Wie ein Kunstfälscher die ganze Welt zum Narren hielt
Sabine Rückert, Andreas Sentker & Tobias Timm
Ein Gespräch mit dem ZEIT-Feuilletonisten Tobias Timm über den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der nicht einfach berühmte Gemälde kopierte, sondern im Stil von Künstlern wie André Derain oder Otto Dix völlig neue Werke schuf — Bilder, die diese Maler hätten malen können, es aber nie taten. Während Beltracchi selbst seine Fälschungen fast als kreative Ergänzung fremder Lebenswerke verkauft, sieht der Kunstbetrieb darin eine Verwässerung und Beschädigung ganzer Œuvres.
„Das ist die Geschichte, die der Wolfgang Beltracchi über sich erzählt, dass er nur Lücken ausgemalt hat mit wunderbaren Bildern und das quasi eine gute Tat war in gewisser Weise und das sehen ganz viele im Kunstbetrieb anders.“
Erwähnte Medien (10)
ZEIT Verbrechen (Magazin)
Sabine Rückert
Der Artikel porträtiert Sabine Rückert, die als erfolgreiche Podcasterin bekannt wurde und das Magazin ZEIT Verbrechen herausgibt. Dieses beschäftigt sich mit spektakulären Kriminalfällen und den Erkenntnissen, die sie über den Menschen und das Rechtssystem vermitteln. Im Interview mit ihrem Chef bei der ZEIT erklärt Rückert, warum sie sich am Ende ihrer Karriere langsam zurückziehen möchte.
🗣 Andreas Sentker erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:00:50 „Mir gegenüber sitzt Sabine Rückert, die einen großen Teil ihres Lebens auf der Spur von Verbrechern verbracht hat und in Gerichtssälen, nämlich als die Gerichtsreporterin der Zeit, heute ist sie stellvertretende Chefredakteurin der Zeit und Herausgeberin eines wunderbaren Magazins, nämlich Zeitverbrechen.“
Andreas Sentker stellt seine Co-Moderatorin Sabine Rückert vor und erwähnt dabei das Magazin Zeit Verbrechen, dessen fünfte Ausgabe aktuell erhältlich sei. Es handelt sich um eine Print-Publikation, die als Begleitprodukt zum Podcast erscheint.
Rotes Bild mit Pferden
Heinrich Campendonk
Expressionistisches Gemälde von Heinrich Campendonk, das zentrale Beweisstück in Wolfgang Beltracchis Kunstfälschungsskandal. 2006 für 2,8 Millionen Euro versteigert, wurde die Fälschung durch das anachronistische Pigment Titanweiß überführt, das in der Original-Periode nicht existierte.
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:04:51 „Also zum Beispiel das Bild, rotes Bild mit Pferden von Heinrich Kampendonk, das ist das Bild, das ihn dann auch letztlich aufliegen hat lassen.“
Tobias Timm erklärt Beltracchis Methode, verschollene Werke aus Künstlernachlässen zu fälschen. Das 'Rote Bild mit Pferden' von Heinrich Campendonk ist das zentrale Beweisstück des Falls – es wurde 2006 für 2,8 Millionen Euro versteigert und enthielt das falsche Titanweiß-Pigment, das Beltracchi letztlich überführte.
Hitler-Tagebücher
Konrad Kujau · 2009
Die Fälschung des Jahrhunderts Am 25. April 1983 präsentierte der STERN der staunenden Öffentlichkeit seinen Sensationsfund: die Hitler-Tagebücher. Nur kurze Zeit später entpuppten sie sich als Fälschung, und der größte Presseskandal der Bundesrepublik war geboren. Aber wie konnte es dazu kommen? Michael Seufert, damals Redakteur beim STERN, war dabei, und er kennt alle Beteiligten.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:12:35 „Die erinnern uns ja an die Hitler-Tagebücher. Die Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau, der ja auch angeblich Hitlers innerste Stimme war und da also allen möglichen Unfug zu Papier gebracht hat, der aber dann an der Analyse des Papiers letztlich doch gescheitert ist, weil es modernes Papier war.“
Sabine Rückert zieht eine Parallele zwischen Beltracchis Kunstfälschungen und dem berühmten Hitler-Tagebücher-Skandal von Konrad Kujau. In beiden Fällen scheiterten die Fälscher letztlich an der materialtechnischen Analyse – bei Kujau war es modernes Papier, bei Beltracchi ein falsches Weißpigment.
