Die Sprache der Liebe
Iris Radisch, Adam Soboczynski
In dieser Folge dreht sich alles um den Preis der Freiheit: Ein Zitat aus einer aktuellen Neuerscheinung wirft die Frage auf, ob man berechnen kann, was es kostet, aus seinem Leben auszubrechen. Die Hosts debattieren, ob Freiheit wirklich eine Frage des Geldes ist oder ob der wahre Preis in dem liegt, was man zurücklässt — Partner, Stadt, Job —, ohne je sicher zu wissen, ob sich der Tausch gelohnt hat.
„Freiheit hat immer einen Preis, wenn es darum geht, sein Leben zu ändern.“
Erwähnte Medien (14)
Das Ende von Eddie
Édouard Louis · 2016
Ein Befreiungsschlag, ein Aufbruch in ein neues Leben – mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge französische Autor Édouard Louis die Geschichte einer geglückten Flucht aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. ›Das Ende von Eddy‹ ist sein Debütroman, der zu einem großen Erfolg und einer der meistdiskutierten Veröffentlichungen des Jahres wurde.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:05:30 „Da ist ganz bekannt geworden mit das Ende von Eddie, Eddie war er selbst, also wie ist er aus dieser Arbeiterfamilie mit einem trinkenden, gewalttätigen Vater, wie ist er da rausgekommen.“
Alexander Cammann ordnet Édouard Louis' Werk ein und verweist auf dessen Durchbruchsroman, in dem Louis autobiografisch seinen Aufstieg aus einer gewalttätigen Arbeiterfamilie im Norden Frankreichs beschreibt. Das Buch wird als Kontext für das neue Werk 'Monique bricht aus' herangezogen.
Monique bricht aus
Édouard Louis · 2025
Black Hole Sun: »Unter dem Pflaster liegt der Strand« vom norwegischen Autor und Ibsen-Preisträger Johan Harstad über einen schwarzen Stein, mit dem man durch die Zeit reisen kann, ist eine groß angelegte Meditation über die Vergänglichkeit des Lebens und die Flüchtigkeit allen Seins; Susanne Gregors neues Werk »Halbe Leben« erzählt mit Bravour von Care-Arbeit und unterdrückter Wut; und unsere Übersicht über neue japanische Literatur von u.a.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:05:41 „Jetzt gibt es ein neues Buch, das ist das zweite Buch, das er schon über seine Mutter geschrieben hat, Monique bricht aus, ins Deutsche übersetzt von Sonja Fink und deswegen sage ich, hier geht es ganz wahrscheinlich um Geld, weil er einfach vorrechnet, wie viel Geld seine Mutter braucht, um aus einer gewalttätigen, schrecklichen, neuen Beziehung mit einem neuen Mann auszubrechen.“
Das Buch ist die Auflösung des 'Zitats des Monats' und wird ausführlich besprochen. Édouard Louis erzählt darin, wie seine Mutter aus einer zweiten gewalttätigen Beziehung ausbricht — und wie er als mittlerweile erfolgreicher Autor ihr finanziell die Freiheit ermöglicht. Alexander Cammann findet den materialistischen Ansatz interessant, hält das Buch insgesamt aber nicht für vollständig überzeugend.
Die Freiheit einer Frau
Édouard Louis · 2021
Édouard Louis erzählt in »Die Freiheit einer Frau« schonungslos und liebevoll von seiner Mutter. Die Geschichte der Befreiung einer Frau. »Meine Mutter hat ihr ganzes Leben mit Armut und männlicher Gewalt gekämpft.« Eines Tages stand Édouard Louis' Mutter einfach auf und ging. Weg aus der Gegend, weg von ihrem zweiten Mann, der wie der erste soff und sie demütigte.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:08:17 „Er hat dann danach mehrere Bücher geschrieben, in denen Familienmitglieder vorgekommen sind über seinen Vater, schon einmal über seine Mutter, die Freiheit einer Frau.“
Der Sprecher erwähnt das erste Buch, das Édouard Louis über seine Mutter geschrieben hat, als Vorgänger von 'Monique bricht aus'. Es wird im Rahmen der Diskussion über Louis' fortlaufendes autofiktionales Projekt genannt, bei dem er immer wieder über Familienmitglieder schreibt.
