Cottagecore ist auch nur eine Fantasy-Geschichte
Nina Pauer, Lars Weisbrod
Zum ersten Mal widmet sich der Podcast zweimal demselben Autor: Christian Kracht und seinem neuen Roman "R", in dem ein Innenarchitekt aus einer skandinavisch-artisanalen Noma-Welt in eine Fantasy-Dimension katapultiert wird — und dort dieselbe Sehnsucht nach Kargheit, Stein und Zweidimensionalität wiederfindet. Die Folge entschlüsselt, wie Kracht die Cottagecore-Ästhetik des brutal-lokalen Foraging als das entlarvt, was sie im Kern ist: eine Regressionsfantasie zurück zur hochentwickelten Jäger-und-Sammler-Kultur, verpackt in Fantasy-Elemente, die Borges und Dante gleichermaßen aufrufen.
„Wir kommen nie zurück noch voraus zu jenem Punkt, wo wir unser Gewissen beruhigen können, sondern wir werden immer auf der Suche sein. Wir werden immer nach einer neuen und nach einer anderen Welt suchen.“
Erwähnte Medien (10)
R
Christian Kracht · 2024
The bestselling, contemporary Swiss author Christian Kracht is as widely celebrated as he is a source of controversy. This introduction to his work suggests locating his writings in discourses that range beyond the labels that have been traditionally assigned to them, namely “postmodernism,” camp,” and “Popliteratur.” Instead, this volume considers Kracht’s work through the lenses of “authorship,” “irony,” and “globalism.” This volume argues that there is no fixed or uniform author represented i...
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:02:28 „Jetzt hat er wieder ein neues Buch geschrieben. Es wurde wieder heiß erwartet, wie immer sind Krachtbücher Ereignisse, es heißt R, auch das ist schon ein Geheimnis, ich hoffe man spricht das Englisch, soll das Englisch aussprechen den Titel, wir tun es einfach mal, R, um das geht es heute.“
Das neue Buch von Christian Kracht ist das zentrale Thema dieser Podcast-Folge. Lars Weisbrod kündigt es als eines der großen Literaturereignisse des Frühjahrs an. Das Buch wird als rätselhaft beschrieben – es scheint etwas über die Gegenwart zu erklären, bleibt aber auf letzte Weise nicht genau fassbar.
Don Quixote
Miguel de Cervantes · 1892
Don Quixote von Miguel de Cervantes ist ein klassischer Roman über einen idealisierten spanischen Edelmann, der sich gegen die Realität behauptet. Das Werk war für Schriftsteller Paul Auster ein prägender Text seiner Jugend und floss später in sein Romanwerk City of Glass ein. Cervantes' Meisterwerk erforscht zentrale Themen wie Wahnsinn, Illusion und die menschliche Sehnsucht nach Bedeutung.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:10:22 „Der nennt sich nämlich dann weiter Pancho. Was ich nicht ganz verstehe, weil es heißt doch bei Cervantes Sancho, Panzer heißt er, ne? Der Begleiter von Don Quixote.“
Lars Weisbrod erwähnt Cervantes' Don Quixote beiläufig, als er über den Pseudonym-Absender einer Hörermail spricht, der sich 'Sancho Pancho' nennt – eine Anspielung auf die Figur Sancho Panza.
Der Herr der Ringe
J. R. R. Tolkien · 2001
Dem Hobbit Bilbo Beutlin fällt zufällig ein machtvoller Ring in die kleinen Hände. Dieses Schmuckstück erlaubte es dem finsteren Herrscher Sauron einst, die Welt zu unterjochen. Der Ring schien über Jahrhunderte verloren, bis Bilbo ihn an sich nahm und seinen „Schatz“ sechzig Jahre lang bewahrte. An seinem 111. Geburtstag gibt er ihn schweren Herzens an seinen Neffen Frodo weiter und verlässt seine Heimat Mittelerde. Für den jungen Hobbit Frodo wird der Ring jedoch zur schweren Bürde.
