Die für immer geschlossene Bibliothek
Iris Radisch, Adam Soboczynski
Von der Frankfurter Buchmesse: Iris Radisch gesteht, eine Wette verloren zu haben — sie hatte nicht geglaubt, dass Shida Kanis Roman 'Die Holländerinnen' von Olga Elminger (komplett in indirekter Rede) den Deutschen Buchpreis gewinnen würde. Dazu wird László Krasznahorkais Nobelpreis gefeiert, dessen Nachname für schwieriger befunden wird als seine Prosa selbst. Im Hintergrund: Das preisgekrönte Buch ist auf der Messe bereits ausverkauft und kaum nachzudrucken.
„Literaturkritiker haben nicht die Aufgabe, vor ihrem Gegenstand zu warnen und ihn für zu schwierig zu erklären. Das ist auch keine gute Rolle.“
Erwähnte Medien (13)
Huris
Kamel Daoud
"Huris" von Kamel Daoud ist ein preisgekrönter Roman, der einer Überlebenden des algerischen Bürgerkriegs eine Stimme gibt. Die Protagonistin, der die Kehle durchgeschnitten wurde und seitdem nur durch eine Kanüle atmen kann, erzählt ihre Geschichte und durchbricht das staatlich verordnete Schweigen über das „schwarze Jahrzehnt". Der Roman gewann den französischen Prix Goncourt, ist aber in Algerien verboten.
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:08:06 „Huris, das sind die Damen, die den Kämpfer im Paradies erwarten, wenn er sein Leben für den religiösen Kampf verloren hat. Das Buch hat im letzten Jahr in Frankreich, das ist der Deutsche Buchpreis für Frankreich, den Prix Concur bekommen.“
Iris Radisch stellt den Roman des algerisch-französischen Autors Kamel Daoud vor, der den Prix Goncourt gewonnen hat und in Algerien verboten ist. Das Buch gibt einer Frau eine Stimme, der während des algerischen Bürgerkriegs die Kehle durchgeschnitten wurde – sie überlebte, kann aber nur durch eine Kanüle atmen. Daoud bricht damit das staatlich verordnete Schweigen über das 'schwarze Jahrzehnt'.
Contre-enquête
Kamel Daoud · 2023
"Un certain goût pour la paresse s’installe chez le meurtrier impuni. Mais quelque chose d’irréparable aussi : le crime compromet pour toujours l’amour et la possibilité d’aimer. J’ai tué et, depuis, la vie n’est plus sacrée à mes yeux. Dès lors, le corps de chaque femme que j’ai rencontrée perdait très vite sa sensualité, sa possibilité de m’offrir l’illusion de l’absolu. À chaque élan du désir, je savais que le vivant ne reposait sur rien de dur.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:08:50 „Eins war eine Variation auf Camus' Fremder. Das hieß Contre-Enquete, also Gegenermittlung. Er hat es aus der Perspektive des ermordeten Arabas. Wer den Fremden kennt, da wird ein namenloser Araber ermordet, der auch nie zu Wort kommt.“
Iris Radisch ordnet Kamel Daouds Werk ein und erwähnt seinen früheren Roman, der die Geschichte aus Camus' 'Der Fremde' aus der Perspektive des ermordeten Arabers erzählt. Es dient als Hintergrundinformation zum Autor.
Im Wahn der Anderen
László Krasznahorkai
Im Wahn der Anderen ist ein 2023 erschienener Erzählband des Nobelpreisträgers László Krasznahorkai, der drei lose miteinander verbundene Geschichten enthält. Die Erzählungen sind als surreale Bewusstseinsströme gestaltet und verbinden Kafka-Anklänge mit groteskem Humor. Das Werk erforscht die inneren Welten des Menschen durch eine faszinierende, verwirrende Prosa, die zwischen Düsternis und verstecktem Witz oszilliert.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:11:56 „Laszlo Krasnohorkai und zuletzt ist von ihm erschienen, 2023, Im Wahn der Anderen. Drei Erzählungen heißt das, die lose, sehr lose miteinander verbunden sind, würde ich sagen, wenn man genau schaut.“
Adam Soboczynski stellt das neueste Buch des frisch gekürten Nobelpreisträgers László Krasznahorkai vor. Der Band enthält drei Erzählungen, die er als faszinierende, surreale Bewusstseinsströme beschreibt – mit Kafka-Anklängen und einem grotesken Humor, der die scheinbare Düsternis durchbricht.
Satanstango
László Krasznahorkai · 2025
Eine heruntergekommene Ansiedlung in Südostungarn. Keine Arbeit, keine Hoffnung, keine Zukunft. Ringsum Verfall, von strömendem Oktoberregen in tiefe Trostlosigkeit getaucht. Nur eine Handvoll Menschen sind geblieben und warten auf ein Wunder, das ihr Los zum Besseren wenden könnte. Eines Tages kommt einer und verheißt Erlösung: Irimias, ein ehemaliger Dorfbewohner mit dem Charisma eines Propheten. Er verspricht anderswo einen neuen Anfang, Arbeit und ein besseres Leben.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:12:16 „Ich habe auch weitere Werke gelesen, Satans Tango übrigens auch von 1985, das ist ein Werk, mit dem er berühmt geworden ist.“
Adam Soboczynski erwähnt Krasznahorkais Durchbruchswerk von 1985, um den neuen Nobelpreisträger einzuordnen und dessen literarischen Werdegang nachzuzeichnen.
