Für welche Werte müssen wir jetzt streiten?
Roman Pletter & Thea Dorn
An der Universität Hamburg diskutieren die Schriftstellerin Thea Dorn, Journalistin Nele Polaczek und Historikerin Hedwig Richter die Frage, für welche Werte es sich in Zeiten von Populismus und bröckelndem gesellschaftlichen Zusammenhalt zu streiten lohnt. Giovanni Di Lorenzo moderiert das Gespräch, das ausdrücklich auf Uneinigkeit angelegt ist — denn die drei Gäste vertreten teils gegensätzliche Positionen zur Demokratie und ihren Grundlagen.
„Ich verspreche Ihnen also, wir werden uns hier in den kommenden 60 bis 75 Minuten streiten, höflich, freundlich und respektvoll.“
Erwähnte Medien (8)
Demokratie und Revolution
Hedwig Richter, Bernd Ulrich · 2024
Junge Menschen brechen auf der Straße das Recht und berufen sich dabei auf das Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, nach dem die Lebenden nicht das Recht haben, die Freiheit künftiger Generationen zu halbieren. Die Bundesregierung hält sich nicht an das Pariser Abkommen und stößt zugleich an die Grenzen des Wachstums und der Schuldenbremse, weil die Kosten der Klimakrise und des Klimawandels zugleich aufgebracht werden müssen.
🗣 Roman Pletter zitiert daraus bei ⏱ 00:04:31 „Sie ist Historikerin, forscht über Demokratien und Diktaturen und lehrt seit 2019 als Professorin für neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Ihr aktuelles Buch heißt Demokratie und Revolution und sie hat es zusammen mit meinem geschätzten Zeitkollegen Bernd Ulrich geschrieben.“
Roman Pletter stellt Hedwig Richter als Gast der Podiumsdiskussion vor und nennt ihr aktuelles Buch mit Titel und Co-Autor. Das Buch wird als Ausweis ihrer Expertise zum Thema Demokratie angeführt, das den inhaltlichen Rahmen der Veranstaltung bildet.
Suppenkasperfreiheit
Hedwig Richter · 2025
Noch gestern wollten alle Grün sein. Heute gilt die Partei als Symbol für den Hochmut, der vor dem Fall kommt. Die Grünen scheitern und dieses Scheitern ist ein Ausdruck für die Krise unserer Gesellschaft. Die Moral des gebildeten Bürgers hat abgewirtschaftet. Allzu oft tritt sein Egoismus hervor. Man ist für Migration und lebt in den teuren Vierteln der Stadt. Man predigt Flugscham und ist bereits um die ganze Welt geflogen.
🗣 Roman Pletter zitiert daraus bei ⏱ 00:14:31 „Sie, Frau Richter, haben 2024 in der FAZ sich jene vorgenommen, vor allem in der Politik, die glauben, man könne den Menschen nicht allzu viel zumuten. Sie sprachen zum Beispiel von der, jetzt zitiere ich Sie, Suppenkasperfreiheit derer, die sich fürs Klima nicht einschränken wollen und lobten die Volksamkeit der Bevölkerung während der Corona-Zeit.“
Roman Pletter konfrontiert Hedwig Richter mit ihrem polemischen FAZ-Essay aus dem Jahr 2024, in dem sie den Begriff 'Suppenkasperfreiheit' prägte. Der Essay wird zum Streitpunkt der Diskussion: Thea Dorn und Nele Polaczak kritisieren, dass solche Polemik in der aktuellen Debatte unproduktiv sei und Andersdenkende eher verschrecke als überzeuge. Der Beitrag löste auch eine heftige Reaktion von FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube aus.
Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation
Ernst-Wolfgang Böckenförde · 1995
Böckenfördes klassisches Werk zur Säkularisation des Staates analysiert die Paradoxie, dass der freiheitliche Rechtsstaat auf Werte angewiesen ist, die er selbst nicht erzwingen kann. Das berühmte Böckenförde-Diktum verdeutlicht, warum Demokratie auf kulturellen und moralischen Grundlagen beruht, die außerhalb ihrer eigenen institutionellen Reichweite liegen und daher besonders schutzbedürftig sind.
🗣 Thea Dorn zitiert daraus bei ⏱ 00:32:46 „Also letztlich ziele ich auf etwas ab, was der große Böckenpferde eben das Dilemma der Demokratie nannte, also dass der liberale Rechtsstaat von Voraussetzungen lebt, die er selber nicht gewährleisten kann.“
Thea Dorn zitiert das berühmte Böckenförde-Diktum, um zu erklären, warum sie nicht daran glaubt, dass 'krasse Ansagen' an die Bürger die Demokratie stärken können. Der liberale Staat könne seine eigenen Voraussetzungen – etwa die Mündigkeit der Bürger – nicht erzwingen, und genau das erzeuge den Trotz, der populistische Parteien stärke.
