Alle Macht den Boomern!
Maja Beckers, Alexander Cammann
In der Sachbuchausgabe stehen drei Bücher auf dem Programm: Heinz Bodes 'Abschied von den Boomern', Andrea Elliotts New-Yorker Armutsstudie 'Kind im Schatten' und Jean Amérys Essay-Sammlung 'Der neue Antisemitismus' als Klassiker. Zunächst aber steht das Zitat des Monats im Mittelpunkt: Florence Hasrads Buch über das Ausrufezeichen, das die Berliner Literaturwissenschaftlerin als nervöses, mächtiges und zutiefst ambivalentes Satzzeichen seziert. Darüber entspinnt sich ein vergnügtes Gespräch darüber, wie beide Hosts ihre Mails vor dem Abschicken noch schnell um ein paar Ausrufezeichen erleichtern.
„Das Ausrufezeichen schleicht sich in unsere Gehirne und Körper.“
Erwähnte Medien (24)
Die Kunst der Zeichensetzung
Jakobus Alpoleius de Urbisalia
Eine historische Abhandlung des italienischen Gelehrten Jakobus Alpoleius de Urbisalia aus dem 14. Jahrhundert zur Geschichte der Zeichensetzung. Das Werk dokumentiert die Forderung nach einem neuen Satzzeichen für exklamatorische und admitative Sätze – und gilt als Geburtsurkunde des modernen Ausrufezeichens. Die Publikation zeigt, wie notwendig eine differenzierte Interpunktion für die präzise schriftliche Kommunikation ist.
🗣 Maja Beckers referenziert „Und dann schreibt sie über einen italienischen Gelehrten und Dichter, Jakobus Alpoleius de Urbisalia, Mitte des 14. Jahrhunderts, der eine Abhandlung geschrieben hat, die Kunst der Zeichensetzung und darin eigentlich gefordert hat, es braucht irgendein Zeichen, um exklamatorische und admirative Sätze nochmal anders auszusprechen.“
Maja Beckers referiert aus Hazrats Buch die Erfindungsgeschichte des Ausrufezeichens: Ein italienischer Gelehrter des 14. Jahrhunderts forderte in seiner Abhandlung ein neues Zeichen für Ausrufe und Bewunderung – quasi die Geburtsurkunde des Ausrufezeichens.
Abschied von den Boomern
Heinz Bude · 2024
Bye, bye, Boomer! Das Portrait einer Generation und ihrer inneren Widersprüche von Heinz Bude Die Boomer nehmen Abschied. Wer zwischen 1955 und 1970 in der Zeit der geburtenstarken Jahrgänge zur Welt gekommen ist, hat den Ruhestand erreicht oder zählt zu den Älteren, die nach und nach ihre Posten freimachen. Die Boomer verbindet das Gefühl, dass es zu viele von ihnen gibt, das spürten sie schon in überfüllten Klassenzimmern und später auf dem Arbeitsmarkt.
🗣 Cammann referenziert bei ⏱ 00:00:38 „Und diesmal sind das zum einen das Buch von Heinz Bode, Abschied von den Boomern“
Erstes Hauptbuch. Soziologe Heinz Bude erklart die Babyboomer-Generation und ihre Pragung auf die Gesellschaft.
Kind im Schatten – Armut, Überleben, Hoffnung in New York City
Andrea Elliott
Pulitzer-preisgekröntes Reportage-Buch, das das Leben eines Mädchens aus armen Verhältnissen in New York City dokumentiert. Es erzählt von alltäglichem Überlebenskampf, Hoffnung und Resilienz inmitten extremer wirtschaftlicher Benachteiligung. Ein intimer Blick auf strukturelle Armut in Amerika.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:00:44 „Dann Andrea Elliot, Kind im Schatten, Armut über Leben, Hoffnung in New York City. Und als Klassiker eine Essay-Sammlung von Jean Améry, Der neue Antisemitismus.“
Wird in der Einführung als zweites Hauptbuch der Folge angekündigt, aber in diesem Transkript-Abschnitt nicht näher besprochen.
Der neue Antisemitismus
Jean Améry · 2024
Jean Améry reflektiert in dieser Essay-Sammlung über die Persistenz von Antisemitismus in der Nachkriegsgesellschaft. Seine Analyse verbindet persönliche Erfahrung mit philosophischen Fragen, die zeitlos aktuell bleiben.