Melancholie des Widerstands
László Krasznahorkai · 2011
Surrealistischer Roman, der in dörflichen ungarischen Gegenden spielt und sich durch groteske, irreal anmutende Szenarien auszeichnet. Das Werk verbindet alltägliche Kleinstadt-Settings mit absurden, verstörenden Ereignissen zu einem eindringlichen Porträt von Isolation und Widerstand.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:12:29 „Und auch Melancholie des Widerstandes, 1989, ein ganz wichtiges, bedeutendes Werk. Es spielt ganz häufig in der ungarischen, in einer dörflichen, kleinstädtischen Gegend sehr häufig und dann kommen eigentlich irreale Szenarien darin vor.“
Adam Soboczynski nennt dieses Werk als weiteres Schlüsselwerk Krasznahorkais, um dessen literarische Welt zu charakterisieren – dörfliche ungarische Settings, in denen surreale, groteske Szenarien ausbrechen.
Artikel über Krasznahorkai in der Zeit
Clemens Meyer
Der Ungar László Krasznahorkai, Apokalyptiker und Meister des Bewusstseinsstroms, bekommt den Literaturnobelpreis. Eine Gratulation eines Schriftstellerkollegen
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:23:04 „Jetzt in der aktuellen Zeit, die jetzt am Donnerstag kommt, hat ein anderer Schriftsteller, nämlich Clemens Mayer, der letztes Jahr auch auf der Shortlist beim Deutschen Buchpreis war, über Krasno-Horkai geschrieben und ich finde, einen herausragenden Text. Ganz toll, wunderbar. Das sollte man lesen.“
Adam Soboczynski empfiehlt einen Text von Clemens Meyer über Krasznahorkai in der aktuellen Ausgabe der ZEIT als ergänzende Lektüre zum Nobelpreisträger. Er bezeichnet den Artikel als herausragend.
Meine Mutter
Bettina Flitner
Ein Roman über die Lebensgeschichte einer Mutter: Von der Kindheit im schlesischen Sanatorium über Flucht und Vertreibung im Zweiten Weltkrieg bis zu ihrem Suizid in den 1980er Jahren. Die Erzählung erforscht ein Leben zwischen Verlust und Weitergehen.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:23:26 „Ja, Bettina Flitner, meine Mutter. Wer ist Bettina Flitner? Jetzt nicht so bekannt, vielleicht als Fotografin bekannt, vielleicht ein bisschen bekannt, muss man schon dazu sagen, Lebensgefährtin von Alice Schwarzer.“
Iris Radisch und Adam Soboczynski besprechen Bettina Flitners neuen Roman, in dem sie der Geschichte ihrer Mutter nachspürt – von der Kindheit im schlesischen Sanatorium über Flucht und Vertreibung bis zum Suizid in den 80er Jahren. Die beiden diskutieren kontrovers über die literarische Qualität: Radisch kritisiert den flachen Stil, Soboczynski verteidigt die bewusste Unterkühltheit als angemessenes Mittel.
Meine Schwester
Bettina Flitner · 2025
Als Bettina Flitner für eine Lesung aus ihrem Buch »Meine Schwester« nach Celle zurückkehrt – dorthin, wo vor 40 Jahren ihre Mutter beerdigt wurde –, springen sie mit unerwarteter Heftigkeit Fragen an, die sie lange von sich fern gehalten hatte: Fragen nach dem großen Unglück im Leben ihrer Mutter und nach einer Familienkatastrophe in einer fernen Zeit und in einem fernen Land.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:23:39 „Aber ihr letztes Buch, Meine Schwester 2022, war schon ein Bestseller. Das war ihr Debüt, soweit ich das jetzt übersehe.“
Adam Soboczynski erwähnt Flitners Debüt als Kontext für das neue Buch. 'Meine Schwester' war bereits ein Bestseller und behandelte den Suizid ihrer Schwester – ein Familienmuster, dem Flitner nun mit 'Meine Mutter' weiter nachgeht.
Familiengeschichte über die Vertreibung
Jochen Buchsteiner · 2025
Unser Gut Der detaillierte Fluchtbericht seiner Großmutter ist Ausgangspunkt für Jochen Buchsteiners Buch über Ostpreußen. Persönlich aber unsentimental verfolgt er den Weg der Gutsbesitzerfamilie in den Westen und spürt dabei dem Verlust nach, der nicht nur den Betroffenen entstanden ist. Es entsteht ein Portrait der fast vergessenen deutschen Provinz, die in ihrer Tragik, aber auch in ihrer historischen und kulturellen Einzigartigkeit sichtbar wird – als verdrängter Teil unserer nationalen Ide...
