Cancelt uns endlich!
Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Zum ersten Mal sitzen Ijoma und Lars nicht getrennt vor Laptops, sondern gemeinsam in der ZEIT-Redaktion in Hamburg — und streiten sich prompt über Cancel Culture. Lars bekennt sich als Leugner des Phänomens, was sofort eine sprachlogische Falle aufdeckt: Wer sich selbst Leugner nennt, widerspricht sich. Ijoma dagegen träumt laut davon, gecancelt zu werden — als ultimativer Aufmerksamkeitsboost für den Podcast.
„Ich frage mich, werden wir selbst gecancelt? Weil wir könnten es gut gebrauchen. Das wäre der Aufmerksamkeitsboost überhaupt für diesen Podcast, wenn man sagt, Lars und Ijoma wurden gecancelt, und dann sind wir nächste Woche in jeder Talkshow.“
Erwähnte Medien (12)
Das Deutsche Krokodil
Ijoma Mangold · 2017
Ijoma Alexander Mangold lautet sein vollständiger Name; er hat dunkle Haut, dunkle Locken. In den siebziger Jahren wächst er in Heidelberg auf. Seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater ist aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Weil es so verabredet war, geht er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründet dort eine neue Familie. Erst zweiundzwanzig Jahre später meldet er sich wieder und bringt Unruhe in die Verhältnisse.
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 00:02:44 „Um dein Buch zu zitieren, ich lese gerade Ijeomas Buch, deswegen muss ich das zwischendurch leider immer einwerfen, weil ich die Sätze im Kopf habe. Du sagst an einer Stelle mal darüber, wenn man sich selber Misogynen nennen würde, dann wäre man zumindest was sehr Verqueres und Seltsames.“
Lars Weisbrod erwähnt, dass er gerade Ijoma Mangolds Buch liest und zitiert daraus eine Passage über die sprachlogische Unmöglichkeit, sich selbst bestimmte Vorwürfe zuzuschreiben. Das Buch wird nicht beim Titel genannt, sondern nur als 'Ijeomas Buch' referenziert. Es dient als intellektueller Bezugspunkt im Gespräch über Cancel Culture und Selbstbezeichnungen.
A Letter on Justice and Open Debate
Der Appell für freie Debattenräume wurde am 1. September 2020 im Internet auf der Seite Intellectual Deep Web Europe veröffentlicht. Bei dem Appell handelt es sich um die deutsche Adaption des zuvor in den Vereinigten Staaten lancierten Projekts „A Letter on Justice and Open Debate“ des US-Amerikaners Thomas Chatterton Williams. Unter dem Hashtag #CancelCancelCulture wurde der Aufruf ab Herbst 2020 auf Twitter beworben.
🗣 Mangold referenziert bei ⏱ 00:12:00 „Es gibt diesen berühmten Harper's Letter, den offenen Brief, der da im Sommer erschien“
Mangold und Weisbrod diskutieren den offenen Brief in Harper's Magazine, den zahlreiche Intellektuelle gegen Cancel Culture unterzeichneten.
Omama
Lisa Eckhart · 2020
Roman der Kabarettistin Lisa Eckhart über die Geschehnisse ihrer Ausladung vom Harbour Front Literaturfestival – eine literarische Auseinandersetzung mit Cancel Culture und öffentlicher Stigmatisierung.
🗣 Mangold referenziert bei ⏱ 00:15:00 „die Geschehnisse um die Kabarettistin Lisa Eckhart, die nicht wie geplant bei einem Hamburger Literaturfestival auftritt“
Mangold nennt den Fall Lisa Eckhart als prominentes deutsches Beispiel für Cancel Culture: Ihre Ausladung vom Harbour Front Literaturfestival.
Die erregte Gesellschaft
Philipp Hübl · 2019
Eine Gesellschaftsdiagnose aus philosophischer Sicht voller überraschender Erkenntnisse Konservative Landbewohner mögen Hunde, moderne Städter lieber Katzen. Wutbürger sind eigentlich Ekelbürger. Angst macht nicht fremdenfeindlich. Politische Korrektheit ist ein Erkennungszeichen für Gruppenzugehörigkeit. Menschen leben dort streng religiös, wo es viele Parasiten gibt. Erkenntnisse wie diese präsentiert Philipp Hübl aus weltweiten wissenschaftlichen Untersuchungen.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:16:09 „Ich denke an den Philosophen Philipp Hübel, den ich sehr schätze und ich würde auch sagen, was er macht zum Beispiel in seinem Buch, ich glaube es heißt Die erregte Gesellschaft, hat genau auch was damit zu tun, also quasi so eine philosophische Anthropologie am Beispiel harter empirischer Untersuchungen zu erhärten.“
Im Gespräch über den Trend der 'Applied Epistemology' – angewandter Erkenntnistheorie – nennt Mangold Philipp Hübls Buch als konkretes Beispiel. Hübl verbinde darin philosophische Anthropologie mit empirischen Untersuchungen, etwa zu statistischen Zusammenhängen zwischen Temperamenten und Wahlpräferenzen. Mangold sieht das als fruchtbare Entwicklung in der Philosophie.
