Verlustangst - Populisten sind gute Verlustunternehmer
Markus Lanz, Richard David Precht
Anlässlich des Treffens zwischen Friedrich Merz und Donald Trump diskutieren die beiden, welches Europa da eigentlich auf welches Amerika trifft. Precht analysiert, wie Merz als Vertreter des liberal-demokratischen Kerneuropas mit einer zunehmend brüchigen Allianz nach Washington reist — während Orbán, die Wahl in Rumänien und die gespaltene polnische Politik zeigen, dass dieses Kerneuropa bald ein Resteuropa sein könnte. Inspiriert von Ivan Krastev ziehen sie die Parallele zu 1989: So wie damals die Sowjetunion aufhörte, ein kommunistischer Staat zu sein, höre Amerika heute auf, eine liberale Supermacht zu sein.
„Das, was wir gerne Kerneuropa nennen, könnte im Laufe der nächsten Jahre auch so eine Art Resteuropa werden.“
Erwähnte Medien (8)
Demokratien weltweit schaffen Freiheiten ab, um ihr eigenes Verständnis von Demokratie zu retten
Frederik Schwilden
Die vergangenen zwei Sommer verbrachte unser Autor in den USA. Dieses Jahr traut er sich nicht. Die Nachrichten von Einreiseverweigerungen und Abschiebehaft zeigen Wirkung. Aber was, wenn Gefühl und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen?
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:15:32 „Ich habe gerade vor Augen, vor meinem inneren Auge, Richard, ein sehr interessantes Stück von Frederik Schwilden. Das ist ein Autor, ich glaube Welt, der jetzt mehrere Jahre in Amerika gelebt hat. Ein guter Schreiber, toller Schreiber, der so schreibt, diese schönen Sommer, die er da in Atlanta, offenbar in Georgia und dann auch in einem Ferienhaus in Mississippi und so weiter verbracht hat.“
Lanz empfiehlt einen Artikel von Frederik Schwilden (vermutlich in der Welt), der über seine persönlichen Amerika-Erfahrungen schreibt und dann eine scharfe These entwickelt: Demokratien schaffen Stück für Stück Freiheiten ab, um ihr eigenes Verständnis von Demokratie zu retten. Schwilden beschreibt sein Unbehagen angesichts von Entwicklungen wie Bücher-Verbannungen aus Bibliotheken, Durchsuchung von Wissenschaftler-Handys und Einschränkungen der Meinungsfreiheit in mehreren westlichen Ländern.
CBS-Dokumentation über Staatsanwälte
· 1996
Der Mordfall Meredith Kercher ist ein Kriminalfall der jüngeren italienischen Rechtsgeschichte. Die 21-jährige britische Austauschstudentin Meredith Kercher wurde am 1. November 2007 im italienischen Perugia in der Wohnung, die sie sich mit drei anderen Frauen teilte, beraubt und ermordet. Als Täter wurde der Ivorer Rudy Hermann Guede ermittelt und 2008 verurteilt. Kerchers Mitbewohnerin Amanda Knox und deren Freund Raffaele Sollecito wurden von der Staatsanwaltschaft der Mittäterschaft beschuld...
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:17:45 „Aber dennoch hat er möglicherweise einen Punkt, verweist auf diese amerikanische, auf die CBS-Dokumentation, du erinnerst dich, diese Staatsanwälte.“
Im Kontext von Frederik Schwildens Artikel erwähnt Lanz eine CBS-Dokumentation über Staatsanwälte, auf die Schwilden in seinem Text verweist. Die Dokumentation wird als Beleg dafür herangezogen, dass auch in den USA problematische Entwicklungen bei der Meinungsfreiheit stattfinden. Die Erwähnung ist knapp und beiläufig.
Verlust. Ein Grundproblem der Moderne
Andreas Reckwitz · 2024
Sozialwissenschaftliche Analyse der modernen Verdrängung von Verlust. Die zentrale These: Der Kapitalismus hat seit 250 Jahren ein Fortschrittsversprechen installiert, das keinen Raum für Misserfolge und Niederlagen lässt—was sich heute in Pandemien, Klimakrise und politischen Regressionserfahrungen manifestiert.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:23:07 „Glückwunsch zur Sendung mit Reckwitz. Mit dem deutschen Soziologen neben anderen, Steffen Mau und so weiter. Empfehle ich sehr, Mediathek, bitte unbedingt ansehen. Reckwitz hat doch ein Buch gemacht über Verlust. Und sagt auch da, da ist uns was flöten gegangen.“
Lanz empfiehlt das Buch von Andreas Reckwitz über Verlust und verbindet es mit der Diskussion über Osteuropa, Ostdeutschland und den mittleren Westen Amerikas. Reckwitz' zentrale These – dass fortschrittsorientierte Gesellschaften Verlusterfahrungen strukturell delegitimieren und Populisten daraus ihr Geschäftsmodell machen – wird von beiden Gesprächspartnern ausführlich aufgegriffen und weitergedacht.
