Heiterkeit
Markus Lanz & Richard David Precht
Zum Jahreswechsel kreist das Gespräch um gute Vorsätze, die sich Jahr für Jahr wiederholen — und nie eingelöst werden. Beide reflektieren, wie Routinen und Alltagstaktik die wirklich wichtigen Dinge verdrängen: Freundschaften pflegen, weniger arbeiten, mehr Zeit für das Soziale. Was als Selbstbeobachtung beginnt, mündet in eine kleine Kulturkritik: Die Diktatur der Taktik über die Strategie gilt nicht nur für die Politik, sondern auch fürs eigene Leben.
„Die Gewohnheiten sind einfach viel stärker als der Wille.“
Erwähnte Medien (13)
Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie das alles ein gutes Ende nehmen kann
Axel Hacke · 2023
»Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst«, schrieb Friedrich Schiller. Doch was ist Heiterkeit eigentlich? Und wie bekommen wir sie in unser ernstes Leben zurück? In Zeiten, in denen uns im Angesicht globaler Krisen intuitiv erst einmal anders zumute ist, macht sich Axel Hacke auf die Suche nach einem fast vergessenen Gemütszustand, nach einer Haltung dem Leben gegenüber, in der wir seltsam ungeübt geworden sind.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:05:04 „Ich habe das Buch von Axel Hacke gelesen über die Heiterkeit. Es ist ein großartiges Buch über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte.“
Markus Lanz empfiehlt das Buch als Ausgangspunkt für das Gespräch über Heiterkeit in schwierigen Zeiten. Es ist das zentrale Werk der Episode, auf das beide Sprecher immer wieder Bezug nehmen. Lanz zitiert mehrfach daraus und nutzt Hackes Thesen als Gesprächsgrundlage – etwa zur Gnadenlosigkeit sozialer Medien, zum Fall Armin Laschet und zur kulturgeschichtlichen Linie von Platon über das Christentum bis heute.
Was bin ich?
Robert Lembke · 1955
deutsche TV Show
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:10:14 „Wenn du sagen würdest, prototypisch, was ist heiter? Zum Beispiel im Fernsehen. Was war eine heitere, schöne Sendung? Hätte ich zwei im Kopf gehabt. Die eine war Dalli Dalli und die andere war, was bin ich? Robert Lembke.“
Lanz nennt die TV-Show als Paradebeispiel für Heiterkeit im Fernsehen, inspiriert durch Axel Hackes Buch. Beide Sprecher schwärmen über das simple, unaufgeregte Konzept der Sendung und sehen darin ein Sinnbild für eine verlorengegangene Leichtigkeit in der deutschen Unterhaltungskultur.
Dalli Dalli
Hans Rosenthal · 1971
Dalli Dalli war eine populäre Fernsehshow des ZDF moderiert von Hans Rosenthal.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:10:14 „Wenn du sagen würdest, prototypisch, was ist heiter? Zum Beispiel im Fernsehen. Was war eine heitere, schöne Sendung? Hätte ich zwei im Kopf gehabt. Die eine war Dalli Dalli und die andere war, was bin ich?“
Lanz nennt Dalli Dalli neben 'Was bin ich?' als prototypisches Beispiel für heitere Fernsehunterhaltung. Die Sendung wird als Sinnbild einer unbeschwerten, unschuldigen Unterhaltungskultur erwähnt, die es so heute nicht mehr gibt.
Hitlerjunge Salomon
Agnieszka Holland · 1990
Salomon Perels glückliche Kindheit findet ein abruptes Ende, als der Schuldirektor vor ihm steht und ihn mit den Worten „Juden haben an unserer Schule nichts mehr zu suchen“ rauswirft. Die Perels erkennen die Gefahr, die ihnen als Juden in Nazideutschland droht und fliehen nach Polen, doch die Nazis drängen schon über die Grenze. Während der Besetzung werden die Brüder von ihrer Familie getrennt, alleine sollen sie sich in die UdSSR durchschlagen.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:15:05 „Wenn ich an Sali Perel denke, der leider verstorben ist, der die Vorlage war sozusagen oder dessen Lebensgeschichte für Hitler, Junge Salomon, mit dem ich bis zum Schluss ein bisschen befreundet war.“
Lanz erzählt von seiner persönlichen Freundschaft mit dem Holocaust-Überlebenden Sally Perel, dessen Lebensgeschichte die Vorlage für den Film war. Er nutzt Perels Biografie als eindrückliches Beispiel dafür, wie jemand trotz extremster Leiderfahrung eine heitere Gelassenheit bewahren konnte.
Glück der Gelassenheit
Wilhelm Schmid · 2025
Der Philosoph Wilhelm Schmid erörtert in diesem Werk, wie echte Heiterkeit und Gelassenheit gerade aus der Auseinandersetzung mit existenziellen Herausforderungen entstehen. Sein Ansatz zeigt, dass innere Ruhe nicht aus der Verleugnung von Schwierigkeiten entspringt, sondern aus ihrer bewussten Annahme. Das Buch bietet philosophische Perspektiven auf ein erfülltes Leben trotz oder durch die Konfrontation mit fundamentalen menschlichen Grenzen.
