Murakamis Märchen für Erwachsene
Iris Radisch, Adam Soboczynski
Im Zentrum steht Han Kangs neuer Roman „Griechischstunde
„Am schmerzhaftesten war, dass sie jedes Wort, das sie sagte, in unerbittlicher Schärfe in ihrem Inneren hörte.“
Erwähnte Medien (11)
Griechischstunde
Han Kang · 2024
»Griechischstunden« erzählt die Geschichte zweier gewöhnlicher Menschen, die sich in einem Moment privater Angst begegnen. In einem Klassenzimmer in Seoul beobachtet eine junge Frau ihren Griechischlehrer. Sie versucht, zu sprechen, aber sie hat ihre Stimme verloren. Ihr Lehrer fühlt sich zu der stummen Frau hingezogen, denn er verliert von Tag zu Tag mehr von seinem Augenlicht. Bald entdecken die beiden, dass ein tiefer Schmerz sie verbindet.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:02:35 „Wenn man das Buch dann gelesen hat und jetzt komme ich raus damit, von wem dieses Zitat kommt. Das ist die südkoreanische Autorin Han Kang. Dieses Zitat stammt aus ihrem neuen Roman Griechischstunde. Und in der Tat geht es in diesem Roman um eine Frau, die aufgehört hat zu sprechen, die nicht mehr sprechen kann.“
Iris Radisch stellt Han Kangs neuen Roman als Einstieg der Episode vor. Das Buch handelt von einer Frau, die nicht mehr sprechen kann und durch das Erlernen von Altgriechisch eine Art Therapie findet. Radisch lobt die philosophischen Diskussionen und lyrischen Qualitäten des Romans, zieht Verbindungen zur europäischen Sprachskepsis von Hofmannsthal bis Kafka.
Ein Brief (Chandos-Brief)
Hugo von Hofmannsthal · 2005
Ein Brief, auch Brief des Lord Chandos an Francis Bacon oder Chandos-Brief genannt, ist ein Prosawerk des österreichischen Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal. Es wurde im Sommer 1902 verfasst und erschien am 18. und 19. Oktober 1902 in zwei Teilen in der Berliner Zeitung Der Tag. Zentrale Themen des fiktiven Briefs sind die Kritik der Sprache als Ausdrucksmittel und die Suche nach einer neuen Poetik.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:03:07 „Dieses Ungenügen an der Sprache, was wir ja auch in der deutschsprachigen Literatur schon ganz oft häufig behandelt kennen, also von Hugo von Hofmannsthal fängt das an, dass man einfach diesen Sprachzweifel hat. Die Worte treffen das ja gar nicht, was ich eigentlich sagen will.“
Iris Radisch ordnet Han Kangs Sprachskepsis in die europäische Literaturgeschichte ein. Sie verweist auf Hofmannsthal als Begründer des literarischen Sprachzweifels in der deutschsprachigen Tradition – die Kluft zwischen innerem Fühlen und sprachlichem Ausdruck.
Die Vegetarierin
Han Kang
Han Kangs Roman porträtiert eine Frau, die ihre Lebensweise radikal umgestaltet und durch extreme Ernährungsumstellung den Grenzen zwischen Mensch und Natur nachspürt – bis zu dem Punkt, selbst ein Baum sein zu wollen. Die psychologische Tiefe und literarische Verrücktheit der Charakterisierung machen das Werk zu einer eindringlichen Erkundung menschlicher Obsession und Selbstaufgabe. Als eines der einflussreichsten Romane Han Kangs besticht das Buch durch philosophische Komplexität und narrative Originalität.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:03:56 „Ich habe die schon gelesen, schon entdeckt, als sie die Vegetarierin vor einigen Jahren geschrieben hat. Ich finde die Vegetarierin eindrücklicher, muss ich sagen. Hat noch mehr Tiefe, mehr Verrücktheiten auch.“
Iris Radisch vergleicht Han Kangs neuen Roman mit ihrem früheren Werk. Sie findet die Vegetarierin eindrücklicher und tiefgründiger als Griechischstunde. Adam Soboczynski greift das Motiv der extremen Charaktere auf – eine Frau, die so radikal ihre Ernährung umstellt, dass sie ein Baum sein möchte.
