Unter Pfarrerstöchtern – Unter die Räuber gefallen
#139

Unter die Räuber gefallen

Unter Pfarrerstöchtern / 13. Dezember 2024 / 6 Medien

Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler

Diese Folge widmet sich dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter — einem von Sabine Rückerts Lieblingsgleichnissen. Bevor sie in die Geschichte eintauchen, diskutieren die Schwestern, wie konfrontativ und hart Jesu Gleichnisse eigentlich sind und wie wenig das süßliche Bild, das die Nachwelt von ihm gezeichnet hat, zu seinen provokanten Texten passt. Johanna Haberer schlägt dabei den Bogen von den biblischen Parabeln zu literarischen Nachfolgern wie Lessings Fabeln und Max Frischs Andorra.

„Wenn du die Texte liest und wie er die Leute anfährt, dann verstehst du nicht, warum wir so einen süßlichen Mann aus dem gemacht haben. Dieses engelsliebliche Gegrinse auf den Bildern — es passt alles gar nicht zu diesen Texten, weil diese Texte sind hart und die sind konfrontativ.“
🗣 Johanna Haberer

Erwähnte Medien (6)

Andorra

Andorra

Max Frisch

Max Frischs Parabel-Stück „Andorra" erzählt von einem jungen Mann, der als jüdisch gilt und daraufhin allen Antisemitismus seiner Umgebung auf sich zieht – bis er sich selbst als Jude identifiziert, obwohl er keiner ist. Das Stück zeigt als subversive literarische Form, wie gesellschaftliche Zuschreibungen und Vorurteile Identität prägen und herrschende Systeme unterlaufen können. Es ist ein prägnantes Beispiel für die Macht von Stereotypen und bleibt in aktuellen Identitätsdebatten hochrelevant.

🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:02:41 „von dem dann gesagt wird, er sei ein jüdisches Kind. Und dann beginnt er alles, was an Antisemitismus gibt, zieht er auf sich, bis er sich selbst damit identifiziert. Und sich selbst, obwohl man ihm dann sagt, du bist eigentlich gar kein Jude, sich dann selbst als Jude fühlt. Also das ist ein kleiner Kommentar zu den Identitätsdebatten.“

Johanna Haberer beschreibt die Handlung von Max Frischs Parabel-Stück, in dem ein junger Mann als jüdisch gilt, allen Antisemitismus auf sich zieht und sich schließlich selbst als Jude identifiziert – obwohl er keiner ist. Sie nutzt das Beispiel, um zu zeigen, dass Parabeln als subversive literarische Form herrschende Systeme unterlaufen können.

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Rassismus vor Gericht

Rassismus vor Gericht

Sabine Rückert

Episode aus Sabine Rückerts Podcast ZEIT Verbrechen über Rassismus vor Gericht. Sie analysiert den Fall Ermias Mulugeta als modernes Beispiel für fehlende Zivilcourage und nutzt ihn als Parallele zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter — eine Auseinandersetzung mit Rassismus im Rechtssystem und sozialer Verantwortung.

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:08:47 „Kann man sich auch anhören. Rassismus vor Gericht heißt das in meinem Verbrechenspodcast. Kann man sich anhören, die ganze Geschichte.“

Sabine Rückert verweist auf eine Episode ihres eigenen Podcasts ZEIT Verbrechen, in der sie den Fall Ermias Mulugeta ausführlich aufgearbeitet hat. Sie nutzt den Fall als moderne Parallele zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter, weil zahlreiche Augenzeugen den Schwerverletzten einfach liegen ließen.

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Wichtiger als ich

Wichtiger als ich

Die Titelgeschichte "Wichtiger als ich" aus der ZEIT von 2014 porträtiert Menschen, die selbstlose Opfer für Fremde bringen. Die Reportage zeigt beispielhafte Lebensgeschichten von Personen, die sich uneigennützig für andere eingesetzt haben, darunter historische Figuren wie Werner Forssmann und Luise Meyer. Ein Editorial-Projekt, das menschliche Solidarität und Selbstlosigkeit im Fokus hatte.

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:18:50 „Ich war ja Chefin der Titelgeschichten der Zeit und habe im Jahr 2014 an Ostern eine Titelgeschichte in Auftrag gegeben, die hieß »Wichtiger als ich« und handelte von Menschen, die Opfer bringen.“

Sabine Rückert erzählt von einer Titelgeschichte der ZEIT aus dem Jahr 2014, für die sie mehrere Reporter zusammentrommelte, um weltweit Geschichten von Menschen zu sammeln, die selbstlose Opfer für Fremde gebracht haben. Sie liest daraus mehrere Einzelgeschichten vor, darunter die von Werner Forsmann und Luise Meyer.

