Unter Pfarrerstöchtern – Ein Justizopfer wird zum Religionsstifter
#148

Ein Justizopfer wird zum Religionsstifter

Unter Pfarrerstöchtern / 04. April 2025 / 12 Medien

Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler

Die Schwestern verfolgen die Passionsgeschichte nach Matthäus von der Verhandlung vor Pilatus bis zur Kreuzigung — ein Justizskandal, in dem ein feiger Statthalter sich die Hände wäscht und ein Unschuldiger den Verbrechertod stirbt. Dabei legen sie offen, wie die Evangelien den Pilatus zunehmend entlasten und die Schuld auf »die Juden« verschieben, und zeigen mit Jack Miles, dass Jesu Konfrontation mit Pilatus den Beginn des gewaltlosen Widerstands markiert. Den Bogen schlagen sie zu Bachs Matthäuspassion, deren universelle Harmonie selbst Nietzsche das Christentum wieder wie ein Evangelium hören ließ.

„Das Irre an der Geschichte ist, dass sie überhaupt erzählt wird und dass sich eine Religionsgruppe auf einen solchen Hingerichteten beruft.“
🗣 Johanna Haberer

Erwähnte Medien (12)

T Kunst

Tank Man

Ikonisches Schwarzweiß-Fotografis vom Tian'anmen-Platz (5. Juni 1989), das einen unbekannten Mann zeigt, der sich mutig einer Kolonne von Panzern entgegenstellt. Das Bild wurde zum weltweiten Symbol des individuellen Widerstands gegen die Militärintervention und Unterdrückung durch die chinesische Regierung und verkörpert den Mut angesichts staatlicher Gewalt.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:09:51 „Aber es gibt doch dieses wahnsinnige Foto von diesem einsamen Chinesen, der beim Aufstand auf dem Platz des himmlischen Friedens, wo die chinesische Regierung ihre Studenten hat massenweise niederknüppeln und niederschießen lassen, mit den Panzern über die Leute drüber gerollt ist, haben wir doch dieses wunderbare, berühmte Bild, wo ein einsamer Chinese vor einer Kette von Panzern steht.“

Sabine Rückert zieht eine Parallele zwischen der Feigheit des Pilatus und dem Mut des unbekannten Mannes auf dem Tian'anmen-Platz 1989. Das ikonische Foto dient als Gegenbild zu Petrus und Pilatus – ein einzelner Mensch, der sich der Übermacht entgegenstellt, statt feige auszuweichen. Sie erwähnt anschließend ein Meme, das das Motiv mit Tesla-Cybertrucks aktualisiert.

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Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae)

Jüdische Altertümer (Antiquitates Judaicae)

Flavius Josephus · 1899

Flavius Josephus (altgriechisch Φλαύιος Ἰώσηπος Flavios Iṓsēpos; geboren 37/38 n. Chr. in Jerusalem; gestorben um 100 vermutlich in Rom) war ein jüdisch-hellenistischer Historiker. Als junger Priester aus der Jerusalemer Oberschicht hatte Josephus eine aktive Rolle im Jüdischen Krieg: Er verteidigte Galiläa im Frühjahr 67 gegen die römische Armee unter Vespasian. In Jotapata geriet er in römische Gefangenschaft. Er prophezeite dem Feldherrn Vespasian dessen künftiges Kaisertum.

🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:13:14 „Wir wissen es tatsächlich, wir wissen es, der Josephus hat im Jahr, also ein Geschichtsschreiber, ein römischer Geschichtsschreiber. Ja, Slavius Josephus, einer der wenigen, die Jesus überhaupt erwähnt haben. Genau, 93 nach Christus diesen Tod erwähnt, auch unter dem Pilatus.“

Johanna Haberer und Sabine Rückert verweisen auf Flavius Josephus als historische Quelle für die Existenz Jesu. Die Erwähnung des Todes Jesu bei Josephus (ca. 93 n. Chr.) wird als Beleg dafür angeführt, dass die Kreuzigung unter Pilatus ein historisches Faktum ist.

