Ausgabe Siebenundachtzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Richard David Precht hat gerade den vierten Band seiner Philosophiegeschichte fertiggestellt — über 500 Seiten zur Philosophie der Moderne, von Heidegger über Wittgenstein bis Sigmund Freud. Er vergleicht das Schreiben mit dem Aufräumen: So wie man Bücherstapel sortiert, bringt man auch die eigenen Gedanken in eine Ordnung, und am Ende steht die Befriedigung, alles hübsch dargestellt zu haben. Besonders stolz ist er auf die zehnseitige Einleitung, die die gesamte komplizierte Philosophie der Moderne übersichtlich zusammenfasst.
„Ich räume also quasi meine eigenen Gedanken, in diesem Fall jetzt hier zur Philosophie der Moderne, auch nach und nach auf. Und nachher hat man das Gefühl, so wie beim Aufräumen auch, jetzt ist alles ganz hübsch ordentlich und so dargestellt und erklärt und so wie es sein muss.“
Erwähnte Medien (12)
Erkenne die Welt / Erkenne dich selbst / Sei du selbst / Mache es anders (Philosophiegeschichte, Band 1–4)
Richard David Precht · 2020
Erkenne dich selbst ist eine der massgeblichen Weisheitsformeln der Philosophie und Leitmotiv ihres Nachdenkens. Es ist nicht einfach klar, wer und was wir sind. Vielmehr sind wir uns als Frage gegeben und haben die Aufgabe, uns dieser Frage, die wir sind, zu stellen. So verwickelt uns das Problem der Selbsterkenntnis in das Abenteuer lebendigen Philosophierens und legt den Grundstein fur eine aufgeklarte Lebenskunst.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:00:31 „Ich habe gerade den vierten Band der Philosophiegeschichte fertig. Jetzt liegt das jetzt alles so schön und ausgedruckt da und jede Anmerkung ist überprüft und so weiter. Das ist ein schönes Gefühl.“
Precht erzählt zu Beginn des Gesprächs, dass er gerade den vierten und letzten Band seiner Philosophiegeschichte abgeschlossen hat. Er beschreibt den Schreibprozess als eine Art intellektuelles Aufräumen – 35 Jahre Beschäftigung mit Philosophie in eine Ordnung zu bringen. Der Band behandelt die Philosophie der Moderne und beginnt mit der Pariser Weltausstellung von 1900.
Die Theorie des Romans
Georg Lukács · 1977
Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik ist eine 1916 in der Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft erstmals veröffentlichte literaturtheoretische Studie von Georg Lukács (1885–1971). Sie gilt als einer der wichtigsten Beiträge zur Theorie des Romans.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:08:37 „Die grundsätzliche Unsicherheit, der Philosoph würde das jetzt die transzendentale Obdachlosigkeit nennen. Man hat sozusagen keinen Sitz mehr im Leben. Das hat enorm zugenommen.“
Precht verwendet den Begriff 'transzendentale Obdachlosigkeit', der von Georg Lukács in 'Die Theorie des Romans' (1916) geprägt wurde. Er nennt weder Lukács noch das Werk beim Namen, sondern sagt nur 'der Philosoph würde das jetzt so nennen'. Der Begriff beschreibt den Verlust fester Sinnstrukturen in der modernen Welt.
Die Bremer Stadtmusikanten
Brüder Grimm · 2023
“Was siehst du, Grauschimmel?” fragte der Hahn. “Was ich sehe?” antwortete der Esel, “einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen’s sich wohl sein.” - “Das wäre was für uns,” sprach der Hahn. “Ja, ja, ach, wären wir da!” sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müßten, um die Räuber hinauszujagen und fanden endlich ein Mittel.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:10:05 „Und dass man dann denkt, wie die Bremer Stadtmusikanten, etwas Besseres findet man überall in der Welt.“
Precht nutzt das Märchen der Bremer Stadtmusikanten als Metapher dafür, dass junge Menschen aus kleinen Städten glauben, anderswo sei es besser, und deswegen in die Ferne ziehen wollen.
Der Gipfel des Unglücks ist mit 49 Jahren erreicht
Sebastian Herrmann
Der Artikel untersucht auf Basis von Langzeitstudien die U-Kurve des menschlichen Lebensglücks. Bis zum 49. Lebensjahr nimmt die Lebenszufriedenheit ab, danach kehrt sich der Trend um. Ab dem 60. Lebensjahr steigt das Glücksempfinden wieder an. Das Stück reflektiert, welche Gewinne und Chancen mit dem älter Werden einhergehen.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:11:42 „Ich habe neulich ein großartiges Stück von Sebastian Herrmann, heißt er glaube ich, gelesen. In der Süddeutschen Zeitung. Es hat einen herrlichen Titel. Der Gipfel des Unglücks ist mit 49 Jahren erreicht. Der darüber schreibt sozusagen, was man gewinnt, wenn man älter wird.“
Lanz empfiehlt begeistert einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung, der auf Basis von Langzeitstudien die U-Kurve des Lebensglücks beschreibt: Bis 49 steigt die Unzufriedenheit, danach kehrt sich der Trend um und Menschen werden ab 60 wieder zufriedener. Das Stück wird zum zentralen Gesprächsanlass über Alter, Zufriedenheit und Vergänglichkeit.
