Ausgabe Siebenunddreissig
Markus Lanz & Richard David Precht
Die Episode pendelt zwischen der schweren Debatte um Waffenlieferungen an die Ukraine und der Frage nach realistischen Kriegszielen — und einer leichtfüßigen Plauderei über Wiener Melancholie, raunzende Bergvölker und die Frage, warum Menschen in einer so schönen Stadt so schlechte Laune haben. Precht meldet sich aus Wien, was Lanz zu einem Exkurs über Tiroler Schwermut inspiriert: Seine Mutter kommentierte drei Wochen Sonnenschein mit dem Satz „Das werden wir büßen.
„Man fragt sich, warum Menschen in einer Stadt, die so schön ist, so schlechte Laune haben. Das muss man überhaupt erstmal hinkriegen.“
Erwähnte Medien (12)
Monaco Franze – Der ewige Stenz
Helmut Dietl · 1983
Helmut Fischer in seiner Paraderolle als unwiderstehlicher Frauenliebling und sympathischer Schwerenöter: In der Serie "Monaco Franze - Der ewige Stenz" spielte er in den 1980er-Jahren den 50-jährigen Kriminalkommissar Franz Münchinger alias Monaco Franze.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:02:12 „Ich kenne das auch aus Südtirol. Da gibt es das Wort immer dieses Geraunze. In Monaco, Franze war es früher immer das Geschiss mit der Elli.“
Im lockeren Gesprächseinstieg über die Melancholie der Wiener und Tiroler fällt Lanz die berühmte Münchner TV-Serie ein. Er zitiert das Motiv des ständigen Genörgels und zieht eine humorvolle Parallele zwischen dem Wiener Raunzen und dem typischen Geschimpfe in Helmut Dietls Kultserie.
Die Geierwally
Wilhelmine von Hillern
Klassischer deutschsprachiger Roman aus dem 19. Jahrhundert über die unabhängige Wally in den Tiroler Alpen. Erzählt die Geschichte einer eigenwilligen Frau in einer rauen Berglandschaft, geprägt von Einsamkeit und melancholischer Stimmung. Die Geierwally ist ein literarisches Meisterwerk über Naturverbundenheit und weibliche Autonomie, das die düstere Schönheit der Dolomiten-Region eindrucksvoll einfängt und bis heute die kulturelle Identität Tirols prägt.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:03:56 „Das hat so eine schwere, weißt du, wenn da die Nebelschwaden, wie in der Geierwalli, wenn die Nebelschwaden so um die Berge ziehen, um die Dolomiten und du sitzt da.“
Lanz beschreibt die melancholische Stimmung in den Tiroler Bergen und greift dabei auf das literarische Bild der Geierwally zurück – die Geschichte der einsamen Frau in den Alpen. Er nutzt die Referenz, um die düstere, nebelverhangene Atmosphäre seiner Heimat zu illustrieren.
Der TikTok-Krieg in der Ukraine
Die New York Times analysiert die Rolle von TikTok als zentrale Plattform im Ukraine-Krieg. Der Artikel beleuchtet, wie Kriegsrhetorik, Heldenverehrung und virale Propaganda die öffentliche Wahrnehmung des Konflikts prägen und wie soziale Medien zu modernen Kriegsinstrumenten geworden sind.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:04:34 „Und mittlerweile ist TikTok sozusagen die Plattform, auf der dieser Krieg stattfindet. Die New York Times hat dieser Tage über den TikTok-Krieg in der Ukraine gesprochen.“
Lanz beschreibt, wie der Ukraine-Krieg über soziale Medien geführt wird. Er verweist auf einen Artikel der New York Times, der die Rolle von TikTok als Kriegsplattform analysiert, auf der Kriegsrhetorik, Heldenverehrung und virale Propaganda stattfinden.
