keine wesentlichen Verbesserungen erzielt; die Leistungen stagnieren oder verschlechtern sich teilweise.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:32:30 „Und kein Wunder, dass wir bei der letzten PISA-Studie so schlecht abgeschnitten haben.“
Im Zusammenhang mit den Schulschließungen während der Pandemie wirft Precht ein, dass das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der letzten PISA-Studie eine direkte Folge dieser Maßnahmen sei. Es dient als Beleg für den Kollateralschaden der Corona-Politik an Kindern und Jugendlichen.
Jimmy Carr: Natural Born Killer
Jimmy Carr
The essays focus upon popular culture as it is informed by ancient and current mythic images, narratives, personalities, icons and archetypes. Topics include: the cult status of the serial sex killer; sexual murder as a contemporary form of religious sacrifice; pornography as an everyday narrative underlying not only sexism, but also racism, homophobia, and militarism; the relation of incest to nuclearism; pornography and the sacred; cyborg myth; and subtextual presence of ancient goddess figure...
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:46:50 „Jimmy Carr, das ist ein britischer Comedy-Star, der in einem Programm, ich glaube für Netflix sogar, an einer Stelle eine großartige Frage an sein Publikum stellt. Das ist eine riesige Halle und er sagt, glaubt ihr, wir haben überreagiert bei Covid-19? Und alle, ja, auf jeden Fall. Und er sagt, ja, ich glaube eine Menge Überlebende sehen das so.“
Lanz erzählt zum Abschluss der Episode eine Anekdote aus einem Netflix-Comedy-Special von Jimmy Carr, in dem dieser mit typisch britischem schwarzen Humor die Perspektive auf Corona verschiebt: Wer überlebt hat, urteilt leicht, es sei überreagiert worden. Lanz nutzt den Witz als Mahnung, die damaligen Entscheidungen nicht nur aus der heutigen Rückschau zu bewerten.