Schluss mit lustig
Ijoma Mangold, Lars Weisbrod
Angestoßen von den US-Wahlen 2020 suchen die Hosts nach einer Tangente, bei der sie mitreden können — und landen bei den politischen Fernsehsatirikern Amerikas: Trevor Noah, John Oliver und ihren Late-Night-Formaten. Zuvor liefern sie sich im Gegenwarts-Check eine amüsante Debatte darüber, was eigentlich ein Hot Take ist — eine moralisch aufgeladene Schnellschuss-Meinung oder doch eher eine bewusst provokante Gegenposition?
„Eine durch wenig sachliche Kenntnis und dafür kompensatorisch durch besonders viel moralische Selbstgewissheit vorgebrachte Meinung.“
Erwähnte Medien (14)
The Daily Show
Jon Stewart, Trevor Noah · 1996
Satirische Nachrichtensendung, in der Moderator Trevor Noah und Team das aktuelle Zeitgeschehen kommentieren und ihren ganz eigenen Blick auf die Nachrichten des Tages werfen. Die „Fake-Newsshow“ ist mit zahlreichen Emmys ausgezeichnet und erzielt beim jungen US-Publikum oft höhere Einschaltquoten als die echten Nachrichten. Die Show wurde ursprünglich von Craig Kilborn, dann lange Jahre von Jon Stewart moderiert.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:01:34 „Ich habe sofort gedacht an Formate wie die Daily Show mit Trevor Noah, John Oliver, der eine Sendung bei HBO hat, die Last Week Tonight heißt. Bestimmte Gemeinsamkeiten verbinden diese Komiker und darüber wollen wir gleich sprechen und das wiederum in Bezug setzen zu dem Geschehen in Amerika.“
Die Daily Show ist eines der beiden zentralen Formate, um die sich die gesamte Episode dreht. Lars Weisbrod und Ijoma Mangold analysieren, wie US-amerikanische Fernsehsatire-Formate zur wichtigsten Quelle politischer Kommentierung aufgestiegen sind – und dabei ein progressiv-liberales Milieu bedienen, das die andere Hälfte Amerikas nicht mehr versteht. Jon Stewart wird als Erfinder des Formats gewürdigt, dem Amerika laut berühmten Journalisten am meisten vertraute.
Jon Stewarts Auftritt bei Crossfire (2004)
Jon Stewart
Jon Stewarts legendärer Auftritt in der Talkshow Crossfire (2004), in dem er die Moderatoren scharf kritisierte, Theater statt ernsthafte Debatte zu führen. Mit dem Appell "you are hurting America" wurde dieser Moment zum ikonischen Dokument der amerikanischen Fernsehgeschichte und trug zum Ende der Show bei.
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:14:46 „Als wir auf dieses Thema kamen mit Polarisierung und Comedians, fiel mir sofort ein alter Fernsehausschnitt von Jon Stewart ein, der mittlerweile, glaube ich, so eine Art amerikanische Kulturgut oder Geschichtsmarke ist. Bei Twitter wird er auch immer mal wieder rumgereicht, weil es so ein Moment ist, in dem irgendwas steckt, was vielleicht tatsächlich etwas erklärt von dieser irren Situation.“
Der konkrete Clip von Jon Stewarts Auftritt bei Crossfire 2004 wird als eigenständiges Dokument der Fernsehgeschichte besprochen und im Podcast abgespielt. Stewart warf den Moderatoren vor, Theater statt Debatte zu machen ('you are hurting America'), woraufhin die Sendung eingestellt wurde. Tucker Carlson, einer der Moderatoren, wurde später zur Fox-News-Figur.
Last Week Tonight with John Oliver
John Oliver · 2014
Halbstündiger satirischer Blick in die Politik der Woche und Einführung in komplexe politische Systeme.