🗣 Alexander Cammann erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:00:50 „Und als Klassiker eine Essay-Sammlung von Jean Améry, Der neue Antisemitismus.“
Wird in der Einführung als Klassiker der Folge angekündigt – eine Essay-Sammlung, die aus aktuellem Anlass nochmal empfohlen wird. In diesem Transkript-Abschnitt noch nicht näher besprochen.
Das Ausrufezeichen
Florence Hazrat · 2023
Wie ein Satzzeichen die Welt bewegte ... Kaum ein anderes Zeichen erregt unsere Gemüter wie das Ausrufezeichen. Ein Pathossymbol, das uns jubeln und wüten lässt, uns warnt und motiviert – und trotzdem wird es als »schreiendes« Symbol verkannt oder fällt populistischen Machtspielen zum Opfer. Die Literaturwissenschaftlerin Florence Hazrat befreit das Ausrufezeichen aus den staubigen Schubladen der Grammatik und geht seiner Bedeutung als universelles, politisches und menschliches Phänomen auf den ...
🗣 Beckers referenziert bei ⏱ 00:00:57 „Und sie hat als Literaturwissenschaftlerin eine besondere Leidenschaft und das ist die Zeichensetzung. Jetzt hat sie ein sehr fröhliches und interessantes Buch über das Ausrufezeichen geschrieben.“
Zitat des Monats. Kulturgeschichte des Ausrufezeichens als rebellisches Satzzeichen.
Mind the Gap
Florence Hazrat
Newsletter von Florence Hazrat über Zeichensetzung und Typografie. Fokussiert auf die Bedeutung und Wirkung von Zwischenräumen und Sonderzeichen in der Schrift. Ein feines Format für Sprach-Enthusiasten.
🗣 Maja Beckers erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:01:35 „Sie schreibt auch ein Newsletter dazu, der heißt Mind the Gap, was ich in dem Fall einen schönen Namen finde.“
Der Newsletter von Florence Hazrat über Zeichensetzung wird im Zusammenhang mit ihrer Vorstellung als Autorin des Ausrufezeichen-Buchs erwähnt. Maja Beckers findet den Namen passend für ein Format über typografische Zwischenräume.
Das Ausrufezeichen – Eine rebellische Geschichte
Florence Hazrat · 2024
Wie ein Satzzeichen die Welt bewegte ... Kaum ein anderes Zeichen erregt unsere Gemüter wie das Ausrufezeichen. Ein Pathossymbol, das uns jubeln und wüten lässt, uns warnt und motiviert – und trotzdem wird es als »schreiendes« Symbol verkannt oder fällt populistischen Machtspielen zum Opfer. Die Literaturwissenschaftlerin Florence Hazrat befreit das Ausrufezeichen aus den staubigen Schubladen der Grammatik und geht seiner Bedeutung als universelles, politisches und menschliches Phänomen auf den ...
🗣 Maja Beckers empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:44 „Jetzt hat sie ein sehr fröhliches und interessantes Buch über das Ausrufezeichen geschrieben. Es heißt Das Ausrufezeichen, eine rebellische Geschichte und daraus hören wir jetzt das Zitat.“
Das Buch wird als Zitat des Monats vorgestellt. Florence Hazrat, Literaturwissenschaftlerin mit Leidenschaft für Zeichensetzung, hat eine kulturgeschichtliche Abhandlung über das Ausrufezeichen geschrieben. Beide Hosts sind begeistert von der Mischung aus profundem Wissen und lesbarer Erzählung – typisch angelsächsischer Sachbuchstil.
Scheibenwelt-Romane
Terry Pratchett · 2015
Ein Klassiker von Terry Pratchett in neuer Übersetzung und Gestaltung Aller guter Hexen sind drei. So denken sich das jedenfalls Esmeralda »Oma« Wetterwachs, Nanny Ogg und Magrat Knoblauch. Zusammen machen sie sich auf ins geheimnisvolle Märchenland Gennua, um dort die Pläne der bösen Hexe Lily zu vereiteln. Die will unbedingt das Stubenmädchen Ella mit dem Herzog verheiraten – um dann durch Ella an die Macht zu gelangen.