🗣 Nina Pauer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:44:21 „Ich habe leider nie diese Verfilmungen gesehen. Vom Herr der Ringe gesehen, aber habe die Bilder, die Filmplakate immer so vor Augen und diese Landschaft hatte mich immer so früher angesprochen. Ich dachte manchmal, ich würde gerne diese Filme sehen, nur um diese Landschaft zu sehen.“
Als Mangold die Fantasy-artige Gegenwelt in Krachts Roman beschreibt – sattes Grün, kraftvolle Regenschauer, durchbrechende Sonne –, fühlt er sich an die Filmplakate der Herr-der-Ringe-Verfilmungen erinnert, obwohl er die Filme selbst nie gesehen hat. Die Assoziation dient ihm zur Einordnung der üppigen Landschaftsbeschreibungen im Roman.
Artikel über Christian Kracht
Adam Soboczynski
Christian Kracht hat einen großen neuen Roman geschrieben.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:47:31 „Das fand ich ganz schön in dem Text von Adam Soboschinski in unserem Feuilleton, der ja mit Kracht gesprochen hat, erzählt Kracht, dass er kurz überlegt hat, ob diese Welt zwei Monde haben soll.“
Weisbrod bezieht sich auf einen Artikel von Adam Soboczynski im ZEIT-Feuilleton, in dem dieser ein Gespräch mit Christian Kracht über seinen neuen Roman führte. Darin verrät Kracht, dass er erwogen hatte, seiner Romanwelt zwei Monde zu geben, sich dann aber dagegen entschied.
Eher
Christian Kracht · 2018
Faserland ist der 1995 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienene Debütroman des 1966 geborenen Schweizer Schriftstellers Christian Kracht. Von der Kritik zunächst eher zurückhaltend aufgenommen, zählt der Roman heute zu den bekanntesten deutschsprachigen literarischen Texten der 1990er-Jahre. Laut Christian Kracht ist Faserland der erste Teil eines Triptychons, bestehend aus den Romanen Faserland, 1979 und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Faserland wurde bislang (Stand: 2019...
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:48:26 „Machen wir mal kurz hier einen Cut, weil wir wollen auch nicht das ganze Buch spoilern und erzählen. Wir müssen nur vielleicht einmal vorausgreifen, ja, entschuldigt bitte, da müssen wir ein bisschen, ja, es ist schon ein Spoiler, aber wir müssen weiter erzählen.“
Das Hauptbuch der Episode. Weisbrod und Mangold analysieren ausführlich Krachts neuen Roman, in dem der Protagonist Paul aus einer Noma-artigen Gegenwartswelt in eine Fantasy-artige andere Dimension gerät. Sie diskutieren die Raumsemantik, die Zivilisationskritik und die Vermischung von Lifestyle-Beobachtung mit fantastischem Erzählen.
Merlin und Lancelot
James Archer
Präraffalitisches Gemälde von James Archer, das Merlin und Lancelot in einer bedeutsamen Haltung zeigt. Das Werk dient als zentrale visuelle Chiffre eines Romans und nimmt dessen Schlussbild vorweg, in dem die Schicksale der Protagonisten sich erfüllen.
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 01:03:36 „Und da gibt es ein Gemälde, das kann man auch googeln, von dem Zauberer Merlin und dem Ritter von der Tafelrunde Lancelot. Ein sehr mäßiges Bild, wie auch Paul feststellt. Das ist das eigentliche Schlussbild der letzten Kapitel von Eher, wo die beiden nämlich Cohen als Lancelot mit faulender Wunde und vorneweg Paul schreitet.“
Mangold beschreibt ein Gemälde des präraffaelitischen Malers James Archer, das im Roman eine Schlüsselrolle spielt: Es zeigt Merlin und Lancelot in einer Haltung, die das Schlussbild des Romans vorwegnimmt. Paul erhält es im Roman als Geschenk — obwohl es als mittelmäßig beschrieben wird, wird es zur zentralen visuellen Chiffre.
Tlön, Uqbar, Orbis Tertius
Jorge Luis Borges · 1983
`Here is a handsome edition of one of Borges' ficciones, in a translation first published in Labyrinths in 1962. It's an important story in the Borges' canon, incorporating most of the author's philosophical and esthetic preoccupations in a typically brief compass. With great solemnity and a convincing array of scholarly detail (including annotated references to imaginary books and articles), Borges contocts a fable of an alternate world and its infiltration of our own.