🗣 Markus Lanz zitiert daraus bei ⏱ 00:16:41 „Wilhelm Schmid hat das mal so schön beschrieben. Der sagt, es ist eine phänomenale Erfahrung, dass Heiterkeit sich gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz einstellt.“
Lanz zitiert den Philosophen Wilhelm Schmid mit der These, dass Heiterkeit sich gerade in der Konfrontation mit den Abgründen des Lebens einstellt – als Erleichterung, die die zugrunde liegende Tragik nicht leugnet. Das genaue Werk wird nicht genannt, aber Schmid wird als Quelle für diesen Gedanken angeführt.
Politeia
Platon · 2015
Die Politeia (altgriechisch Πολιτεία „Der Staat“) ist ein um 375 v. Chr. verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon, in dem über die Gerechtigkeit und ihre mögliche Verwirklichung in einem idealen Staat diskutiert wird. An dem fiktiven, literarisch gestalteten Dialog beteiligen sich sieben Personen, darunter Platons Brüder Glaukon und Adeimantos und der Redner Thrasymachos. Platons Lehrer Sokrates ist die Hauptfigur.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:24:44 „Das eine ist aus der Politeia, wo er den Wächtern, also den zukünftigen Regenten eines erfundenen Idealstaats, sagt, die sollten nicht lachen. Also nach dem Motto, die dürfen sich nicht läppisch aufführen.“
Precht korrigiert die verbreitete These, Platon sei humorlos gewesen, und verweist auf die konkreten Stellen in der Politeia, wo Platon sich zum Lachen äußert. Er argumentiert, dass Platon dort nur die läppische Geisteshaltung bei Regierenden kritisiert – nicht den Humor an sich – und dass Platon selbst mit der Figur des Sokrates einen äußerst witzigen Charakter geschaffen hat.
Der Name der Rose
Umberto Eco · 2022
Umberto Ecos Weltbestseller wird 40 – eine Jubiläumsausgabe Ecos legendärer Roman, 40 Jahre nach Erscheinen in einer Prachtausgabe mit Zeichnungen des Autors: Italien, 1327. In einem Benediktinerkloster kommt es zu unheimlichen Todesfällen. Ein Mönch ertrinkt im Schweineblutbottich, ein anderer springt aus dem Fenster, ein dritter liegt tot im Badehaus. Der Abt bittet den für seinen Scharfsinn weithin bekannten Franziskaner William von Baskerville um Hilfe.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:27:48 „Und wenn du mal dir überlegst, Umberto Eco, hier, Der Name der Rose. Genau darum geht es dort in diesem Roman.“
Lanz bringt Ecos Roman als literarisches Beispiel für den kulturgeschichtlichen Konflikt um das Lachen. Precht ergänzt die Handlung: Ein Klosteroberer vergiftet die Seiten eines verschollenen Aristoteles-Buches über die Komik, um zu verhindern, dass Mönche es lesen. Beide nutzen den Roman, um zu zeigen, wie das Christentum Heiterkeit als Bedrohung für den Glauben betrachtete.
Poetik (Zweites Buch, über die Komödie)
Aristoteles · 2008
Es gibt kaum einen literaturtheoretischen Text, der über Jahrhunderte hin eine solche Autorität ausgeübt hat wie Aristoteles' kleiner Traktat "Über die Dichtkunst". Die "Poetik" gilt seit der Renaissance als Text, der einen "neuen", der Welt zugewandeten Aristoteles zeigt, der der Dichtung die Aufgabe zugewiesen habe, die empirische Wirklichkeit selbst nachzuahmen. Dem Dichter war dadurch eine rationale Aufgabe gestellt: Er sollte die Ordnung der Welt erkennen und darstellen.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:27:52 „Da geht es um das Buch über das Komische von Aristoteles. Das ist die Komik, die dir verloren gegangen ist.“
Precht identifiziert das verschollene Buch aus 'Der Name der Rose' als das verlorene zweite Buch der Poetik von Aristoteles über die Komödie. Es dient im Gespräch als Symbol für die kulturgeschichtliche Unterdrückung des Lachens durch religiöse Autoritäten.
Was heiteres Schweinchen hätten's denn gern?
Robert Lembke
Legendäre deutsche Quizshow, in der Prominente die Berufe von rätselhaften Kandidaten erraten. Mit humorvoller Moderation, witzigen Kandidaten und dem berühmten Porzellanschweinchenbecher als charakteristisches Gewinn-Symbol. Ein Klassiker der heiteren deutschen Unterhaltungskultur.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:39:27 „Ich meine, heiter ist auf die Frage, welches Schwein da hätten es denn gern, zu sagen, das Blaue. Der klassische Witz sagt ja immer, das mit der Brille. Robert Lembke, ja in dem Fall.“
Lanz erwähnt Robert Lembkes legendäre TV-Quizshow 'Was bin ich?' mit den Porzellanschweinen als Beispiel für Heiterkeit. Die Anekdote über die berühmte Frage nach dem Schweinchen dient als humorvolle Illustration im Gespräch über den Unterschied zwischen heiterer Gelassenheit und Gleichgültigkeit.