Verzauberte Vorbestimmung
Jonas Lüscher · 2025
Von einer Gegenwart, die gern mehr über ihre Zukunft wüsste. Der neue Roman von Jonas Lüscher Ein algerischer Soldat gerät in den ersten deutschen Giftgasangriff, beschließt, einer müsse damit aufhören, steht auf und geht. Im Kairo der Zukunft beobachtet eine Stand-up-Comedian eine Androidin beim Lachen über ihre Witze. Ein böhmischer Weber wird durch einen automatisierten Webstuhl ersetzt, raubt einen Hammer und attackiert den Apparat.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:26:01 „Jonas Lüscher. Der hat einen neuen, wirklich sehr langen, über 300 Seiten, sehr komplizierten Roman vorgelegt mit einem auch sehr komplizierten Titel, Verzauberte Vorbestimmung. Jonas Lüscher ist ein sehr erfolgreicher Autor.“
Alexander Cammann stellt den neuen Roman von Jonas Lüscher vor, der nach ersten Kritiken bereits gefeiert wird. Das Buch hat viele Handlungsfäden, die netzartig miteinander verbunden sind, und kreist thematisch um Bauwerke und Maschinen. Cammann beschreibt den Stil als akkurat und fantasievoll.
Frühling der Barbaren
Jonas Lüscher · 2013
Der Protagonist dieser raffiniert gebauten Debütnovelle von Jonas Lüscher, der Schweizer Fabrikerbe Preising, wird auf einer Geschäftsreise in einem gehobenen tunesischen Oasenresort Zeuge aufwendiger Hochzeitsvorbereitungen. Reiche junge Engländer aus der Londoner Finanzwelt haben Freunde und Familie für ein großes Fest um sich versammelt und feiern schon im Voraus ausschweifend, als sich die wirtschaftlichen Krisensignale zur Katastrophe verdichten: Das britische Pfund stürzt ab, kurz danach i...
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:26:27 „Sein Debüt war eine schöne Novelle, Frühling der Barbaren. Dann kam ein Campus-Roman aus dem Silicon Valley, Kraft. Das war alles sehr gut lesbar. Sehr, sehr schön geschrieben, bisschen parodistisch.“
Alexander Cammann ordnet Jonas Lüschers neuen Roman ein, indem er auf dessen Debüt-Novelle verweist. Die früheren Werke werden als gut lesbar und parodistisch beschrieben, um den Kontrast zum komplizierteren neuen Roman 'Verzauberte Vorbestimmung' zu verdeutlichen.
Kraft
Jonas Lüscher · 2017
« Kraft contemple la Silicon Valley, cette vallée mystique, lieux de culte étranges où naissent les créatures digitales. » Richard Kraft, professeur de rhétorique allemand, malheureux en mariage et financièrement aux abois, est invité à participer à un concours de philosophie organisé dans la Silicon Valley. Sujet : prouver que tout va pour le mieux dans le meilleur des mondes, grâce à la technologie. Kraft hésite, mais le prix est doté d’un million de dollars...
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:26:27 „Sein Debüt war eine schöne Novelle, Frühling der Barbaren. Dann kam ein Campus-Roman aus dem Silicon Valley, Kraft. Das war alles sehr gut lesbar. Sehr, sehr schön geschrieben, bisschen parodistisch.“
Lüschers zweiter Roman wird als Campus-Roman aus dem Silicon Valley erwähnt, der zusammen mit dem Debüt das bisherige Profil des Autors als zugänglich und parodistisch zeichnet — im Kontrast zum anspruchsvolleren neuen Werk.
Ins Erzählen Flüchten
Jonas Lüscher · 2020
Wie erleben wir die Welt und uns in ihr? In welcher Sprache, mit welchen Zeichen und Modellen und auf welcher Grundlage erklären wir sie uns? Und welche Erklärungsformen und welches Modell haben sich, zumindest im Westen, durchgesetzt und warum? Für den Schriftsteller Jonas Lüscher, der mit "Frühling der Barbaren" und "Kraft" jetzt schon zu den am meisten beachteten Autoren der Gegenwartsliteratur zählt, sind dies ganz persönliche Fragen. Sie betreffen sein eigenes Schreiben.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:27:14 „Er hat nämlich Poetikvorlesungen vorgelegt, die heißen Ins Erzählen Flüchten, wo er auch seine Theorie eines narrativen Netzes nennt. Also ein Erzählen, was eben nicht linear, eine Geschichte folgt auf die andere.“
Alexander Cammann verweist auf Lüschers Poetikvorlesungen, um die ungewöhnliche Erzählstruktur von 'Verzauberte Vorbestimmung' zu erklären. Lüscher theoretisiert darin über ein netzartiges Erzählen, bei dem sich Episoden nicht linear, sondern assoziativ aufeinander beziehen — genau das, was er im neuen Roman umsetzt.