🗣 Maja Beckers zitiert daraus bei ⏱ 00:04:53 „Terry Pratchett hat in dem Scheibenwelt-Roman eine Figur erfunden, die sagt, mehrere Ausrufezeichen seien ein sicheres Zeichen für einen kranken Geist. Und der Gebrauch von fünf davon weist eindeutig auf jemanden hin, der seine Unterhose auf dem Kopf trägt.“
Maja Beckers zitiert aus Florence Hazrats Buch, das prominente Ausrufezeichen-Kritiker auflistet. Pratchetts Scheibenwelt-Figur wird als besonders amüsantes Beispiel für die Verachtung des Ausrufezeichens angeführt.
Mitternachtskinder
Salman Rushdie · 2013
Weltbestseller und Meilenstein der Weltliteratur Am 15. August 1947, Schlag Mitternacht, wird Saleem Sinai geboren - begrüsst von Fanfaren und Feuerwerken, denn in genau diesem Moment erlangt Indien seine Unabhängigkeit. Fortan ist Saleems Leben untrennbar mit dem Schicksal des neugeborenen Staates verbunden.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:08:39 „Ich erfahre natürlich auch hier in dem Buch, dass Simon Rushdie in Mitternachtskinder sechs Ausrufezeichen pro Seite verwendet hat, was insgesamt im ganzen Buch 2131 Stück macht.“
Alexander Cammann zitiert eine Statistik aus Hazrats Buch: Rushdie verwendete in Mitternachtskinder 2131 Ausrufezeichen. Das Beispiel illustriert, wie akribisch Hazrat das Ausrufezeichen in der Literaturgeschichte verfolgt.
Deutsche Bildergeschichten: Die Flakhelfer-Generation
Heinz Bude
Heinz Bude analysiert in seiner 1987 veröffentlichten Dissertation die sogenannte Flakhelfer-Generation – jene Deutschen, die 1945 noch unmittelbar vom Krieg geprägt waren. Der Artikel porträtiert Budes Karriere als einflussreicher Generationendeuter und zeigt, wie seine frühe Arbeit eine damals ungewöhnliche Perspektive auf die noch lebende Kriegsgeneration eröffnete. Budes Ansatz wurde prägend für die Soziologie und unser Verständnis von Generationen in der deutschen Nachkriegsgeschichte.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:11:28 „Also 1987 fängt er da gleich an mit seiner Dissertation über die Flakhelfer, also die Generation, die bei Kriegsende 1945 quasi noch den Krieg noch in den Knochen hatten, also die Generation Habermas, Christa Wolf, Dahndorf und so weiter.“
Alexander Cammann zeichnet Heinz Budes Karriere als Generationendeuter nach. Die Dissertation von 1987 über die Flakhelfer-Generation war der Anfang – eine damals schon ungewöhnliche Perspektive auf die noch lebende Kriegsgeneration.
Generation Berlin
Heinz Bude · 2001
Heinz Budes Essay analysiert die sogenannte "Generation Berlin", die 2001 durch den Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin geprägt wurde. Dieser historische Ortswechsel symbolisierte einen Neubeginn für Deutschland nach der Wiedervereinigung und prägte das Selbstverständnis dieser Generation nachhaltig. Der Text ist Teil von Budes einflussreicher Generationen-Soziologie, die verschiedene Kohorten und ihre formenden Erfahrungen untersucht.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:12:02 „Und dann ist auch er überrascht von allem, was jetzt im neuen Deutschland so passiert mit Berlin-Umzug und ruft er dann die Generation Berlin aus, 2001.“
Teil von Cammanns Überblick über Budes Generationen-Bücher. Nach Flakhelfern und 68ern diagnostizierte Bude 2001 eine 'Generation Berlin', geprägt vom Hauptstadt-Umzug und dem neuen Deutschland.
Aufprall
Heinz Bude, Karin Wieland, Bettina Munk · 2024
Gesellschaftsdiagnosen durchkreuzen die Soziologiegeschichte in sehr unterschiedlichen Formen. Während sich geschichtsphilosophische Traditionslinien weitestgehend verflüchtigt haben, bestimmen aktuell interdisziplinäre und intermediale Experimentierfelder das Geschäft der Gesellschaftsdiagnose. Gegenwärtig wird diese Gattung mit performativen Instrumentarien erweitert, die im Zusammenhang stehen mit 'sozioautobiographischen' Schreibweisen .
