Was bringt uns der Respekt, wenn wir nichts verdienen
Lars Weisbrod, Ijoma Mangold
Die Folge kreist um den Begriff Klassismus — die Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft — und die Debattenlinien, die sich daran entzünden. Zum Auftakt meldet sich die abwesende Nina Pauer per Sprachnachricht und liefert eine kulinarische Gegenwartsdiagnose: Flower Focaccia, kunstvoll belegt wie eine Blumenwiese, hat das Bananenbrot des ersten Lockdowns abgelöst — weil bloßer Kohlenhydrat-Trost nicht mehr reicht und die pandemiegeplagte Gesellschaft jetzt wenigstens beim Backen etwas Schönes gestalten will.
„Letztes Frühjahr brauchten wir alle, waren wir so überrollt von dieser Pandemie, dass wir uns ganz schnell in leere Kohlenhydrate und Zucker und Schokolade und Bananen flüchten mussten, um uns sozusagen infantil, kindlich einfach nur blind zu trösten. Und das reicht jetzt einfach nicht mehr.“
Erwähnte Medien (11)
The Marshmallow Test
Walter Mischel · 2015
Renowned psychologist Walter Mischel, designer of the famous Marshmallow Test, explains what self-control is and how to master it. A child is presented with a marshmallow and given a choice: Eat this one now, or wait and enjoy two later. What will she do? And what are the implications for her behavior later in life? The world's leading expert on self-control, Walter Mischel has proven that the ability to delay gratification is critical for a successful life, predicting higher SAT scores, better ...
🗣 Lars Weisbrod referenziert „Der Marshmallow-Test ist ein berühmtes sozialpsychologisches Experiment. Das geht so, wenn du Kindern einen Marshmallow, also eine Süßigkeit, hinstellst und ihnen sagst, entweder du isst diese Süßigkeit jetzt oder du wartest und du kriegst fünf mehr. Man hat die Daten auch in den letzten Jahren nochmal weiter untersucht, man hat auch das Original-Experiment sich nochmal genauer angeguckt, da ist dann auch viel so Mythos verloren gegangen.“
Lars Weisbrod führt den Marshmallow-Test als Gegenargument zu Ijoma Mangolds These an, dass Sekundärtugenden wie Disziplin entscheidender seien als materielle Ausstattung. Er erklärt, dass neuere Auswertungen zeigen, dass Delayed Gratification nur ein Epiphänomen des sozioökonomischen Status sei, nicht dessen Ursache.
The Once and Future Liberal: After Identity Politics
Mark Lilla · 2018
For nearly forty years, Ronald Reagan's vision-small government, lower taxes, and self-reliant individualism-has remained America's dominant political ideology. The Democratic Party has offered no truly convincing competing vision. Instead, American liberalism has fallen under the spell of identity politics.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:32:18 „Leute wie der amerikanische Politologe Mark Lilla, der griff dann direkt die Identitätspolitik an und sagte, Hillary Clinton hat in ihrem Programm fast nur auf der identitätspolitischen Klaviatur gespielt, sich also für die Minderheitsrechte von Schwulen, Lesben, Transpersonen eingesetzt und darüber quasi den Kern einer linken Politik, nämlich die soziale Frage vernachlässigt.“
Im Kontext der Diskussion über Klassismus und Identitätspolitik nach Trumps Wahlsieg erklärt Ijoma Mangold, wie Mark Lilla die Identitätspolitik der Demokraten kritisierte. Lillas Kernthese – dass die Linke die Klassenfrage zugunsten von Minderheitenrechten vernachlässigt habe – wird als Auslöser für die verstärkte Nutzung des Klassismusbegriffs dargestellt.
Rückkehr nach Reims
Didier Eribon
Eine autobiografische Reflexion über die Rückkehr in die Heimatstadt und die Auseinandersetzung mit Arbeiterklassen-Herkunft, familiärer Gewalt und sozialen Strukturen. Eribon zeigt, wie Armut und soziale Umstände menschliches Verhalten prägen und ermöglicht damit Verständnis für frühere Generationen.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:39:16 „Das berühmteste Buch, das war quasi die Initialzündung, ein bisschen der Fanfarenstoß, war von dem französischen Soziologen Didier Eribon, Rückkehr nach Rhin.“
Als Initialzündung für die literarische Auseinandersetzung mit Klassenfragen und sozialer Herkunft genannt, im Kontext der Klassismus-Debatte
Les Illusions perdues (Verlorene Illusionen)
Honoré de Balzac · 2020
Illusions perdues -- in English, Lost Illusions -- is a serial novel written by the French writer Honoré de Balzac between 1837 and 1843. It consists of three parts, starting in provincial France, thereafter moving to Paris, and finally returning to the provinces. Thus it resembles another of Balzac's greatest novels, La Rabouilleuse (The Black Sheep, 1842), in that it is set partly in Paris and partly in the provinces.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:46:17 „Und wenn man jemanden nimmt, der darin als erster gewissermaßen übermächtig wurde in der Weltliteratur, Balzac, der beschreibt nichts anderes als die unterschiedlichen Verhaltensweisen, die Codes, den Habitus von verschiedenen Schichten und Milieus und natürlich auch wie in den verlorenen Illusionen klassischer Aufsteigerbiografie, auch damals schon der Journalismus, wo man durch Skrupellosigkeit und Zynismus, auch wenn man aus einfachsten Verhältnissen kommt, es sehr weit hoch bringen kann, das Erzählen Balzacs verlorene Illusionen.“
Mangold führt Balzac als Beleg dafür an, dass die literarische Beobachtung von Klassengegensätzen kein linkes Vorrecht ist. Die Verlorenen Illusionen werden als klassische Aufsteigerbiografie beschrieben, in der Journalismus als Vehikel des sozialen Aufstiegs durch Skrupellosigkeit dient. Balzac selbst war Monarchist – Mangold betont damit, dass Klassensensibilität politisch unabhängig ist.