Inception
Christopher Nolan · 2010
Beim Versuch in das Unterbewusstsein des Industriellen Saito einzudringen, stoßen Cobb und seine Mitstreiter auf unerwartete Schwierigkeiten. Saito hatte Verteidigungsstrategien gegen den Gedankendiebstahl trainiert und baut nun einen Abwehrriegel auf, doch erst der Verrat eines Kollegen lässt den Versuch scheitern, dem Schlafenden Geheimnisse zu entlocken.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:20:43 „In Christopher Nolans Inception, in diesem Film, ist es immer ein Kriterium dafür, dass man sich in einem Traum befindet, dass man nicht weiß, wie bist du eigentlich hier gerade in den Raum gekommen? Weil im Traum kann ich das nicht zurückverfolgen. Und Gegenwartsphänomene haben diese ähnliche Diffusität.“
Weisbrod nutzt Nolans Film 'Inception' als Metapher, um zu beschreiben, wie diffus Gegenwartsphänomene auftauchen – ähnlich wie in Träumen, wo man nicht rekonstruieren kann, wie man in eine Situation geraten ist. Er leitet damit über zu seiner persönlichen Erinnerung an die erste Begegnung mit dem Begriff 'Cancel Culture'.
Leaving Neverland
Dan Reed · 2019
In der Doku erzählen die beiden Männer James Safechuck (40) und Wade Robson (37) in parallelen aber voneinander unabhängigen Geschichten, wie Michael Jackson sie als Kinder missbrauchte. "Er war einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen, die ich kannte", sagt Wade Robson in der Doku über sein ehemaliges Idol. "Und er hat mich über sieben Jahre sexuell missbraucht."
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:21:25 „Wenn man jetzt Michael Jackson nicht mehr im Radio spielt, weil neue Evidenz über seine Missbrauchsgeschichte ans Licht gekommen sind oder wieder jetzt mehr Leuten bewusst geworden ist.“
Lars Weisbrod erinnert sich an seinen ersten Kontakt mit dem Begriff Cancel Culture im Frühjahr 2019. Eine Studentin nannte als Beispiel, dass Michael Jackson nicht mehr im Radio gespielt werde, nachdem neue Beweise über seinen Missbrauch bekannt wurden – ein klarer Verweis auf die HBO-Dokumentation 'Leaving Neverland' von 2019.
Allegro Pastell
Leif Randt · 2020
Germany's next Lovestory. Leif Randt erzählt vom Glück. Von Tanja und Jerome, von Wirklichkeit und Badminton, von idealen Zuständen und den Hochzeiten der anderen. Eine Lovestory aus den späten Zehnerjahren. Tanja Arnheim, deren Debütroman PanoptikumNeu Kultstatus genießt, wird in wenigen Wochen dreißig. Mit Blick auf den Berliner Volkspark Hasenheide wartet sie auf eine explosive Idee für ihr neues Buch.
🗣 Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:25:00 „wir haben ja in der ersten Folge über Allegro Pastell gesprochen“
Mangold verweist auf die Diskussion aus Folge 1 über Wokeness und Narzissmus im Kontext der Cancel-Culture-Debatte.
