Alles ein Haschen nach Wind
Sabine Rückert, Johanna Haberer, Erzähler
Diese Folge widmet sich dem Buch Kohelet, dem Prediger — ein Text, der beide Schwestern an die morgendlichen Bibellesungen ihrer Kindheit erinnert, inklusive fragwürdiger Weisheiten über Schweine mit goldenen Halsbändern. Eingebettet in die hellenistische Zeit nach Alexander dem Großen, entsteht die jüdische Weisheitsliteratur als intellektuelle Antwort auf die griechische Philosophie — mit der provokanten These, dass sich die Welt mit reinem Verstand eben nicht fassen lässt.
„Man kann mit Intellektualität die Welt nicht erklären. Das ist die Überschrift.“
Erwähnte Medien (8)
Womit wir leben können
Jörg Zink
Andachtsbuch mit 365 täglichen Meditationen zu Bibeltexten und neu übersetzten Psalmen. Eine Sammlung für tägliche geistliche Praxis, die Glaube und Orientierung aus biblischer Perspektive vermittelt.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:01:19 „Das Buch heißt, womit wir leben können und jeden Tag ein Bibeltext. Und der Monat August war der biblischen Weisheit.“
Johanna Haberer erinnert sich an ein Andachtsbuch, das die Familie durchs Jahr begleitete – jeden Tag ein Bibeltext. Im August waren die Texte der biblischen Weisheitsliteratur gewidmet, was die Schwestern besonders prägte.
Der Mythos des Sisyphos
Albert Camus
Camus' philosophisches Essay über das Absurde der menschlichen Existenz. Er erforscht die paradoxe Weisheit, dass Erfüllung und Glück trotz der scheinbaren Sinnlosigkeit des Lebens möglich sind – wie bei Sisyphus, der zur ewigen Wiederholung verdammt ist.
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:07:21 „Der beschreibt ja in seinem großen Essay über Sisyphus, den Mythos des Sisyphus, da schreibt er über die Weisheit, wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen. Sobald dieser Begriff sich in ein Sprungbrett zur Ewigkeit verwandelt, ist er nicht mehr mit der menschlichen Hellsichtigkeit verbunden.“
Johanna Haberer zieht eine Parallele zwischen Kohelet und Albert Camus' Philosophie des Absurden. Sie zitiert ausführlich aus dem Essay und argumentiert, dass Camus' Absurditätsbegriff ein Angriff auf die Religion sei, während der biblische Prediger bei der Absurdität stehen bleibt, aber dennoch an Gott festhält.
Aufsatz über Kohelet in der Jüdischen Allgemeinen
Gabriel Cohen
Kohelet: Zum Fest der Freude gehört das Nachdenken über den Sinn des Daseins
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:08:36 „Ich habe mich auch ein bisschen umgeschaut und habe in der jüdischen Allgemeinen einen Aufsatz gefunden von einem Gabriel Cohen, der Dozent an der Bar-Ilan-Universität Ramazgan in Israel war. Zu dem Zeitpunkt, der ist schon etwas älter, der Artikel, der ist von 2010.“
Sabine Rückert zitiert ausführlich aus einem Aufsatz von Gabriel Cohen in der Jüdischen Allgemeinen von 2010. Der Artikel beschreibt, wie Kohelet durch das Erkennen der Lebensrealitäten den Menschen dazu auffordert, jeden Moment bewusst zu erleben – Pessimismus als Selbstbefreiung statt Selbstzerfleischung.
König Ödipus
Sophokles
Antikes griechisches Trauerspiel von Sophokles, in dem Ödipus die schicksalhafte Wahrheit über seine Abstammung enthüllt. Das Stück konzentriert sich auf die psychologische Tragik dieser Erkenntnis und setzt die Kenntnis der mythologischen Hintergründe voraus. Als Klassiker der antiken Tragödie demonstriert es die menschliche Suche nach Wahrheit und die Übermacht des Schicksals.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:13:02 „Also das griechische Theater, so wie der Aristoteles es auch beschreibt, hat das Ziel, die Menschen die Aporie des Lebens erkennen zu lassen, das Unerklärte. Also so die Oedipus-Geschichte zum Beispiel. Da wird ein Junge geboren und es wird vorausgesagt, er wird seinen Vater töten und seine Mutter heiraten.“
Johanna Haberer nutzt die Ödipus-Geschichte als Beispiel für die griechische Idee der Aporie – die Unausweichlichkeit des Schicksals. Gerade die Versuche, dem Schicksal zu entkommen, führen es herbei. Sie stellt dies dem Kohelet-Ansatz gegenüber, der die Absurdität akzeptiert statt dagegen anzukämpfen.
