Was ist ein heiliger Ort
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Anlass der Folge ist Johanna Haberers halbjähriger Aufenthalt in Jerusalem, wo sie auf dem Ölberg eine Pfarrstelle vertritt. Von dort aus entspinnt sich ein Gespräch über heilige Orte und warum bestimmte Plätze einen besonderen Zauber haben. Mit einem originellen Bild aus der Kreditwirtschaft erklärt Haberer das Konzept des Heiligen: Gott habe einen "Eigentumsvorbehalt" auf bestimmte Orte und auf jeden Menschen — die Seele als Gottesteilchen, das uns immer wieder selbst überraschen kann.
„Das anthropologisch Interessante ist, dass darin die Erkenntnis steckt, dass wir uns nicht selbst gehören.“
Erwähnte Medien (10)
Confessiones (Bekenntnisse)
Augustinus von Hippo · 2024
In "Die Bekenntnisse" (Confessiones) gewährt Aurelius Augustinus einen tiefen Einblick in seine spirituelle und intellektuelle Reise. Der literarische Stil ist autobiografisch und zugleich philosophisch, geprägt von einer bewegenden Rhetorik, die theologische Gedanken und persönliche Reflexionen vereint. Augustinus schildert seine Suche nach Wahrheit und Sinn, begonnen in einer von Sinnlichkeit geprägten Jugend und mündend in eine radikale Bekehrung zum Christentum.
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:16:56 „Augustinus, Kirchenvater im 5. Jahrhundert, ein Muttersöhnchen, dessen Mutter Monika ist gestorben, noch auf italienischem Boden, auf dem Rückweg nach Afrika. Und dort hat sie dann den Satz niederlegen lassen, begrabt meinem Leib, wo ich will, ich werde euch wiedersehen und euch wieder begegnen, irgendwo ich werde euch finden.“
Johanna Haberer erzählt die Geschichte von Augustinus' Mutter Monika, die aus den Bekenntnissen stammt, um zu zeigen, dass schon in der christlichen Tradition die Fixierung auf ein bestimmtes Grab relativiert wurde. Persönliche Verbindung: Ihre eigene Mutter habe genau diesen Satz auf ihre Todesanzeige schreiben lassen.
Das Vermächtnis der Aborigines
Der Artikel beleuchtet die heiligen Landschaften der australischen Aborigines und zeigt, wie Ureinwohner Touristen durch mystische Orte wie Höhlen und heilige Berge führen. Er vermittelt Einblicke in die kulturellen Regeln dieser Gebiete, etwa dass bestimmte Plätze nur von Männern betreten werden dürfen. Im Kontext dieser traditionellen Praktiken werden auch historische Wiedergutmachungen für die "Stolen Generations" angesprochen, jene Aborigines, denen zwischen 1910 und 1970 die Kinder weggenommen wurden.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:20:18 „Zum Beispiel habe ich hier gefunden ein Text aus dem Tagesspiegel, das Vermächtnis der Aborigines. Australien aus der Sicht der Ureinwohner. Benedict Stevens ist einer von ihnen zu Besuch bei mystischen Höhlen und heiligen Bergen.“
Sabine Rückert hat im Archiv nach heiligen Orten recherchiert und stellt mehrere Artikel vor. Dieser Tagesspiegel-Beitrag beschreibt, wie Aborigines Touristen durch ihre heilige Landschaft führen und welche Regeln dort gelten — etwa dass Frauen bestimmte Schluchten nicht passieren dürfen.
Der Stein und das Nichts
Der Artikel behandelt den Uluru (Ayers Rock) in Australien und dessen Bedeutung als heiliger Ort der Aborigines. Er dokumentiert den massiven Andrang von Touristen auf das Heiligtum und die damit verbundenen Konflikte. Der Bericht befasst sich mit der Entscheidung, den Uluru für Besteigungen zu sperren, um die kulturelle und religiöse Stätte zu schützen.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:22:09 „Dann habe ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gefunden, der Stein und das Nichts, wie weit dürfen Touristen gehen. Der Uluru, das Heiligtum der Aborigines, darf nicht mehr bestiegen werden.“
Im Rahmen ihrer Archivrecherche zu heiligen Orten erwähnt Sabine Rückert diesen FAZ-Artikel über den Uluru (Ayers Rock) und die Sperrung für Touristen. Der Artikel thematisiert den Ansturm von Touristen auf das Heiligtum der Aborigines, bevor es endgültig für Besteigungen gesperrt wurde.