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Posthumer Vortrag über die größten Erzählungen der Welt

Posthumer Vortrag über die größten Erzählungen der Welt

Jorge Luis Borges · 1981

Die afrikanische Literatur umfasst Literaturen in verschiedenen Sprachen – europäischen und afrikanischen – mit verschiedenen Stilen und Themen sowie historischen Hintergründen. Themen, die in vielen Literaturen Subsahara-Afrikas ebenso wie in den Werken maghrebinischer Autoren immer wieder auftauchen, sind die Kolonialgeschichte und Kolonialkriege, die Enttäuschungen der nachkolonialen Zeit aufgrund der Gewaltherrschaft und Korruption der Eliten und des daraus folgenden Zerfalls der Gesellschaf...

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:17:07 „Jack Miles schreibt, der verstorbene Jorge Luis Borges, das ist ein Schriftsteller, ein Argentinischer, den er immer mal wieder zitiert, sagt in einem posthum veröffentlichten Vortrag, dass die größten Erzählungen der Welt, und für ihn sind es die Ilias, die Odyssee und das Evangelium, dazu einladen, immer wieder nacherzählt zu werden.“

Sabine Rückert liest aus dem Buch von Jack Miles vor, der einen posthum veröffentlichten Vortrag von Jorge Luis Borges zitiert, in dem Borges die Passionsgeschichte als unübertrefflich erzählte Geschichte würdigt.

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Jesus, der Selbstmord des Gottessohns

Jesus, der Selbstmord des Gottessohns

Jack Miles · 2004

Jack Miles untersucht die Passion Jesu als theologische und literarische Neuinterpretation. Er deutet Jesu gewaltlosen Widerstand gegen Pilatus und seine Kreuzigung als bewusste göttliche Strategie: Scheitern im Krieg, um im Frieden zu siegen. Das Werk zeigt, warum diese Erzählung sich als klassische Großerzählung der Menschheit immer wieder neu erzählen lässt.

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:17:26 „Vielleicht schiebe ich es auch einfach nur vor mir her, aber was erzählen, was uns das Buch Jack Miles, Jesus, der Selbstmord des Gottessohns zu dieser Szene zu schildern hat. Jack Miles schreibt, der verstorbene Jorge Luis Borges sagt in einem posthum veröffentlichten Vortrag, dass die größten Erzählungen der Welt dazu einladen, immer wieder nacherzählt zu werden.“

Sabine Rückert liest ausführlich aus dem Buch von Jack Miles vor, das die Passionsgeschichte theologisch und literarisch einordnet. Das Buch analysiert Jesu Konfrontation mit Pilatus als Beginn der westlichen Tradition des gewaltlosen Widerstands und deutet die Kreuzigung als bewusste Entscheidung Gottes, im Krieg zu scheitern, um im Frieden erfolgreich zu sein. Es wird über mehrere Minuten hinweg zitiert und bildet einen zentralen Bezugspunkt der Episode.

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Die Passion Christi

Die Passion Christi

Mel Gibson · 2004

In "Die Passion Christi" werden die letzten zwölf Stunden im Leben von Jesus von Nazareth erzählt. Judas, einer seiner Jünger, verrät Jesus nach dem letzten Abendmahl an die pharisäischen Hohepriester, die den Prediger daraufhin gefangen nehmen. Die Hohepriester - allen voran deren Anführer Kaiphas - fürchten durch Jesus ihren gesellschaftlichen Status zu verlieren, beschuldigen ihn daher der Gotteslästerung und verlangen seinen Tod.

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:24:45 „Es gibt ja einen Film, der heißt Die Passion. Ich habe den nie gesehen, aber der beschreibt nur diesen Sterbeprozess. Der muss furchtbar sein, dieser. Ich bin rausgegangen.“

Sabine Rückert erwähnt Mel Gibsons Film über die Kreuzigung Jesu, den sie selbst nie vollständig gesehen hat. Johanna Haberer ergänzt, dass sie ihn dienstlich anschauen musste, aber die ausführlich dargestellte Folter kaum ertragen konnte. Der Film wird als Kontrastfolie zur biblischen Erzählung erwähnt, die die Kreuzigung vergleichsweise knapp schildert.

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Eine Passion namens Bach

Eine Passion namens Bach

Allard von Kittlitz

Der Artikel untersucht die zeitlose Anziehungskraft von Johann Sebastian Bachs Musik. Der Autor Allard von Kittlitz besucht Musiker und Musikwissenschaftler, um zu ergründen, warum die Werke des Komponisten noch heute so faszinieren. Die Reportage verbindet persönliche Begegnungen mit musikologischen Erkenntnissen zu einem tiefgreifenden Portrait des Barock-Meisters.

🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:41:48 „Und als ich in der Chefredaktion zuständig war für die Titelgeschichten der Zeit, habe ich einen Titel gemacht, eine Passion namens »Bach«. Er war ein wunderbarer Autor, Allard von Kittlitz, ist losgezogen, schon lange bevor das dann an Ostern des Jahres 2018 gedruckt worden ist.“

Sabine Rückert stellt einen Artikel vor, den sie als Chefredakteurin der Zeit in Auftrag gegeben hat. Der Autor Allard von Kittlitz hat für diese Titelgeschichte Musiker und Musikwissenschaftler besucht und versucht zu erklären, warum Bachs Musik eine solche Anziehungskraft hat. Rückert liest lange, gekürzte Passagen daraus vor — der Artikel bildet das inhaltliche Herzstück der zweiten Hälfte dieser Folge.

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Johannes-Passion

Johannes-Passion

Johann Sebastian Bach

Bachs Johannes-Passion ist eines seiner monumentalsten Vokalwerke und erzählt die Leidensgeschichte Jesu nach dem Johannesevangelium. Das Werk wurde in der Podcast-Folge als bedeutende Alternative zur Matthäus-Passion erwähnt und spielte in früheren Diskussionen eine Rolle im Kontext von Jack Miles' Arbeiten. Zusammen mit der H-Moll-Messe gehört die Johannes-Passion zu Bachs größten kompositorischen Schöpfungen.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:42:31 „Und deswegen habe ich auch, oder haben wir uns ja auch heute entschieden, nicht die Johannes-Passion, auf die unser Jack Miles sich bezogen hat, zu lesen, sondern die Matthäus-Passion.“

Die Johannes-Passion wird als Alternative erwähnt, die in einer früheren Folge im Zusammenhang mit Jack Miles besprochen wurde. Sabine Rückert grenzt sie von der Matthäus-Passion ab, die für diese Folge gewählt wurde. Später wird sie neben der H-Moll-Messe als eines der drei größten Werke Bachs genannt.

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h-Moll-Messe

h-Moll-Messe

Johann Sebastian Bach

Die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, BWV 232, gilt als eine der bedeutendsten geistlichen Kompositionen der Musikgeschichte. Es handelt sich um Bachs letztes großes Vokalwerk und seine einzige Komposition, der das vollständige Ordinarium des lateinischen Messetextes zugrunde liegt. Dem Typus nach handelt es sich um eine Missa solemnis, die aus 18 Chorsätzen und neun Arien besteht. Bach komponierte 1733 zunächst eine Missa aus Kyrie und Gloria.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:43:58 „Zusammen mit der Johannespassion und der H-Moll-Messe ist die Matthäuspassion das größte Werk, das Bach geschrieben hat. Daraus folgt, die Matthäuspassion ist das größte Werk der Menschheitsgeschichte. Nie wurde etwas Grandioseres geschaffen.“

Die H-Moll-Messe wird im vorgelesenen Zeit-Artikel von Allard von Kittlitz als eines der drei größten Werke Bachs genannt, zusammen mit der Johannes- und der Matthäus-Passion. Sie dient als Beleg für die These, dass Bach der größte Komponist aller Zeiten sei.

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Goldberg-Variationen

Goldberg-Variationen

Johann Sebastian Bach

Bachs Goldberg-Variationen gehören zu den Meisterwerken der Klaviermusik. Glenn Goulds legendäre Aufnahmen von 1955 und 1981 sind ikonisch, wobei Kennern die frühe Version besonders gilt. Die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Interpretationen desselben Werks zu unterscheiden und eine Vorliebe auszudrücken, signalisiert im Sinne Bourdieus kulturelle Bildung und künstlerischen Geschmack – ein Marker für Zugehörigkeit zur gebildeten Elite.

🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:47:05 „Jedes Mal, wenn ich in den Goldberg-Variationen, also einer großen Bach-Klavierkomposition, zu den letzten Takten komme, sagt der sehr berühmte Pianist Igor Levitt, habe ich ein wahnsinnig berührendes Gefühl. Das Stück verabschiedet sich von mir, als würde mir Bach selbst die Hand auf die Schulter legen und sagen, wir sind jetzt zusammengegangen und jetzt schließt sich etwas.“

Die Goldberg-Variationen werden im vorgelesenen Zeit-Artikel über ein Zitat von Pianist Igor Levit eingeführt. Levit beschreibt eine quasi-religiöse Erfahrung beim Spielen dieses Werks — das Gefühl, von Bach persönlich an die Hand genommen und verstanden zu werden, obwohl er sich selbst als nicht religiös bezeichnet.