Palais Idéal
Ferdinand Cheval
Das Palais Idéal ist ein einzigartiges Steinbauwerk in Audrive bei Lyon, das der französische Briefträger Ferdinand Cheval über Jahrzehnte hinweg aus Feldsteinen errichtete, die er während seiner Postboten-Route sammelte. Das Bauwerk gilt als Meisterwerk der Art Brut und symbolisiert künstlerische Beharrlichkeit und die Verbindung zwischen menschlicher Kreativität und Natur.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:28:25 „Es wird ein Bauwerk des Briefträgers Ferdinand Cheval, das gibt es auch wirklich, der sich in Audrive in der Nähe von Lyon in Frankreich befindet. Im Laufe seines Landbriefträgerlebens hat er immer Feldsteine mit nach Hause gebracht und hat sich aus diesen Feldsteinen ein unglaubliches Bauwerk errichtet.“
Im Gespräch über Jonas Lüschers Roman 'Verzauberte Vorbestimmung' wird das reale Bauwerk des Briefträgers Ferdinand Cheval als eines der zentralen Motive des Romans beschrieben. Der Erzähler im Roman besichtigt das Bauwerk und beschreibt es detailliert. Es dient als Verbindungselement zum Thema Mensch und Technik.
Godwi
Clemens Brentano · 1909
Godwi ist Clemens Brentanos Romantischer Roman, der sich bewusst einer verwilderten Erzählweise bedient. Der Text zeichnet sich durch abrupt abbrechen Handlungsstränge und den Wechsel zwischen verschiedenen Erzählern aus, wodurch ein Fragment- und Collage-artiger Aufbau entsteht. Das Werk ist relevant, weil es eine historische Vorform moderner, nicht-linearer Erzähltechniken darstellt und zeigt, wie literarische Fragmentierung bereits in der Romantik als ästhetisches Programm verankert war.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:35:27 „Mich hat das fast ein bisschen erinnert an so romantische Romantheorien wie von Clemens Brentano, der eben mit dem Godwi so einen explizit verwilderten Roman schreiben wollte. Also etwas, das ist ja auch im Godwi, so was einfach abbricht und dann wird ein neuer Erzähler eingesetzt oder eine ganz neue Episode.“
Cammann zieht einen literaturhistorischen Vergleich: Lüschers fragmentarische Erzähltechnik erinnere ihn an Brentanos romantischen Roman 'Godwi', in dem ebenfalls Handlungsstränge abrupt abbrechen und neue Erzähler eingesetzt werden. Allerdings empfindet Cammann Lüschers Fragmentierung als zu theoretisch konstruiert im Vergleich zur organischen Wildheit der Romantik.
Rhizom
Gilles Deleuze, Félix Guattari · 1977
Un concept de différence implique une différence qui n'est pas seulement entre deux choses, et qui n'est pas non plus une simple différence conceptuelle. Faut-il aller jusqu'à une différence infinie (théologie) ou se tourner vers une raison du sensible (physique) ? À quelles conditions constituer un pur concept de la différence ?Un concept de la répétition implique une répétition qui n'est pas seulement celle d'une même chose ou d'un même élément.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:38:57 „Weil es ist ein Unterschied, ob ein Roman sozusagen wirklich wuchert und verwildert aus einer inneren Notwendigkeit oder ob er, weil ein Theorem vorgeschaltet ist, hier auch mit Zitaten von Deleuze und Guattari über das Rhizom und so weiter. Also weil ein Theorem vorgeschaltet ist, wird eine Erzählstruktur ausgetüftelt.“
Cammann kritisiert, dass Lüschers fragmentarische Romanstruktur nicht organisch gewachsen, sondern theoretisch konstruiert sei. Er verweist auf das Rhizom-Konzept von Deleuze und Guattari als philosophisches Theorem, das Lüscher seiner Erzählung vorgeschaltet habe. Diese Tüftelei auf Basis eines theoretischen Konzepts stört Cammann.
