Welche Jobs verschwinden welche bleiben
Markus Lanz & Richard David Precht
Zum 1. Mai fällt auf: Selbst die Krawalle in der Hamburger Schanze bleiben aus — Anlass für eine Diskussion über den angeblichen deutschen Arbeitsfrust. Die viel zitierte Statistik von nur 34,7 Wochenstunden entpuppt sich als Mogelpackung: Rechnet man den hohen Teilzeitanteil heraus, liegen deutsche Vollzeiterwerbstätige mit 40,5 Stunden fast exakt im EU-Schnitt. Und der Vorwurf an die junge Generation? Den müssten sich eigentlich deren Eltern selbst machen.
„Die Jugend von heute ist das Produkt derjenigen, die sich über sie aufregen.“
Erwähnte Medien (11)
The Germans Are Becoming the World's Laziest Workers
Der Artikel kritisiert die These, deutsche Arbeiter seien faul, als Ablenkung von strukturellen Problemen. Autor Richard Detje vom Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung dokumentiert einen massiven Jobabbau: 10.000 Industriejobs pro Monat fallen derzeit weg, besonders in Automotive und Maschinenbau. Regierungschef Friedrich Merz plant zwar 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Verteidigung, doch Detje warnt, diese Programme hätten nur geringe Beschäftigungswirkung. Stattdessen würde die Regierung Arbeitszeitregeln lockern und Gewerkschaftserfolge unterlaufen, während Automatisierung und Jobverlagerungen das Kernproblem darstellen.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:00:05 „jetzt werden wir auch schon vom Wall Street Journal gebasht und gedisst, Die Deutschen sind ungefähr das faulste Volk auf dem Planeten, wollen alle nicht mehr arbeiten“
Lanz verweist auf einen Artikel im Wall Street Journal, der die Deutschen als besonders arbeitsunwillig darstellt, als Aufhänger für die Diskussion über Arbeitszeiten und Faulheitsvorwürfe
Artikel im Wall Street Journal über deutsche Arbeitskultur
Der WSJ-Artikel kritisiert Deutschlands sinkende Arbeitsbereitschaft und stellt die Deutschen im internationalen Vergleich als besonders arbeitsunwillig dar. Im Fokus stehen kurze Arbeitszeiten, hohe Krankenstände und eine verbreitete Einstellung, weniger arbeiten zu wollen. Der Artikel zieht Statistiken heran, um Deutschland als Wachstumsbremse innerhalb Europas darzustellen. Markus Lanz zitiert ihn als Beispiel für vereinfachende Auslandsberichterstattung über den deutschen Arbeitsmarkt und nutzt ihn, um differenziertere Daten entgegenzusetzen.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:02:15 „Es kommt dann sozusagen wie zum Beleg dafür, jetzt werden wir auch schon vom Wall Street Journal gebasht und gedisst, Die Deutschen sind ungefähr das faulste Volk auf dem Planeten, wollen alle nicht mehr arbeiten, alle keinen Bock mehr auf Arbeit.“
Lanz verweist auf einen Artikel im Wall Street Journal, der Deutschland als besonders arbeitsunwillig darstellt. Er nutzt diesen Verweis, um die vereinfachende Berichterstattung über deutsche Arbeitszeiten zu kritisieren und die Statistiken differenzierter aufzuschlüsseln.
The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation?
