Liegt die Zukunft auf dem Land
Lars Weisbrod, Ijoma Mangold
Die Episode kreist um eine durch Corona verstärkte Bewegung von der Stadt aufs Land — eine Neuausrichtung der Geografie und damit auch der Lebensform. Zuvor liefert der Gegenwartscheck eine amüsante Debatte über Silent Meditation auf Clubhouse: das gemeinsame digitale Schweigen als neue Kommunikationsform, die Ijoma Mangold rührt, während Lars Weisbrod gesteht, dass ihm bei dem Wort Clubhouse inzwischen schaudert.
„Das ist schon eine hohe Stufe unserer digitalen Sophistication, dass man gewissermaßen digital vernetzt mit anderen gemeinsam schweigt.“
Erwähnte Medien (11)
Die Harald Schmidt Show
Harald Schmidt / SAT.1 · 1995
Die Harald-Schmidt-Show war eine deutsche Unterhaltungssendung, die von Harald Schmidt moderiert wurde.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:05:15 „Das ist, wenn man so völlig sich selbst überschätzt und wir denken, wir sind Harald Schmidt, der mal eine Sendung ohne Bild gemacht hat oder auf Französisch.“
Lars Weisbrod vergleicht Ijomas Idee eines Silent Podcasts scherzhaft mit Harald Schmidts legendären Stunts in seiner Late-Night-Show, in der Schmidt einmal eine Sendung ohne Bild ausstrahlte oder auf Französisch moderierte. Die Referenz dient als humorvoller Maßstab für übertriebene Selbstüberschätzung.
Everydays: The First 5000 Days
Beeple
"The First 5000 Days" ist ein digitales Kunstwerk von Beeple, das 2021 für 69 Millionen Dollar verkauft wurde und damit einen Rekord für NFT-Kunstwerke setzte. Das Werk löste heftige Debatten über den Wert und die Legitimität von digitaler Kunst aus und wurde zum Katalysator für die öffentliche Diskussion über NFTs. Als eines der ersten Mainstream-Events im Kunstbereich prägte es die Wahrnehmung dieser neuen Technologie nachhaltig.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:16:18 „Da gab es diesen großen Vorgang, dass ein Internetkünstler, der bisher mit seinen Internet-Kunstwerken kein Geld verdienen konnte, weil in der Kunst natürlich immer die Originalität, also die Einzigartigkeit prämiert wird. Bipol heißt der, dessen Kunstwerk wurde bei Christie's letzte Woche für sage und schreibe 69 Millionen Dollar, glaube ich, verkauft. Das ist ungefähr das dritteuerste Kunstwerk eines noch lebenden Künstlers, das je unter den Hammer kam.“
Ijoma Mangold erklärt das Phänomen der NFTs und nennt als prominentestes Beispiel die Versteigerung von Beeples digitalem Kunstwerk bei Christie's für 69 Millionen Dollar. Er nutzt es als Beleg dafür, dass durch die Blockchain-Technologie erstmals digitale Einzigartigkeit und damit ein völlig neuer Kunstmarkt entstanden ist.
Buddenbrooks
Thomas Mann · 2026
In den "Buddenbrooks" führt Thomas Mann uns mitten hinein in das Leben einer Familie, deren Glanz und Selbstsicherheit lange unerschütterlich scheinen. Doch hinter den schweren Türen des Lübecker Hauses liegen verborgene Spannungen, persönliche Träume und Enttäuschungen, die kaum ausgesprochen werden dürfen.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:18:23 „Zum Beispiel, wenn man die Erstausgabe von Thomas Manns Buddenbrocks kauft, könnte man ja auch sagen, was hat man davon, man kann ja das Taschenbuch kaufen und dann liest man den gleichen Roman. Naja, aber es gibt eben in der menschlichen Seele so etwas wie die Sammlerleidenschaft und auch das Bedürfnis, in einer herausgehobenen und singulären Weise an einem Nimbus teilzuhaben, der einem selber viel bedeutet.“
Ijoma Mangold zieht die Erstausgabe der Buddenbrooks als Analogie heran, um das Prinzip der NFTs zu erklären. Sein Argument: So wie ein Thomas-Mann-Fan irrational viel für eine Erstausgabe zahlt, obwohl der Text im Taschenbuch identisch ist, zahlen NFT-Käufer für die zertifizierte Einzigartigkeit eines digitalen Objekts – in beiden Fällen geht es um Sammlerleidenschaft und die Teilhabe an einem Nimbus.
