Im Osten viel Neues
Iris Radisch, Adam Soboczynski
Die Runde kreist um das Phänomen des sozialen Abstiegs und die Frage, was bleibt, wenn der materielle Wohlstand schwindet. Am Beispiel deklassierter Großbürger, die sich mit verschärfter Etikette über den Statusverlust hinwegtrösten, entspinnt sich eine Diskussion über symbolisches Kapital — von Uwe Tellkamps DDR-Bürgertum bis zur heutigen nivellierten Mittelschicht, in der ständische Codes kaum noch greifen.
„An diesem Zitat zeigt sich auch, was der Abstieg heute bedeuten könnte, nämlich, dass man nichts mehr hat.“
Erwähnte Medien (7)
Notizbuch aus dem Januar 1945
Heiner Müller
Die Zeitschrift Sinn und Form hat Auszüge aus einem Notizbuch des 15-jährigen Heiner Müller von Januar 1945 veröffentlicht, das gerade in einer Umzugskiste entdeckt wurde. Darin zeigt sich bereits bemerkenswerte literarische Reife: Der junge Müller reflektiert tiefgründig über die Aufgabe des Dichters, literarische Traditionen und Revolutionen. Das Notizbuch belegt eindrucksvoll, wie sehr sein späteres dramatisches Werk bereits in dieser frühen Phase angelegt war.
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv „Die Sekretärin von Heiner Müller hat in einer nicht ausgepackten Umzugskiste ein altes Notizbuch aus dem Januar 1945 von Heiner Müller gefunden. Und die Akademie der Künste von Berlin hat es in der Zeitschrift Sinn und Form, jedenfalls in Teilen, publiziert.“
In der Rubrik 'Der Klassiker' stellt Iris Radisch einen sensationellen Fund vor: ein Notizbuch des 15-jährigen Heiner Müller von Januar 1945, das in Auszügen in der Zeitschrift 'Sinn und Form' veröffentlicht wurde. Beide Kritiker sind fasziniert davon, wie der jugendliche Müller bereits mit enormer Belesenheit und stilistischer Reife über die Aufgabe des Dichters, literarische Traditionen und Revolutionen reflektiert — und wie deutlich sein späteres Werk hier schon angelegt ist.
Einsam sein
Daniel Haas · 2026
»Und wenn da ein Freund ist, der seine Hand ausstreckt, dann nehmen wir diese Hand, wie widerwillig, beschämt und zornig auch immer. Wir ergreifen sie und ziehen uns heraus aus der Einsamkeit.« Wenn man alles verloren hat – den Job, die Partnerin, Freunde, eine Perspektive für die Zukunft –, hält die Einsamkeit Einzug. Und wenn sich dann noch die Mutter das Leben nimmt, nachdem schon der Vater Suizid begangen hatte, dann beginnt man, sich Fragen zu stellen.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:07:44 „Ganz interessant, das ist ja ein Kollege von uns, der das Buch geschrieben hat, Daniel Haas. Er nennt es eine Befreiungsgeschichte. Wie heißt das denn? Einsam sein. Ist gerade erschienen und er erzählt eben seine Familiengeschichte.“
Iris Radisch stellt das neue Buch ihres Kollegen Daniel Haas vor, das als Befreiungsgeschichte aus einer oberbürgerlichen, einst wohlhabenden Familie erzählt wird. Haas beschreibt den psychischen Preis der Zugehörigkeit zur Finanzelite – vor allem die Einsamkeit – und wie starre Verhaltenskodizes jede Bewegungsfreiheit im Leben ausschließen. Das Buch wird als Ausgangspunkt für das Gesprächsthema transgenerationelle Familienerfahrungen genutzt.
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Judith Hermann · 2026
Judith Hermann folgt in »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach. In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:10:07 „Judith Herrmann, die berühmte Judith Herrmann, hat ein Buch geschrieben, das heißt »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. Das ist eine Ich-Geschichte, wo man natürlich sofort sagt, aha, das ist natürlich Judith Herrmann, die hier von sich schreibt, weil sie auf den Spuren ihres Großvaters unterwegs ist in diesem Buch.“
Das Hauptbuch dieser Podcast-Folge: Judith Hermanns neues Buch, in dem eine Ich-Erzählerin nach Radom in Polen reist, um die Geschichte ihres SS-Großvaters zu erforschen. Es entspinnt sich eine kontroverse Debatte zwischen Iris Radisch, die das Buch als grandiose Darstellung transgenerationellen Traumas und familiärer Sprachlosigkeit lobt, und Adam Soboczynski, der die poetische Literarisierung der Leerstelle und das Ausblenden der konkreten Täterperspektive kritisiert.
