Ausgabe Sechsundfuenfzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Ausgehend von einem herbstlichen Jogginglauf an der Hamburger Außenalster entspinnt sich ein Gespräch über Medienabstinenz — inspiriert von Rolf Dobelli, der seit zehn Jahren weder Zeitung liest noch Fernsehen schaut. Was zunächst verrückt klingt, wird zur ernsthaften Frage: Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn wir aufhörten, uns permanent zu informieren?
„Irgendwann kippte das bei mir und ich fing an, wieder und wieder darüber nachzudenken und ich frage mich seitdem immer öfter, was wäre das für eine Welt, wenn wir einfach alle keine Tagesschau, keine Nachrichten, keine Medien mehr konsumierten.“
Erwähnte Medien (9)
Die Kunst des digitalen Lebens
Rolf Dobelli · 2019
Einfach abschalten: Bestsellerautor Rolf Dobelli zeigt einen Weg aus der Informationsflut zu mehr Achtsamkeit und Glück News sind Energiefresser und Hirnblockierer. Grund genug, sich aus dem Nachrichtenüberfluss auszuklinken. Die digitale Welt bindet unsere Aufmerksamkeit permanent mit Neuigkeiten und Informationen. 24 Stunden am Tag werden uns auf allen Kanälen News serviert, die unser Gehirn weder verdaut noch zu Wissen verarbeitet.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:02:53 „Du liest seine Bücher und du denkst irgendwann, okay, der ist vollkommen verrückt. Und dann kommt dieses Buch über diese Medienabstinenz, wie so ein Eremit, so ein geistiger Eremit, der in einer intellektuellen Wüste irgendwo in der Schweiz vor sich hin lebt.“
Lanz und Precht sprechen über den Wert von Nachrichtenabstinenz. Lanz beschreibt, wie Dobellis zunächst absurd wirkende These – man verpasse nichts, wenn man keine Nachrichten konsumiere – ihn nachhaltig zum Nachdenken gebracht hat. Er fragt sich seitdem, ob die Welt ein besserer Ort wäre, wenn wir aufhörten, ständig Medien zu konsumieren.
Die vierte Gewalt
Richard David Precht, Harald Welzer · 2022
Analyse wie Medien ohne bewusste Absprache eine veröffentlichte Meinung schaffen, die von der tatsächlichen öffentlichen Meinung abweicht. Das Werk untersucht die Selbstangleichung der Presse am Beispiel der Ukraine-Berichterstattung und hinterfragt die Rolle der Medien als vierte Gewalt in der Demokratie.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:06:01 „Du gerade mit Harald Welze auch in aller Munde. Große Sterngeschichte, große Zeitgeschichte. Wie geht es dir denn, wenn sich dann plötzlich so dieses grelle Licht der Öffentlichkeit so auf dich richtet?“
Das gesamte Gespräch dreht sich um die Thesen des Buches 'Die vierte Gewalt' von Precht und Welzer zur Medienkritik. Der Titel wird nie explizit genannt, aber als 'Debatte, die ihr beide angestoßen habt' und über Stern- und Zeit-Geschichten dazu gesprochen.
Tagebücher (Kierkegaard-Zitat)
Søren Kierkegaard · 2014
Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813-1855) gehört zu den einflussreichsten Denkern des 19. Jahrhunderts. Einen wesentlichen Teil seines Werks machen dabei die Tagebücher aus. Die von Hermann Gottsched, dem Erstherausgeber der Tagebücher, zusammengestellten Auszügen dieses Bandes geben einen guten Überblick über Persönlichkeit und Denken Kierkegaards. U. a. enthält der Band Notizen zur gescheiterten Verlobung Kierkegaards mit Regine Olsen, zur sog.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:42:26 „Es gibt den Kierkegaard-Satz, das Leben kann nur vorwärts gelebt und nur vom Ende her verstanden werden. Und am Ende, wenn dieser Krieg mal tatsächlich vorbei sein sollte, wann auch immer das ist, dann wird man wissen, ob das, was man getan hat, richtig war oder falsch.“
Precht zitiert Kierkegaard im Kontext der Ungewissheit über den Ausgang des Ukraine-Krieges, um zu illustrieren, dass man die Richtigkeit von Entscheidungen erst im Nachhinein beurteilen kann.
