Gibt es ein soziales Netzwerk, das nicht furchtbar ist
Lars Weisbrod, Ijoma Mangold
In dieser Fortsetzungsfolge zur Twitter-Debatte widmen sich die drei dem dezentralen Netzwerk Mastodon als mögliche Alternative zu den bekannten sozialen Medien. Doch zunächst muss im Gegenwartscheck eine Demütigung verarbeitet werden: Der von Lars prophezeite Siegeszug des Design-Wassersprudlers bestätigt sich rasant — Ijoma entdeckt das Gerät bei einem eleganten Abendessen, und auch Influencerin Caro Daur präsentiert es bereits in ihrer Instagram-Story.
„Drei oder vier Tage später bin ich bei Freunden zum Abendessen eingeladen in einer sehr eleganten Altbauwohnung. Und was steht da auf der Küchentheke? Natürlich genau dein Wassersprudler. Ein großes Gefühl der Demütigung.“
Erwähnte Medien (10)
Chez Krömer
Kurt Krömer · 2019
Kurt Krömer, im abgewetzten Amtstubenambiente, ist ein Gast für 30 Minuten Intensivgespräch zugeführt. Krömer traktiert die Gäste mit Kettenraucherei, Unhöflichkeit, mit absurden, mutmasslich naiven Fragen, mit unvermuteten Einspielfilmen – es gilt, den Gast bis zur Kenntlichkeit in die Ecke zu treiben. Blossstellen und Ausgeliefert-Sein als Unterhaltungskonzept.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:05:21 „Kurt Krömers Sendung Chez Krömer und das abrupte Ende jetzt, wo er gesagt hat, er hat genug Arschlöcher gesehen, war ja irgendwie seine Formulierung, ist, glaube ich, schon ein tolles Gegenwartsthema. Ich habe die lange nicht richtig verfolgt. Dann gab es ja in den letzten Wochen so zwei, drei besondere Folgen, unter anderem mit Julian Reichelt, dem ehemaligen Chef der Bild-Zeitung.“
Lars Weisbrod bringt das Ende von Kurt Krömers RBB-Talkshow als Gegenwartscheck-Thema ein, vorgeschlagen von einem Mastodon-User. Er beschreibt das Sendungskonzept – ein inszeniertes Stasi-Verhörzimmer, in dem Krömer unliebsame Gäste vorführt – und fragt sich, ob das abrupte Serienende ein Zeichen dafür ist, dass diese Art der konfrontativen Feindbeobachtung ihren Zenit überschritten hat. Mangold stimmt dem tendenziell zu und kritisiert, dass das Format zuletzt keinen analytischen Mehrwert mehr hatte.
Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen
Bundesamt für Katastrophenschutz
Offizieller Ratgeber zur Notfallvorbereitung und zum richtigen Handeln in Krisensituationen. Der praktische Leitfaden vermittelt Grundlagen der Notfallplanung, Notversorgung und Eigenverantwortung bei Katastrophenschutz.
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:16:00 „Sogar das Bundesamt für Katastrophenschutz merkt schon, dass das Interesse am Preppen groß ist. Der Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen ist zurzeit vergriffen.“
Ijoma Mangold zitiert eine Hörer-Zuschrift von Leopold Zagg über den Bedeutungswandel des Begriffs 'Prepper'. Während Prepper früher als rechtsextreme Spinner galten, habe sich der Begriff in der Energiekrise rehabilitiert – und als Beleg dafür wird angeführt, dass sogar der offizielle Notfallratgeber des Bundesamts vergriffen sei.