Ein Mysterium von Thule
Der Artikel thematisiert die militärische und wirtschaftliche Expansion der USA in Grönland und deren Auswirkungen auf die Inuit. Die Pläne für Ölbohrungen und einen Raketenschutzschild bedrohen den heiligen Ort Thule, der längst von der US-Armee vereinnahmt wurde. Ein Gespräch mit dem Polarforscher Jean Malaurie beleuchtet diesen Konflikt zwischen indigenen Kulturgütern und geopolitanischen Interessen.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:22:45 „Dann gab es in Grönland kämpften, ein Artikel aus der Zeit, ein Mysterium von Thule. Amerikas Pläne für Ölbohrungen und einen Raketenschutzschild treffen vor allem die Inuit. Längst hat das Militär den heiligen Ort vereinnahmt.“
Sabine Rückert führt diesen ZEIT-Artikel als weiteres Beispiel für den weltweiten Konflikt zwischen heiligen Orten indigener Völker und wirtschaftlich-militärischen Interessen an. Der Artikel beschreibt, wie die USA den heiligen Ort der Inuit in Thule für militärische Zwecke vereinnahmt haben.
Die Apachen kämpfen wieder
Ist das der Beginn einer langwierigen Militäroperation? Einem Bericht zufolge startet das US-Militär einen Einsatz, die Straße von Hormus wieder befahrbar zu machen. Ein Experte zweifelt aber an einem schnellen Erfolg.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:23:02 „Dann gab es einen Beitrag über Nordamerika. Die Apachen kämpfen wieder. In Arizona verteidigen die Indianer ihr heiliges Land gegen zwei Minenkonzerne.“
Als Teil ihrer Archivrecherche erwähnt Sabine Rückert diesen Beitrag über den Kampf der Apachen in Arizona gegen Minenkonzerne, die auf ihrem heiligen Land abbauen wollen — ein weiteres Beispiel für den globalen Konflikt um heilige Stätten indigener Völker.
Die Schamanen schlagen zurück
Im Amazonasgebiet wehren sich indigene Völker zunehmend gegen Landnehmer, die ihre Territorien und heiligen Stätten bedrohen. Der Artikel zeigt, wie traditionelle spirituelle Führer wie Schamanen in diesem Kampf zu aktiven Verteidigern ihrer Gemeinschaften werden. Es geht um den Schutz heiliger Orte und der Lebensgrundlagen indigenous Bevölkerungen angesichts wachsender wirtschaftlicher Interessen.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:23:12 „Und aus Südamerika, die Schamanen schlagen zurück. Im Amazonasgebiet kämpfen indigene Völker gegen immer brutalere Landnehmer. Geht es auch um die heiligen Heine.“
Im Rahmen ihrer Recherche zu heiligen Orten weltweit erwähnt Sabine Rückert diesen Beitrag über den Kampf indigener Völker im Amazonasgebiet gegen Landnehmer, die ihre heiligen Stätten bedrohen.
Ich bin dann mal weg
Hape Kerkeling · 2010
Juni 2001: Es ist ein nebelverhangener Morgen, als Hape Kerkeling, Deutschlands vielseitigster Entertainer und bekennende Couch potato, endgültig seinen inneren Schweinehund besiegt und in Saint-Jean-Pied-de-Port aufbricht. Sechs Wochen liegen vor ihm, allein mit sich und seinem elf Kilo schweren Rucksack: über die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen, durch das Baskenland, Navarra und Rioja bis nach Galicien zum Grab des heiligen Jakob, seit über 1000 Jahren Ziel für Gläubige aus der ganzen Welt...
