Utopien
Markus Lanz & Richard David Precht
Die hundertste Folge beginnt mit einem persönlichen Rückblick auf zwei Jahre gemeinsamen Podcast — und mündet in eine nachdenkliche Diagnose der Gegenwart: Wo früher Aufbruchsstimmung und Zukunftsglaube herrschten, dominiert heute ein gereiztes Dagegen-Sein, ein kollektives Genervtsein ohne eigene Vision. Als Wendepunkt nennt Lanz das Jahr 2016 und seine erste Amerika-Reportage, die ihm schlagartig zeigte, wie fragil politische Selbstverständlichkeiten geworden sind — ein Gefühl, das inzwischen auch Deutschland erreicht hat.
„In meiner Kindheit, in meiner Jugend war immer die Idee, es geht irgendwie nach vorne, wir machen weiter. Und heute ist das Gefühl dagegen, anti. Wir wollen nichts mehr, wir sind von Beruf nur noch dagegen.“
Erwähnte Medien (8)
Stone Age Economics
Marshall Sahlins
«Muchos de los ensayos contenidos en este volumen los escribí en distintas oportunidades durante los últimos diez años. Otros fueron escritos especialmente para esta publicación. Todos ellos fueron concebidos y reunidos aquí con la esperanza de constituir una antropología económica, es decir, algo distinto de las interpretaciones prácticas de las economías y las sociedades primitivas [...]» Clásico indiscutible y obra de referencia en los estudios de antropología, la presente obra (*Stone Age...
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:08:58 „Und du kennst das ja von Sassmann, der Anthropologe, der immer sagt, den steinzeitlichen Jäger, den musste man sich eigentlich als einen relativ entspannten Menschen vorstellen. Das ist so seine Theorie, der geht halt raus, wenn er was zum Essen braucht, zur Jagd oder Bären sammeln, was auch immer.“
Lanz referenziert die These eines Anthropologen (im Transkript als 'Sassmann' verschriftlicht, wahrscheinlich Marshall Sahlins), wonach Jäger und Sammler entspannter lebten als sesshafte Ackerbauern. Dies entspricht Sahlins' berühmter These der 'Original Affluent Society' aus Stone Age Economics.
Tribale Kriege
Jürg Helbling · 2006
Im Unterschied zu Kriegen zwischen Staaten und zu Bürgerkriegen werden tribale Kriege zwischen Dorfgemeinschaften ausgetragen, die noch nicht oder nicht mehr von einer staatlichen Zentralgewalt kontrolliert werden. Anhand von Beispielen unter anderem aus Neuguinea, Amazonien und Ostafrika untersucht Jürg Helbling die Verlaufsformen und Ursachen dieser Kriege.
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:09:22 „Also einer der faszinierendsten Gesprächspartner, die ich je gehabt habe, ist ein Schweizer Anthropologe, Jörg Helbling. Der hat so ein dickes Buch geschrieben, Tribale Kriege. Und damit beschäftigt er sich und sagt, seit wann gibt es Kriege, wieso gibt es Kriege, wodurch entstehen Kriege.“
Im Gespräch über die Ursprünge von Krieg und Sesshaftigkeit empfiehlt Precht das Buch des Schweizer Anthropologen Jörg Helbling. Dessen These: Indigene Nomadenvölker führten keine organisierten Kriege, weil der Preis zu hoch war – erst mit der Sesshaftigkeit und dem Besitz von Land kam der Krieg in die Welt. Precht zieht daraus eine Parallele zur Ukraine.
Spiel mir das Lied vom Tod
Sergio Leone · 1968
Während die Eisenbahnbauer auf ihrem Weg zum Meer unaufhaltsam durch die Wüste Arizonas marschieren, kommt Jill in der kleinen Stadt Flagstone an, um ein neues Leben zu beginnen.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:13:11 „Das ist dieses Zitat von Sergio Leone, dem großen Italo-Western-Regisseur. Der Regisseur von Spiel mir das Lied vom Tod, dem mal gefragt wurde, was ist denn jetzt der Unterschied zwischen einem Italo-Western und einem amerikanischen Western.“
Precht nutzt ein Zitat von Sergio Leone als Metapher für den Umgang mit Utopien in Deutschland. Bei John Ford blicke man aus dem Fenster in eine strahlende Zukunft, bei Leone werde man erschossen – genauso ergehe es heute jedem, der eine positive Vision für die Zukunft wage.
Utopia
Thomas Morus · 2018
Thomas Morus: Utopia | Für die eBook-Ausgabe neu lektoriert und mit modernisierter Rechtschreibung. Voll verlinkt, mit eBook-Inhaltsverzeichnis und einem erklärenden Vorwort. Dieses Buch hat gewaltige Wirkung hinterlassen. Es ist die erste ›Sozialutopie‹, und wurde zum Vorläufer eines ganzes Genres. Der Engländer Thomas More (1478–1535), der es im Alter von 37 Jahren schrieb, schildert darin einen, aus seiner Sicht idealen Staat. – Die Utopier kennen kein Privateigentum.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:25:10 „Und dann lässt er einen Seefahrer, Raphael Hytlodeus, griechisch übersetzt der Lügenerzähler, erzählen, dass er, das war ja die Zeit, Kolumbus hatte Amerika entdeckt. Und jetzt konnte man natürlich sagen, ich als Seefahrer bin jetzt hier und da und da gewesen. Und da gibt es im fernen Südamerika eine Raumutopie.“
Precht erzählt ausführlich von Thomas Morus' Werk, aus dem der Begriff 'Utopie' stammt. Morus, Lordkanzler unter Heinrich VIII., entwarf darin eine Inselgesellschaft ohne Arm und Reich, in der Eigentum seine Bedeutung verloren hat und Häuser alle zehn Jahre getauscht werden. Precht betont den visionären Charakter: Anfang des 16. Jahrhunderts entwarf Morus ein Bild einer bürgerlichen Rechtsstaatsrepublik, die erst Jahrhunderte später Realität wurde.
