Verborgene Leidenschaft und ein Sklave, der sich selbst befreit
Iris Radisch, Adam Soboczynski
Im Zentrum stehen vier Bücher zwischen Wut und Sehnsucht: Inga Machls Debüt »Auf den Gleisen« eröffnet mit einem verstörend kraftvollen Rachemonolog, Julia Joosts Erstling führt in die Karawanken, Percival Everetts »James« erzählt die Geschichte eines Sklaven, der sich selbst befreit, und Julien Greens wiederentdeckter Klassiker »Treibgut« legt verborgene Leidenschaften frei.
„In mir war diese schmerzhafte Ansammlung, diese Zusammenrottung von Gewalt, die jeglichen Frieden ausgelöscht hatte.“
Erwähnte Medien (6)
Auf den Gleisen
Inga Machl · 2024
In drastisch-zarten Bildern erzählt Inga Machel von einer kaum in Worte zu fassenden Trauer und führt uns an die Orte, an denen sie wirklich und sinnvoll wird. Zehn Jahre ist es her, dass Mario, damals Mitte zwanzig, seinen Vater verlor. Ein einzelner Winterstiefel lag auf den Gleisen einer ICE-Strecke, mehr blieb nicht von ihm. Seit fünf Jahren kämpft Mario bereits um sein eigenes seelisches Überleben, als er in einer Zufallsbegegnung mitten in Berlin seinen Vater zu erkennen glaubt.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:01:06 „auch Inga Machl, »Auf den Gleisen« heißt das“
Debütroman einer jungen Autorin, der als Zitat der Woche vorgestellt und ausführlich besprochen wird. Erzählt aus der Perspektive eines Jungen, dessen Vater sich umgebracht hat.
Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauffletscht
Julia Joost · 2024
Es ist das Jahr 1994. In einem Kärntner Dorf am Fuß der Karawanken sitzt die Erzählerin unter einem Lkw und beobachtet die Welt und die Menschen knieabwärts. Sie ist elf Jahre alt und spielt Verstecken mit ihrer Freundin Luca. Zum letzten Mal, denn die Familie zieht um. Der Hof ist zu klein geworden für den Ehrgeiz der Mutter.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:01:16 „Julia Joost sprechen, die hat einen Roman geschrieben, auch ein Debütroman übrigens. Der hat den wundersamen Titel »Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauffletscht«“
Debütroman, der in Kärnten spielt und aus der Perspektive einer queeren elfjährigen Erzählerin die österreichische Anti-Heimat-Tradition fortschreibt.
Treibgut
Julien Green · 1998
Treibgut ist eine Neuausgabe des Romans vom deutsch-amerikanischen Schriftsteller Julien Green. Das Werk wird im Podcast als Klassiker besprochen und zeigt die literarische Bedeutung des Autors. Die Neuveröffentlichung bringt den historischen Roman einer gegenwärtigen Leserschaft näher.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:01:28 „Und werden schließen mit einem Klassiker, wie immer. Diesmal geht es um Julien Green mit seinem Roman Treibgut, der jetzt neu herausgekommen ist.“
Der Klassiker wird in der Einführung als letztes Buch der Folge angekündigt. Es handelt sich um eine Neuausgabe von Julien Greens Roman, der in der Rubrik 'Klassiker' besprochen werden soll. Die eigentliche Besprechung folgt vermutlich im zweiten Teil des Transkripts.
James
Percival Everett · 2025
« Ces gamins blancs, Huck et Tom, m’observaient. Ils imaginaient toujours des jeux dans lesquels j’étais soit le méchant soit une proie, mais à coup sûr leur jouet. [...] On gagne toujours à donner aux Blancs ce qu’ils veulent. » Qui est James ? Le jeune esclave illettré qui a fui la plantation ? Ou cet homme cultivé et plein d’humour qui se joue des Blancs ? Percival Everett transforme le personnage de Jim créé par Mark Twain, dans son roman Huckleberry Finn, en un héros inoubliable.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:01:30 „einen US-amerikanischen Roman von Percival Everett mit dem Namen James“
Roman, der Mark Twains Huckleberry Finn aus der Perspektive des Sklaven Jim neu erzählt. Übersetzt von Nikolaus Stingel.
Adventures of Huckleberry Finn
Mark Twain · 2017
This eBook features the unabridged text of ‘Adventures of Huckleberry Finn’ from the bestselling edition of ‘The Complete Works of Mark Twain’. Having established their name as the leading publisher of classic literature and art, Delphi Classics produce publications that are individually crafted with superior formatting, while introducing many rare texts for the first time in digital print.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:19:57 „Und zwar hat er die Huckleberry Finn Geschichte, die Mark Twains Klassiker, einer der wichtigsten amerikanischen Romane überhaupt, einfach neu geschrieben. Huckleberry Finn handelt ja davon, dass Huckleberry, dieser Junge, 13 oder 14 Jahre alt, am Mississippi lebt und dort ausbüxt, weil sein Vater gewalttätig ist.“
Mark Twains Klassiker wird ausführlich als Vorlage und Referenzwerk für Percival Everetts 'James' besprochen. Soboczynski betont, dass Everett Twain nicht verabscheut, sondern den Roman für seine Zeit sogar für sehr gut hält – aber die Lücke der fehlenden Sklavenperspektive als produktiven Ausgangspunkt nutzt. Die Handlung wird nacherzählt, um den Perspektivwechsel in 'James' verständlich zu machen.
Buddenbrooks
Thomas Mann · 2026
In den "Buddenbrooks" führt Thomas Mann uns mitten hinein in das Leben einer Familie, deren Glanz und Selbstsicherheit lange unerschütterlich scheinen. Doch hinter den schweren Türen des Lübecker Hauses liegen verborgene Spannungen, persönliche Träume und Enttäuschungen, die kaum ausgesprochen werden dürfen.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:34:46 „Ich dachte oft auch an die Buddenbrooks. Ja, natürlich. Also dieser Philipp, dieser reiche Bürger, ist für mich natürlich auch ein Buddenbrock, ein Erbe, der schon nicht mehr weiß, was mit dem Erbe anzufangen ist, der eigentlich nicht mehr weiß, wo das Leben noch hingehen kann.“
Iris Radisch zieht im Gespräch über Julien Greens 'Treibgut' eine Parallele zu Thomas Manns 'Buddenbrooks'. Die Hauptfigur Philipp erinnere sie an einen Buddenbrook — ein reicher Erbe, der nicht mehr weiß, was mit seinem Erbe anzufangen ist, und spürt, dass seine Zeit zu Ende geht. Beide Bücher teilen das Motiv der Endzeitstimmung einer bürgerlichen Klasse.