Der Herr der Ringe
J. R. R. Tolkien
Ein ungewöhnlicher Held. Eine Reise voller Gefahren. Das größte Abenteuer aller Zeiten. In einem ruhigen Dorf im Auenland bekommt der junge Frodo ein Geschenk, das sein Leben für immer verändern wird – den Einen Ring, der seit Jahrhunderten als verschollen galt. Ein mächtiges und furchterregendes Ding, mit dem der Dunkle Herrscher einst Mittelerde versklavte.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:33:21 „Und keiner von denen hat auch Lust auf Herr der Ringe, sondern die wollen alle FC Bayern Poster aufhängen, so. Und da bin ich ja mein ganzes Leben lang vor geflohen und da habe ich so Angst, dass ich dann dahin zurück müsste.“
Weisbrod erwähnt 'Herr der Ringe' beiläufig als Beispiel für seine eigenen kulturellen Interessen, die in der ländlichen 'Bedarfsgemeinschaft' seiner Kindheit niemand teilte. Es dient als Chiffre für die Angst, kulturell isoliert zu sein, wenn man aufs Land zieht.
Grenzgang
Stefan Thome · 2009
Deutscher Autor, geb. 1972. - In einer Provinzstadt findet alle 7 Jahre ein überschäumendes, "Grenzgang" genanntes Heimatfest statt. Der geschiedene Kersten, dem desillusionierten Thomas und Karen, die die Stadt nie verließ, ist gemeinsam ein beängstigendes Gefühl zwischen Resignation und Euphorie.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:38:56 „Gab es dann eine Gegenbewegung, die wurde angeführt von dem Sinologen und Surkamp-Autor Stefan Thome. Grenzgang hieß sein Roman von 2007, der nicht nur in der Provinz spielte, sondern ausdrücklich auch die Rituale und die soziale Situation in einer dörflichen Gemeinde als Thema und als Gegenstand hatte.“
Mangold beschreibt die Gegenbewegung zum Berlin-Mitte-Roman in der deutschen Gegenwartsliteratur. Stefan Thomes 'Grenzgang' von 2007 wird als Wegbereiter eines neuen Genres genannt, das bewusst die Provinz und das dörfliche Leben ins Zentrum stellt, statt die Großstadt.
Dorfroman
Christoph Peters · 2023
Jakob Christoph Heer: Der lange Balthasar. Ein Dorfroman Erstdruck: Stuttgart, J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, 1915. Neuausgabe. Herausgegeben von Karl-Maria Guth. Berlin 2023. Der Text dieser Ausgabe wurde behutsam an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst. Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage. Gesetzt aus der Minion Pro, 11 pt. Henricus - Edition Deutsche Klassik GmbH
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:39:12 „Zuletzt ist jetzt der letzte Herbst erschienen von Christoph Peters, der Dorfroman, der heißt tatsächlich als Titel auch Dorfroman und ich glaube, der Erfolg oder warum dieses Genre so ergiebig ist, hat mit etwas zu tun, das ich jetzt selber von mir kenne.“
Im Kontext der Provinzliteratur-Diskussion nennt Mangold Christoph Peters' 'Dorfroman' als jüngstes Beispiel für das Genre. Er nutzt das Buch als Sprungbrett, um zu erklären, warum ihn auf dem Land die Biografien aller Dorfbewohner so faszinieren — eine Neugierde, die er in der Großstadt nicht empfindet.
Unter Leuten
Juli Zeh · 2016
Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und u...
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:39:56 „Und dann gibt es natürlich einen sehr schönen Roman von der Juli C., der ein großer Bestseller war und dann auch sehr, sehr gut verfilmt worden ist. Ich glaube, im ZDF war der so vor einem Jahr zu sehen unter Leuten.“
Mangold empfiehlt Juli Zehs Bestseller 'Unter Leuten' als Paradebeispiel für den Dorfroman, in dem er sich selbst wiedererkennt. Das Buch zeige, wie im Dorf die Biografien der Menschen sichtbarer sind und aneinander stoßen, während sie in der Stadt weganonymisiert werden.