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:12:34 „Und er hat tatsächlich vor zwei Jahren oder vor drei Jahren, 2020, einen Roman geschrieben. Und zwar eine kollaborative Arbeit, wie es vielleicht diese Generation, ja auch seine Generation, gelernt hat mit Bettina Munk und Katrin Wieland. Aufprall heißt der und da verarbeitet er eigentlich die Geschichte oder die eigene Geschichte verarbeiten diese drei in den 80er Jahren über so das West-Berlin, Hausbesetzer-Szene.“
Alexander Cammann erwähnt Heinz Budes Roman als Teil von dessen Werkbiografie, bevor er auf das eigentliche Hauptbuch 'Abschied von den Boomern' eingeht. Der kollaborativ geschriebene Roman verarbeitet die West-Berliner Hausbesetzer-Szene der 80er Jahre.
Shell Jugendstudie
Empirische Langzeitstudie untersucht die Entwicklung des Generationenverhältnisses zwischen Eltern und Kindern in Deutschland. Die Studie zeigt, dass sich Generationenunterschiede verringern und Eltern und Kinder zunehmend auf Augenhöhe begegnen. Sie dokumentiert Trends wie ähnlichere Kleidung, Musikgeschmack und allgemein kleinere kulturelle Abstände zwischen den Generationen.
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:21:27 „Und das zeigen auch immer wieder diese Shell-Jugendstudien, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern eigentlich verbessert, man sich mehr auf Augenhöhe begegnet, man sich ähnlicher ist, man teilweise auch ähnlichere Kleidung trägt, Musik hört, also dass die Unterschiede eigentlich kleiner werden.“
Maja Beckers verweist auf die regelmäßig erscheinenden Shell-Jugendstudien als empirischen Beleg dafür, dass Generationenunterschiede schrumpfen – entgegen dem aufgeheizten Generationendiskurs in sozialen Medien.
Sex and the City
Darren Star · 1998
Die Protagonistinnen sind vier New Yorker Frauen, deren amouröse und sexuelle Erlebnisse und Freundschaft ebenso wie ihre Auseinandersetzungen, Diskussionen und Gedanken zu fast allen Fragen menschlicher Beziehungen dargestellt werden.
🗣 Maja Beckers erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:21:42 „Also ein schönes Beispiel fand ich, letztes Jahr erschien ja And Just Like That, die Fortsetzung von Sex in the City.“
Wird als Vorgängerserie von 'And Just Like That' erwähnt, im Rahmen von Beckers' Argument über schrumpfende Generationenunterschiede.
And Just Like That…
Michael Patrick King / HBO · 2021
Dieses neue Kapitel von "Sex and the City" begleitet Carrie, Miranda und Charlotte auf ihrem Weg von der komplizierten Realität des Lebens und der Freundschaft in ihren 30ern zu der noch komplizierteren Realität des Lebens und der Freundschaft in ihren 50ern.
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:21:48 „Also ein schönes Beispiel fand ich, letztes Jahr erschien ja And Just Like That, die Fortsetzung von Sex in the City. Die Protagonistinnen da sind so 55, 54, ungefähr so alt, wie es auch die Golden Girls waren, falls sich jemand erinnert an diese Serie.“
Maja Beckers nutzt den Vergleich zwischen 'And Just Like That' und den 'Golden Girls', um zu zeigen, dass Generationenunterschiede kleiner werden: Beide Casts sind Mitte 50, aber die Golden Girls wirkten viel älter – ein Beleg dafür, dass sich Generationen heute ähnlicher sind als früher.
Golden Girls
· 1985
Vier Senioren aus Südflorida teilen sich ein Haus, ihre Träume und jede Menge Käsekuchen. Intelligent, freizügig, ahnungslos und witzig bilden diese reizenden, nicht übereinstimmenden Damen den perfekten Freundeskreis.
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:21:48 „Die Protagonistinnen da sind so 55, 54, ungefähr so alt, wie es auch die Golden Girls waren, falls sich jemand erinnert an diese Serie. Und die sahen ja so viel omamäßiger aus.“
Die Golden Girls dienen als Kontrastbeispiel: Obwohl die Darstellerinnen ähnlich alt waren wie die aus 'And Just Like That', wirkten sie viel älter – ein anschaulicher Beleg für Beckers' These, dass Generationenunterschiede heute kleiner sind.