Beltracchis autobiografisches Buch
Wolfgang Beltracchi
Autobiografie des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi, in der er seine Fälschungsmethoden und -erlebnisse detailliert beschreibt. Ein prägendes Moment: Ein Sturm wirft seine zum Trocknen aufgestellten gefälschten Meisterwerke durch den Garten. Ein faszinierender Einblick hinter die Kulissen der Kunstfälschung.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:25:14 „Und dabei beschreibt er doch auch in seinem Buch, wie ihm einmal ein Sturm dazwischen kommt und die Bilder dann in den verschiedenen Regenrinnen hängen und seine riesigen Bilder dann irgendwo im Garten herum geistern.“
Sabine Rückert bezieht sich auf ein Buch von Wolfgang Beltracchi, in dem er seine Fälschungsmethoden beschreibt – unter anderem die Episode, in der ein Sturm die zum Trocknen in der Sonne aufgestellten Bilder durch den Garten wirbelte. Der genaue Titel wird nicht genannt.
Interview/Artikel über Wolfgang Joop als Fälscher
Tilman Prüfer
Zum 80. Geburtstag zeichnet Tilman Prüfer ein Porträt des legendären Designers Wolfgang Joop. Das Interview beleuchtet seine preußische Prägung, seine bescheidenen Anfänge und seine Philosophie zum Glamour. Offen gesteht Joop auch seine Jugendsünde: In seiner Studienzeit hatte er flämische Stillleben gefälscht und verkauft.
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:26:57 „Das hat er einmal dem Zeitkollegen Tilman Prüfer gestanden, gebeichtet. Als alles verjährt war. Als alles längst verjährt war.“
Tobias Timm erwähnt, dass der Modedesigner Wolfgang Joop dem Zeit-Journalisten Tilman Prüfer gebeichtet habe, in seiner Studienzeit flämische Stillleben gefälscht und verkauft zu haben. Der genaue Artikel wird nicht benannt, aber es handelt sich um eine publizierte Beichte in der Zeit.
Artikel über Schönheitsoperationen (mit Beltracchi-Zitat)
Der Spiegel
Der Vatikan veranstaltet eine Konferenz über Schönheitsoperationen und verurteilt diese als „Aggression gegen den weiblichen Körper" und metaphorisch als „Burka aus Fleisch". Als Werbeperson für diese Initiative tritt die Schauspielerin Nancy Brilli auf, was eine deutliche Ironie mit sich bringt: Brilli selbst hat offenbar Schönheitsoperationen durchführen lassen. Der Artikel dokumentiert einen Widerspruch zwischen der kirchlichen Botschaft und ihrer öffentlichen Verkörperung, der die Glaubwürdigkeit der vatikanischen Kampagne in Frage stellt. Das Beispiel zeigt, wie die katholische Kirche versucht, sich modern zu positionieren und gezielt Frauen anzusprechen, dabei aber auf unbedachte Widersprüche trifft.
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:36:37 „Da waren dann die ersten Google-Ergebnisse zu Wolfgang Beltracchi, war dann ein Artikel im Spiegel über Schönheitsoperationen. Da berichtete ein Wolfgang Beltracchi aus Südfrankreich, ein Maler, dass er sich das Ober- und das Unterlied gerade hätte straffen lassen.“
Tobias Timm schildert die Anfänge der gemeinsamen Recherche mit Stefan Koldehoff ab 2010. Bei den ersten Google-Suchen nach Beltracchi stießen sie auf diesen Spiegel-Artikel, in dem Beltracchi als Maler aus Südfrankreich über seine Lidstraffung berichtete – eine kuriose erste Spur.
Falsche Bilder, echtes Geld
Tobias Timm, Stefan Koldehoff · 2012
Neues vom Fälscher: Ein Doku-Krimi enthüllt jetzt die ganze Wahrheit. Kaum begonnen, ging der spektakulärste Kunstfälscherprozess Europas mit einem strafmildernden Deal auch schon zu Ende. Über 25 Jahre hatten der erfolglose Maler Wolfgang Beltracchi und seine Komplizen selbst gemalte Bilder als verschollene Kunstwerke großer Maler der Moderne (Max Ernst, Georges Braque, Fernand Léger u. a.) ausgegeben und für Millionensummen verkauft.