Artikel zur Romantisierung von Krieg
Diana Kindert
Diana Kindert beschreibt in dem Beitrag eine kulturelle Ästhetisierung und Romantisierung von Krieg, Gefecht und Kampf in sozialen Medien. Sie beobachtet Influencer, die mit Sturmhauben und Karnevalswaffen posieren und Krieg als etwas Aufregendes oder Heroisches inszenieren. Kindert zieht daraus den Schluss, dass die Gesellschaft kulturell längst kriegsbeteiligt sei, noch bevor ein offizieller Kriegszustand eintritt. Der Artikel ist relevant als Zeitdiagnose zur medialen Kriegsnormalisierung im gegenwärtigen geopolitischen Kontext.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:08:13 „Diana Kindert hat es dieser Tage beschrieben, die schreibt von einer Romantisierung von Krieg und Gefecht und Kampf. Nimmst du das auch so wahr?“
Lanz zitiert Diana Kindert, die in einem aktuellen Beitrag die Romantisierung und Ästhetisierung des Krieges in sozialen Medien beschrieben hat. Kindert beobachtet demnach Influencer mit Sturmhauben und Karnevalswaffen und kommt zum Schluss, dass wir kulturell längst kriegsbeteiligt seien.
Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog
Christopher Clark · 2013
Das Standardwerk zum Ersten Weltkrieg Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass das deutsche Kaiserreich wegen seiner Großmachtträume die Hauptverantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trug. In seinem bahnbrechenden Werk kommt der renommierte Historiker und Bestsellerautor (Preußen) zu einer anderen Einschätzung. Christopher Clark beschreibt minutiös die Interessen und Motivationen der wichtigsten politischen Akteure in den europäischen Metropolen.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:10:44 „Dieses Unbehagen, in diesen Krieg reingezogen zu werden, Stichwort Erster Weltkrieg, Stichwort Christopher Clarke, Stichwort die Schlafwandler, einfach so langsam, langsam immer tiefer reingezogen werden.“
Lanz zieht eine Parallele zwischen dem Ukraine-Krieg und dem Ersten Weltkrieg. Er nutzt Christopher Clarks berühmte These vom schleichenden Hineingeraten in den Krieg als Warnung: Auch heute bestehe die Gefahr, dass der Westen Schritt für Schritt immer tiefer in den Konflikt hineingezogen werde, ohne dass es eine bewusste Entscheidung dafür gab.
Essay zum Ukraine-Krieg
Richard David Precht · 2025
Die gesammelten Essays und Briefe einer großen Schriftstellerin unserer Zeit in einem Band. Eindrucksvoll zeigen die Essays, dass Monika Maron schon immer Stellung zu politischen, sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen bezog und sich nie vereinnahmen ließ. »Monika Marons jüdisch-polnischer-sozialistisch-bürgerlicher ost-westdeutscher Lebenslauf ist sehr eindrücklich.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:14:33 „Und das ist die Frage, die ich schon ganz früh aufgeworfen habe, in einem Essay, den ich im Stern geschrieben habe. Was ist das mutmaßliche Kriegsziel von unserer Seite.“
Precht verweist auf einen eigenen Essay im Stern, in dem er bereits früh im Krieg die Frage nach dem realistischen westlichen Kriegsziel aufgeworfen hat. Er argumentiert, dass die Entscheidung über Waffenlieferungen von der Antwort auf diese strategische Grundfrage abhängen müsse.