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Immanuel Kant · 2022
Immanuel Kants einflussreiche Schrift "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" bietet eine tiefgehende Analyse der intellektuellen Bewegung des 18. Jahrhunderts, die als Aufklärung bekannt ist. Kant definiert Aufklärung als den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, die er als Unfähigkeit bezeichnet, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
🗣 Thea Dorn zitiert daraus bei ⏱ 00:37:55 „Der Anspruch der Aufklärung, ich komme auf meine Mündigkeit zurück, ist, habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Das ist das Gegenteil einer Parole zu sagen, follow the science.“
Thea Dorn paraphrasiert Kants berühmten Wahlspruch der Aufklärung – 'Sapere aude' – um ihr Unbehagen an der Corona-Debattenkultur zu begründen. Sie kontrastiert den aufklärerischen Anspruch auf eigenständiges Denken mit der Parole 'Follow the Science', die sie als zutiefst unwissenschaftlich und entmündigend kritisiert.
ZDF Magazin Royale
Jan Böhmermann · 2020
Jan Böhmermann begrüßt seine Zuschauer immer freitags zu seiner neuen Late-Night-Satire im ZDF und präsentiert gesellschaftlich relevante Themen, gepaart mit Witz und Ironie.
🗣 Thea Dorn referenziert bei ⏱ 00:42:34 „Ich erinnere mich daran, dass Jan Böhmermann mal gesagt hat in einer Sendung zum Thema Transrechte, dass er gesagt hat, es ist nun mal wissenschaftlicher Konsens, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt.“
Nele Polacek nutzt Jan Böhmermanns Aussage in seiner Sendung als Beispiel dafür, wie der Begriff 'wissenschaftlicher Konsens' inflationär und falsch verwendet wird, was langfristig die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft untergräbt.
Hermeneutische Courage
Lars Weißbrot
Der Artikel analysiert das Konzept des Klassismus in der identitätspolitischen Debatte und hinterfragt dessen Aussagekraft. Er behandelt die Idee der "hermeneutischen Courage" – die intellektuelle Bereitschaft, auf Basis unvollständiger Informationen dennoch begründete politische Urteile zu fällen. Der Text diskutiert, wie sinnvoll diese Begriffe für die praktische Gesellschaftspolitik sind.
🗣 Thea Dorn zitiert daraus bei ⏱ 00:44:43 „Hermeneutische Courage, das bedeutet, das ist ein Begriff, den habe ich aus einem Feuilletonartikel der Zeit von Lars Weißbrot gelernt.“
Thea Dorn führt den Begriff 'hermeneutische Courage' ein und nennt als Quelle einen Feuilleton-Artikel von Lars Weißbrot in der Zeit. Der Begriff beschreibt die intellektuelle Bereitschaft, auf Basis einer nicht vollständig gesicherten Datenlage dennoch politische Schlussfolgerungen zu ziehen – man müsse sich nicht hundertprozentig sicher sein, um vernünftige Politik zu machen.
Wahrheit und Politik
Hannah Arendt
Die Essays der weltberühmten Philosophin haben nachhaltig das politische Denken in Europa und den USA bestimmt. Der vorliegende Band enthält unter dem Titel »Die Lüge in der Politik« eine kritische Analyse der berühmt-berüchtigten Pentagon-Papers, die 1971 in den USA veröffentlicht worden sind, sowie den umfangreichen grundsätzlichen Essay über »Wahrheit und Politik«.
🗣 Thea Dorn zitiert daraus bei ⏱ 00:47:07 „Wenn man Wahrheit und Politik, habe ich gerade noch mal sehr gründlich gelesen von Hannah Arendt. Und ich finde das einen sehr, sehr triftigen, verblüffenden Gedanken. Sie sagt sehr wohl, also keine Demokratie kann auf Dauer bestehen, wenn sie sich von den Tatsachenwahrheiten verabschiedet. Aber über Tatsachenwahrheiten kann man keinen Meinungsstreit führen.“
Thea Dorn bezieht sich auf Hannah Arendts Essay, um ihre zentrale These zu untermauern: Die Ausweitung dessen, was als Tatsachenwahrheit behauptet wird, gefährdet den demokratischen Meinungsstreit. Sie hat den Text nach eigener Aussage gerade erst sehr gründlich wieder gelesen und nutzt Arendts Unterscheidung zwischen Tatsachenwahrheiten und dem Feld des Politischen als argumentatives Fundament für ihre Kritik an der Corona-Debatte.
Streitgespräch mit Karl Lauterbach
Streitgespräch zwischen der Publizistin Thea Dorn und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach in der ZEIT. Dorn nutzt das Gespräch, um ihre aktive Rolle bei der Corona-Aufarbeitung zu belegen und sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, diese wichtige Diskussion anderen zu überlassen. Das Interview dokumentiert einen persönlichen Austausch zu Pandemie-Politik und deren öffentliche Bewertung.
🗣 Thea Dorn erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:57:27 „Ich habe das Streitgespräch mit Lauterbach bei euch in der Zeitung gemacht, wo ich vehement...“
Thea Dorn verweist auf ein von ihr geführtes Streitgespräch mit Karl Lauterbach, das in der ZEIT veröffentlicht wurde. Sie erwähnt es als Beleg dafür, dass sie selbst aktiv Corona-Aufarbeitung betrieben hat und nicht dem 'Narrensaum' überlassen will. Titel und genaues Datum werden nicht genannt.