Willkommen (Titelgeschichte zur Flüchtlingskrise)
Der Artikel reflektiert rückblickend auf die Willkommenskultur während der Flüchtlingskrise 2015, als die ZEIT mit einer Titelgeschichte "Willkommen" das gesellschaftliche Klima geprägt hat. Er hinterfragt, ob die damalige unkritische mediale Unterstützung der Willkommenskultur gelungen ist oder ob die Stimmungsumschwünge nach Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht zeigen, dass die Integration gescheitert ist. Der Artikel beleuchtet damit auch die Rolle der Medien bei der Meinungsbildung zu diesem polarisierenden Thema.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:45:23 „Genau, aber wenn du dich erinnerst, es gab die Schlagzahl in der Zeit, willkommen. Also sozusagen diese Willkommenskultur.“
Lanz erinnert an eine Titelgeschichte der ZEIT mit der Überschrift 'Willkommen' während der Flüchtlingskrise 2015, die er als Beispiel dafür anführt, wie Medien zunächst unkritisch die Willkommenskultur mitgetragen haben, bevor die Stimmung nach der Kölner Silvesternacht kippte.
Hart aber Fair (Sendung zur Impfpflicht mit Svenja Flaßpöhler)
Frank Plasberg · 2001
"Hart aber Fair" ist eine deutsche Talkshow von Frank Plasberg. In der Episode zur Impfpflicht verteidigte Philosophin Svenja Flaßpöhler die Position gegen eine Impfpflicht, wurde aber von vier anderen Gästen gleichzeitig angegriffen. Der Podcast-Philosophe Richard David Precht nutzt diese Episode als Beispiel für problematische Diskurskultur – als Illustration einer unglücklichen Talk-Show-Besetzung, die statt Dialog eher Überrumpelung bewirkt.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:49:38 „Svenja Flassböhler, die bei Plasberg in der Sendung war und da also von vier Leuten gleichzeitig angegriffen wurde, die plötzlich ruckartig ihre Meinung in Richtung Impfpflicht geändert hatte, das ist ein anderes Beispiel.“
Precht beschreibt eine konkrete Hart-aber-Fair-Episode als Negativbeispiel für den Umgang mit abweichenden Meinungen in den Medien. Flaßpöhler habe dort die geltende Rechtsposition gegen die Impfpflicht verteidigt und sei von vier Gesprächspartnern gleichzeitig angegriffen worden – eine Besetzung, die Precht als unglücklich kritisiert.
Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren
Svenja Flaßpöhler · 2021
»Sensibilität ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Im Kampf um Anerkennung unterdrückter Gruppen spielt sie eine wichtige Rolle. Aber sie kann auch vom Progressiven ins Regressive kippen. Über diese Dialektik müssen wir nachdenken, um die gesellschaftliche Polarisierung zu überwinden.« Svenja Flaßpöhler Mehr denn je sind wir damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:50:45 „Wir haben über ihr Buch gesprochen. Und die These, die sie darin hat, sagt, es ist gut, dass unsere Gesellschaften immer sensibler werden, aber es ist schlecht, wenn sie deswegen immer intoleranter werden. Das war ihre These.“
Precht erzählt, wie er Svenja Flaßpöhler in seiner Sendung zu Gast hatte und mit ihr über ihr Buch sprach – am selben Tag, als sie abends bei Hart aber Fair zum Thema Impfpflicht angegriffen wurde. Er nutzt das Buch und seine These als Beispiel dafür, wie mediale Intoleranz sachliche Debatten erstickt.