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
Richard David Precht · 2024
Der große Bestseller in neuer Ausgabe! Bücher über Philosophie gibt es viele. Aber Richard David Prechts Buch ist anders als alle anderen. Denn es gibt bisher keines, das den Leser so umfassend und kompetent – und unter Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse – an die großen philosophischen Fragen des Lebens herangeführt hätte: Was ist Wahrheit? Woher weiß ich, wer ich bin? Was darf die Hirnforschung? Prechts Buch schlägt einen weiten Bogen über die verschiedenen Disziplinen und is...
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:16:35 „Nee, bei mir war das nicht so, weil als ich Mitte 40 war, veränderte sich mein Leben durch den Erfolg von Wer bin ich? Also gerade quasi in der Phase, die besonders kritisch gewesen wäre, darüber nachzudenken, warum aus mir nichts geworden ist. Da habe ich einen ziemlichen Sprung nach vorne gemacht.“
Im Kontext der Diskussion über die U-Kurve des Lebensglücks – dass der Tiefpunkt um 49 liegt – erklärt Precht, dass er diese Unglücksphase nicht erlebt habe, weil sein Bestseller 'Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?' Mitte 40 sein Leben grundlegend veränderte.
Das Lachen (Le Rire)
Henri Bergson · 2011
«?as ist das Wesen des Lachens? Was steckt hinter dem Lächerlichen? Was haben die Grimasse eines Clowns, ein Wortspiel, eine Verwechslung in einem Schwank, eine geistvolle Lustspielszene miteinander gemeinsam?«? In seinem elegant geschriebenen Essay 'Das Lachen', der 1900 in drei separaten Aufsätzen in der 'Revue de Paris' erschien und ein Jahr später sehr erfolgreich als Buch veröffentlicht wurde, entwickelt Henri Bergson eine Theorie des Komischen als soziales Verhältnis.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:25:30 „Ich habe ja vorhin von Bergson erzählt, ein großes Thema von Bergson gewesen. Sich mit dem Humor und mit dem Lachen und mit dem Komischen und so weiter zu beschäftigen. Weil das eben doch etwas ist, was den Menschen in einer gewissen Art und Weise einzigartig macht.“
Precht verweist auf Bergsons philosophische Beschäftigung mit dem Lachen und dem Komischen, nachdem er zuvor bereits Bergsons Kerngedanke vorgestellt hat – dass Rationalität nie erfassen kann, was Leben wirklich ist. Bergson habe argumentiert, dass selbst in einer vollständig rationalen Welt noch gelacht würde, weil Humor eine Form der rationalen Selbstdistanzierung sei.
Der Feind im Schatten
Henning Mankell · 2012
Der letzte Wallander-Roman, in dem der alternde Kommissar von Demenz heimgesucht wird und bei der Lösung eines Falles scheitert. Mankell verarbeitete darin seine eigenen Erfahrungen mit Gedächtnisverlust und schuf damit ein Werk von seltener existenzieller Tiefe.
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:26:48 „Ich kenne von Mankell nur sein letztes Buch. Ich meine, das hieß Der Feind im Schatten, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Und da hat er seine einsetzende Demenz, Wallander zum Thema gegeben.“
Precht erzählt beeindruckt von Mankells letztem Wallander-Roman, in dem der Kommissar zunehmend dement wird und einen Fall nicht mehr vollständig lösen kann. Precht sieht darin eine bewundernswerte Souveränität: Mankell, der selbst eine einsetzende Demenz beobachtete, machte daraus Kunst – er trat aus sich heraus und beschrieb das eigene Schicksal mit literarischer Distanz. Precht nennt das 'ganz großes Kino'.
Liebe. Ein unordentliches Gefühl
Richard David Precht · 2009
Das unverzichtbare Buch für alle, die Ratgebern misstrauen und trotzdem endlich wissen wollen, was es mit der Liebe auf sich hat Die Liebe bewegt uns wie nichts anderes, sie vermag unser Leben auf den Kopf zu stellen und jegliche Ordnung zu Fall zu bringen. Dennoch wissen wir gar nicht so genau, was sie ist – die Liebe. Der Bestsellerautor Richard David Precht bringt Ordnung in dieses unordentlichste der Gefühle.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:34:24 „Und er wollte, dass wir beide auf einem Sofa sitzen und über die Liebe philosophieren, aber in weißen Bademänteln. Ich hatte ja damals ein Buch über die Liebe geschrieben.“
Precht erzählt, dass Udo Jürgens sein Buch über die Liebe gelesen hatte und begeistert war. Die Kernthese – dass Sexualität und Geborgenheit zwei gegensätzliche Bedürfnisse sind, die hirnchemisch nicht dauerhaft gleichzeitig befriedigt werden können – hatte Jürgens so überzeugt, dass er Precht zu einem gemeinsamen TV-Auftritt im Bademantel einlud. Lanz nennt den Titel 'Ein unordentliches Gefühl'.
