Lost in Venedig
Iris Radisch, Adam Soboczynski
Ein Zitat aus einem neu erschienenen Buch behauptet, Liebe erhöhe den Menschen, Leiden hingegen stärke nur das Ego — und trifft damit auf entschiedenen Widerspruch. Iris Radisch hält dagegen: Liebe habe sie persönlich größenwahnsinnig gemacht, Leiden hingegen bescheidener und selbstreflexiver. Adam Soboczynski vermittelt, indem er zwischen romantischer Umnachtung und einer selbstlosen, umfassenden Liebe unterscheidet.
„Liebe macht einen oder hat mich größenwahnsinnig gemacht. Und Leiden, muss ich wirklich sagen, hat mich oft bescheidener gemacht.“
Erwähnte Medien (12)
Wer die Nachtigall stört
Harper Lee · 2018
Der zeitlose Klassiker über Rassismus und Heldenmut, jetzt als wunderschöne Graphic Novel - bereit, um von einer neuen Generation entdeckt zu werden. Amerika in den 30er Jahren. In die idyllische Südstaaten-Kindheit der achtjährigen Scout und ihres älteren Bruders Jem drängt sich die brutale Wirklichkeit aus Vorurteilen und Rassismus.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:05:37 „Die hat mal 1960 einen Mega-Welt-Bestseller geschrieben, Wer die Nachtigall stört. 1960 erschienen. Legenderer Titel. Kennt jeder zumindest vom Hörensagen. Hat sich sagenhafterweise über 40 Millionen Mal verkauft.“
Adam Soboczynski ordnet Harper Lees Debütroman als Kontext für den neuen Erzählband ein. Er beschreibt den enormen Erfolg des Buches – über 40 Millionen verkaufte Exemplare – und dass Lee zeitlebens unter Schreibblockaden litt und nie an diesen Erfolg anknüpfen konnte. Er erwähnt auch die aktuelle Debatte, ob ein von einer weißen Autorin geschriebener rassismuskritischer Roman noch die richtige Referenz sei.
Go Set a Watchman (Gehe hin, stelle einen Wächter)
Harper Lee · 2015
An historic literary event: the publication of a newly discovered novel, the earliest known work from Harper Lee, the beloved, bestselling author of the Pulitzer Prize-winning classic, To Kill a Mockingbird. Originally written in the mid-1950s, Go Set a Watchman was the novel Harper Lee first submitted to her publishers before To Kill a Mockingbird. Assumed to have been lost, the manuscript was discovered in late 2014.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:06:28 „Es ist auch so, dass dann 2015 tatsächlich ein zweiter Roman von ihr erschienen ist, der aber nur ein Erstentwurf war. Das war in Wahrheit nur die erste Fassung von Wer die Nachtigall stört, ein bisschen anders. Also auch kein richtig neues Werk.“
Adam Soboczynski bespricht Harper Lees Nachlass-Band 'Das Land der süßen Ewigkeit' und erwähnt dabei den 2015 erschienenen zweiten Roman, dessen Veröffentlichung umstritten war, da unklar blieb, ob Lee wirklich zugestimmt hatte. Er ordnet das Buch als frühe Fassung von 'Wer die Nachtigall stört' ein.
Das Land der süßen Ewigkeit
Harper Lee · 2025
Eine Entdeckung aus dem Nachlass: bisher unveröffentlichte Erzählungen von einer der beliebtesten Autorinnen Amerikas. Harper Lee (1926-2016), Verfasserin des berühmten Romans »Wer die Nachtigall stört«, ist eine der größten und wichtigsten amerikanischen Autorinnen, dennoch ist über ihre schriftstellerischen Anfänge bisher nur wenig bekannt.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:07:02 „Und jetzt kam tatsächlich, bislang unverantwortlich, Veröffentlichte Stories, Erzählungen wurden gefunden und jetzt zum ersten Mal übersetzt und weltweit veröffentlicht worden. Das Land der süßen Ewigkeit, so heißt der Band, in dem die versammelt sind und er beinhaltet auch ein paar alte Essays.“
Adam Soboczynski stellt den posthum erschienenen Sammelband von Harper Lee vor, der bisher unveröffentlichte Erzählungen und Essays enthält. Die Übersetzung stammt von Nicole Seifert. Das Eingangszitat der Episode über die Liebe stammt aus einem Essay in diesem Band, der ursprünglich 1961 in der Vogue erschien. Soboczynski ordnet die Stories als lesenswerte Fingerübungen ein, die bereits auf 'Wer die Nachtigall stört' hindeuten.