Offener Brief an Bundeskanzler Scholz
Alice Schwarzer wendet sich in diesem offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz und würdigt dessen bisherige Zurückhaltung beim Thema Rüstungslieferungen, die er mit großer Vorsicht abgewogen hat. Die Autorin verweist auf die erheblichen Risiken einer militärischen Eskalation: die Ausbreitung des Krieges innerhalb der Ukraine, eine mögliche Ausweitung auf das gesamte europäische Territorium und letztendlich das Risiko eines dritten Weltkriegs. Schwarzer appelliert an den Kanzler, zu seiner ursprünglichen Position zurückzukehren und unter keinen Umständen – weder direkt noch indirekt – weitere schwere Waffen an die Ukraine zu liefern. Der Brief stellt einen Aufruf zur Vorsicht und Deeskalation dar und kritisiert implizit eine Verschiebung der deutschen Außenpolitik in diese Richtung.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:30:09 „Ja, ehrlich gesagt argumentierst du jetzt so ein bisschen in die Richtung dieses ersten Briefes, über den gerade in Deutschland so viel gestritten wird, der von vielen so gelesen wird, dass man sagt, eigentlich legen wir sehr paternalistisch aus deutscher Perspektive von oben herab den Ukrainer nahe, kapituliert doch jetzt endlich, ergebt euch, weil eigentlich habt ihr ohnehin keine Chance.“
Lanz konfrontiert Precht mit dem umstrittenen offenen Brief an Bundeskanzler Scholz, in dem Intellektuelle zur Zurückhaltung bei Waffenlieferungen aufriefen. Precht verteidigt den Brief vehement und betont, er richte sich an Scholz, nicht an Selenskyj, und enthalte keine Aufforderung zur Kapitulation – die Kritik sei eine Medienkampagne, die den Inhalt verzerrt darstelle.
Krieg und Frieden in Europa
Jürgen Habermas · 2011
Die anhaltende Euro-Krise sowie die halbherzigen, oft populistischen Reaktionen der Politik lassen ein Scheitern des europäischen Projekts derzeit als reale Möglichkeit erscheinen. In seinem Essay verteidigt Jürgen Habermas Europa gegen die sich ausbreitende Skepsis, der er ein neues überzeugendes Narrativ für die Geschichte und vor allem die Zukunft der Europäischen Union entgegensetzt.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:31:19 „Jetzt, wie es für ein liberal-demokratisches Land auch ansteht, wie es uns gut zu Gesicht steht, gibt es immer mehr Leute, jetzt Jürgen Habermas zuletzt, die beiden offenen Briefe, die sich mit ihren Meinungen in diese Debatte einschalten.“
Precht erwähnt Habermas als prominenten Teilnehmer der deutschen Debatte über den Ukrainekrieg und Waffenlieferungen. Damit verweist er implizit auf Habermas' Essay zur Ukraine-Krise, der in der Süddeutschen Zeitung erschien und in dem Habermas vor einer Eskalation warnte. Precht nutzt die Referenz, um zu zeigen, dass die Debatte in einer liberalen Demokratie breit geführt werden sollte.
Faust. Der Tragödie zweiter Teil
Johann Wolfgang von Goethe · 2021
Faust Der Tragödie zweiter Teil - Johann Wolfgang von Goethe - Das Werk "Faust. Der Tragödie zweiter Teil", welches von Johann Wolfgang von Goethe verfasst wurde, ist die Fortsetzung seines Werkes "Faust 1".In dem zweiten Teil der Tragödie wird die Weiterentwicklung der Figur des Faust beschrieben. Das Drama, welches aus 5 Akten besteht, thematisiert die Ausbildung des Menschen in all seinen Fähigkeiten.
🗣 Richard David Precht zitiert daraus bei ⏱ 00:41:35 „Ja, ich meine, das ist wie immer beim Krieg. Also es gibt den schönen Satz von Goethe, Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie nicht zu trennen. Und das ist, wenn es wirklich ans eingemachte, tiefliegende Geschäftsinteressen geht, dann sieht man die Welt nicht moralisch, dann sieht man die Welt ökonomisch.“
Im Gespräch über Deutschlands Doppelzüngigkeit – einerseits moralische Haltung, andererseits weiterhin Öl aus Russland zu beziehen – zitiert Precht Goethes berühmten Vers aus Faust II. Das Zitat dient ihm als zeitlose Erklärung dafür, dass ökonomische Interessen in Kriegszeiten stets die Moral überlagern, und illustriert die Widersprüchlichkeit der deutschen Position.