À la recherche du temps perdu (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit)
Marcel Proust · 2021
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (französischer Originaltitel: À la recherche du temps perdu, erschienen zwischen 1913 und 1927) ist ein siebenteiliger Roman von Marcel Proust. Er erzählt die Geschichte von Prousts eigenem Leben als allegorische Suche nach der Wahrheit und ist das Hauptwerk der französischen Romanliteratur des frühen 20. Jahrhunderts.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:00 „Mein Lieblingsschriftsteller ist Marcel Proust, dessen Recherche auf der Suche nach der verlorenen Zeit handelt in unendlicher Feinabstufung davon, wie sich Milieus über ihre Wortwahl, über ihre Verhaltensweisen voneinander abgrenzen und zwar auf einer Ebene, wo du quasi mit der Briefwaage arbeiten musst und wirst aber feststellen, wie tief dieses strukturierende System sitzt.“
Mangold nennt Proust seinen Lieblingsschriftsteller und die Recherche als Meisterwerk der Milieu-Analyse. Das Werk dient ihm als weiterer Beleg, dass die feinste Beobachtung von Klassenunterschieden in der Literatur stattfindet – in unendlicher Abstufung von Wortwahl und Verhaltensweisen. Es ist Teil seiner Argumentation, dass Gesellschaftsbeobachtung kein linkes Monopol ist.
The Bonfire of the Vanities (Fegefeuer der Eitelkeiten)
Tom Wolfe · 2018
An exhilarating satire of Eighties excess that captures the effervescent spirit of New York, from one of the greatest writers of modern American prose. Sherman McCoy is a WASP, bond trader and self-appointed 'Master of the Universe'. He has a fashionable wife, a Park Avenue apartment and a Southern mistress. His spectacular fall begins the moment he is involved in a hit-and-run accident in the Bronx.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:16 „Und als letztes Beispiel quasi ein Erbe von Balsak, der vor kurzem glaube ich verstorben, amerikanische Schriftsteller, wir kennen alle Tom Wolfe, The Bonfire, Fegefeuer der Eitelkeiten, der macht in seinen Romanen auch nichts anderes als klassenspezifische Codes genau aufzudröseln. Fegefeuer der Eitelkeit schafft er quasi auch für jedes Milieu seine eigene Sprache.“
Mangold reiht Tom Wolfe als drittes Beispiel nach Balzac und Proust ein – als modernen amerikanischen Erben der literarischen Klassenbeobachtung. Fegefeuer der Eitelkeiten wird hervorgehoben, weil Wolfe darin für jedes Milieu eine eigene Sprache schafft und klassenspezifische Codes aufdröselt.
Gott verbrennt
· 2011
Studienarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Theologie - Didaktik, Religionsp dagogik, Note: 1,5, P dagogische Hochschule Weingarten, Veranstaltung: Die Frage nach Gott, 7 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Das erste Ziel ist es, den Sch lern und Sch lerinnen zu erm glichen eine Beziehung und einen Bezug zu Gott zu finden und herzustellen und ihnen damit einen Weg aufzuzeigen, sich pers nlich mit ihrer Religion und ihrem Glauben zu identifizieren.
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:52:00 „All die Kinder aus nicht-akademischen Familien haben zum größten Teil alle Abi gemacht. Und das waren natürlich sehr geordnete Verhältnisse. Bei denen hingen keine, wie es bei Gott verbrennt heißt, keine Gansperos an der Wand.“
Mangold beschreibt seine Schulerfahrung in den 70er/80er Jahren und argumentiert, dass geordnete Verhältnisse im Elternhaus wichtiger für sozialen Aufstieg seien als materielle Ausstattung. Dabei zitiert er beiläufig eine Formulierung aus einem Werk mit dem Titel 'Gott verbrennt', möglicherweise ein Transkriptionsfehler.
