Der Schlechteste wird König
Sabine Rückert & Johanna Haberer
Die Episode widmet sich Abimelech, einem der 70 Söhne Gideons und einer der skrupellosesten Figuren im Buch der Richter. Als Sohn einer Nebenfrau aus dem Stamm Ephraim fühlt er sich nicht der Hauptfamilie verpflichtet, sondern verbündet sich mit den Bürgern von Sichem, um sich selbst zum König zu machen — finanziert mit 70 Silberstücken aus einem Baal-Tempel. Die Geschichte zeigt, wie aus dem Prekariat der nicht erbberechtigten Söhne ein rücksichtsloser Machtpolitiker entsteht, dessen Herrschaft nur drei Jahre dauert.
„Da entsteht aber sowas. Eine Höllenkonkurrenz. Ein Prekariat auch, die nichts erben. Was sollen die machen?“
Erwähnte Medien (6)
Der Wolf und die sieben Geißlein
Brüder Grimm · 2019
Ein listiger Wolf, der selber überlistet wird: Als die Geißenmutter fort muss, spricht sie ihren sieben Kindern ins Gewissen, bloß niemanden hereinzulassen. Kaum ist sie fort, kommt schon der böse Wolf. Aber die Geißlein haben aufgepasst und erkennen seine Tricks. Erst beim dritten Anlauf schafft er es, sie zu täuschen, und frisst sechs der Geißlein auf. Doch die beherzte Geißenmutter hat einen schlauen Plan!
🗣 Sabine Rückert erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:05:56 „Nur Jotham, der jüngste Sohn des Jarobal, blieb übrig, weil er sich versteckt hatte. Also Gideons letzter Sohn ist wie das kleine Geißlein im Uhrenkasten.“
Sabine Rückert vergleicht den jüngsten Sohn Jotham, der sich vor dem Massaker an seinen 70 Brüdern versteckt, mit dem kleinen Geißlein aus dem Grimm-Märchen, das sich im Uhrenkasten vor dem Wolf versteckt. Der Vergleich macht die biblische Szene für heutige Hörer greifbar.
Business Class
Martin Suter
Martin Suter beschreibt seine langjährige Kolumnenreihe 'Business Class', von der er rund 850 Stück geschrieben hat. Die Kolumnen thematisieren humorvoll die Absurditäten der Managementwelt und spielen mit dem dramaturgischen Kontrast zwischen dem öffentlichen Auftreten und dem privaten Wesen von Führungskräften.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:11:58 „Und da habe ich eine wunderbare kleine Geschichte dabei von dem Autor Martin Suter. Der ist sehr bekannt, sehr erfolgreicher Autor. Er schreibt wunderbare, kurzweilige Romane. Er hat aber nicht nur das geschrieben, sondern er hatte auch eine ganze Zeit lang eine Kolumne in einer Schweizer Zeitung. Business Class hieß die Kolumne.“
Sabine Rückert zieht eine Parallele zwischen Jothams Fabel vom König der Bäume und Martin Suters Kolumne 'Business Class', die sich mit den Mechanismen der Wirtschaft beschäftigt. Die spezifische Kolumne 'Lunch-Einsichten' handelt davon, dass CEOs zwar wissen, wie man CEO wird, aber nicht, wie man einer ist – genau wie Abimelech zwar weiß, wie man König wird, aber nicht, wie man regiert.
Die Schildbürger
· 2012
Die Schildbürger, wohnhaft im fiktiven Ort Schilda, sind Hauptakteure einer ganzen Reihe von kurzen Erzählungen, den Schildbürgerstreichen. Die Schwanksammlungen zu den Schildbürgern sind neben denen zu Till Eulenspiegel die bekannteste deutsche Sammlung von Schelmen-Geschichten in Romanform. Eine Sammlung bzw. ein Volksbuch mit Schildbürger-Schwänken zum Inhalt erschien 1597 erstmals unter dem Titel Das Lalen-Buch.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:19:42 „Ja, ja. Auch wieder verrückt, ne? Ja. Das ist Schildbürgergeschichte. Ja, das ist Schildbürgergeschichte.“
Sabine Rückert vergleicht die absurde militärische Taktik in der Abimelech-Geschichte – einen Hinterhalt auf offenem Feld zu legen – mit den Geschichten der Schildbürger. Johanna Haberer greift den Vergleich später nochmals auf, als sie von 'Schildbürgerstreichen' spricht.
Till Eulenspiegel
Unfolds the life of the merry prankster Till, from his rowdy infancy to his final joke at his own funeral.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:27:06 „An diese ganzen, wie heißen diese Schildbürgerstreiche und diese Eulenspiegeleien und dann auch Mördertaten und Räuberbanden, die kriegen am Schluss dann noch irgendeine Moral der Geschichte, die aber in den Geschichten selber nicht zu finden ist.“
Johanna Haberer charakterisiert die chaotischen Episoden im Richterbuch als eine Mischung aus Schildbürgerstreichen und Eulenspiegeleien, denen nachträglich eine moralische Deutung übergestülpt wurde. Die Referenz dient als literarischer Vergleich für die absurde Qualität der biblischen Erzählungen.
Das singende, springende Löweneckerchen
Brüder Grimm · 2019
Das singende springende Löweneckerchen ist ein Märchen (ATU 425A). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 88 (KHM 88). Bis zur 2. Auflage schrieb sich der Titel Das singende, springende Löweneckerchen.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:38:07 „Da gibt es zum Beispiel das Märchen der Gebrüder Grimm, das singende und springende Löwenäckerchen heißt das. Und ein Löwenäckerchen ist eine Lerche. Und ein Vater hat drei Töchter und geht auf Reisen und fragt die drei Töchter, was sie sich wünschen.“
Sabine Rückert zieht eine ausführliche Parallele zwischen dem biblischen Gelübde Jiftachs und dem Grimm-Märchen. In beiden Geschichten verspricht ein Mann in höchster Not das Erste, was ihm zu Hause entgegenkommt – und in beiden Fällen ist es die eigene Tochter. Rückert erzählt das Märchen detailliert nach, um das uralte Erzählmotiv des unbedachten Versprechens zu illustrieren.
Iphigenie auf Tauris
Euripides
Euripides' Tragödie über die Tochter Iphigenie, die zur Opferung vorgesehen ist. Das antike Werk behandelt das Motiv der Tochteropferung, das möglicherweise auch in biblischen Texten nachwirkt. Der Podcast diskutiert, ob biblische Autoren die griechische Tragödie kannten und wie dieses klassische Motiv in der Bibel eine eigene, ironische Wendung erfuhr.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:40:05 „Ganz altes Motiv ist ja Iphigenia auf Taurus. Das ist ja die Geschichte von der Tochter, die geopfert wird. Aber ist die vorher versprochen worden? Die ist versprochen worden.“
Johanna Haberer bringt Euripides' Iphigenie als weiteres Beispiel für das Motiv der Tochteropferung ein. Die Sprecherinnen diskutieren, ob die biblischen Autoren die griechische Tragödie kannten – Haberer datiert Euripides' Fassung auf ca. 450 v. Chr. und argumentiert, dass das Motiv von dort in die Bibel gewandert sein könnte, dort aber eine eigene, ironische Interpretation erhalten hat.