Die Ersten sind plötzlich die Letzten
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
Diese Folge widmet sich dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg — einer Geschichte, in der die zuletzt Angestellten denselben Lohn erhalten wie die Frühaufsteher. Bevor es ans Eingemachte geht, gibt Johanna Haberer eine kleine Einführung in die Gleichnistheorie: Warum diese zweitausend Jahre alten Erzählminiaturen bis heute funktionieren, sich gegen simple Auslegungen sperren und zum Streit einladen.
„Es geht um eine besondere Form der Ungerechtigkeit, die zur Gerechtigkeit erklärt wird.“
Erwähnte Medien (10)
Der Koran, Sure 24, Vers 35 (Der Lichtvers)
Der Lichtvers (Sure 24, Vers 35) ist ein zentraler Text der islamischen Mystik und das einzige Gleichnis-ähnliche Textstück im Koran. Dieser Vers dient als Fundament für die islamische mystische Tradition und vermittelt durch die Metapher des Lichts tiefe spirituelle Wahrheiten.
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:00:41 „Sure 24 und davon der Vers 35. Er hat einen eigenen Namen und heißt der Lichtvers und ist sozusagen die Quelle für die muslimische Mystik.“
Johanna Haberer zitiert den Lichtvers als einziges Gleichnis-ähnliches Textstück im Koran und liest ihn vollständig vor
Fabel des Menenius Agrippa (Der Magen und die Glieder)
Menenius Agrippa / Livius
Die antike Fabel des Menenius Agrippa erzählt vom Konflikt zwischen den Gliedern eines Körpers und dem Magen: Während die Glieder täglich arbeiten, scheint der Magen nur zu konsumieren. Diese Parabel nutzte ein römischer Politiker um 500 vor Christus, um Aufständische zu besänftigen. Sie gilt als eines der frühesten und wirksamsten Gleichnisse der Weltgeschichte und demonstriert die Kraft von Metaphern als rhetorisches Mittel, lange vor ihrer Verwendung in religiösen Texten.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:02:08 „Wo es einen Aufstand in Rom etwa 500 vor Christus gibt und der Menenius Agrippa, der ist irgendwie ein Vorzeigerömer und Politiker und der geht zu den Aufständischen und erzählt ihnen die Geschichte von dem Körper, wo die Glieder sagen, wir arbeiten den ganzen Tag und der Magen, diese faule Socke, frisst nur.“
Johanna Haberer erzählt die antike Fabel des Menenius Agrippa als eines der frühesten bekannten Gleichnisse der Weltgeschichte. Sie nutzt die Erzählung, um zu zeigen, dass Gleichnisse als rhetorisches Mittel weit vor Jesus existierten und durch ihre eindrücklichen Bilder über Jahrtausende wirksam bleiben.
Die Gleichnisreden Jesu
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🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:03:28 „Es gab einen ganz berühmten Neu-Testamentler, der das erste große Buch über die Gleichnisse geschrieben hat. Und er hatte die Vorstellung, wie es die Rationalisten im 19. Jahrhundert alle getan haben. Die waren ja aufgeklärt und die haben gesagt, alles ist irgendwie leere.“
Johanna Haberer beschreibt ein einflussreiches Grundlagenwerk der Gleichnisforschung aus dem 19. Jahrhundert, dessen Autor jeden Text rationalistisch auf eine einzige Moral reduzierte und alles Geheimnisvolle wegstrich. Der Autor wird nicht namentlich genannt, es handelt sich sehr wahrscheinlich um Adolf Jülichers Standardwerk.
Höhlengleichnis (Politeia)
Platon · 2022
Das Höhlengleichnis ist eines der bekanntesten Gleichnisse der antiken Philosophie. Es stammt von dem griechischen Philosophen Platon (428/427–348/347 v. Chr.), der es am Anfang des siebten Buches seines Dialogs Politeía von seinem Lehrer Sokrates erzählen lässt. Es verdeutlicht den Sinn und die Notwendigkeit des Philosophierens, welches als ein Befreiungsprozess dargestellt wird.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:04:39 „Das kommt also aus dem Judentum. Und aus dem Griechischen, oder? Auch. Das ist ja das Höhlengleichnis von Platon. Das ist doch ganz berühmt.“
Im Gespräch über die Herkunft der Gleichnis-Tradition erwähnt Sabine Rückert Platons Höhlengleichnis als berühmtes Beispiel für die griechische Bildsprache, neben der jüdischen Gleichnistradition, aus der Jesus schöpfte.
Sure 24, Vers 35 (Der Lichtvers)
Der Lichtvers (Sure 24, Vers 35) aus dem Koran ist eine Aneinanderreihung von Bildworten, die das Göttliche durch Licht-Metaphorik vermittelt. Er gilt als zentrale Quelle der muslimischen Mystik und unterscheidet sich von klassischen Gleichnissen durch seine bildliche Struktur ohne narrative Aussage.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:05:03 „Sure 24 und davon der Vers 35. Er hat einen eigenen Namen und heißt der Lichtvers und ist sozusagen die Quelle für die muslimische Mystik. Aber ich sage jetzt, es ist kein Gleichnis, es ist eine Aneinanderreihung von Bildworten, könnte man sagen.“
Johanna Haberer zitiert den Lichtvers aus dem Koran vollständig, um zu zeigen, dass der Islam im Gegensatz zum Judentum und Christentum keine Gleichnisse kennt. Der Vers sei laut Islamwissenschaftlern das einzige gleichnisartige Textstück im Koran und Quelle der muslimischen Mystik.