🗣 Tobias Timm empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:37:02 „Wir haben dann drei Jahre lang daran weiter recherchiert und haben dann auch zusammen ein Buch geschrieben, das Falsche Bilder, echtes Geld heißt. Und ja, stoßen aber noch immer, heute noch, auf die Bilder von ihm oder auf Geister.“
Tobias Timm erzählt, wie er gemeinsam mit Stefan Koldehoff vom Deutschlandfunk drei Jahre lang den Fall Beltracchi recherchierte. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit war das Buch, das den Kunstfälschungsskandal umfassend dokumentiert und einen Katalog der entlarvten Fälschungen enthält, der laut Timm sogar von Beltracchi selbst und von Kunstexperten genutzt wird.
Durchdringung
Wolfgang Fischer (Beltracchi)
Das neosurrealistische Gemälde »Durchdringung« war das einzige Kunstwerk unter Wolfgang Fischers Namen, das vor seiner Enttarnung als Kunstfälscher Beltracchi verkauft wurde. Das Werk zeigt surreale Motive – eine Salvador-Dalí-ähnliche Szene mit Elementen aus einem Schrank. Während Beltracchis Fälschungen für Millionen erzielte dieses Original nur 1.300 Euro bei einer Auktion.
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:43:38 „Sein einzig selbst gemaltes Bild, was vor dem Auffliegen des Fälschers verkauft worden war bei einer Auktion, war ein Gemälde, das Durchdringung heißt, das ist ein Bild. Was so neosurrealistisch war, wo aus einem Schrank irgendwie so eine Salvador-Dali-Soße rausfließt und ein Planet zu sehen ist.“
Tobias Timm beschreibt das einzige unter eigenem Namen (Wolfgang Fischer) verkaufte Gemälde Beltracchis. Es wurde im selben Jahr, als das gefälschte 'Rotes Bild mit Pferden' fast drei Millionen erzielte, für nur 1.300 Euro versteigert – die Bieterin war seine Frau Helene Beltracchi.
Schtonk!
Helmut Dietl · 1992
Die Geschichte der angeblich echten Tagebücher von Adolf Hitler. Der Fälscher Fritz Knobel fälscht Tagebücher Hitlers, die nie existiert haben. In dem schmierigen Journalisten Hermann Willié findet er einen willigen Abnehmer. Beide fahren riesige Gewinne ein, dann fliegt der Schwindel auf. Die Geschichte basiert auf dem realen Fall der Hitlertagebücher im Stern, der sich 1983 ereignete.
🗣 Tobias Timm referenziert bei ⏱ 00:51:50 „Ich habe einmal mit einem Produzenten gesprochen, der auch als Drehbuchautor für den Film Stonk gearbeitet hat. Der Film über die gefälschten Hitler. Genau, der Ulrich Limmer, der auch überlegt hatte, über Beltracchi einen Film eventuell zu machen.“
Tobias Timm erwähnt den Film Schtonk! im Zusammenhang mit Ulrich Limmer, der als Produzent und Drehbuchautor an dem Film über die gefälschten Hitler-Tagebücher beteiligt war. Limmer hatte erwogen, auch über Beltracchi einen Film zu drehen, fand die Geschichte aber nicht filmreif genug, weil das Liebesleben der Beltracchis zu wenig Dramatik bot.
Kunst und Verbrechen
Tobias Timm, Stefan Koldehoff · 2022
Provenienzforschung untersucht die Herkunft und Besitzgeschichte von Kulturgütern unterschiedlichster Art. Seit jeher gehört sie zum Methodenkanon der Kunstwissenschaft, wenn es etwa um Sammlungsgeschichte oder um Zuschreibungsfragen geht. Doch erst seit den aktuellen Restitutionsdebatten ist sie als wichtige Disziplin ins allgemeine Bewusstsein gerückt. Christoph Zuschlag.
🗣 Tobias Timm empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:53:55 „Der Stefan Kolderhoff und ich haben auch gerade ein neues Buch dazu geschrieben, das heißt Kunst und Verbrechen. Kunst und Verbrechen, ja, ist im Galliani Verlag Berlin erschienen und da beschreiben wir zum Beispiel Fälscher, die sich spezialisiert haben auf das Fälschen von Hitler-Aquarellen.“
Gegen Ende des Gesprächs stellt Tobias Timm sein neues Buch vor, das er erneut mit Stefan Koldehoff geschrieben hat. Es behandelt über den Fall Beltracchi hinaus weitere Fälle von Kunstkriminalität – von gefälschten Hitler-Aquarellen bis zu falschen Werken der russischen Moderne. Timm betont, dass sie fast täglich mit neuen Fälschungsskandalen konfrontiert werden.