Kritik an der Precht-Sendung mit Flaßpöhler
Julia Enke
FAZ-Fernsehkritik einer Sendung mit Richard David Precht und Svenja Flaßpöhler. Die Rezension von Julia Enke konzentriert sich auf Prächts vermeintlich naiv-pazifistische Positionen und hebt das Thema Impfen hervor. Precht kritisiert diese Kritik als unsachlich, da die Journalistin ein Thema in den Vordergrund rückt, das nicht Gegenstand der Diskussion war, und den Gästen damit Aussagen unterstellt, die sie nicht gemacht haben.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:51:10 „Und dann gab es eine Kritik unserer Sendung, die nach der Hart-aber-Fair-Sendung ausgestrahlt wurde, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wo nur vom Impfen die Rede war, was überhaupt gar kein Thema in unserer Sendung war. Und die Journalistin hat sich, das muss man mal sagen, nicht entblödet zu sagen, sie sagen es nicht, aber sie denken es.“
Precht schildert empört einen Artikel von Julia Enke in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der seine Sendung mit Flaßpöhler rezensierte. Die Journalistin habe den Gästen unterstellt, sie würden etwas denken, was sie gar nicht gesagt hätten – für Precht ein 'absoluter Tiefpunkt des deutschen Journalismus', der gegen jede Regel der Professionalität verstoße.
Willkommen (Titelseite)
Der Artikel berichtet über eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die zeigt, dass sich gut ein Drittel der nach Deutschland geflüchteten Menschen nicht mehr willkommen fühlt. Die Untersuchung verdeutlicht einen Wandel in der Wahrnehmung von Willkommenskultur seit 2015. Der Artikel beleuchtet damit die aktuelle Situation von Asylbewerbern im Kontext der gesellschaftlichen Debatten zum Thema Migration.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:55:08 „Es gibt diese Debatte rund um die Migrationskrise 2015 und ein Beleg dafür, dass sich sozusagen Medien vermeintlich gemein gemacht haben mit der Politik, ist diese Titelseite der Zeit Willkommen, die Willkommenskultur, die praktisch überall dann zu lesen war.“
Lanz diskutiert die Medienkritik rund um die Flüchtlingskrise 2015. Er nennt die berühmte ZEIT-Titelseite 'Willkommen' als Beispiel dafür, wie Kritiker den Medien vorwerfen, sich mit der Politik der Willkommenskultur gemein gemacht zu haben. Er nutzt das Beispiel aber als Kontrastfolie, um zu zeigen, dass dieselbe Zeitung auch differenzierten Journalismus lieferte.
Reportage über Gemeinden im Erzgebirge und die AfD
Eine Langzeitreportage begleitet mehrere Jahre lang kleine Gemeinden im Erzgebirge und zeigt, wie die Ankunft von Geflüchteten zunächst Busstrecken ermöglichte, die nach deren Abzug wieder verschwanden. Die Geschichte illustriert die politischen Verschiebungen vor Ort: Eine langjährige CDU-Abgeordnete verliert ihr Mandat an einen AfD-Politiker. Das Stück verbindet persönliche Schicksale mit den Gründen für politische Umbrüche in der Region.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:55:45 „Aber in derselben Zeit habe ich Wochen später ein großartiges Stück gelesen von einer Korrespondentin. Die lange Zeit ein paar kleinere Gemeinden in Sachsen, im Erzgebirge begleitet hat. Die ist immer wieder dahin und hat einen AfD-Politiker und auch eine langjährige CDU-Abgeordnete, beide immer wieder begleitet.“
Lanz beschreibt eine Langzeitreportage einer namentlich nicht genannten Korrespondentin, die kleine Gemeinden im Erzgebirge über einen langen Zeitraum begleitete. Die Reportage erzählt, wie eine Busverbindung erst mit der Unterbringung von Geflüchteten kam und nach deren Wegzug wieder verschwand – und wie die CDU-Abgeordnete das Mandat an einen AfD-Politiker verlor. Lanz nennt das Stück als Paradebeispiel für differenzierten Journalismus, der erklärt, warum Menschen AfD wählen, ohne sie pauschal als rechtsradikal abzustempeln.