Also sprach Bellavista
Luciano de Crescenzo · 1988
Populärphilosophisches Werk aus den 1980ern, das die kulturellen und temperamentsvollen Unterschiede zwischen Nord- und Süditalienern humorvoll beleuchtet. De Crescenzo verbindet leichte Philosophie mit praktischen Beobachtungen über Mentalität, Heiterkeit und Lebensweise der beiden Regionen.
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:46:10 „In den 80er Jahren gab es doch so einen Professor, der war Experte für die Vorsokratiker. Deswegen ist er aber nicht berühmt geworden, sondern weil er ein populär-philosophisches Buch geschrieben hat. Also sprach Bellavista, Luciano di Crescenzo.“
Precht erinnert sich an das populär-philosophische Buch von Luciano de Crescenzo aus den 1980er Jahren, in dem der Unterschied zwischen Nord- und Süditalienern humorvoll beschrieben wird. Es passt zum Gesprächsthema über den Zusammenhang von Temperatur, Temperament und Heiterkeit.
Der blaue Punkt im All
Carl Sagan · 2002
Carl Sagans kosmische Perspektive auf die menschliche Existenz: die Erde als unbedeutender Planet in einem unvorstellbar großen Universum. Sein Gedanke, dass wir „Milben auf einer Pflaume" sind die um einen unbedeutenden Stern kreist, dient als befreiende Erinnerung – unsere Kleinheit führt nicht zu Verzweiflung, sondern zu Gelassenheit und Heiterkeit angesichts kosmischer Größenordnungen.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:51:37 „Und ich habe mir ein Buch von ihm besorgt, eines seiner letzten Bücher, wo er sich so Gedanken über das Universum und so weiter macht. Und da findet sich ein Gedanke, den ich sensationell finde. Da wird ja gefragt, wie er eigentlich auf uns, auf den Planeten, auf die Menschheit schaut. Und er sagt, wir sind im Grunde Milben auf einer Pflaume.“
Lanz hat sich eines der letzten Bücher von Carl Sagan besorgt und zitiert ausführlich daraus als Schlussbotschaft der Episode. Sagans kosmische Perspektive – wir sind Milben auf einer Pflaume, die um einen unbedeutenden Stern kreist, in einer von hunderten Milliarden Galaxien – dient als ultimatives Argument für mehr Gelassenheit und Heiterkeit angesichts der eigenen Bedeutungslosigkeit.
Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn
Friedrich Nietzsche · 2022
"In irgend einem abgelegenen Winkel des Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der "Weltgeschichte": aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben.
🗣 Richard David Precht zitiert daraus bei ⏱ 00:53:02 „Und damit ergibt er wieder, womit Nietzsche seinen Text anfängt über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn. Da fängt er nämlich umgekehrt an, also mit dem in Myriaden Strahlen ausgegossenen Weltall und so weiter, wo es einen Stern gab, auf dem kluge Tiere das Denken erfanden.“
Precht stellt eine Verbindung zwischen Carl Sagans kosmischer Perspektive und Nietzsches berühmtem Essay her. Nietzsche beschreibt darin, wie unbedeutend der menschliche Verstand im Universum ist – kluge Tiere auf einem Stern, die das Denken erfanden, bevor der Stern erkaltete. Precht nutzt die Parallele, um die Relativierung menschlicher Bedeutsamkeit philosophisch zu untermauern.
Dance Monkeys Dance
Animiertes YouTube-Video, das die Menschheit aus kosmischer Perspektive beschreibt. Der Film zoomt vom Weltall auf den Menschen herunter und erklärt humorvoll unser Primatenverhalten sowie unsere Unbedeutsamkeit im Universum. In nur ein bis zwei Minuten vermittelt das Video auf unterhaltsame Weise philosophische Einsichten über die menschliche Existenz.
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:53:45 „Und die schönste Bearbeitung dieses Themas gibt es auf YouTube. Da gibt es nämlich schon seit über zehn Jahren ein Video, das heißt Dance Monkeys Dance. Das fängt mit dem Weltall an und das zoomt so auf den Menschen runter und beschreibt also unser Primatenverhalten.“
Precht empfiehlt begeistert ein YouTube-Video namens 'Dance Monkeys Dance', das die Menschheit aus der Perspektive eines außerirdischen Verhaltensforschers beschreibt. Er findet es 'enorm beeindruckend' und 'ganz große Klasse', weil es in nur ein bis zwei Minuten die kosmische Unbedeutsamkeit des Menschen humorvoll auf den Punkt bringt.