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M Studie

Milgram-Experiment

Stanley Milgram

Das Experiment von Stanley Milgram untersucht, wie weit Versuchspersonen gehen, wenn eine Autoritätsperson ihnen Befehle erteilt. Teilnehmer sollten vermeintlich andere bestrafen, wobei die Mehrheit bis zur höchsten Stromstufe ging. Dies zeigt, dass gewöhnliche Menschen unter sozialem Druck zu extremem Verhalten fähig sind.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:20:09 „Und dass man eben vorher nicht weiß, wie sich diese Leute verhalten. Also wie beim Milgram-Experiment, wo man vorher nicht weiß, wer sich auflehnen wird gegen die Diktatur.“

Sabine Rückert zieht den Vergleich zum Milgram-Experiment, um zu illustrieren, dass man bei Menschen nicht vorhersagen kann, wer in einer moralischen Extremsituation das Richtige tut – so wie bei den Geschichten von Opferbereitschaft für Fremde, die sie für die ZEIT-Titelgeschichte gesammelt hat.

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John Maynard

John Maynard

Theodor Fontane

Theodor Fontanes berühmte Ballade "John Maynard" erzählt von einem Steuermann, der 1841 beim Brand eines Schiffes auf dem Eriesee standhaft am Steuer bleibt und so alle Passagiere rettet, während er selbst umkommt. Das Gedicht thematisiert Selbstaufopferung und das Motiv des Opferbringens und ist in einem historischen Kontext verankert: Die Stadt Buffalo erinnert mit einer Gedenktafel an die reale Katastrophe und würdigt damit Fontanes literarische Verarbeitung des Ereignisses.

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:29:18 „Ich habe eine Ballade mitgebracht und eine Geschichte zu dieser Ballade, die auch in unserem Titel Ein Opfer bringen, thematisiert wird. Aber vorher muss ich die Ballade lesen. Die Ballade kennst du natürlich. Die ist von Theodor Fontane und heißt John Maynard.“

Sabine Rückert trägt Fontanes berühmte Ballade über den Steuermann John Maynard vollständig vor, der bei einem Schiffsbrand auf dem Eriesee am Steuer aushält und alle Passagiere rettet, dabei aber selbst umkommt. Die Ballade dient als Ausgangspunkt für eine Diskussion über Selbstaufopferung und das Motiv des Opferbringens. Rückert verknüpft das Gedicht mit der realen Schiffskatastrophe von 1841 und der kuriosen Geschichte, dass die Stadt Buffalo tatsächlich eine Gedenktafel mit Fontane-Versen aufstellte, weil deutsche Touristen danach fragten.

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H Artikel

The Helmsman of Lake Erie

Augustus Fuller, Steuermann des Dampfschiffes Erie, starb am 9. August 1841 im Alter von 23 Jahren bei einem Schiffsbrand auf dem Lake Erie nahe Buffalo, New York. Er blieb heroisch an seinem Posten am Steuerrad, bis er in den Flammen umkam – ein Akt, den Kapitän T. J. Titus als Augenzeuge lobte und der ihn später als „resolute man in obeying orders" charakterisierte. Die Presse berichtete fehlerhaft über seinen Namen als „Luther Fuller" statt des korrekten „Augustus Fuller". Das Unglück inspirierte zahlreiche literarische Werke über Jahrzehnte hinweg, darunter Balladen von Benjamin Brown French, Horatio Alger Jr. und dem deutschen Dichter Theodor Fontane. Fontanes Version wurde besonders berühmt und ist bis heute Pflichtlektüre im deutschen Schulunterricht, weshalb die Stadt Buffalo 1998 eine Gedenktafel für Fuller aufstellen ließ.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:34:30 „Obwohl dieses Motiv im Bericht des Kapitäns nur vage zu erkennen ist, wird es zum Leitgedanken der 1845 anonym verfassten Geschichte The Helmsman of Lake Erie, Der Steuermann vom Eriese.“

Im Rahmen der Entstehungsgeschichte von Fontanes Ballade erwähnt Rückert eine 1845 anonym in mehreren amerikanischen Zeitungen veröffentlichte Erzählung, in der der reale Steuermann Fuller erstmals den Namen John Maynard erhält. In dieser Erzählung wird Maynards Tat christlich gedeutet – aus dem befehlstreuen Steuermann wird ein Christenheld. Diese Geschichte bildet das Bindeglied zwischen dem realen Unglück und Fontanes späterer Ballade.

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