La città del Sole / Die Sonnenstadt
Tommaso Campanella · 1981
Among Renaissance utopias, The City of the Sun is perhaps second in importance only to More's more famous work. There are striking similarities between Campanella's utopia and More's, but also striking differences which reflect both changed historical circumstances and the highly original nature of Campanella's thought.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:30:45 „Es gibt ja am Anfang diese Raum-Utopien, wie Morus Utopia oder Tommaso Campanella, der Sonnenstaat. Da ist ein Riesenarchitekturentwurf in sieben Ringen. Ja, teilt sich die Stadt ein und das ist aber alles ziemlich so brutal und so Jesuiten-mäßig streng.“
Precht nennt Campanellas Sonnenstaat als zweites Beispiel der frühen Raum-Utopien neben Morus' Utopia. Er beschreibt den Entwurf als architektonisch imposant – eine in sieben Ringen aufgeteilte Stadt –, aber im Ton streng und autoritär, im Kontrast zu den späteren, freiheitlicheren Zeitutopien wie denen Fouriers.
Nova Atlantis
Francis Bacon
**New Atlantis** is an incomplete utopian novel by Sir Francis Bacon, published posthumously in 1626. It appeared unheralded and tucked into the back of a longer work of natural history, *Sylva sylvarum* (forest of materials). In *New Atlantis*, Bacon portrayed a vision of the future of human discovery and knowledge, expressing his aspirations and ideals for humankind.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:30:53 „Francis Bacon, Nova Atlantis, das ist so die Forschungsvision.“
Lanz ergänzt Prechts Aufzählung der klassischen Raum-Utopien um Bacons Nova Atlantis als die technik- und forschungsgetriebene Variante. Precht greift den Faden auf und zieht eine Linie zu Peter Thiels Traum einer eigenen Insel im Silicon Valley, auf der sich alles der Technik unterordnet – Lanz kontert trocken, da gehe es wohl eher um Steueroptimierung.
Théorie des quatre mouvements et des destinées générales
Charles Fourier
Fouriers Grundwerk zu idealen Menschengemeinschaften (Phalansterien), in denen Menschen ihre Leidenschaften ausleben können ohne ihre Natur zu unterdrücken. Ein früher Versuch alternativer sozialer Systeme mit neuen Normen und Codes, der später Marx beeinflusste und als utopischer Sozialismus kritisiert wurde.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:31:44 „Vor Marx gab es Charles Fourier. Und Charles Fourier hat sich ideale menschliche Gemeinschaften ausgedacht. Er hat also ähnlich versucht wie die Inuits mit neuen Normen, Codes und so weiter, ohne Sodom und Gomorra, aber ohne die menschliche Natur in irgendeiner Form zu vergewaltigen, zu beeinträchtigen.“
Precht diskutiert ausführlich Fouriers Konzept der Phalansterien als historische Zeitutopie. Fourier wird als Vorläufer von Marx beschrieben, der ideale Gemeinschaften entwarf, in denen Menschen ihre Leidenschaften ausleben können. Marx nannte Fouriers Ansatz abwertend 'utopischen Sozialismus'.
Die deutsche Ideologie
Karl Marx · 2023
Die Anthologie 'Karl Marx: Die deutsche Ideologie' eröffnet einen faszinierenden Blick in die Entwicklung der marxistischen Theorie und beleuchtet die Bandbreite des literarischen Schaffens von Karl Marx und Friedrich Engels. Diese Sammlung umfasst zahlreiche Schriften, die nicht nur das übergreifende Thema der materialistischen Geschichtsauffassung veranschaulichen, sondern auch stilistisch eine bemerkenswerte Vielfalt aufweisen, von theoretischen Abhandlungen bis hin zu kritischen Essays.
🗣 Richard David Precht zitiert daraus bei ⏱ 00:35:47 „Und da sagt Marx, Kommunismus ist, wenn ich morgens Schafe hüte, mittags fischen gehe und abends Bücher kritisiere. Ohne doch je Hirte, Fischer oder Kritiker werden zu müssen.“
Precht zitiert die berühmte Passage aus der Deutschen Ideologie, ohne den Titel explizit zu nennen. Er ordnet sie biographisch ein: Marx und Engels waren jung, tranken viel, lebten gut und definierten in dieser Phase erstmals, was Kommunismus für sie bedeutet – nämlich nicht Gleichmacherei, sondern optimale Selbstverwirklichung jenseits der kapitalistischen Arbeitsteilung.