Carl Benedikt Frey, Michael A. Osborne
Einflussreiche Studie der Universität Oxford untersucht, welche Berufe durch Automatisierung und Computerisierung gefährdet sind. Frey und Osborne prognostizieren mit bemerkenswert hoher Genauigkeit den massiven Jobverlust durch Robotisierung und künstliche Intelligenz.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:09:28 „ein Stichwort ist auch diese Oxford-Studie, über die wir beide uns schon öfter unterhalten haben“
Die Oxford-Studie von 2013 ist ein zentrales Thema der Episode – Lanz und Precht prüfen gemeinsam, welche der damaligen Prognosen zur Automatisierung von Berufen eingetroffen sind
The Race between Education and Technology
Claudia Goldin, Lawrence Katz · 2009
This book provides an historical analysis of the co-evolution of educational attainment and U.S. wage structure through the 20th century. During the first 80 years of the 20th century, the increase of educated workers was higher than demand for them. This boosted income for most and lowered inequality. The reverse has been true since about 1980.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:23:10 „Es gab schon vor mehr als zehn Jahren ein berühmtes Buch von zwei amerikanischen Wissenschaftlern Katz und Goldin, das handelt vom Wettlauf des Menschen mit der Maschine.“
Precht erwähnt das Buch von Katz und Goldin im Zusammenhang mit der Frage, ob berufliche Weiterbildung ausreicht, um den technologischen Wandel zu bewältigen. Er argumentiert, dass Deutschland sich zu lange damit beruhigt habe, Umschulungen würden das Problem lösen — was bei früheren Technologiesprüngen funktioniert habe, aber bei KI an seine Grenzen stoße.
Die Übergangsphase der ersten industriellen Revolution
Carl Benedikt Frey
Carl Benedikt Frey warnt in seinem ZEIT-Artikel vor der fehlenden Jobsicherheit im Zeitalter technologischer Disruption. Der Ökonom illustriert dies anhand historischer Beispiele: Die Übergangsphase der ersten Industriellen Revolution dauerte etwa sieben Jahrzehnte – eine Warnung vor den langfristigen Konsequenzen heutiger technologischer Umwälzungen. Frey argumentiert, dass selbst in scheinbar sicheren Berufen keine langfristige Stabilität mehr garantiert ist.
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:25:12 „Von dem stammt der interessante Satz, hat er vor einem Jahr in der Zeit, glaube ich, gesagt. Die Übergangsphase der ersten industriellen Revolution hat ungefähr sieben Dekaden gedauert.“
Lanz zitiert eine Aussage von Karl Frey in einem Interview oder Artikel in der ZEIT, in dem Frey vor den langen Übergangszeiten technologischer Revolutionen warnt
Interview mit Carl Benedikt Frey
Der Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey vergleicht die aktuelle KI-Disruption mit der Übergangsphase der industriellen Revolution, die etwa sieben Jahrzehnte dauerte. Während Frey vor 13 Jahren vor der Automatisierbarkeit von 47 Prozent aller Berufe warnte, äußert er heute Optimismus. Zentral für seine Analyse ist die Warnung, dass eine moderne Demokratie nicht sieben Dekaden lang stagnierende oder fallende Löhne aushalten kann – ohne ernsthafte politische Folgen zu riskieren.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:25:24 „Von dem stammt der interessante Satz, hat er vor einem Jahr in der Zeit, glaube ich, gesagt. Die Übergangsphase der ersten industriellen Revolution hat ungefähr sieben Dekaden gedauert. Und dann der entscheidende Gedanke, ich glaube nicht, dass eine moderne Demokratie sieben Dekaden lang stagnierende Löhne oder sogar fallende Löhne aushalten kann.“
Lanz zitiert einen Beitrag in der ZEIT, in dem Oxford-Forscher Carl Benedikt Frey die Übergangsphase der industriellen Revolution mit der heutigen Disruption vergleicht und vor den demokratiegefährdenden Folgen langfristig stagnierender Löhne warnt.