La Défaite de l'Occident
Emmanuel Todd · 2024
L’implosion de l’URSS a remis l’histoire en mouvement. Elle avait plongé la Russie dans une crise violente. Elle avait surtout créé un vide planétaire qui a aspiré l’Amérique, pourtant elle-même en crise dès 1980. Un mouvement paradoxal s’est alors déclenché : l’expansion conquérante d’un Occident qui dépérissait en son cœur.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:37:42 „Und ich erinnere mich an Emmanuel Todd, glaube ich war es, Franzose, Historiker, der gesagt hat, es ist ein gut gehütetes Geheimnis der Globalisierung, dass insbesondere die Mittelschicht im Westen längst dabei ist, vollkommen unter die Räder zu kommen.“
Lanz zitiert den französischen Historiker Emmanuel Todd, um seine These zu untermauern, dass die Deindustrialisierung und die Globalisierung insbesondere die westliche Mittelschicht getroffen haben. Todd wird als Stimme herangezogen, die früh auf die Verlierer der Globalisierung hingewiesen hat. Die genaue Werkzuordnung bleibt im Gespräch vage.
Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne
Hartmut Rosa · 2017
Das Buch unternimmt erstmals den Versuch, die sich potenzierende Dynamisierung gesellschaftlicher Verhältnisse, wie sie in der jüngsten politischen und digitalen Beschleunigungswelle etwa unter dem Stichwort ›Globalisierung‹ firmiert, systematisch zu erfassen und sie in ihren kulturellen und strukturellen Ursachen ebenso wie in ihren Auswirkungen auf die individuelle und kollektive Lebensführung zu analysieren.
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:45:45 „Natürlich stark mit der Technisierung der Welt zusammen, die die Welt so stark beschleunigt hat, also das Thema von Hartmut Rosa, bei dem wir ja auch schon mal gesprochen haben, wenn wir hier die großen deutschen Soziologen auszählen.“
Im Kontext der Verlusterfahrung von Zeit und dem Gefühl des Gehetztseins verweist Precht auf Hartmut Rosas Arbeiten zur Beschleunigung. Lanz ergänzt begeistert, Rosa sei ein großartiger Soziologe, dessen Bücher man unbedingt lesen müsse. Die Erwähnung dient als Ergänzung zu Reckwitz' Verlustanalyse.
Trigger Points
Steffen Mau · 2026
Available open access digitally under CC-BY-NC-ND licence. Today’s political debates are fiercely polarized. But looking beyond the headlines, this book shows that ordinary citizens hold much more nuanced, less divided views. Drawing on rich survey data and group discussions, this work maps four major areas of conflict: migration, climate change, diversity and economic justice. Across these conflicts, most citizens take positions that are middle-of-the-road, contradictory or undecided.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:47:05 „Es gibt doch diesen interessanten Befund von Steffen Mau, der auch ganz bekannter deutscher Soziologe, der war auch irgendwann bei uns in der Sendung und der bis heute mit der These in die Öffentlichkeit geht, die da sagt, es gibt diese unterstellte deutsche Polarisierung gar nicht.“
Lanz bringt Steffen Maus These ein, dass die oft unterstellte Polarisierung der deutschen Gesellschaft in zwei Lager gar nicht existiere. Precht stimmt zu und führt aus, dass weder der Gaza-Konflikt noch die Ukraine-Frage noch die Corona-Maßnahmen entlang einer einfachen Links-Rechts-Linie verlaufen. Maus Buch sei vor dem Ukraine-Krieg und Gaza erschienen, die Grundthese aber weiterhin gültig.
Aufbruch
Stefan Klein · 2025
Bestseller-Autor Stefan Klein über die alles entscheidende Frage: Warum verändern wir im Persönlichen wie in der Gesellschaft nichts, obwohl wir doch alles wissen? Was hindert uns am Aufbruch? Wie kann er gelingen? Klimakrise und künstliche Intelligenz, die alternde Gesellschaft und internationale Konflikte fordern uns heraus. Wir müssen uns selbst und die Welt verändern, wenn wir überleben wollen.
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:50:15 „Du kennst Stefan Klein, glaube ich, einer der erfolgreichsten deutschen Autoren. Früher beim Spiegel. Physiker, Philosoph, Bestsellerautor. Der hat ein Buch gemacht, »Aufbruch«. Und da redet er über den sogenannten Besitztumseffekt für dessen Entdeckung der Verhaltensökonom Richard Thaler, glaube ich, 2017 den Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat.“
Lanz führt Stefan Kleins Buch »Aufbruch« ein, um das psychologische Phänomen zu erklären, warum Menschen Veränderung so schwerfällt. Über den darin beschriebenen Besitztumseffekt – Menschen bewerten Dinge höher, sobald sie ihnen gehören – leiten Lanz und Precht eine anschauliche Erklärung her, warum Verlusterfahrungen so viel schmerzhafter sind als entsprechende Gewinne.
Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness
Richard Thaler · 2012
The completely updated, final edition of the global bestseller - one of the most influential books of the 21st century 'Few books can be said to have changed the world, but Nudge did. The Final Edition is marvellous: funny, useful, and wise' Daniel Kahneman Nudge has transformed the way individuals, companies and governments look at the world - and in the process has become one of the most important books of the twenty-first century.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:50:30 „Und für seinen Nudging-Thesen. Nudging, ja. Wie man jemanden mental schubsen kann und schubsen muss und so weiter. Also wirtschaftspsychologische Arbeiten.“
Im Anschluss an Lanz' Erwähnung von Richard Thalers Wirtschaftsnobelpreis 2017 ergänzt Precht, dass Thaler auch für seine Nudging-Thesen ausgezeichnet wurde – die Idee, Menschen durch geschicktes Framing zu besseren Entscheidungen zu bewegen. Die Erwähnung ist beiläufig und dient der Einordnung von Thalers Gesamtwerk.