Lanz & Precht – Ausgabe Achtunddreissig
#038

Ausgabe Achtunddreissig

Lanz & Precht / 20. Mai 2022 / 8 Medien

Markus Lanz & Richard David Precht

In dieser Folge dreht sich alles um den bulgarischen Politologen Ivan Krastev, der kürzlich bei Precht zu Gast war und beide nachhaltig beeindruckt hat. Ausgehend von Krastevs Analyse der paradoxen Weltlage — 70 Grenzzäune trotz Globalisierungsrhetorik — diskutieren sie die Fragilität Europas und Krastevs ungewöhnlich originelle Einschätzung zu Putin, der laut Krastev stets genau sage, was er denke, nur werde er vom Westen chronisch falsch interpretiert.

„Wir hatten ja mal diese Vorstellung, Francis Fukuyama, der hat gesagt, die Geschichte ist zu Ende. Und heute leben wir in einer Welt, in der uns nicht die Stabilität selbstverständlich ist, sondern wir wieder den Sinn für das Fragile bekommen haben.“
🗣 Richard David Precht

Erwähnte Medien (8)

Das Licht, das erlosch

Das Licht, das erlosch

Ivan Krastev · 2019

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde das liberal-demokratische Modell westlicher Prägung alternativlos. Heute zerbrechen weltweit Demokratien vor unseren Augen, zersetzt von Populismus, Nationalismus und der Abkehr von freiheitlichen Werten - gerade auch in Osteuropa. Warum hat der Westen seine Strahlkraft verloren? In ihrer brillanten Analyse zeigen Ivan Krastev und Stephen Holmes, dass das seinerzeit ausgerufene »Ende der Geschichte« in Wahrheit ein Zeitalter der Nachahmung einläutete.

🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:00:56 „Ivan Krastev, der bulgarische Politologe, bei dir zu Besuch. Das klingt jetzt so fürchterlich abgehoben und intellektuell, aber der hat ein paar ganz tolle Bücher gemacht. Das Licht, dass er los ist, glaube ich, ist ein berühmtes Buch, wo er beschreibt, ich erinnere noch den Einstieg, wie er einfach mal darauf hinweist und sagt, in welcher Welt wir eigentlich leben.“

Markus Lanz empfiehlt das Buch des bulgarischen Politologen Ivan Krastev, das sich mit der wachsenden Zahl von Grenzanlagen weltweit beschäftigt. Lanz erinnert sich an den Einstieg des Buches, der aufzeigt, wie paradox unsere globalisierte Welt ist: Während wir von Offenheit reden, werden immer mehr Grenzzäune errichtet — von 16 zur Zeit des Mauerfalls auf mittlerweile rund 70.

🛒 Amazon * 📕 Thalia 📚 Google Books Details
The End of History and the Last Man

The End of History and the Last Man

Francis Fukuyama · 2006

Ever since its first publication in 1992, The End of History and the Last Man has provoked controversy and debate. Francis Fukuyama's prescient analysis of religious fundamentalism, politics, scientific progress, ethical codes, and war is as essential for a world fighting fundamentalist terrorists as it was for the end of the Cold War. Now updated with a new afterword, The End of History and the Last Man is a modern classic.

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:02:02 „Wir hatten ja mal diese Vorstellung, Francis Fukuyama, der hat gesagt, die Geschichte ist zu Ende. Dann hat man gedacht, klar, jetzt haben wir etwas erreicht, was besser ist als alle historischen Gesellschaften. Und weil wir das bessere Modell haben, wird es sich flächendeckend ausbreiten und es wird immer stabil sein.“

Precht verweist auf Fukuyamas berühmte These vom Ende der Geschichte, um zu verdeutlichen, wie naiv die westliche Annahme dauerhafter Stabilität war. Im Kontrast dazu beschreibt er die heutige Welt, in der das Gefühl für die Fragilität Europas zurückgekehrt ist — ein Wandel, den auch Krastev in seinen Analysen betont.