Rede von Olaf Scholz zur Zeitenwende (Sonntag)
Olaf Scholz
Bundeskanzler Scholz' Sonntagsrede zur Zeitenwende, in der er 'Nie wieder Krieg' und 'Nie wieder Völkermord' in einem Atemzug fordert, ohne deren inneren Widerspruch zu reflektieren. Die Rede exemplifiziert Scholz' Redestil: überzeugend im Ton, aber konzeptionell ein unaufgelöstes 'Sowohl-als-auch', das zwischen Charakterschwäche und ehrlicher Anerkennung unlösbarer Gegensätze schwebt.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:42:28 „Ich fand es interessant in der Rede von Olaf Scholz am Sonntag, ich weiß nicht, ob du das verfolgt hast.“
Lanz bringt eine Sonntagsrede von Bundeskanzler Scholz ins Gespräch, in der dieser die Sätze 'nie wieder Krieg' und 'nie wieder Völkermord' in einem Atemzug sagte, ohne den darin liegenden Widerspruch zu benennen. Precht beschreibt die Rede als typisch für Scholz – energisch und überzeugend im Ton, aber in der Sache ein 'sowohl als auch', das man wahlweise als Charakterschwäche oder als redliche Anerkennung unlösbarer Widersprüche lesen könne.
Rede auf dem Sonderparteitag der Grünen zum Kosovo-Einsatz
Joschka Fischer · 2009
Joschka Fischer – das Buch Die politischen Erinnerungen des deutschen Außenministers und Vizekanzlers Joschka Fischer an die Jahre der rot-grünen Koalition. Die deutsche Außenpolitik in Zeiten der weltpolitischen Umbrüche nach dem 11. September, zwischen innenpolitischer Reformpolitik und parteipolitischen Krisen und Kontroversen. Die sieben Jahre der rot-grünen Regierungszeit von 1998 bis 2005 sind schneller als erwartet zum Gegenstand zeitgeschichtlicher Erinnerung und Bewertung geworden.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:44:26 „Nie wieder Auschwitz hat Joschka Fischer damals den Bundeswehreinsatz gerechtfertigt in Jugoslawien. Nein, er hat gesagt, nie wieder Auschwitz ist wichtiger als nie wieder Krieg.“
Precht und Lanz diskutieren die beiden Grundsätze deutscher Nachkriegspolitik – 'nie wieder Krieg' und 'nie wieder Auschwitz' – und verweisen auf Fischers historische Rede von 1999, mit der er den Bundeswehreinsatz im Kosovo begründete. Precht argumentiert, dass die damalige Entscheidung weit weniger risikoreich war als die heutige Situation, weil Jugoslawien keine Atommacht war.
Pioneer-Podcast mit Diana Kienert
Do you love hearing the secret stories of brilliant entrepreneurs? In each episode of The Big Swing, Sam Barcroft interviews a pioneer from the world of content to find out the three biggest decisions they made on their way to success. And to top it off, they finally decide which was their one Big Swing - the move that changed everything.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:50:52 „Diana Kienert hat sie neulich in einem anderen Podcast, ich glaube bei Pioneer hat sie das gesagt, das fand ich sehr, sehr klug. Sie sagte, manche sagten immer, Europa ist Frieden. Und Frieden ist Europa. Aber die Wahrheit ist, Frieden ist manchmal nur eine glückliche Fügung.“
Zum Ende des Podcasts zitiert Lanz Diana Kienert aus einem Pioneer-Podcast und gibt damit seinem zentralen Fazit einen Rahmen: Die europäische Friedensordnung sei keine Selbstverständlichkeit, sondern eine glückliche Fügung, die aktiv verteidigt werden müsse. Precht ergänzt, dass Frieden zwar nicht garantiert sei, man aber alles dafür tun müsse.