Poetikvorlesungen
Judith Hermann · 2022
Diese Veröffentlichung bietet erstmals einen systematischen Überblick über die Poetikvorlesung als poetologische Gattung. Das Kompendium beschreibt das Korpus der Poetikvorlesungen in seinen historischen, geografischen, ästhetischen, kulturpolitischen und ökonomischen Dimensionen, trägt bestehende Forschungen ebenso wie nicht-akademische Rezeptionen zusammen und diskutiert die Funktionen dieser Gattung im literarischen Feld.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:19:32 „Das hat sie auch wunderbar in den Poetikvorlesungen, die sie vor nicht so allzu langer Zeit mal gehalten hat, hat sie das auch erklärt. Sie hat selber gesagt, ich kann das Eigentliche nicht erzählen. Ich kann nur das Verschweigen des Eigentlichen erzählen.“
Iris Radisch verteidigt Judith Hermanns literarischen Ansatz des Umkreisens einer Leerstelle und verweist auf deren Poetikvorlesungen, in denen Hermann selbst ihr ästhetisches Programm erläutert hat.
Sandit
Lukas Rietzel
Mehrperspektivischer Roman über die Familie Wenzel in einem fiktiven sächsischen Ort. Das Buch erzählt von den 1970er-Jahren in der DDR bis zur Gegenwart und erforscht ostdeutsche Mentalitätsgeschichte sowie Formen des Widerstands über mehrere Generationen hinweg.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:34:47 „Das ist ein Buch von dem sehr jungen, erst 31-jährigen ostdeutschen Schriftsteller Lukas Rietzel, der sehr erfolgreich ist, hat Romane geschrieben, ist aber vor allen Dingen auch im Theater extrem präsent. Er erzählt in diesem Buch auch von einer Zeit, die er selbst nicht erlebt hat, die aber familiär tief sich bei ihm natürlich auch niedergeschlagen hat und das ist die DDR.“
Adam Soboczynski stellt den Roman als zweites Hauptbuch der Folge vor. Der Roman erzählt multiperspektivisch von der Familie Wenzel in einem fiktiven sächsischen Ort über mehrere Generationen hinweg — von den 70er/80er-Jahren in der DDR bis zu Corona und Ukraine-Krieg. Soboczynski sieht darin einen analytischen Roman über Widerstand und ostdeutsche Mentalitätsgeschichte, während Iris Radisch das Buch als oberflächlich, sprachlich unerträglich und in der Kriegsdarstellung unreflektiert kritisiert.
Sinn und Form
Renommierte deutschsprachige Literaturzeitschrift für zeitgenössische Lyrik, Prosa und literaturwissenschaftliche Beiträge. Veröffentlicht bedeutende literarische Werke, Klassiker-Ausgaben und wissenschaftliche Essays. Bekannt für ihre anspruchsvolle Textauswahl und kritische literaturwissenschaftliche Reflexion.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:52:29 „Und die Akademie der Künste von Berlin hat es in der Zeitschrift Sinn und Form, jedenfalls in Teilen, publiziert.“
Iris Radisch nennt die Literaturzeitschrift 'Sinn und Form' als Publikationsort der Auszüge aus Heiner Müllers Jugend-Notizbuch. Adam Soboczynski ergänzt am Ende, dass bislang nur Auszüge veröffentlicht wurden und eine vollständige Publikation noch aussteht.
Der Untergang des Abendlandes
Oswald Spengler · 2021
Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte ist das kulturphilosophische Hauptwerk von Oswald Spengler. Spengler vergleicht das europäisch-nordamerikanische Abendland unter kulturmorphologischen Gesichtspunkten mit sieben anderen Hochkulturen. Er entwirft so das Panorama einer spezifischen Geschichtsphilosophie.
🗣 Iris Radisch erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:52:57 „Er ist unendlich belesen. Das ist sehr erstaunlich, dass man sieht, wie gebildet der 15-jährige Heiner Müller war, was er schon alles kannte von Spengler, Nietzsche, Goethe, Storm kommt vor.“
Iris Radisch zählt die Autoren auf, die der 15-jährige Heiner Müller in seinem Notizbuch von 1945 bereits rezipiert hatte. Spengler wird als einer der Denker genannt, was die erstaunliche Frühreife und Belesenheit Müllers belegt. Das konkrete Werk ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Spenglers Hauptwerk.