Demolition Man
Marco Brambilla · 1993
Im Jahr 1996 wird der verurteilte Schwerverbrecher Phoenix bis ins 21. Jahrhundert eingefroren. Nachdem er seine Strafe “abgesessen” hat, wird er wieder aufgetaut, doch die Gesellschaft hat sich verändert: Es gibt keine Verbrechen mehr, und als Phoenix seine alten Gewohnheiten wieder aufnimmt, sieht sich die Polizei ausser Stande, es mit ihm aufzunehmen.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:28:10 „Das muss ich unbedingt kurz erzählen, weil ich finde den Film auch so interessant. Ein sehr trashiger 90er-Jahre-Film, vielleicht kennt den irgendjemand. Demolition Man mit Sylvester Stallone und ich glaube Wesley Snipes. Das war so 90er-Jahre richtig trashiges Action-Kino.“
Lars Weisbrod nutzt den Film als ausführliche Metapher für den Kulturclash zwischen alteingesessenen Mastodon-Nutzern und den neu hinzugekommenen Twitter-Flüchtlingen. So wie die friedliche Zukunftsgesellschaft im Film nicht weiß, wie sie mit der Brutalität der aufgetauten Figuren umgehen soll, stehen die höflichen Mastodon-Nutzer den ironiegestählten Twitter-Usern hilflos gegenüber.
Anfänge: Eine neue Geschichte der Menschheit
David Graeber · 2022
"Faszinierend, provozierend, bahnbrechend. Ein Buch, das in den kommenden Jahren für Diskussionen sorgen wird." Rutger Bregman, Autor von »Utopien für Realisten« Ein großes Buch von gewaltiger intellektueller Bandbreite, neugierig, visionär, und ein Plädoyer für die Macht des direkten Handelns. David Graeber, der bedeutendste Anthropologe unserer Zeit, und David Wengrow, einer der führenden Archäologen, entfalten in ihrer großen Menschheitsgeschichte, wie sich die Anfänge unserer Zivilisation mi...
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:37:58 „In dem letzten Buch von, in dem nachgelassenen Buch von David Graeber und diesem Wayne Groh, die zusammen nochmal so eine etwas spekulative Geschichte der frühen Menschheit geschrieben haben. Anfänge heißt das auf Deutsch. Da geht es auch sehr viel um Freiheit.“
Lars Weisbrod zieht eine Parallele zwischen Graebers These über die Freiheit früher Zivilisationen – insbesondere das Recht, einfach woanders hinzugehen – und dem dezentralen Prinzip von Mastodon. So wie nordamerikanische indigene Stämme die Freiheit hatten, ihren Stamm zu verlassen, können Mastodon-Nutzer jederzeit den Server wechseln.
Walden
Henry David Thoreau
Walden first published in 1854 as Walden; or, Life in the Woods) is a book by American transcendentalist writer Henry David Thoreau. The text is a reflection upon the author's simple living in natural surroundings. The work is part personal declaration of independence, social experiment, voyage of spiritual discovery, satire, and—to some degree—a manual for self-reliance. Walden details Thoreau's experiences over the course of two years, two months, and two days in a cabin he built near Walde...
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:42:38 „So ein Thoreau im Wald. Wobei wir dann nie vergessen dürfen, der Ort, an den er ging, war ungefähr zwei Kilometer entfernt von dem Städtchen, aus dem er kam. So viel zur Wildnis.“
Lars Weisbrod beschreibt die Möglichkeit, auf Mastodon als einzelner Ein-Mann-Server zu existieren. Ijoma Mangold vergleicht das mit Thoreaus berühmtem Rückzug in die Natur und relativiert sogleich die vermeintliche Wildnis-Romantik mit dem historischen Fakt, dass Thoreaus Hütte kaum zwei Kilometer von Concord entfernt lag.
Moderating the Fediverse
· 2024
The internet has reshaped the media landscape and the social institutions built upon it. Competition from online media sources has decimated local journalism and diminished the twentieth century's established journalistic gatekeepers. Social media puts individual users front and center in the creation of the content that they consume.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:45:14 „Das ist jetzt gar nicht mein Gedanke, das ist auch ein Aufsatz, den wir unten verlinken können zu dieser Frage. Moderating the Fatty Worst oder so heißt der, zu Meinungsfreiheit und Mastodon und so.“
Lars Weisbrod verweist auf einen Aufsatz, dessen genauen Titel er nicht sicher erinnert, der sich mit Meinungsfreiheit und Moderation auf Mastodon bzw. im Fediverse beschäftigt. Er nutzt die These des Aufsatzes, um zu argumentieren, dass zentralisierte Plattformen an unlösbaren Moderationserwartungen scheitern.