🛒 Amazon * 📕 Thalia 📚 Google Books Details
Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen

Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen

Christopher Browning · 2021

Das Reserve-Polizei-Bataillon 101 war eine militärische Einheit der Ordnungspolizei im nationalsozialistischen Deutschland, die in Hamburg aufgestellt wurde und rund 500 Mann umfasste. Das Bataillon war im Zweiten Weltkrieg eingesetzt und aktiv am Holocaust beteiligt. Angehörige dieses Verbandes waren an der Ermordung von mindestens 38.000 Juden direkt beteiligt.

🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:22:40 „Du weißt, wir haben ja schon öfter über Christopher Browning gesprochen. Ganz normale Männer. Das ist auch ein Buch, das dich, glaube ich, sehr geprägt hat.“

Lanz und Precht diskutieren ausführlich über Christopher Brownings Buch, das die Geschichte des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 im Holocaust dokumentiert. Das Buch ist zentraler Bezugspunkt für ihre Diskussion über das Böse: Wie konnten ganz normale Familienväter — keine SS-Leute, keine ideologisch Indoktrinierten — zu Massenmördern werden? Precht nennt es ein 'sehr intelligentes Buch, aus dem man wirklich viel lernt'.

🛒 Amazon * 📕 Thalia 📚 Google Books Details
Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden

Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden

Harald Welzer · 2009

Auf beunruhigende Weise wird gezeigt, wie Tötungsbereitschaft erzeugt wird und wie wenig wir unseren moralischen Überzeugungen trauen können. Über den Holocaust ist viel geschrieben worden, aber die wichtigste Frage ist bis heute nicht beantwortet: Wie waren all die "ganz normalen Männer", gutmütigen Familienväter und harmlosen Durchschnittsmenschen imstande, massenhaft Menschen zu töten? Es gab keine Personengruppe, die sich der Aufforderung zum Morden verschlossen hätte, weshalb Erklärungsansä...

🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:28:45 „mit Harald Welser kann man auch darüber reden, der viel zum Thema Gewalt zum Beispiel auch geforscht hat und der sagt, es gibt dann irgendwann in dem Moment, in dem sozusagen ein Angriff stattfindet, in dem Moment, in dem du attackiert wirst, in dem Moment, in dem neben dir der, mit dem du gestern Abend noch getrunken hast, einfach in die Luft gesprengt wird“

Markus Lanz verweist auf Harald Welzer als Gewaltforscher, dessen Erkenntnisse über Enthemmung und Gewaltspiralen im Krieg er im Gespräch über das Böse heranzieht. Welzers bekanntestes Werk 'Täter' behandelt exakt das Thema der Sendung: wie gewöhnliche Menschen zu Massenmördern werden.

🛒 Amazon * 📕 Thalia 📚 Google Books Details
Artikel über einen US-Drohnen-Operator

Artikel über einen US-Drohnen-Operator

Die Quelle für die Behauptung, in einer Simulation der US Air Force sei der Operator von einer KI für Punkte eliminiert worden, hat sich "falsch ausgedrückt".

🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:37:06 „Im Zusammenhang mit dem Henry-Nannen-Preis weiß ich, dass dieser Text mal in der erweiterten Auswahl war. Das ist schon einige Jahre her, aber ich weiß welchen tiefen Eindruck der damals auf mich gemacht hat.“

Nachdem Lanz die Geschichte eines US-Drohnen-Operators erzählt hat, der in einem Container in der Wüste per Knopfdruck ein Haus im Irak zerstörte und dabei ein Kind tötete, erinnert Precht sich, dass ein Text über diesen Fall für den Henry-Nannen-Preis nominiert war. Der genaue Titel und Autor werden nicht genannt.

Zum Artikel bei Heise.de Details
The Trolley Problem

The Trolley Problem

Judith Jarvis Thomson · 2020

Ein unscheinbarer Aufsatz mit dem Titel "The Trolley Problem" aus dem Jahr 1985 beschäftigt uns bis heute: Angenommen, ein Mensch muss sich entscheiden, ob er eine Straßenbahn ("Trolley") geradeaus fahren lässt, so dass sie fünf Gleisarbeiter tötet, oder ob er sie auf einen anderen Arbeiter umlenkt. Welche Entscheidung wäre zulässig, und weshalb? Die Frage deutet auf ethische Grundprobleme hin, die im Zeitalter der Maschinenethik – etwa beim autonomen Fahren – ganz neue Aktualität gewinnen.

