Die Treue einer jungen Frau
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Diese Folge widmet sich dem Buch Ruth — einer kunstvoll eingeschobenen Novelle zwischen Richter- und Königszeit, die den Stammbaum König Davids aus der Perspektive von Frauen erzählt. Als eines der wenigen biblischen Bücher, das nach einer Frau benannt ist, wird es zum Anlass, die systematische Unsichtbarkeit von Frauen in der Geschichtsschreibung zu beleuchten — von der Bibel bis zu den Denkmälern der USA, wo es elfmal mehr Meerjungfrauen-Statuen gibt als Standbilder von Parlamentarierinnen.
„Es gibt elfmal mehr Meeresjungfrauenstatuen, 22 nämlich im ganzen Land, als solche von Parlamentarierinnen. Nur ganze zwei Standbilder zeigen weibliche Mitglieder des Kongresses.“
Erwähnte Medien (8)
Septuaginta
Anonyme jüdische Gelehrte (3. Jh. v. Chr.)
Griechische Übersetzung der hebräischen Bibel für die griechischsprachigen Juden Ägyptens im 3. Jahrhundert v. Chr. Sie versetzte die hellenistischen Gemeinden in die Lage, die heiligen Schriften in ihrer eigenen Sprache zu lesen und ebnete damit dem frühen Christentum den Weg in die Mittelmeerdiaspora.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:01:15 „Aber in der Septuaginta ist es schon da, also in der griechischen Übersetzung des hebräischen Textes. Und man hat es dort eingeordnet, weil man es irgendwie in die Richterzeit einordnete.“
Johanna Haberer erklärt die unterschiedliche Einordnung des Buches Ruth in der hebräischen Bibel und der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung. In der Septuaginta wurde Ruth zwischen Richter und Könige eingeordnet, was die christliche Reihung bis heute prägt.
Männer in Stein
An Samstag gegen 6:10 Uhr kam es in einer S1-Bahn und am S-Bahnhof Hirschgarten zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen, bei der ein 24-jähriger Mann aus Senegal durch einen Steinwurf am Kinn verletzt wurde. Der Täter, ebenfalls dunkelhäutig und mit Jeansjacke mit Fellkragen sowie roten Turnschuhen bekleidet, flüchtete mit einer Bahn in Richtung Hauptbahnhof. 24 Stunden später gerieten eine 24-jährige Frau aus Milbertshofen und eine unbekannte Frau in der östlichen Unterführung des Ostbahnhofs in einen Streit, der in körperliche Gewalt eskalierte und zu Würgangriffen gegen die junge Frau führte. Die Münchner Bundespolizei ermittelt in beiden Fällen.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:02:54 „Am 11. Oktober 21 war nämlich auf der ersten Seite der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift Männer in Stein ein kleines, ganz kleines Stückchen abgedruckt. Denkmäler in den USA zeigen vor allem reiche Herren.“
Sabine Rückert liest vor der eigentlichen Bibelgeschichte einen kurzen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vor, der als thematische Klammer dienen soll. Der Artikel beschreibt eine Auswertung von Monument Lab, die zeigt, dass fast alle Denkmäler in den USA weiße, reiche Männer darstellen — nur drei Frauen schafften es unter die Top 50. Rückert nutzt diese Statistik als Kontrastfolie zum Buch Ruth, das als eines der wenigen biblischen Bücher nach einer Frau benannt ist und aus weiblicher Perspektive erzählt.
Monument Lab Studie
Monument Lab
Systematische Analyse von fast 50.000 öffentlichen Denkmälern in den USA, die dokumentiert, wem Amerika Statuen setzt. Die Studie zeigt, dass Denkmäler fast ausschließlich weiße, wohlhabende Männer darstellen und offenbart damit Muster von historischer Sichtbarkeit und kultureller Erinnerung.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:03:23 „Fast 50.000 Statuen in den USA sind in verschiedensten Datenbanken erfasst und in historischen Dokumenten erwähnt. Die Initiative Monument Lab hat sie akribisch ausgewertet und herausgefunden, fast alle Menschen, denen die Vereinigten Staaten ein Denkmal setzen, sind weiß, fast alle männlich, fast alle waren reich.“
Sabine Rückert zitiert aus dem SZ-Artikel über die Monument Lab Studie, die fast 50.000 US-Statuen ausgewertet hat. Die Studie zeigt, dass Denkmäler fast ausschließlich weiße, reiche Männer darstellen — als Kontrast zur folgenden Besprechung des Buches Ruth, das von Frauen handelt.
Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-östlichen Divans
Johann Wolfgang von Goethe · 2002
Kommentare und Abhandlungen zum West-östlichen Divan, in denen biblische Texte als eigenständige literarische Werke gewürdigt werden. Neuere Forschung offenbart in diesen Texten komplexe Rechtsvorstellungen und künstlerische Tiefe, die über oberflächliche Deutungen hinausgeht.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:05:19 „Auch der Goethe sagt, es ist ein kleines, liebliches, idyllisches Ganzes. Bis dann vor, ich glaube, zehn Jahren oder was, der Kollege Ebach rausgearbeitet hat, dass das ein Buch aus einem Guss, möglicherweise von einer Frau geschrieben, mit wahnsinnig klugen Rechtsvorstellungen ist.“
Johanna Haberer zitiert Goethes berühmte Charakterisierung des Buches Ruth als 'kleines, liebliches, idyllisches Ganzes'. Dieses Urteil stammt aus Goethes Kommentar zum West-östlichen Divan, wo er biblische Texte als literarische Werke würdigt. Haberer stellt Goethes verharmlosende Einschätzung der neueren Forschung gegenüber.