🗣 Nina Pauer zitiert daraus bei ⏱ 01:05:54 „Jorge Luis Borges denken müssen. Von dem gibt es eine Erzählung über auch eine andere Welt, eine Other World, die heißt Tlön. Und von den Bewohnern von Tlön heißt das Design per se von Natur aus Idealisten. Ein Buch, das nicht seine eigene Widerlegung enthalte, ist für die Bewohner von Tlön unvollständig.“
Mangold assoziiert Krachts Romanwelt mit Borges' berühmter Erzählung über die erfundene Welt Tlön, deren Bewohner Idealisten sind und von einem Buch verlangen, dass es seine eigene Widerlegung enthält. Viele Eigenschaften von Tlön erkennt Mangold vage in Krachts 'Eher' wieder — als Teil eines intertextuellen Feuerwerks.
Chill
Daniel Kehlmann · 2014
Das Ausloten von Möglichkeiten grammatischer Analysen für literaturwissenschaftliche Untersuchungen ist Grundgedanke der vorliegenden Arbeit. Mithilfe verschiedener grammatischer Modelle (Nähe-Distanz-Modell, Junktionsmodell, Felderstrukturmodell) werden die Figuren aus den Romanen Relax von Alexa Hennig von Lange und Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann untersucht und in ihrer grammatischen Gestaltung miteinander verglichen.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 01:07:58 „Selbst da vermischen sich ja dann die fantastischen und die realistischen Elemente dann in so einem Buch wie Chill oder so.“
Weisbrod erwähnt Kehlmanns 'Chill' als Gegenbeispiel: Auch dort vermischen sich fantastische und realistische Elemente, aber Kehlmann sei in seinem Erzählen nicht so extravagant wie Kracht. Die spezifische Mischung aus Lifestyle-Detailbeobachtung und Fantastik sei bei Kracht einzigartiger.
Flexen in Miami
Joshua Groß · 2020
Auf Einladung der Rhoxus Foundation verschlägt es den Erzähler Joshua nach Miami. Dort findet er sich in einem smarten Apartment wieder: Geld und Astronautennahrung werden von einer Drohne geliefert, die Temperatur automatisch reguliert, der Kühlschrank ist sein einziger Gesprächspartner. Das Computerspiel »Cloud Control« bietet die einzige Abwechslung, es speist sich in Echtzeit aus den Daten der Gamer.
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 01:09:59 „Und dann habe ich noch weiter überlegt und ein Beispiel ist mir noch eingefallen, der Autor Joshua Groß, den du glaube ich auch sehr schätzt, der tut das auch. Ich habe damals seinen Roman Flexen in Miami gelesen, der interessiert sich aber für andere Lifestyle-Welten als Krach, der ist ja mehr so im Rap zu Hause.“
Weisbrod nennt Joshua Groß als drittes Beispiel für die Verschmelzung von Lifestyle und Fantasy: In 'Flexen in Miami' trifft Rap- und Streetstyle-Wissen auf fantastische Elemente. Groß kennt die richtigen Marken und Rapper, ist aber gleichzeitig ein großer Leser klassischer Fantasy- und Science-Fiction-Literatur.
The Two Cultures
C.P. Snow · 2012
*The Two Cultures* is the first part of an influential 1959 Rede Lecture by British scientist and novelist C. P. Snow. Its thesis was that "the intellectual life of the whole of western society" was split into the titular two cultures — namely the sciences and the humanities — and that this was a major hindrance to solving the world's problems. The talk was delivered 7 May 1959 in the Senate House, Cambridge, and subsequently published as *The Two Cultures and the Scientific Revolution*.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:10:59 „Aber vielleicht ist das auch der Witz. Also vielleicht ist die Frage gar nicht, was passiert dann Interessantes, sondern dass es der absolute Gegensatz ist, fast in so einem Sinne der alten Two-Cultures-These. Das eine ist eher Humanities, das andere ist eher Mint.“
Lars Weisbrod versucht zu erklären, warum die Kombination aus genauer Lifestyle-Beobachtung und fantastischem Erzählen in Krachts 'R' so faszinierend ist. Er greift auf C.P. Snows berühmte These von den zwei getrennten Kulturen (Geistes- vs. Naturwissenschaften) zurück, um den Gegensatz zwischen den beiden Erzählebenen zu beschreiben.