Die Ästhetik des Widerstands
Peter Weiss · 1975
**The Aesthetics of Resistance** (German: *Die Ästhetik des Widerstands*, 1975–1981) is a three-volume novel by the German-born playwright, novelist, filmmaker, and painter Peter Weiss which was written over a ten-year period between 1971 and 1981. Spanning from the late 1930s into World War II, this historical novel dramatizes anti-fascist resistance and the rise and fall of proletarian political parties in Europe.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:40:34 „Peter Weiß ist ein Autor par excellence mit seiner Ästhetik des Widerstandes, wo er Widerstandsfiguren auch erzählt in einem riesigen Werk in der Ästhetik des Widerstandes.“
Der Gesprächspartner erklärt, warum Peter Weiss für Lüscher so wichtig ist: Beide teilen eine sozialkritische und kapitalismuskritische Perspektive. Weiss war nicht nur aktivistischer Autor, sondern hatte auch einen enormen ästhetischen Anspruch – diese Verschmelzung von politischem Engagement und literarischer Kunst sei vermutlich Lüschers Vorbild.
Die Ringe des Saturn
W.G. Sebald · 2024
Im August, dem Monat, der von alters her unter dem Einfluss des Saturn steht, wandert W. G. Sebald durch die einsame Heidelandschaft der englischen Grafschaft Suffolk, besichtigt verfallene Landschlösser, spricht mit alten Gutsbesitzern und stößt immer wieder auf die Spuren wundersamer Geschichten. So erzählt er von den Glanzzeiten viktorianischer Schlösser, berichtet aus dem Leben Joseph Conrads, erinnert an die unglaubliche Liebe des Vicomte de Chateaubriand oder spürt dem europäischen Seidenh...
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:42:01 „Und vielleicht auch W.G. Sebald, der ja auch ein ähnliches Verfahren hat, dass er auch... Manchmal folgt und man weiß nicht in welche Richtung, wie in den Ringen des Saturn.“
Der Gesprächspartner ordnet Lüscher in eine literarische Tradition ein: Neben Peter Weiss sei auch W.G. Sebald mit seinen 'Ringen des Saturn' ein Vorbild – beide teilen das mäandernde, assoziative Erzählverfahren, bei dem man der Erzählung folgt, ohne zu wissen, wohin sie führt. Lüscher schreibe sich bewusst in diese Tradition der 60er bis 80er Jahre ein.
Der Schatten des Körpers des Kutschers
Peter Weiss · 1964
Experimentele novelle.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:46:27 „Und ja, ich habe den sehr lange nicht mehr gelesen. Ich hatte den im Studium mal gelesen, vor wirklich sehr langer Zeit. Und habe ihn mir jetzt nochmal vorgenommen. Es ist eine ganz kurze Erzählung. Mikroroman wurde das auch mal genannt.“
Das zweite ausführlich besprochene Buch der Episode. Peter Weiss' 1960 erschienener Mikroroman spielt auf einem ländlichen Gut, wo ein manischer Ich-Erzähler alles um sich herum minutiös beschreibt. Die Sprecher analysieren die Verbindungen zu Lüschers Roman – Schattenmotive, Steinsammel-Motive und die fragmentarische Erzähltechnik finden sich in beiden Werken wieder. Cammann gibt eine 'ganz große Leseempfehlung'.
Inventur
Günter Eich · 2019
Studienarbeit aus dem Jahr 2017 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1,0, Friedrich-Schiller-Universität Jena (Institut für Germanistische Literaturwissenschaft), Veranstaltung: NDL II, Sprache: Deutsch, Abstract: In der bevorstehenden Hausarbeit soll durch die Analyse verschiedener Gedichte und deren Gegenüberstellung die signifikante Veränderung der materiellen und menschlichen Werte aufgezeigt werden.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:54:03 „Also wie Inventur machen, da gibt es doch auch dieses schöne Gedicht von Günther Eich, Inventur machen. Dies ist meine Mütze, dies ist mein Bleistift. Also ich fange mal wieder bei dem ganz einfachen an, was ich sehe.“
Cammann zieht eine Parallele zwischen Peter Weiss' minutiöser Beschreibungstechnik und Günter Eichs berühmtem Nachkriegsgedicht 'Inventur'. Beide reagieren auf die Erschütterung des Zweiten Weltkriegs, indem sie bei den einfachsten, unmittelbar sichtbaren Dingen neu anfangen – eine Bestandsaufnahme der Realität ohne Interpretation oder Bedeutungszuschreibung.