Liebe
Harper Lee · 2021
Achtung! Neues Cover und neuer Untertitel. Dieses Buch ist zuvor unter dem Titel "Sunrise - Alexander und Ella" erschienen. Seelenverwandtschaft? Die Liebe auf den ersten Blick? Für Ella und Alexander sind das zwei Dinge, die sie sich bisher niemals vorstellen konnten. Bis sie eines Tages durch Zufall aufeinandertreffen und nicht mehr aufhören können, an den anderen zu denken. Aber Ella hat ein Geheimnis, das sie davon abhält, sich auf ihre Gefühle und somit auf Alexander einzulassen.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:07:27 „Der Essay heißt nämlich Liebe, erschienen in der Zeitschrift Vogue 1961.“
Das Eingangszitat der Episode stammt aus diesem Essay von Harper Lee, der 1961 in der Vogue erschien und nun im Sammelband 'Das Land der süßen Ewigkeit' enthalten ist. Iris Radisch und Adam Soboczynski diskutieren kontrovers über die darin vertretene These, dass Liebe selbstlos sei und Seelenfrieden bringe, während Leiden nur das Ego verstärke.
Goldstrand
Katharina Poladjan · 2025
Ein alternder Filmregisseur, eine bröckelnde römische Villa und eine Psychoanalyse, die aus dem Ruder läuft: In Katerina Poladjans neuem Roman »Goldstrand« erzählt ein Mann um sein Leben An der bulgarischen Schwarzmeerküste entsteht in den 1950er Jahren ein Ferienort: Goldstrand, geplant als Platz an der Sonne für alle. Auf der Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später hat er seine größten Erfolge als Filmregisseur längst gefeiert und liegt auf der Couch seiner Dottoressa in Rom.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:09:34 „Dieses Buch heißt Goldstrand. Man kann nicht wirklich sagen, es ist übersehen worden. Aber wir sind ja jetzt schon spät im Jahr und wir haben den Deutschen Buchpreis und wir haben ja viele Preise, die jetzt alle schon vergeben wurden. Und da ist sie eigentlich nicht mal in die Nähe solcher Preise gekommen.“
Iris Radisch stellt begeistert den Roman der in Moskau geborenen, auf Deutsch schreibenden Autorin Katharina Poladjan vor. Das Buch erzählt auf nur 160 Seiten eine zerrissene europäische Familiengeschichte von 1922 bis in die Gegenwart – von Odessa über Bulgarien nach Rom. Radisch kritisiert, dass das Buch bei keinem der großen Buchpreise berücksichtigt wurde, und lobt den slapstick-haften, absurden Humor sowie die märchenhaften Züge des Romans.
Schatten der Gondeln
John Banville
Eleganter Roman über ein Ehepaar, das 1899 in Venedig Flitterwochen verbringt. Nach einer ehelichen Vergewaltigung verschwindet die Frau unter düsteren Umständen. Ein stilistisch virtuoses, wenn auch teilweise langatmiges Werk im Geiste von Henry James.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:22:25 „Der Roman heißt John Benville, Schatten der Gondeln heißt die Übersetzung, aus dem englischen Übersetz von Elke Link. Also John Benville ist ein interessanter, ein sehr interessanter Autor, der über 30 Romane schon geschrieben hat.“
Adam Soboczynski bespricht den neuen Roman des irischen Autors John Banville, übersetzt von Elke Link. Das Buch spielt 1899 in Venedig, wo ein Ehepaar seine Flitterwochen verbringt – mit zunehmend düsterer Wendung nach einer ehelichen Vergewaltigung und dem Verschwinden der Frau. Soboczynski beschreibt es als stilistische Imitation von Henry James, einen 'brutalisierten Henry James', elegant erzählt, aber stellenweise etwas langatmig.