Unter Leuten (Verfilmung)
Juli Zeh · 1962
Der Virginian, Trampas, Richter Garth mit seiner hübschen Tochter Betsy sind die Leute von der Shiloh Ranch. Im Wilden Westen des ausgehenden 18. Jahrhundert erleben sie jede Menge spannende Abenteuer in Wyoming und Medicine Bow. Die Serie basiert auf dem Besteller Roman „The Virginian“ von 1902 geschrieben von Owen Wister.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:39:56 „Und dann gibt es natürlich einen sehr schönen Roman von der Juli C., der ein großer Bestseller war und dann auch sehr, sehr gut verfilmt worden ist. Ich glaube, im ZDF war der so vor einem Jahr zu sehen unter Leuten.“
Mangold erwähnt beiläufig die ZDF-Verfilmung von Juli Zehs 'Unter Leuten', die etwa ein Jahr zuvor ausgestrahlt wurde. Die Verfilmung wird als gelungen bezeichnet ('sehr, sehr gut verfilmt'), der Fokus liegt aber auf dem Roman.
DRAMA
Shindy
Drama ist das vierte Studioalbum des deutschen Rappers Shindy. Es erschien am 12. Juli 2019 über sein Label Friends with Money, der Vertrieb erfolgte über Sony Music.
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:40:31 „das letzte Album des Gangster-Rappers Shindy. Das ist, hoffentlich sage ich jetzt nichts falsch, vor zwei Jahren erschienen“
Lars analysiert ausführlich Shindys Album als Kunstwerk über die Provinz, das die wirtschaftliche Power von Bietigheim-Bissingen gegenüber Berlin feiert
Drama (Album)
Shindy
Shindys Album "Drama" ist ein wegweisendes Werk der deutschsprachigen Hip-Hop-Szene, das die Spannung zwischen Provinz und Großstadt-Gangster-Rap verhandelt. Der Rapper aus Bietigheim-Bissingen erzählt eine geschlossene Geschichte über seine Herkunft und wirtschaftliche Unabhängigkeit, während er gleichzeitig mit dem Berliner Bushido-Clan-Umfeld verbunden ist. Das Album besticht durch seinen reflexiven Ansatz, der gesellschaftliche und ökonomische Strukturen kritisch beleuchtet.
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:41:03 „Und zwar das letzte Album des Gangster-Rappers Shindy. Das ist, hoffentlich sage ich jetzt nichts falsch, vor zwei Jahren erschienen. Und Shindy ist eine interessante Figur. Er gehörte so zu diesem Berliner Bushido-Clan-Umfeld, aber hat schon immer Wert drauf gelegt, sozusagen natürlich damit auch geflext, dass er in Berlin nur im Hotel übernachtet.“
Weisbrod präsentiert Shindys Album als sein 'Provinzkunstwerk' der Gegenwart. Er ist begeistert davon, wie Shindy eine geschlossene Geschichte über seine Herkunft aus Bietigheim-Bissingen erzählt und die wirtschaftliche Power der schwäbischen Provinz gegen das Berliner Gangster-Rap-Klischee ausspielt — ein fast marxistischer Gedanke über den Besitz der Produktionsmittel.
Weeds
· 2005
Als ihr Mann plötzlich stirbt, ist Hausfrau Nancy Botwin auf sich alleine gestellt. Verzweifelt sucht sie einen Weg, ihre beiden Söhne Shane und Silas zu ernähren, findet aber keinen Job, mit dem sie ihren Kindern den gewohnten Lebensstil finanzieren könnte. Doch gegen die Misere scheint ein Kraut gewachsen: Kurzerhand verdient sie sich ihr Geld als Marihuana-Dealerin. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten floriert das Geschäft.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:48:04 „Weeds hieß die, lief in Deutschland auf ProSieben über eine Vorstadtmutter, die irgendwie Gras verkauft oder so. Und es gab aber einen Vorspann, der dieses typisch kalifornische Suburbia, in dem sie lebt, zeigt, von oben so aus Vogelperspektive.“
Weisbrod nennt die Serie 'Weeds' als Quelle seiner Suburbia-Sehnsucht. Obwohl die Serie das amerikanische Vorstadtleben als Dystopie inszeniert, gesteht er, dass er sich nachts auf YouTube nur den Vorspann anschaut, um sich in diese Welt hineinzuträumen. Die Serie dient ihm als Sinnbild für seine unironische Liebe zur Vorstadt.