Ausgabe Dreissig
Markus Lanz & Richard David Precht
Die Episode beginnt mit einem Blick in Prechts bücherüberflutete Kammer und der ehrlichen Frage, wie viele Bücher man wirklich von der ersten bis zur letzten Seite liest. Von dort schlägt Lanz den Bogen zur Weltlage: Er liest eine eindringliche Passage aus Karl Schlögels Entscheidung in Kiew vor, die bereits 2015 beschrieb, wie das saturierte Europa aus seinem posthistorischen Dornröschenschlaf gerissen wird.
„Die Geschichtszeit meldet sich mit einem großen Knall zurück, unterbricht das Kontinuum der Zeit. Individuelle Lebenszeit und Geschichtszeit treten mit einem Mal schroff und schmerzhaft auseinander.“
Erwähnte Medien (4)
Entscheidung in Kiew
Karl Schlögel · 2022
Was macht die Ukraine aus? Erst mit der russischen Annexion der Krim entwickelte sich ein Bewusstsein für die Eigenständigkeit dieses Landes, das nach dem Willen der Aggressoren nun von der Landkarte verschwinden soll. Seit vielen Jahren ist Karl Schlögel in der Ukraine unterwegs, seine ukrainischen Lektionen von 2015 ergänzt er nun um einen großen Essay über den Krieg, der sich gegen die Idee der Freiheitlichkeit überhaupt richtet.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:59 „Ich lese gerade zum Beispiel sehr viel in dem Buch von Karl Schlögl, Entscheidungen in Kiew. Das ist ein phänomenal gutes Buch aus 2015, in dem er eigentlich schon genau das beschreibt, worum es geht.“
Markus Lanz liest ausführlich aus Karl Schlögels Buch von 2015 vor, um das Gespräch über den Ukraine-Krieg einzuleiten. Der vorgelesene Schlussabsatz beschreibt, wie Europa nach dem Jahrhundert der Extreme in eine trügerische Sicherheit verfiel – und wie die Geschichtszeit sich nun mit einem großen Knall zurückmeldet. Lanz nutzt das Zitat als Brücke zur Frage, welche Konsequenzen der Krieg für Deutschland und die Bundeswehr hat.
Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch
Francis Fukuyama · 2022
Ist Geschichte eine endlose Wiederholung von Aufstieg und Verfall? In seinem weltberühmten Grundlagenwerk legt Francis Fukuyama dar, warum für ihn die liberale Demokratie den Endpunkt der Geschichte bedeutet. Im Sommer 1989 elektrisierte ein Artikel eines bis dato unbekannten Politikwissenschaftlers in der Zeitschrift The National Interest die Welt. Er führte zu Kontroversen bis in die Leitartikel diverser Zeitungen.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:04:43 „Und wir waren auch nicht in Jugoslawien direkt unmittelbar, wo es ja auch einen Krieg gegeben hat in Europa, auch nach dem Ende der Geschichte quasi.“
Precht verweist beiläufig auf Fukuyamas berühmte These vom 'Ende der Geschichte', als er über das Privileg spricht, in Mittel- und Westeuropa jahrzehntelang keinen Krieg erlebt zu haben. Lanz bestätigt die Referenz mit 'Genau, Francis Fukuyama'. Die Erwähnung dient als Kontrastfolie zur aktuellen Rückkehr geopolitischer Konflikte.
Von der Pflicht
Richard David Precht · 2021
Philosophisches Werk über Ethik und Pflichtenlehre. Analysiert die Diskrepanz zwischen tatsächlichen Gefahren und menschlicher Risikowahrnehmung: Während reale Risiken wie Corona unterschätzt werden, überwiegen irrationale Ängste vor unrealistischen Szenarien wie Insektenstichen oder Haiangriffen.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:08:00 „Ich habe ja in meinem Buch über die Pflicht auch gesagt, ich wünsche mir ein soziales Pflichtjahr für alle vor dem Berufseinstieg und eine nach dem Berufsausstieg.“
Im Gespräch über die Bundeswehr und den Wert von Pflichtdiensten verweist Precht auf sein eigenes Buch, in dem er ein soziales Pflichtjahr fordert. Er argumentiert, dass Menschen in einer Gesellschaft das Gefühl brauchen, der Gemeinschaft etwas schuldig zu sein – über Steuerzahlen und Gesetzestreue hinaus.
Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen
Christopher Browning · 2021
Das Reserve-Polizei-Bataillon 101 war eine militärische Einheit der Ordnungspolizei im nationalsozialistischen Deutschland, die in Hamburg aufgestellt wurde und rund 500 Mann umfasste. Das Bataillon war im Zweiten Weltkrieg eingesetzt und aktiv am Holocaust beteiligt. Angehörige dieses Verbandes waren an der Ermordung von mindestens 38.000 Juden direkt beteiligt.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:25:46 „Nein, da sind Leute, du erinnerst dich, wir haben mal gesprochen über die ganz normalen Männer. Ich habe mir das Buch von Christopher Browning jetzt nochmal besorgt.“
Lanz zieht Christopher Brownings Studie über das Reserve-Polizeibataillon 101 heran, um den Unterschied zwischen Befehls- und Auftragslogik zu illustrieren. Er kontrastiert die Hamburger Polizisten, die sich im Holocaust auf Befehlsketten zurückzogen, mit dem Selbstverständnis der heutigen Bundeswehr, die auf Eigenverantwortung und Reflexion setzt. Das Buch dient als mahnendes Beispiel dafür, warum die deutsche Auftragslogik so wichtig ist.