Poetik
Aristoteles · 1860
Die Poetik (altgriechisch ποιητική [τέχνη] poietike [techne], deutsch ‚die schaffende, dichtende [Kunst]‘) ist ein wohl um 335 v. Chr. als Vorlesungsgrundlage verfasstes Buch des Aristoteles, das sich mit der Dichtkunst und deren Gattungen beschäftigt. Aristoteles gliedert die Wissenschaften in drei große Gruppen (theoretische, praktische und poietische); die Poetik behandelt einen Teil des poietischen, d. h. ‚hervorbringenden‘ menschlichen Wissens in deskriptiver und präskriptiver Weise.
🗣 Johanna Haberer erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:13:02 „Also das griechische Theater, so wie der Aristoteles es auch beschreibt, hat das Ziel, die Menschen die Aporie des Lebens erkennen zu lassen, das Unerklärte.“
Johanna Haberer verweist beiläufig auf Aristoteles' Beschreibung des griechischen Theaters und seiner Funktion, die Zuschauer die Aporie des Lebens erkennen zu lassen. Der Verweis dient der Kontrastierung mit der biblischen Weisheitsliteratur.
Die Melodie des Kohelet (FAZ)
Christian Geier
Der Artikel von Christian Geier untersucht die poetische Qualität des alttestamentlichen Buchs Kohelet und zeigt, wie in dessen rhythmischer Sprache eine innere Musik erkannt werden kann. Diese Musik vermittelt die Weisheit des Textes direkter als analytische Begriffe. Der Autor verfolgt, wie Kohelet vom philosophischen Denken zur pragmatischen Betrachtung des alltäglichen Lebens gelangt.
🗣 Sabine Rückert zitiert daraus bei ⏱ 00:16:38 „Ich habe auch noch einen anderen wunderbaren Artikel, der noch älter ist, von 1996 gefunden, über die Melodie des Kohelet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, also in der FAZ, von einem Herrn Christian Geier.“
Sabine Rückert zitiert ausführlich aus einem FAZ-Artikel von 1996 über die poetische Qualität des Kohelet. Der Artikel beschreibt, wie hinter der rhythmischen Sprache eine Musik hörbar wird, die der Weisheit besser steht als Begriffe – und wie Kohelet am Ende als Pragmatiker bei den Alltäglichkeiten des Lebens landet.
Es ist alles eitel
Andreas Gryphius · 2005
Studienarbeit aus dem Jahr 2005 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 2, Justus-Liebig-Universität Gießen, Veranstaltung: Lyrik des Barock, Sprache: Deutsch, Abstract: Einleitung Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Gedichtinterpretation des Sonetts „Es ist alles Eitel“ von Andreas Gryphius. Dieses Sonett ist ein typisches Gedicht aus der Zeit des Barock.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:20:45 „Ich wollte noch sozusagen als einen Nachfolger des Kohelet, wollte ich den Andreas Gryphius dir vorlesen, ein Gedicht von dem, wo er praktisch auch diese Lebensweisheit aufnimmt und zwar mitten im 30-jährigen Krieg geschrieben. Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.“
Johanna Haberer liest das berühmte Barockgedicht von Andreas Gryphius als direkten Nachfolger der Kohelet-Weisheit vor. Das Gedicht, mitten im Dreißigjährigen Krieg entstanden, greift das Vanitas-Motiv auf – die Nichtigkeit alles Irdischen – und zeigt, wie die biblische Weisheit in der europäischen Literatur weiterlebt.
Lieder vom Ende des Weges
Lea Goldberg · 2001
Gedichtzyklus der israelischen Dichterin Lea Goldberg, der sich auf Kohelet bezieht. Ein Gedankengang über Vergänglichkeit und Wiedergeburt: Jeder Tag ist zugleich der letzte und der erste unter der Sonne. Meditative Verse über Zeit, Endlichkeit und existenzielle Erneuerung.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:36:03 „Erinnert mich das an ein Gedicht der israelischen Dichterin Lea Goldberg. Die hat Lieder vom Ende des Weges geschrieben. Und bezieht sich da auf den Kohelet. Und deswegen lese ich dir jetzt eines dieser Lieder vor.“
Sabine Rückert reagiert auf die Kohelet-Lesung ihrer Schwester, indem sie spontan eine Verbindung zur israelischen Dichterin Lea Goldberg herstellt. Sie liest ein Gedicht aus dem Zyklus 'Lieder vom Ende des Weges' vor, in dem Goldberg den Kohelet-Gedanken aufgreift und poetisch verdichtet: 'Nun weißt du, jeder Tag ist der letzte unter der Sonne. Und du weißt auch, jeder Tag ist neu unter der Sonne.'