Das Buch Rut
Jürgen Ebach · 2021
Der Jalkut Schimoni ist ein Sammelwerk rabbinischer Auslegungen zur gesamten hebräischen Bibel. Unerforscht ist, nach welchen Kriterien die Auslegungen ausgewählt wurden und ob das Werk als umfassendes Nachschlagewerk für exegetische Fragen, zur Verbindung von Bibelauslegung in Talmud und Midrasch oder zur Reform der rabbinischen Auslegungstradition konzipiert wurde. Die Übersetzung des Werkes ist ein erster Schritt, diese Fragen zu beantworten.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:05:19 „Bis dann vor, ich glaube, zehn Jahren oder was, der Kollege Ebach rausgearbeitet hat, dass das ein Buch aus einem Guss, möglicherweise von einer Frau geschrieben, mit wahnsinnig klugen Rechtsvorstellungen ist.“
Johanna Haberer verweist auf die exegetische Arbeit ihres Kollegen Jürgen Ebach, der die bisherige Sicht auf das Buch Ruth als bloße Novelle revidiert hat. Ebach zeigte, dass es ein durchkomponiertes Werk mit fundierten Rechtskenntnissen ist, möglicherweise von einer Frau verfasst.
Moby Dick
Herman Melville · 2020
"Command the murderous chalices! Drink ye harpooners! Drink and swear, ye men that man the deathful whaleboat's bow -- Death to Moby Dick!" So Captain Ahab binds his crew to fulfil his obsession -- the destruction of the great white whale. Under his lordly but maniacal command the Pequod's commercial mission is perverted to one of vengeance.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:25:06 „Es gibt eine wunderbare Beschreibung von Melville in seinem Roman »Moby Dick«, wie sich Wale verhalten, wenn einer von ihnen getroffen wird. Es gibt ja bei den Jungtieren Walschulen. Das heißt, die Jungtiere ziehen zusammen in Gruppen herum.“
Sabine Rückert zieht eine spontane Parallele zwischen der Loyalität der Ruth gegenüber Naomi und dem Verhalten weiblicher Wale in Melvilles Roman. Sie erinnert sich an eine Passage, in der beschrieben wird, dass weibliche Wale bei einem harponierten Artgenossen bleiben und versuchen, ihn zu retten, während männliche Wale fliehen. Diese Assoziation unterstreicht das zentrale Thema der weiblichen Solidarität im Buch Ruth.
Artikel über Standbilder für reiche weiße Männer
Süddeutsche Zeitung
Eine Analyse von fast 50.000 Statuen in den USA zeigt ein einseitiges Gedenklandschaft: Die überwiegende Mehrheit erinnert an weiße, wohlhabende Männer, häufig Generäle oder Präsidenten, viele davon Sklavenhalter. Besonders auffällig ist das Geschlechter-Ungleichgewicht: Nur drei Frauen schaffen es unter die 50 am häufigsten dargestellten Personen, während es mehr Meerjungfrauen-Statuen (22) gibt als Denkmäler für weibliche Kongress-Abgeordnete (2). Die Andrew-W.-Mellon-Stiftung reagiert mit 250 Millionen Dollar, um Statuen zu ersetzen und die Geschichte gerechter zu repräsentieren. Laut Stiftungspräsidentin Elizabeth Alexander ist die Auswahl historischer Denkmäler weniger eine Frage von Verdienst als vielmehr von Macht und Ressourcen zur Geschichtsschreibung.
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:45:19 „Jetzt wollte ich bei der Gelegenheit, nachdem ich ja mit der Süddeutschen Zeitung begonnen habe und mit den Standbildern, die man reichen weißen Männern aufstellt, wollte ich jetzt, wir haben es ja hier mit armen, nicht weißen Frauen zu tun gehabt die ganze Zeit, die unter einem besonderen Segen stehen.“
Sabine Rückert verweist auf einen offenbar in der ersten Hälfte der Episode besprochenen Artikel der Süddeutschen Zeitung über Standbilder für reiche weiße Männer. Sie nutzt den Artikel als Kontrastfolie zur Ruth-Geschichte, in der arme, nicht-weiße Frauen im Zentrum stehen und unter besonderem Segen stehen.
Interview mit Yuval Noah Harari
Die Zeit
Der Historiker Yuval Noah Harari argumentiert in diesem Zeit-Interview, dass Frieden trotz jahrtausendalter Konfliktmuster möglich ist. Er erörtert die Bibel als grundlegendes Bezugssystem in Israel und zeigt, wie die feministische Revolution als eine der erfolgreichsten und friedlichsten Revolutionen der Geschichte zur Überwindung von Hierarchien und Patriarchat beitrug. Der Artikel verbindet klassische biblische Texte mit modernen Fragen der Geschlechtergerechtigkeit.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:45:37 „Jetzt wollte ich aufhören mit einem kleinen Interview, das in der Zeit stand, mit meinem Lieblingshistoriker Yuval Noah Harari. Der wurde kürzlich in der Zeit befragt über dieses und jenes und unter anderem sagt er Folgendes über die Bibel.“
Sabine Rückert zitiert am Ende der Episode ausführlich aus einem Zeit-Interview mit Yuval Noah Harari. Darin spricht Harari über die Bibel als grundlegendes Bezugssystem in Israel, über das Patriarchat und über die feministische Revolution als eine der erfolgreichsten und friedlichsten Revolutionen der Geschichte. Rückert schlägt damit den Bogen vom biblischen Ruth-Stoff zu modernen Fragen der Gleichberechtigung.