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O Haupt voll Blut und Wunden

O Haupt voll Blut und Wunden

Paul Gerhardt

Lutherischer Choral aus dem 17. Jahrhundert mit tiefem meditativen Gehalt. Ein Passionslied, das in Bachs Matthäus-Passion immer wiederkehrt und den Betrachter in einen intimen Dialog mit dem Gekreuzigten zieht — ein Moment der Ganzheit, in dem menschliche Sterblichkeit erkannt wird.

🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:57:05 „Ich hätte jetzt noch vielleicht gerne erinnert an den Choral, den Bach in der Matthäuspassion dann wunderbar immer wieder erklingen lässt, das O Haupt voll Blut und Wunden. Da passiert nämlich genau das, was dein Autor hier beschreibt, dass du in einem Raum bist und in den Dialog sozusagen tritt, der Paul Gerhardt hat diesen Choral geschrieben, ich will hier bei dir stehen, verlasse mich doch nicht.“

Johanna Haberer ergänzt die Diskussion über Bach, indem sie den Choral 'O Haupt voll Blut und Wunden' von Paul Gerhardt hervorhebt, der in der Matthäus-Passion immer wiederkehrt. Sie erklärt, dass darin genau das passiert, was der Artikel beschreibt: Der Betrachter meditiert über den Gekreuzigten und erkennt sich selbst als sterblich — ein Moment der Ganzheit, nach dem die Menschen suchen.

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Die Kunst der Fuge

Die Kunst der Fuge

Johann Sebastian Bach

Die Kunst der Fuge (BWV 1080) ist ein von Johann Sebastian Bach komponierter, unvollendeter Zyklus von vierzehn Fugen und vier Kanons. Die meisten Fugen werden in diesem Werk Contrapunctus genannt. Die Erstausgabe erschien 1751, ein Jahr nach Bachs Tod. Die Stücke demonstrieren Bachs Kompositionskunst als Variationen zu einem einzigen Hauptthema. Eine Ausnahme ist die einzige unvollendete Fuge.

🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 01:00:13 „Die Kunst der Fuge hat er am Schluss komponiert und die blieb unvollendet. Dann, Bach ist ja über der Ausarbeitung des letzten Themas gestorben, aber das war die Notenfolge B-A-C-H.“

Am Ende des Gesprächs über Bach erwähnt Sabine Rückert Die Kunst der Fuge als Bachs letztes, unvollendetes Werk. Die besondere Pointe: Das letzte Thema, über dem Bach starb, enthielt die Notenfolge B-A-C-H — das einzige Mal, dass er seinen eigenen Namen in eine Komposition einschrieb.

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Manifest der Hirnforscher

Manifest der Hirnforscher

· 2007

Das Manifest der Hirnforscher (2004) dokumentiert die Euphorie von Neurowissenschaftlern über ihre vermeintliche Überlegenheit und ambitionierte Durchbruchversprechen. Die zentrale These: Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es Grenzen – künstlerische Phänomene wie Bachs Fugen verlieren nichts von ihrer Faszination durch neurobiologisches Verständnis. Das Manifest zeigt paradox die Grenzen der Hirnforschung auf.

🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 01:00:45 „Die Hirnforscher, die haben ja irgendwann mal, ich glaube 2004, ein Manifest veröffentlicht. Da waren sie so wahnsinnig begeistert von sich, dass sie gesagt haben, wir sind eigentlich die führende Wissenschaft, Kognitionswissenschaftler, Hirnforscher.“

Johanna Haberer erinnert an das 'Manifest der Hirnforscher' von 2004, in dem Neurowissenschaftler große Durchbrüche versprachen. Sie zitiert den Schluss des Manifests, in dem die Forscher selbst einräumen, dass eine Fuge von Bach nichts von ihrer Faszination verliert, wenn man ihren Aufbau versteht — die Hirnforschung müsse die Grenzen ihres Zuständigkeitsbereichs anerkennen. Das Manifest dient als Schlusspointe der Folge.

Zum Artikel bei Sciencev1.orf.at Details
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