Der Mann mit dem Fagott
Udo Jürgens · 2009
Der Mann mit dem Fagott ist ein zweiteiliger Fernsehfilm aus dem Jahr 2011. Premiere hatte der Film am 18. September 2011 im Casino Velden, am 29. und 30. September 2011 erfolgte die Erstausstrahlung (zwei Teile) bei ORF und ARD. Der Film basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Bestseller von Udo Jürgens und Michaela Moritz aus dem Jahr 2004. Udo Jürgens wurde mit diesem Film zum 77. Geburtstag geehrt.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:35:33 „Kennst du eigentlich den Mann mit dem Fagott? Aber es ist ein großartiges Buch über die Geschichte der Familie von Udo Jürgens. Ein Wahnsinnsbuch. Die in Moskau beginnt, Bankiersfamilie und so weiter. Wahnsinn. Also ich habe das damals verschlungen.“
Lanz empfiehlt begeistert das Buch, nachdem Precht eine Anekdote über eine fast zustande gekommene Begegnung mit Udo Jürgens erzählt hat. Das Buch erzählt die Familiengeschichte der Bockelmanns, die in Moskau als Bankiersfamilie begann. Lanz beschreibt es als ein Buch, das er regelrecht verschlungen hat.
Ehrenwertes Haus
Udo Jürgens
Ein ehrenwertes Haus ist ein vom österreichischen Sänger Udo Jürgens komponierter und interpretierter Schlager aus dem Jahr 1975. Den gesellschaftskritischen Text hat Michael Kunze geschrieben. Das Stück wurde von Ralph Siegel produziert.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:35:50 „Wenn du gerade Udo Jürgens sagst, fällt mir jetzt gerade an, Anstand und Moral und all diese Dinge. Ich höre immer noch gerne diese Texte, ehrenwertes Haus und so weiter.“
Im Übergang von der Udo-Jürgens-Anekdote zu einer Frage über Moral und moralischen Kompass erwähnt Lanz den Klassiker 'Ehrenwertes Haus' als Beispiel für Jürgens' Texte über Anstand und Moral, die er noch heute gerne hört.
Interview mit Heinz Bude über Sünde
Heinz Bude
Der berühmte Soziologe Heinz Bude ist praktizierender Katholik, interessiert sich aber nicht für die Morallehre der Kirche und war ewig nicht mehr beichten. Ein Gespräch über das Wesen der Sünde, zwischenmenschlichen Verrat und das moralische Entlastungsangebot der Klimabewegung.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:37:08 „Ich habe neulich ein wirklich gutes Interview mit Heinz Bude gelesen, den du auch kennst. Ich schätze den sehr, du auch nehme ich an. Er hat neulich darüber nachgedacht, was so ein altmodischer Begriff wie Sünde, was der für unser Leben heute noch bedeutet.“
Lanz zitiert ausführlich aus einem Interview mit dem Soziologen Heinz Bude, in dem dieser den Begriff der Sünde als säkulare Kategorie rehabilitiert: Wer keine Idee von seiner eigenen Sündenfähigkeit habe, könne auch nicht wissen, was ein gelungenes Leben sei. Die Publikation wird nicht genannt, das Interview wird aber inhaltlich ausführlich wiedergegeben.
Tutti Frutti
· 1987
Deutsche Gameshow aus den 90ern mit frechen Quizfragen und provokanten Spielen. Ein Kulthit bei Jugendlichen, obwohl die Spielregeln oft unklar waren und der Inhalt wenig Variation bot. Turbulente Unterhaltung ohne tiefere Substanz – reines 90er-TV-Phänomen.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:44:49 „Hugo Egon Balder, dem Gott der Früchte, der Zitrone und der Himbeere. Hast du das geguckt früher? Ja, das habe ich gesehen. Ich war nicht regelmäßig, aber ich wusste, wovon die Rede ist.“
Lanz spielt humorvoll auf Hugo Egon Balders berühmte Erotik-Gameshow 'Tutti Frutti' an, ohne den Titel direkt zu nennen – stattdessen umschreibt er ihn als 'Gott der Früchte'. Precht erinnert sich an die Show und kommentiert trocken, dass man die Spielregeln ohnehin nie verstanden habe und es inhaltlich keine Variation gab.