Warum so ernst?
Jens Jessen
ZEIT-Titelgeschichte von Jens Jessen über Generationenungerechtigkeit. Die provokante Abhandlung wird mit dem biblischen Gleichnis der Arbeiter im Weinberg verknüpft und hinterfragt die Gerechtigkeit zwischen Generationen.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:18:18 „Und da hat er dann darüber eine wunderbare Titelgeschichte geschrieben, die sehr provokant ist. So provokant wie unsere Arbeiter im Weinberg. Mit der schönen Überschrift »Warum so ernst?«“
Sabine Rückert liest ausführlich aus Jens Jessens ZEIT-Titelgeschichte über die Generationenungerechtigkeit vor und verknüpft sie mit dem Gleichnis der Arbeiter im Weinberg
Rheingold-Studie zur Jugend
Rheingold Institut
Rheingold-Studie der Stern-Zeitschrift zu den Charakterzügen der gegenwärtigen Jugend. Die Forschung belegt Prägung durch Resignation und Unfreiheit, identifiziert aber auch Verantwortungsbewusstsein, Selbstregulation und Anpassungsfähigkeit als vorherrschende Merkmale.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:20:35 „Dazu passt, was eine Rheingold-Studie, die die Zeitschrift Stern kürzlich in Auftrag gegeben hat, über die vorherrschenden Charakterzüge der Altersgruppe herausgefunden hat. Verzicht, Verantwortung, Selbstregulation, Anpassung.“
Die Studie wird innerhalb von Jens Jessens ZEIT-Artikel zitiert, den Sabine Rückert vorliest. Sie belegt, dass die heutige Jugend von Resignation und Unfreiheit geprägt ist – Jessen kritisiert allerdings, dass der Stern den moralischen Protest der Jugend gegen die Erwachsenenwelt unterschlägt.
Tanchuma (talmudisches Gleichnis vom König und den Arbeitern)
· 2017
Eine Sammlung rabbinischer Auslegungen und Gleichnisse aus dem 3.-4. Jahrhundert. Das Gleichnis vom König und den Arbeitern behandelt Gottes Verhältnis zu den Menschen und Gerechtigkeit – ein jüdisches Pendant zum christlichen Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:34:12 „so 300 nach Christus gibt es einen Text Tanchuma, also einen jüdischen Text. Der wird in den talmudischen Gleichnissen aufgegriffen.“
Johanna Haberer zitiert ein rabbinisches Gleichnis aus dem Tanchuma, das ein jüdisches Pendant zum Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg darstellt
Tanchuma
· 1885
Midrasch (hebräisch מִדְרָשׁ midrāš; Plural Midraschim) ist die Auslegung religiöser Texte im rabbinischen Judentum.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:35:01 „Also so 300 nach Christus gibt es einen Text, Tanchuma, also einen jüdischen Text. Der wird in den talmudischen Gleichnissen aufgegriffen. Und da heißt es, süß ist der Schlaf des Arbeiters, ob er wenig oder viel essen mag.“
Johanna Haberer bringt als Parallele zum biblischen Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg einen jüdischen Midrasch-Text aus dem Tanchuma (ca. 300 n. Chr.). Darin lässt ein König einen Arbeiter mit sich spazieren gehen, bezahlt ihn aber am Abend wie alle anderen – eine Variation desselben Gerechtigkeitsparadoxes, das die Schwestern gerade am Bibeltext diskutieren. Die Pointe wird auf die Beschäftigung mit der Tora übertragen: Ob jemand sich 50 oder 20 Jahre damit beschäftigt, der Lohn vor Gott ist gleich.
Kohelet (Prediger Salomo)
· 2014
Biblisches Weisheitsbuch, das sich mit der Vergänglichkeit aller menschlichen Bemühungen auseinandersetzt. Unter dem Leitmotiv »Nichts Neues unter der Sonne« wird hinterfragt, ob Reichtum, Weisheit und weltliche Erfolge echtem Sinn oder echter Erfüllung entsprechen – eine düstere Meditation über menschliche Begrenztheit.
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:36:05 „Deshalb hat auch Salomo gesagt, ob er viel oder wenig essen mag, ihr Lohn ist gleich.“
Im Rahmen des Tanchuma-Textes zitiert Johanna Haberer eine Stelle aus dem biblischen Buch Kohelet (Prediger Salomo 5,11), um die Pointe des Gleichnisses zu untermauern: Der Schlaf des Arbeiters ist süß, egal wie viel er verdient – der Lohn ist gleich. Das Salomo-Zitat dient als Schriftbeleg innerhalb der jüdischen Auslegungstradition.