Capitalism Alone
Branko Milanovic · 2021
For the first time in history, the globe is dominated by one economic system. Capitalism prevails because it delivers prosperity and meets desires for autonomy. But it also is unstable and morally defective. Surveying the varieties and futures of capitalism, Branko Milanovic offers creative solutions to improve a system that isn’t going anywhere.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:56:07 „Daraufhin hat mir ein Twitter-User und Podcast-Hörer ein Buch empfohlen, das Capitalism Alone heißt, von dem Volkswirt Branko Milanovic. Auf Deutsch heißt es Kapitalismus global. Ich habe das Buch gelesen, du hast es inzwischen auch gelesen, wir beide sind recht große Fans von dem Buch.“
Lars Weisbrod greift auf eine frühere Folge zurück, in der über Kapitalismuskritik diskutiert wurde. Das Buch wurde ihm daraufhin von einem Hörer empfohlen. Beide Hosts haben es gelesen und schätzen es sehr. Weisbrod nutzt Milanovics Argumentation, um zu belegen, dass Transferleistungen und Steuersysteme nachweislich Ungleichheit reduzieren – gegen Mangolds These, Sozialtransfers seien wenig effektiv.
Die Geissens – Eine schrecklich glamouröse Familie
· 2011
Willkommen bei der superreichen Glamour-Familie Geiss. Robert, Ehefrau Carmen und die Töchter Davina Shakira und Shania Tyra haben alles, wovon andere nur träumen: Ein Penthouse in Monaco, eine Traumvilla in St. Tropez, ein Winterdomizil in Kitzbühel. Die Vier sind an jedem Hotspot Europas zuhause. Eine Luxusyacht sowie ein riesiger Fuhrpark inklusive Bentley, Hummer und Rolls Royce gehört zu den Lieblingsspielzeugen der Jetsetter. Die Geissens sind derzeit in aller Munde.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:59:52 „eine okaye Sache, nämlich die Geissens. Kennst du die Geissens? Ja, klar, natürlich. Die Geissens.“
Als Gegenbeispiel zum Unterschichtsfernsehen angeführt – eine Reality-Show, in der ökonomisches Kapital die fehlende kulturelle Distinktion kompensiert
Die feinen Unterschiede (La Distinction)
Pierre Bourdieu
Bourdieu analysiert, wie Menschen sich durch Geschmack und kulturelle Vorlieben voneinander unterscheiden und dadurch Klassenunterschiede ausdrücken. Der Artikel zeigt, dass diese Mechanismen der sozialen Distinktion bis heute relevant sind – nur dass sich die Unterscheidungskriterien verschoben haben: statt ästhetische Vorlieben geht es heute um moralisches Vokabular wie Gendersprache oder inklusive Begriffe als Erkennungszeichen der Gruppenzugehörigkeit.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 01:01:17 „Da würde ich auch hier wieder unbedingt mit Bordieu argumentieren. Diese verschiedenen Kapitalien sind ja wechselseitig restituierbar. Also du kannst natürlich, wenn du ein geringes kulturelles Kapital hast, wie die Geissens, kannst du es substituieren durch reales ökonomisches Kapital.“
Bourdieus Konzepte von kulturellem, sozialem und ökonomischem Kapital werden von beiden Sprechern wiederholt als analytisches Werkzeug herangezogen. Lars Weisbrod nennt explizit 'soziales Kapital und kulturelles Kapital, diese ganze Bordier', Ijoma Mangold argumentiert mehrfach mit Bourdieus Kapitalsorten-Theorie.
The Decline in Intergenerational Mobility after 1980
Empirische Studie zum Vergleich intergenerationaler Mobilität in den USA zwischen zwei Kohorten (Anfang 1950er vs. 1960er). Die Forscher zeigen, dass soziale Mobilität nach 1980 deutlich abgenommen hat: Der Intergenerationale Elastizitätskoeffizient stieg von 0,21 auf 0,5, d.h. das Einkommen der Eltern determiniert das Einkommen der Kinder stärker als früher.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 01:06:19 „Es gibt eine Studie, The Decline in Intergenerational Mobility after 1980, aus den USA. Die Forscher haben zwei Kohorten miteinander verglichen. Eine ist Anfang der 50er geboren, die zweite ist Anfang der 60er.“
Weisbrod führt diese US-Studie als empirischen Beleg dafür an, dass soziale Mobilität nach der neoliberalen Wende der 1980er Jahre abgenommen hat. Der Intergenerationale Elastizitätskoeffizient stieg von 0,21 auf 0,5, was bedeutet, dass das Einkommen der Eltern stärker das Einkommen der Kinder determiniert. Er erwähnt, die Studie auch aus Milanovics Buch zu kennen.