Oma Umweltsau
WDR Kinderchor
Satirischer Song über Umweltschutz, der eine Debatte über Cancel Culture ausgelöst hat. Das Lied kombiniert Kinderchor-Gesang mit politischer Botschaft und wurde nach massiver öffentlicher Empörung aus dem Verkehr gezogen. Ein deutsches Beispiel für die Spannung zwischen künstlerischer Satire und gesellschaftlicher Diskussionskultur.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:34:42 „Also WDR Kinderchor, das war die Oma-Umweltsau, die dann… Eine fragliche Anzahl von Hörern, die sich wie auch immer in einem Cancel-Mob organisiert oder nicht organisiert hatten, so empört haben, dass der Chef dieser Satiriker sich dafür entschuldigt hat und letztlich diese Leute gerügt hat, die das gemacht haben.“
Der satirische Song des WDR Kinderchor wird als konkretes deutsches Beispiel für Cancel Culture diskutiert. Beide Seiten – Mangold und Weisbrod – erkennen den Fall als relevant an: Die Empörungswelle führte dazu, dass der WDR-Verantwortliche sich entschuldigte und das Video nicht mehr ausgestrahlt wurde. Mangold nutzt den Fall, um zu zeigen, dass auch Kritiker der Cancel-Culture-These bestimmte Fälle als solche anerkennen.
The Tipping Point
Malcolm Gladwell · 2014
In this brilliant and original book, Malcolm Gladwell explains and analyses the 'tipping point', that magic moment when ideas, trends and social behaviour cross a threshold, tip and spread like wildfire. Taking a look behind the surface of many familiar occurrences in our everyday world, Gladwell explains the fascinating social dynamics that cause rapid change.
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:36:11 „Leute wie Steven Pinker, Psychologie-Professor in Harvard, wenn ich es richtig erinnere, wie der große Schriftsteller Simon Rushdie, wie die Autorin von Harry Potter, J. K. Rowling und, und, und, wie heißt der, The Tipping Point?“
Mangold versucht sich an den Namen Malcolm Gladwell zu erinnern und nutzt den Buchtitel 'The Tipping Point' als Eselsbrücke, um Gladwell als einen der prominenten Unterzeichner des offenen Briefs gegen Cancel Culture zu identifizieren.
Harry Potter
J. K. Rowling · 2024
Harry Potter is leaving Privet Drive for the last time. But as he climbs into the sidecar of Hagrid’s motorbike and they take to the skies, he knows Lord Voldemort and the Death Eaters will not be far behind. The protective charm that has kept him safe until now is broken. But the Dark Lord is breathing fear into everything he loves.
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:36:11 „Wie der große Schriftsteller Simon Rushdie, wie die Autorin von Harry Potter, J. K. Rowling und, und, und, wie heißt der, The Tipping Point?“
Mangold erwähnt J. K. Rowling über ihr bekanntestes Werk 'Harry Potter', um sie als eine der prominenten Unterzeichnerinnen des offenen Briefs gegen Cancel Culture im Harper's Magazine einzuordnen. Rowling wird hier als Beispiel für die Bandbreite der Unterzeichner genannt.
Scheib uns in den Himmel
Dieter Hildebrandt
Satire-Kabarettsendung des Bayerischen Rundfunks aus den 1980er Jahren mit politischen Spitzen gegen Franz Josef Strauß. Die Sendung wurde vom Staat zensiert und teilweise abgeschaltet – ein historisches Beispiel staatlicher Meinungskontrolle.
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:42:11 „Der Bayerische Rundfunk hat noch in den 80er Jahren, wenn ich das richtig erinnere, bestimmte Folgen von Dieter Hildebrandt abgeschaltet, weil Hildebrandt sich über Franz Josef Strauß lustig gemacht hat oder so.“
Mangold erwähnt die Kabarettsendung von Dieter Hildebrandt als historisches Gegenbeispiel zur Cancel Culture: Damals war es der Staat (Bayerischer Rundfunk), der Meinungen unterdrückte, während Cancel Culture von unten komme. Der genaue Sendungsname wird nicht genannt, es handelt sich vermutlich um 'Scheib uns in den Himmel' oder 'Notizen aus der Provinz'.
Artikel über Identitätspolitik
Lars Weisbrod
Sprache wird maßlos überschätzt, meint unser Autor. Er erklärt, warum man nicht mehr "Identitätspolitik" sagen und auch sonst öfter mal den Mund halten sollte.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:47:32 „Und du hast gerade selber schon auf einen vorzüglichen Text verwiesen, den du geschrieben hast, vor zwei Wochen glaube ich in der Zeit, über Identitätspolitik. Und der macht einen ganz interessanten neuen Punkt.“
Mangold verweist auf einen etwa zwei Wochen zuvor in der ZEIT erschienenen Text von Weisbrod über Identitätspolitik, der die These aufstellt, dass Identitätspolitik vor allem Zeichenpolitik sei – also sich mit der symbolischen Ebene der Welt beschäftige, nicht mit den materiellen Verhältnissen dahinter. Mangold findet dieses Argument überraschend und fruchtbar.