The Sea
John Banville · 2013
When Max Morden returns to the seaside village where he once spent a childhood holiday, he is both escaping from a recent loss and confronting a distant trauma. Mr and Mrs Grace and their twin children Myles and Chloe appeared that long-ago summer as if from another world. Max grew to know them intricately, even intimately, and what ensued would haunt him for the rest of his years, shaping everything that was to follow.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:22:41 „In seinem Leben, der wird demnächst 80, ist vor allen Dingen bekannt geworden, da ist er richtig bekannt geworden, durch seinen Roman The Sea, 2005 auch mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet worden und gilt so als einer der wichtigsten, vor allen Dingen irischen Autoren.“
Adam Soboczynski erwähnt Banvilles bekanntesten Roman als Kontext für die Vorstellung des neuen Werks 'Schatten der Gondeln'. 'The Sea' wurde 2005 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet und machte Banville zu einem der wichtigsten irischen Gegenwartsautoren.
Amphitryon
Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleists Amphitryon-Drama ist ein Klassiker über Identitätsverwechslung und Verdoppelung – zentrale Themen, die Banville in seinem eigenen Roman aufgreift und stilistisch neu verarbeitet. Das Stück zeigt, wie moderne Autoren klassische Vorlagen als thematisches Gerüst für die Erkundung von Identität und Täuschung nutzen. Die Lektüre hilft zu verstehen, wie Banvilles intertextuelle Schreibweise funktioniert und welche literarischen Techniken er aus Kleist adaptiert.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:27:55 „Er hat mal einen Roman geschrieben, der sich vollständig an Heinrich von Kleist orientiert. Auf Englisch? Das ist möglich? Eher thematisch. Das heißt, immer wieder geht es um das Amphitryon-Drama.“
Soboczynski erläutert Banvilles Methode der stilistischen Imitation anderer Autoren. Als Beispiel nennt er einen Roman, der sich thematisch an Kleists Amphitryon-Drama orientiert – ein Stück über Identitätstausch und Verwechslung, das Banville in einem eigenen Roman verarbeitet hat.
The Aspern Papers (Die Aspern-Schriften)
Henry James · 2021
One of James’ most popular novellas, "The Aspern Papers" is based on the letters exchanged between the English Romantic poet Percy Bysshe Shelley and his wife’s stepsister Claire Clermont. An unnamed narrator sets on a journey to discover some long-lost letters, reaches Venice, and then has to decide what to do with his mission and life at the same time. A philosophically and psychologically engaging tale, "The Aspern Papers" can be read as a detective novel, romance, and a tragedy.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:31:03 „Es gibt übrigens bei Henry James, das ist ein bisschen im Hintergrund das Vorbild, es gibt die Espern-Schriften, die Espern-Papers, so heißt die Erzählung von ihm, der James hat nämlich auch eine Venedig-Erzählung geschrieben. Auch eine Art Detektivgeschichte. Da geht es um die Suche nach privaten Schriften von einem Schriftsteller und auf die kommt man nicht.“
Adam Soboczynski nennt Henry James' Venedig-Erzählung als literarisches Vorbild für den zuvor besprochenen Roman (vermutlich Banvilles Buch aus Teil 1). Er beschreibt die Parallelen: Auch bei James geht es um eine Detektivgeschichte in Venedig, bei der private Schriften eines Schriftstellers gesucht werden – eine Art Überschreibung und Parallelgeschichte.