Invisible Child
Andrea Elliott
Die fünfteilige Serie „Invisible Child" (Das unsichtbare Kind) erschien 2013 an fünf aufeinanderfolgenden Tagen auf der Titelseite der New York Times. Sie dokumentiert die Geschichte der obdachlosen Desani in New York und wurde vom Journalisten Elliott recherchiert. Die Serie bildete den Grundstein für das spätere Buchprojekt „Kind im Schatten", an dem Elliott über sieben weitere Jahre arbeitete.
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:31:32 „Also das war zunächst eine Reihe von fünf Artikeln, die an fünf aufeinanderfolgenden Tagen auch auf dem Titel der New York Times waren. Invisible Child hieß das, also das unsichtbare Kind. Das war 2013.“
Die fünfteilige Artikelserie in der New York Times von 2013, die dem Buch 'Kind im Schatten' vorausging. Elliott begleitete dafür die obdachlose Desani in New York. Die Serie war der Ausgangspunkt für das spätere, über sieben weitere Jahre fortgesetzte Buchprojekt.
Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod
Jean Améry · 1983
Jean Améry analysiert in seinem einflussreichen Essay die philosophischen und moralischen Dimensionen des Suizids. Das Werk aus den 1970er Jahren gilt als bahnbrechende Auseinandersetzung mit Fragen der menschlichen Autonomie und Existenz. Amérys eigener Freitod 1978 verleiht seinen theoretischen Überlegungen tiefe existenzielle Relevanz.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:49:44 „Bekannt geworden ist er auch tatsächlich mit seinem Essay über den Suizid. Er hat tatsächlich sich Gedanken gemacht über Selbstmord und diese Fragestellungen, die damit verbunden sind, auch die moralische Konzentration. Er hat 1978 ein bahnbrechendes Werk gewesen, auch als Essay.“
Cammann erwähnt Amérys berühmten Essay über den Suizid als eines seiner bekanntesten Werke. Der Essay von 1976 wurde als bahnbrechend beschrieben. Améry beging 1978 selbst Suizid, was dem Werk eine tragische Dimension verleiht.
Gesamtausgabe Jean Améry
Jean Améry · 2004
Jean Amérys neunbändige Gesamtausgabe im Klett-Cotta Verlag dokumentiert das vielseitige Schaffen des österreichischen Schriftstellers und Essayisten. Die Ausgabe vereint seine Essays, Romane und kritischen Werke und ermöglicht einen Überblick über sein umfangreiches literarisches Vermächtnis. Sie zeigt, dass Améry weit mehr war als ein Essayist und sich intensiv mit narrativen Formen auseinandersetzt.
🗣 Alexander Cammann erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:50:36 „Er hat auch Romane geschrieben, die später rausgekommen sind. Bei Klettgatter gibt es eine neunbändige Gesamtausgabe. Also wirklich viel geschrieben.“
Cammann erwähnt die neunbändige Gesamtausgabe bei Klett-Cotta, um das umfangreiche Schaffen Amérys zu unterstreichen, der neben Essays auch Romane verfasste.
Juden, Linke, Linke Juden
Jean Améry · 2024
Améry analysiert die Spannung zwischen jüdischer Identität und linken Ideologien. Der Essay hinterfragt, wie man beide Positionen gleichzeitig vertreten kann angesichts historischer Konflikte zwischen dem Universalismus der Linken und der Particularität jüdischer Erfahrung.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:51:03 „Also es geht um, ich nenne mal die Titel Juden, Linke, Linke Juden von 1973 oder Essay von 1969, Die Linke unter Zionismus oder auch ein Klassiker von ihm, Der neue Antisemitismus 1976 geschrieben.“
Essay von 1973, einer der in der Sammlung 'Der neue Antisemitismus' enthaltenen Texte. Cammann nennt die einzelnen Titel, um die Bandbreite von Amérys Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Linken und Juden zu illustrieren.