Die Stadt und ihre ungewisse Mauer
Haruki Murakami · 2024
Eine geheimnisvolle Bibliothek in einer ummauerten Stadt am Ende der Welt, die nur betreten kann, wer seinen eigenen Schatten zurücklässt: Hier lebt das wahre Ich des Mädchens, in das sich der namenlose Erzähler mit siebzehn Jahren unsterblich verliebt. Er macht sich auf die Suche nach ihr, gelangt in die geheimnisvolle Stadt, doch das Mädchen erkennt ihn nicht mehr. Der Erzähler gerät unter rätselhaften Umständen zurück in die Welt jenseits der Mauer.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:07:25 „Wir sprechen gleich über den neuen, lange erwarteten neuen Roman von Haruki Murakami, den japanischen Star-Autor, Die Stadt und ihre ungewisse Mauer, aus dem japanischen Übersetz von Ursula Gräfe.“
Zweites Hauptbuch der Episode, ein 636-seitiger Roman über eine Teenager-Liebesgeschichte, Parallelwelten und eine mysteriöse Stadt.
Putins Krieg gegen die Frauen
Sofi Oksanen · 2024
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist in hohem Maße ein Geschlechterkrieg: Russland setzt sexuelle Gewalt in der Ukraine als Waffe ein, aber Frauenfeindlichkeit ist auch ein Instrument der internen Zentralisierung der Macht in Russland. Und sie ist ein Werkzeug des Imperialismus. Das Grauen, das Familien des Baltikums bereits einmal erleben mussten und das bis heute Wunden in den Familien hinterlassen hat, Deportationen, Besetzungen, Terror, Folter, Nazibeschuldigungen, Vergewaltigung, ...
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:07:38 „Wir werden außerdem sprechen mit der finnisch-estnischen Schriftstellerin über das Buch von ihr, Putins Krieg gegen die Frauen, übersetzt von Angela Plöger und Maximilian Murmann.“
Sofi Oksanens Sachbuch wird als drittes Hauptwerk der Episode besprochen. Iris Radisch hat die Autorin in Helsinki besucht und schildert ihre exzentrische Persönlichkeit. Oksanen argumentiert, dass die kolonialen Verbrechen Russlands im Baltikum im westlichen Bewusstsein keinen Platz haben – ein blinder Fleck der postkolonialen Debatte.
1Q84
Haruki Murakami · 2010
Murakamis Opus Magnum: eine Welt neben der unseren! 1984. Aomame hat zwei verschieden große Ohren. Beim Rendezvous mit einem reichen Ölhändler zückt sie eine Nadel und ersticht ihn – ein Auftragsmord, um altes Unrecht zu sühnen. Tengo ist Hobby-Schriftsteller. Er soll einen Roman der exzentrischen 17-jährigen Fukaeri überarbeiten, damit sie einen Literaturpreis bekommt. Der Text ist äußerst originell, aber schlecht geschrieben – ein riskanter Auftrag.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:12:18 „Bei diesem großen Roman 1Q84 war die sehr viel blöder, finde ich. Da konnte man nämlich, wenn man im Stau in Tokio in seinem Toyota saß, konnte man irgendwie, wenn man keine Lust mehr hatte, aussteigen und gerade mal so die Autobahntreppe hochklettern, dann war man schon in der Parallelwelt.“
Iris Radisch vergleicht die Parallelwelt in Murakamis neuem Roman mit der in 1Q84 und findet letztere deutlich weniger überzeugend – fast kinderfernsehmäßig, wie Soboczynski ergänzt. Im neuen Roman sei die Parallelwelt dagegen aufgeladener und mit Motiven der deutschen Romantik angereichert.
Peter Schlemihls wundersame Geschichte
Adelbert von Chamisso
Roman - chômage - magie - richesse - ombre - diable.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:12:38 „Hier ist das sehr viel aufgeladener, ja auch durchaus mit Motiven der deutschen Literatur, auch weil man eben zum Beispiel seinen Schatten abgibt. Ja, ja, so Kamisso gibt es da.“
Adam Soboczynski erkennt in Murakamis Motiv des Schattenabgebens eine Anspielung auf Chamissos romantische Erzählung, in der Peter Schlemihl seinen Schatten an den Teufel verkauft. Iris Radisch bestätigt die Anklänge an die deutsche Romantik im Roman.