Der Tod in Venedig
Thomas Mann · 2026
Thomas Manns weltberühmte Novelle Am Lido von Venedig macht Urlaub, wer es sich leisten kann. Hier blickt der berühmte Schriftsteller Gustav von Aschenbach auf das muntere Treiben am Strand. Und hofft auf das Erscheinen dieses überaus schönen Jungen mit dem langen Haar, der im selben Hotel wie er logiert. Was für eine seltsame Leidenschaft treibt ihn da mit einem Mal um? Im Bann des Jungen zerrinnen dem alternden Autor die Gewissheiten seiner Existenz.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:31:32 „Und natürlich, was auch ständig vorkommt, ist, dass man in Venedig natürlich immer krank wird. Der Tod in Venedig, die Anspielung gibt es.“
Im Kontext der Venedig-Motivik des besprochenen Romans verweist Adam Soboczynski auf Thomas Manns Klassiker als weitere literarische Referenz. Das Motiv der Krankheit in Venedig – die pestverhaftete Atmosphäre – verbindet den besprochenen Roman mit Manns Novelle.
To the Lighthouse (Zum Leuchtturm)
Virginia Woolf · 2024
Ein ruhiger Familienurlaub am Meer wird durch das stille Vergehen der Jahre und das Gespenst des Krieges zerschmettert, wodurch ihre großen Pläne unerfüllt bleiben. In einem Sommerhaus auf der Isle of Skye flackern flüchtige Momente der Intimität und künstlerischen Vision kurz auf, bevor sie von der gleichgültigen Flut der Zeit verschlungen werden.
🗣 Adam Soboczynski empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:33:32 „Es war ja ein Vorschlag von dir, Adam, weil du wahrscheinlich gedacht hast, wenn wir Banvil machen, gucken wir doch mal so einen klassischen englischen Avantgarde-Roman an und das ist eben von Virginia Woolf. Zum Leuchtturm, weil du ja schon sagtest, da sind vielleicht sehr viele Verbindungselemente.“
Das zweite Hauptbuch der Folge: Adam Soboczynski hat Virginia Woolfs Roman von 1927 als Klassiker-Empfehlung vorgeschlagen, weil er Verbindungselemente zum zuvor besprochenen Banville-Roman sieht. Beide Kritiker diskutieren ausführlich die revolutionäre Stream-of-Consciousness-Erzähltechnik, die dreiteilige Struktur mit dem berühmten kurzen Mittelteil, in dem zehn Jahre im Zeitraffer erzählt werden, und die autobiografischen Bezüge zu Woolfs eigener Familie.
Ein Zimmer für sich allein (A Room of One's Own)
Virginia Woolf · 2020
Um schöpferisch tätig sein zu können, braucht es Freiraum zur Entfaltung, Spielraum für Gedanken und ganz simpel einen Rückzugsraum: ein Zimmer für sich allein. Außerdem Geld. Jahrhundertelang hatten Frauen nichts von alldem. Aus dieser Feststellung entwickelt Virginia Woolf in den 1920er-Jahren bahnbrechende Gedanken zur Poetik wie zum Geschlechterverhältnis.
🗣 Iris Radisch zitiert daraus bei ⏱ 00:39:56 „Und wir kennen ja dann auch dieses wunderbare Buch von Virginia Woolf über ihre Künstlerschaft und dass eben Frauen diesen Raum für sich selbst brauchen. Das ist ja sowohl der konkrete Raum, den man als Schriftstellerin braucht, wo man seine Ruhe hat, aber natürlich auch der Raum, in dem man sich jenseits dieser Geschlechterzuschreibung entfalten kann.“
Iris Radisch verknüpft die Figur der Malerin Lily Briscoe aus 'Zum Leuchtturm' mit Woolfs feministischem Essay. Die Künstlerin im Roman, die sich gegen Geschlechterrollenzuschreibungen behauptet, wird als Vorläuferin der These gelesen, dass Frauen einen eigenen Raum – konkret und metaphorisch – brauchen, um sich künstlerisch entfalten zu können.