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:28:37 „Der H.P. Kerkeling hat doch ein Buch geschrieben... Und hat darüber das Buch geschrieben, ich bin dann mal weg. Und hat in diesem Buch den Satz geschrieben, jetzt suche ich erst mal nach mir und dann nach Gott.“
Das Buch wird als Beispiel für die Suche nach sich selbst und nach Gott durch eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg angeführt
An welchen Orten finden Sie Kraft?
Matthias Politycki
Bei Matthias Politycki will das deutsche Wesen an der Welt genesen. Sein 700-Seiten-Roman "Herr der Hörner" strotzt vor Kraft und Ehrgeiz und klingt doch hohl
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:31:00 „Wir haben vor einiger Zeit in der Zeit Leute gefragt, prominente und nicht prominente Autoren gefragt, ob sie uns mal beschreiben wollen, an welchen Orten sie Kraft gewinnen. Und da haben sehr viele Leute mitgemacht, unter anderem ein Schriftsteller mit dem Namen Matthias Politicki, der neuerdings in Wien lebt.“
Sabine Rückert liest ausführlich den Beitrag von Matthias Politycki aus einer ZEIT-Serie vor, in der Autoren ihre persönlichen Kraftorte beschreiben. Politycki schildert das Wiener Café Zartl als Ort zeitloser Ruhe, an dem sich nichts verändert – eine Gegenthese zum ständigen Wandel der modernen Welt.
Nachtzug nach Lissabon
Pascal Mercier · 2012
Raimund Gregorius, Lateinlehrer, lässt plötzlich sein wohlgeordnetes Leben hinter sich und setzt sich in den Nachtzug nach Lissabon. Im Gepäck: das Buch des Portugiesen Amadeu de Prado, dessen Einsichten in die Erfahrungen des menschlichen Lebens ihn nicht mehr loslassen. Wer war dieser Amadeu de Prado? Es beginnt eine rastlose Suche kreuz und quer durch Lissabon, die Suche nach einem anderen Leben und die Suche nach einem ungewöhnlichen Arzt und Poeten, der gegen die Diktatur Salazars gekämpft ...
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:38:03 „Ihr kennt vielleicht, manche von Ihnen kennen vielleicht diesen Nachzug nach Lissabon, dieses Buch von Pierre Mercier, der, ich glaube, Pieri als richtiger Name heißt, das ist ein Literaturprofessor aus der Schweiz. Und der hat diese wunderbare Passage geschrieben, ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben.“
Johanna Haberer zitiert ausführlich aus Pascal Merciers Roman, um ihr Argument zu untermauern, dass Menschen heilige Räume und Zeiten brauchen, in denen sie unverletzlich sind. Die zitierte Passage – 'Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben' – beschreibt das menschliche Bedürfnis nach Erhabenheit und Stille, verbunden mit dem Anspruch auf Freiheit.
Aurora Leigh
Elizabeth Barrett Browning · 1890
Episches Gedicht über Aurora Leigh, eine junge Frau, die sich gegen gesellschaftliche Konvention für eine Karriere als Dichterin einsetzt. Das Werk verhandelt Fragen von weiblicher Selbstbestimmung, künstlerischer Berufung und der Suche nach spiritueller Bedeutung im Alltäglichen.
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:39:48 „Unsere beiden Positionen deutlich in einem Gedicht geschildert haben, von der Elisabeth Barrett Browning, die Anfang des 20. Jahrhunderts ein Gedicht geschrieben hat. Es hieß, die Erde ist mit Himmel vollgepackt und jeder gewöhnliche Busch brennt mit Gott. Aber nur der, der es sieht, zieht die Schuhe aus. Die anderen sitzen herum und pflücken Brombeeren.“
Zum Abschluss der Folge zitiert Johanna Haberer ein Gedicht von Elizabeth Barrett Browning, um die beiden Perspektiven der Schwestern auf das Thema Heiligkeit zusammenzufassen: Sabines nüchterne und Johannas spirituelle Haltung. Das Zitat über den brennenden Busch und die Brombeerpflücker bringt den Kontrast humorvoll auf den Punkt.