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:37:35 „Es gibt ja dieses berühmte Beispiel aus der Philosophie, schon aus den 60er Jahren, von Judith Jarvis Thompson. Eine Geschichte, die viele Hörer dieses Podcasts bestimmt kennen. Das ist so eine moralische Dilemma-Frage.“

Precht nutzt Thomsons berühmtes Trolley-Problem, um die sinnlich-affektive Tötungshemmung des Menschen zu erklären: Die meisten Menschen würden einen Weichenhebel umlegen, um fünf statt einem zu retten, aber kaum jemand würde einen Menschen eigenhändig von einer Brücke stoßen. Er überträgt diesen Unterschied auf den Drohnenkrieg – das Töten per Knopfdruck gleicht dem abstrakten Hebel, nicht dem direkten Kontakt.

Zum Artikel bei Scribd.com Details
Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens

Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens

Richard David Precht · 2020

Richard David Precht beschäftigt sich mit den wichtigsten Fragen rund um das Thema »Künstliche Intelligenz« – und bezieht dabei auch die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen durch die aktuelle Krise mit ein. Während die drohende Klimakatastrophe und der enorme Ressourcenverbrauch der Menschheit den Planeten zerstört, machen sich Informatiker und Ingenieure daran, die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz voranzutreiben, die alles das können soll, was wir Menschen auch können – nur...

🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:41:13 „Und ich muss sagen, ich habe das in meinem Buch über künstliche Intelligenz versucht auseinanderzunehmen, weil er ist ja jetzt wie ein Befürworter dessen, möglichst viel KI in Kriegsgeräte einzubauen, dass natürlich Kriege, bei denen kein Mensch zu Schaden kommt, ihren Zweck verfehlen.“

Precht verweist auf sein eigenes Buch, in dem er Stuart Russells Idee widerlegt, Kriege könnten durch KI-gesteuerte Kampfroboter ‚menschenlos' geführt werden. Precht argumentiert, dass solche Waffen vor allem gegen Länder ohne vergleichbare Technik eingesetzt würden und Kriege ohne menschliche Opfer ihren Zweck verfehlten.

🛒 Amazon * 📕 Thalia 📚 Google Books Details
American Sniper

American Sniper

Clint Eastwood · 2014

US-Navy-SEAL und Scharfschütze Chris Kyle wird mit nur einem einzigen Auftrag in den Irak geschickt, er soll seine Waffenbrüder beschützen. Seine punktgenauen Schüsse retten unzählige Leben auf dem Schlachtfeld. Als sich die Geschichten seiner mutigen Heldentaten und der unvergleichlichen Treffsicherheit verbreiten, bekommt er den Spitznamen „Legend“. Doch sein Ruf eilt ihm auch hinter die feindlichen Linien voraus und die Gegner setzen ein Kopfgeld auf ihn aus.

🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:45:11 „Und der beschreibt, wie unfassbar schwer es ihm gefallen ist, dann irgendwann abzudrücken. Konnte es nicht. Filmstoff. Total. War es ja dann auch. American Sniper. Seine Geschichte ist unter anderem als Vorlage benutzt worden für genau diesen Film.“

Lanz erzählt von seiner Begegnung mit dem Scharfschützen Garrett Rappenhagen, der im Irak ein Ziel tagelang beobachtete und durch das Fernrohr dessen Menschlichkeit erkannte – bis er nicht mehr abdrücken konnte. Lanz stellt eine Verbindung zum Film American Sniper her, für den Rappenhagens Geschichte als Vorlage gedient habe.

🛒 Amazon * 📺 JustWatch ▶️ YouTube Details
War die Extraktion dieser Folge gut?