Berufe, die ausgestorben sind
Immer wieder werden Berufe überflüssig, weil Computer und Maschinen die Arbeit übernehmen. Was man von Fackeljungen, Sündenböcken und Pipi-Sammlern lernen kann.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:26:26 „ich glaube kürzlich in der Zeit war es auch und die Kollegen vom Fokus haben auch mal sowas gemacht, Berufe, die ausgestorben sind“
Lanz verweist auf Artikel in der ZEIT und im Focus über historisch ausgestorbene Berufe als Überleitung zu den Prognosen der Oxford-Studie
Artikel über ausgestorbene Berufe
Immer wieder werden Berufe überflüssig, weil Computer und Maschinen die Arbeit übernehmen. Was man von Fackeljungen, Sündenböcken und Pipi-Sammlern lernen kann.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:26:27 „Ich glaube kürzlich in der Zeit war es auch und die Kollegen vom Fokus haben auch mal sowas gemacht, Berufe, die ausgestorben sind. Sehr skurril zum Teil, die heute auch keiner mehr vermisst.“
Lanz erwähnt beiläufig Artikel in der ZEIT und im Focus über historisch ausgestorbene Berufe wie Drahtzieher, Eissäger oder Laternenanzünder, um das Thema technologiebedingten Jobverlusts mit humorvollen Beispielen zu illustrieren.
Germany's Next Topmodel
Heidi Klum / ProSieben · 2006
Germany’s Next Topmodel (kurz: GNTM) ist eine deutsche Castingshow im Reality-TV-Format des Senders ProSieben. Die seit 2006 jährlich ausgestrahlte Sendung wird von Heidi Klum moderiert und ist eine glokalisierte Adaption des amerikanischen Next-Topmodel-Formats.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:31:10 „Also Topmodels gibt es ohnehin nicht mehr. Shows, die danach benannt werden, dass da Topmodels sind, sind natürlich Leute, die weder Topmodels sind, noch je Topmodels werden. Warum? Weil Topmodels in dem Sinne nicht mehr gebraucht werden.“
Im Kontext der Oxford-Studie diskutieren Lanz und Precht das Aussterben des Model-Berufs durch KI-generierte Bilder. Precht verweist dabei implizit auf Heidi Klums Castingshow als Beispiel dafür, dass der klassische Topmodel-Beruf bereits an Bedeutung verloren hat – die Teilnehmerinnen solcher Shows würden weder echte Topmodels sein noch jemals welche werden.
Vier-Tage-Woche-Studie (UK Pilot Programme)
Britische Pilotstudie zur viertägigen Arbeitswoche (UK Pilot Programme). Der Versuch zeigte positive Ergebnisse bei Mitarbeiter:innenzufriedenheit und Wohlbefinden. Kritisch: Die Stichprobe war nicht repräsentativ, da überwiegend Dienstleistungsbetriebe teilnahmen.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:50:58 „In England gab es Versuche mit der Viertagewoche und dann kamen die Schlagzeilen, Eigentlich großer Erfolg und die Leute fanden das alle gut“
Lanz analysiert kritisch die britische Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche und hinterfragt deren Repräsentativität, da fast nur Dienstleistungsbetriebe teilnahmen
Pilotprojekt zur Viertagewoche in Großbritannien
Britische Pilotstudie mit 61 Betrieben zur Auswirkung der Viertagewoche auf Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit. Die Ergebnisse schienen positiv, doch die Stichprobe war nicht repräsentativ: nur 3 von 61 Betrieben waren Industrieunternehmen, die übrigen waren Dienstleister mit ohnehin kritischer Haltung zum Thema.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:51:18 „In England gab es Versuche mit der Viertagewoche und dann kamen die Schlagzeilen, eigentlich großer Erfolg und die Leute fanden das alle gut und so weiter und die Produktivität ist in keinster Weise zurückgegangen. Und wenn man sich das dann mal anschaut, auch sehr interessant, gerade in dieser englischen Studie, die Betriebe sind in keinster Weise repräsentativ gewesen.“
Lanz bringt die viel beachtete britische Studie zur Viertagewoche als Beispiel für unkritische Medienrezeption. Er kritisiert, dass von 61 teilnehmenden Betrieben nur drei echte Industriebetriebe waren und die Stichprobe überwiegend aus Dienstleistern bestand, die dem Thema ohnehin offen gegenüberstanden. Precht stimmt zu und mahnt generell zur Skepsis gegenüber pauschalen Studien-Schlagzeilen.