Die Linke und der Zionismus
Jean Améry · 2002
Antizionismus ist ein Sammelbegriff für gegen (griechisch antí) den Zionismus gerichtete politische Ideologien. Seit der Gründung des Staates Israel 1948 richten diese sich als Antiisraelismus gegen den jüdischen Staat. Antizionismus wird sowohl säkular als auch religiös begründet und findet sich im gesamten politischen Spektrum. Nach Einschätzung einer Reihe von Wissenschaftlern bestehen häufig Zusammenhänge mit dem Antisemitismus, andere Wissenschaftler bestreiten diesen Zusammenhang.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:51:03 „Also es geht um, ich nenne mal die Titel Juden, Linke, Linke Juden von 1973 oder Essay von 1969, Die Linke unter Zionismus oder auch ein Klassiker von ihm, Der neue Antisemitismus 1976 geschrieben.“
Essay von 1969 aus der Sammlung. Améry befasst sich darin mit der zunehmend israelkritischen Haltung der Neuen Linken nach dem Sechstagekrieg 1967, ein Thema, das Cammann als erschreckend aktuell empfindet.
Fünf Wörter für Sehnsucht
Sarah Levy · 2022
Eine Reise nach Tel Aviv verändert Sarah Levys Blick auf Israel – aus dem Urlaubsort ihrer Kindheit, Heimat ihrer jüdischen Familie und Konfliktschauplatz wird ein Sehnsuchtsort voller Wärme und inspirierender Begegnungen. Mit 33 entscheidet sie, ihr Leben in Hamburg hinter sich zu lassen, und zieht nach Tel Aviv. Inmitten der Corona-Pandemie durchlebt sie Mentalitätsklüfte, frustrierende Sprachlosigkeit und das liebevolle Chaos israelischer Familientreffen.
🗣 Maja Beckers referenziert bei ⏱ 00:58:27 „Also meine Freundin Sarah Levy hat zum Beispiel ein Buch über ihre Auswanderung nach Israel geschrieben vor zwei Jahren. Jan, die auch manchmal für die Zeit schreibt, fünf Wörter für Sehnsucht, wo sie beschreibt, wie sie in Frankfurt aufwächst, als Jüdin eine jüdische Schule besucht und da immer Thema ist, es gibt da diesen Fixstern Israel.“
Im Gespräch über die existenzielle Bindung von Juden an den Staat Israel erwähnt Beckers das Buch ihrer Freundin Sarah Levy. Das Buch handelt von Levys Auswanderung nach Israel und ihrer Aufwachserfahrung als Jüdin in Frankfurt, wo Israel stets als Fixstern präsent war.
Der ehrbare Antisemitismus
Jean Améry · 2024
Jean Amérys Essay analysiert den Antisemitismus, der sich selbst als moralisch gerechtfertigt versteht – ein "ehrbarer" Antisemitismus, den Améry für besonders gefährlich hält. Der Text untersucht, wie antisemitische Haltungen sich als ethische Positionen rechtfertigen.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 00:59:03 „Übrigens auch für die Zeit, also der ehrbare Antisemitismus ist in der Zeit erschienen, 1976.“
Im Gespräch über Jean Amérys Essays zum Antisemitismus erwähnt Alexander Cammann diesen spezifischen Essay, der 1976 in der Zeit erschien. Er beschreibt den sich moralisch auf der richtigen Seite wähnenden Antisemitismus, den Améry für besonders gefährlich hält.
Außenseiter
Hans Mayer · 1976
Literaturkritische Essays über Außenseiter-Positionen und marginalisierte Perspektiven in Kultur. Das Werk argumentiert gegen die Trennung von Antizionismus und Antisemitismus und zeigt deren historische Verflechtung auf.
🗣 Alexander Cammann referenziert bei ⏱ 01:00:05 „Er zitiert dann den Kaministen Hans Meyer, er hat ein großes Buch geschrieben, Außenseiter, also viele andere Bücher auch, aber Hans Meyer, einer der wichtigsten Kritiker nach 1945.“
Cammann erwähnt Hans Mayers Hauptwerk 'Außenseiter' im Zusammenhang mit Amérys Argumentation gegen die Trennung von Antizionismus und Antisemitismus. Mayer wird als einer der wichtigsten Kritiker nach 1945 vorgestellt, der ebenfalls die Position vertrat, dass Antizionismus und Judenfeindlichkeit nicht voneinander zu trennen seien.