Die Bibel
Die Bibel als Klassiker der Weltliteratur und religiöses Fundament – ein Werk, das in westlichen Kulturen ständig zitiert wird, vielen Menschen aber weitgehend unbekannt bleibt. Jan Böhmermann nennt sie als eine seiner größten Wissenslücken und beschreibt das Unbehagen, nicht mitreden zu können, wenn andere Bibelreferenzen einbauen. Eine Anleitung zum Nachschlagen für alle, die ihre Kulturkompetenz erweitern möchten.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:21:19 „Es gibt an einer zentralen Stelle übrigens auch einen Verweis auf die Bibel. Das ist ganz interessant. Es spielt auch mit christologischen Motiven da drin, nicht?“
Adam Soboczynski weist darauf hin, dass Murakamis Roman an zentraler Stelle auf die Bibel verweist und mit christologischen Motiven spielt. Die Parallelwelt hat Züge einer Vorhölle oder eines Zwischenreichs zwischen Paradies und Hölle.
Fegefeuer
Sofi Oksanen · 2011
Fegefeuer - ein meisterhafter Roman über Liebe, Verrat und die Gewalt der Männer Das international gefeierte Meisterwerk Fegefeuer von Sofi Oksanen erzählt die hoch spannende Geschichte zweier Frauen, die durch eine gemeinsame Vergangenheit verbunden sind. Aliide Tru, eine alte Frau, die einsam auf dem estnischen Land lebt, gewährt der jungen Zara Unterschlupf, die auf der Flucht vor brutalen Zuhältern ist.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:26:40 „Und in ihren Romanen, zumal in dem großen Bestseller Fegefeuer, aber auch in ihrem Debüt Stalins Kür, ist das alles verarbeitet. Also es geht immer um die estnischen Frauengenerationen. Es geht um sexualisierte Gewalt.“
Iris Radisch ordnet Oksanens Sachbuch in ihr literarisches Gesamtwerk ein. Fegefeuer war ihr großer Bestseller, in dem sie die Traumata estnischer Frauengenerationen unter sowjetischer Besatzung verarbeitet – sexualisierte Gewalt und die Auslöschung nationaler Identität.
Stalins Kühe
Sofi Oksanen · 2012
Ein furioser Roman über ein in der Literatur nicht beachtetes Thema Anna hat alles im Griff. Sie dient einer »Herrin«, der Bulimie, denn es gibt nichts Wichtigeres für sie, als einen vollkommenen Körper zu besitzen und unangreifbar zu sein.Annas Eltern trennen sich, als ihre Mutter Katariina herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:26:40 „Und in ihren Romanen, zumal in dem großen Bestseller Fegefeuer, aber auch in ihrem Debüt Stalins Kür, ist das alles verarbeitet. Also es geht immer um die estnischen Frauengenerationen.“
Iris Radisch erwähnt Oksanens Debütroman als Teil ihres literarischen Werks, das sich durchgehend mit den Folgen des sowjetischen Kolonialismus für die baltischen Länder beschäftigt. Das Debüt steht thematisch in einer Linie mit Fegefeuer und dem neuen Sachbuch.
In der Strafkolonie
Franz Kafka · 2018
"In der Strafkolonie" ist eine Erzählung von Franz Kafka, die im Oktober 1914 entstand und 1919 veröffentlicht wurde. Einem Forschungsreisenden wird das Rechtssystem einer Strafkolonie vorgeführt. Es besteht darin, dass jeder Angeklagte nach Festlegung des Urteils, das nicht angezweifelt werden kann, von einem Apparat in minutiösem Ablauf stundenlang gefoltert und dann getötet wird. Was er zu beherzigen habe, wird ihm in den Leib eingeschrieben.
🗣 Adam Soboczynski empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:33:51 „Es ist aber auf jeden Fall die brutalste Geschichte, die es gibt von Franz Kafka, der seinen 100. Todestag hat in diesem Jahr. Wir möchten sprechen über ein ganz faszinierendes, ich glaube, so weit können wir schon gehen, ganz faszinierende Erzählung in der Strafkolonie, 1914 geschrieben.“
Klassiker-Besprechung der Episode anlässlich Kafkas 100. Todestag. Die Erzählung wird ausführlich literarisch und philosophisch interpretiert.