Understanding Media: The Extensions of Man
Marshall McLuhan · 1964
McLuhan believes we are living in the midst of a turbulent, unseen revolution, where human technologies are becoming extensions of the human organism and the central nervous system. His book is a fascinating analysis of all media.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:47:06 „Die Dörflichkeit, die übrigens, ich muss an Mastodon auch wieder eine Geschichte für sich, die schon immer ja mit dem Internet verbunden wurde, der berühmte Marshall McLuhan Begriff vom Global Village, dass die Dörflichkeit, die übrigens an die Documenta denken, weil da ging es ja auch so viel um das dezentrale Dörfliche.“
Lars Weisbrod spricht über die utopische Qualität der dezentralen Dörflichkeit auf Mastodon und verweist dabei auf Marshall McLuhans berühmtes Konzept des 'Global Village', das die Idee einer durch Medien vernetzten Welt-Dorfgemeinschaft beschreibt. Der Begriff stammt aus McLuhans Werk 'Understanding Media' (1964) bzw. 'The Gutenberg Galaxy' (1962).
Future History
Future History ist ein Podcast über Netztheorie und digitale Kultur. Mit Gästen wie Netztheoretikern diskutiert der Podcast komplexe Internet-Phänomene wie das Fediverse in verständlicher Form. Für alle, die verstehen wollen, wie digitale Räume funktionieren.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:48:16 „Es erinnert mich an einen Podcast, den ich jetzt vor zehn Tagen oder so gehört habe. Future History, glaube ich, heißt der Podcast, in den ich hin und wieder reinhöre, weil er interessante Themen aufwirft und da war zu Gast jemand, den du auch schon mal für die Zeit interviewt hast.“
Ijoma Mangold erwähnt den Podcast Future History, in dem der unter dem Pseudonym 'Tante' bekannte Netztheoretiker zu Gast war. Dieser habe dort ähnlich wie Weisbrod den Reiz des Fediverse erklärt, aber mit der Metapher des Nichtschwimmerbeckens – als geschützten Raum innerhalb des wilden Ozeans des Netzes.
Exit, Voice, and Loyalty
Albert O. Hirschman · 1972
An innovator in contemporary thought on economic and political development looks here at decline rather than growth. Hirschman makes a basic distinction between alternative ways of reacting to deterioration in business firms and, in general, to dissatisfaction with organizations.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:52:07 „Es erinnert an eine Unterscheidung von dem Soziologen Albert Hirschmann, die sehr berühmt ist, zwischen Exit und Voice.“
Die Unterscheidung zwischen Abwanderung und Widerspruch wird auf die Wahlmöglichkeiten in dezentralen Netzwerken wie Mastodon angewandt
Gekränkte Freiheit
Oliver Nachtwey · 2022
Ein wichtiger und hochaktueller Beitrag zur Debatte über den Zustand unserer Demokratie Querdenker, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse infrage stellen, Journalisten, die sich als Rebellen gegen angebliche Sprechverbote inszenieren: Die Spätmoderne bringt einen Protesttypus hervor, der lautstark für individuelle Freiheiten streitet, etwa frei zu sein von Rücksichtnahme, von gesellschaftlichen Zwängen – und frei von gesellschaftlicher Solidarität.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:55:49 „Das Wort Drift benutzt natürlich Oliver Nachtwey so gerne. Oliver Nachtwey, der zusammen mit Carolin Amlinger, haben wir ja auch schon mal erwähnt, das Buch geschrieben hat.“
Weisbrod bringt das Buch ins Gespräch, als es um eine mögliche libertäre Drift im linken Lager geht. Nachtwey und Amlinger beschreiben in 'Gekränkte Freiheit' den umgekehrten Vorgang: wie libertäre Positionen ins Autoritäre kippen. Weisbrod stellt die These auf, dass Mastodon eine Gegenbewegung auslösen könnte – dass Linke libertäre Konzepte für sich entdecken.