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:25:11 „Das ist eigentlich auch ein Roman über die Vertreibung, wie es jetzt ja sehr viele gibt. Auch von unserem Kollegen Jochen Buchsteiner gibt es gerade eine Familiengeschichte über die Vertreibung seiner Familie.“
Iris Radisch erwähnt beiläufig das Buch ihres ZEIT-Kollegen Jochen Buchsteiner, um Flitners Buch in den Kontext einer aktuellen Welle von Vertreibungsliteratur einzuordnen.
Wunschloses Unglück
Peter Handke
Kein Urteil, kein literarisches Denkmal für eine Mutter, kein abgeschlossenes Bild, nach dessen Beendigung der Autor und mit ihm der Leser befreit aufatmen könnte, sondern die Beschreibung einer grausigen offenen Wunde. - Helmut Scheffel - Back cover. Peter Handke's mother, Maria Handke, committed suicide in 1971. Within a few weeks, Peter Handke set about the task of reconstructing his mother's life in the form of a narrative.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:34:47 „Jetzt haben wir Peter Handke aus einem bestimmten Grund genommen. Er hat nämlich 1974 über den Selbstmord seiner Mutter geschrieben oder hat den zum Anlass genommen, um ein Mutterporträt zu schreiben. Und das ist jetzt natürlich ein ungerechter Vergleich.“
Als 'Klassiker' der Episode wählen Radisch und Soboczynski Handkes Erzählung über den Suizid seiner Mutter (1972). Beide sind sich einig, dass der Text meisterhaft zeigt, wie man Biografie literarisch fassen kann – gerade weil Handke das Wort 'Trauer' nie benutzt und trotzdem ein Trauerbuch schreibt. Radisch nutzt das Buch zugleich als strahlendes Gegenbeispiel zur zuvor kritisierten Flittner-Prosa.
Roman eines Schicksallosen
Imre Kertész · 2010
«Ein literarisches Meisterwerk.» (Der Spiegel) Imre Kertész ist etwas Skandalöses gelungen: die Entmystifizierung von Auschwitz. Es gibt kein literarisches Werk, das in dieser Konsequenz, ohne zu deuten, ohne zu werten, der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist. Wohl nie zuvor hat ein Autor seine Figur Schritt für Schritt bis an jene Grenze hinab begleitet, wo das nackte Leben zur hemmungslosen, glücksüchtigen, obszönen Angelegenheit wird.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:39:31 „Sie war, also die Mutter, sie war, sie wurde... sie wurde nichts. Das ist so ganz gegen die Männerbiografie.“
Radisch greift den Begriff 'Schicksallosigkeit' von Imre Kertész auf, um Handkes Darstellung der Mutter zu charakterisieren: eine Frau, der nie ein eigenes Schicksal zugestanden wurde. Die Referenz verbindet Kertész' Konzept der aufgezwungenen Passivität mit dem weiblichen Lebenslauf in der österreichischen Provinz.
Spuren
Ernst Bloch · 1959
Blochs Eröffnungswerk erforscht die Philosophie des Werdens und der Identitätsbildung. Der berühmte Satz „Ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden wir erst" formuliert das männliche Selbstbewusstsein nicht als fertiges Sein, sondern als offener Prozess des Werdens. Das Werk steht in der Tradition philosophischer Anthropologie und Geschlechterreflexion.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:39:45 „Es gibt ja dieses sehr, sehr berühmte Wort von Ernst Bloch, die Spuren fangen so an. Ich bin, das ist aber der Mann, ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden wir erst.“
Radisch kontrastiert Handkes Porträt einer Frau, die 'nichts wurde', mit Ernst Blochs berühmtem Eröffnungssatz aus 'Spuren', der das männliche Selbstbewusstsein des Werdens formuliert. Blochs 'Ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden wir erst' steht für die Männerbiografie, gegen die Handke das stille Verschwinden seiner Mutter setzt.
Die Jahre
Annie Ernaux · 2008
Annie Ernaux dokumentiert in ihrem Essay-Roman »Die Jahre« die französische Gesellschaft und Kultur vom Nachkrieg bis zur Gegenwart. Trotz großer biografischer Unterschiede zwischen Autorin und Leser öffnet das Werk eine überraschende Tür zum Verständnis der eigenen Lebensgeschichte. Das Buch verbindet kollektive Zeitgeschichte mit persönlicher Reflexion und wirkt damit universell nachvollziehbar.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:41:22 „Also ich hatte manchmal so das Gefühl, ich lese Annie Ernaux fast. Sie ist eben auch, sie erzählt ihre Geschichte, aber ein bisschen ähnlich wie Peter Handke erzählt sie sie so, als ob es auch eine Allerweltsgeschichte sein könnte. Als ob sie die Geschichte einer Klasse erzählt, als ob sie die Geschichte eines Kollektivs.“
Radisch vergleicht Handkes Erzählweise mit Annie Ernaux: Beide schaffen es, eine Individualbiografie zugleich als Kollektivgeschichte einer ganzen Klasse zu erzählen. Soboczynski greift den Vergleich auf und ordnet Handkes Text als frühen Exponenten des autofiktionalen Trends ein, der heute mit Ernaux verbunden wird – nur besser als das Allermeiste, was derzeit erscheine.