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:20:16 „John Oliver sitzt da, wie gesagt, so ein bisschen klassische Late-Night-Situation, aber was er tut eigentlich die ganze Sendung lang, ist wie ein Journalist bei uns im Zeitdossier, eine politisch relevante, auch komplexes Thema oder was Journalisten für komplexe Themen halten, ist jetzt nicht höhere Mathematik, aber schon so die dickeren Bretter, ja, versucht das aufzuarbeiten.“
Lars Weisbrod beschreibt Last Week Tonight als das aktuelle Paradebeispiel der Aufklärungssatire. Oliver arbeite komplexe politische Themen journalistisch auf – etwa die Opioid-Epidemie in den USA –, streue dabei Gags und absurde Pointen ein und habe damit eine Art publizistische Funktion übernommen. Das Format dient den Sprechern als Beweisstück für ihre These, dass Comedians die neuen Public Intellectuals geworden seien.
The Daily Show with Jon Stewart
Jon Stewart · 1996
Satirische Nachrichtensendung, in der Moderator Trevor Noah und Team das aktuelle Zeitgeschehen kommentieren und ihren ganz eigenen Blick auf die Nachrichten des Tages werfen. Die „Fake-Newsshow“ ist mit zahlreichen Emmys ausgezeichnet und erzielt beim jungen US-Publikum oft höhere Einschaltquoten als die echten Nachrichten. Die Show wurde ursprünglich von Craig Kilborn, dann lange Jahre von Jon Stewart moderiert.
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:25:14 „Ich habe, sie lief glaube ich vier oder fünfmal die Woche. Jede Folge, das ist das einzige Ritual, was ich in meinem Leben habe, dass ich dann immer die nachgeschaut habe abends vom Vortag wegen der Zeitversetzung. Einmal halbe Stunde Daily Show mit Jon Stewart musste sein.“
Lars Weisbrod beschreibt die Daily Show als sein persönliches TV-Ritual und erklärt ausführlich das Format: Jon Stewart kommentierte das politische Geschehen, indem er absurde Momente aus der US-Politik zeigte und oft nur mit Grimassen reagierte. Die Sendung wird als Ursprungsformat der politischen TV-Satire in den USA eingeordnet.
Crossfire
· 2022
Jo (Keeley Hawes) genießt mit ihrer Familie und Freunden einen entspannten Urlaub in einem luxuriösen Resort auf den Kanarischen Inseln, als plötzlich bewaffnete Männer das Hotel überfallen. Der Hintergrund der brutalen Tat, bei der die Eindringlinge augenblicklich Schüsse auf die anwesenden Gäste und das Hotelpersonal abgeben, bleibt zunächst unklar.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:35:26 „Wir sind im Jahr 2004 gleich bei diesem kleinen Clip. Ich werde einen kurzen Ausschnitt spielen. Und es ist nicht, Jon Stewart ist nicht in seiner Sendung, sondern Jon Stewart ist woanders zu Gast. 2004 in einer Sendung bei CNN. Die Sendung heißt Crossfire, also im Kreuzfeuer steht da jemand.“
Die CNN-Debattensendung Crossfire wird ausführlich besprochen als Schlüsselmoment der US-Mediengeschichte. Jon Stewarts legendärer Gastauftritt 2004, bei dem er der Sendung Theaterhaftigkeit vorwarf, führte letztlich zur Einstellung des Formats. Die Sprecher analysieren, wie sich aus diesem Format zwei polarisierte Medienformen entwickelten.
Kienzle und Hauser
Deutsches Fernsehformat mit zwei Moderatoren, die gegensätzliche politische Positionen vertraten. Die Sendung war ein Forum für politische Diskussion und Debatte, ähnlich dem amerikanischen Format Crossfire, das kontroverse Themen aus unterschiedlichen ideologischen Perspektiven präsentierte.
🗣 Ijoma Mangold erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:36:19 „Hatten wir im deutschen Fernsehen auch mit Kienzle und irgendwem.“
Nina Pauer erwähnt das deutsche TV-Format als Parallele zum amerikanischen Crossfire – ebenfalls eine Sendung mit zwei Moderatoren, die gegensätzliche politische Positionen vertraten. Die Erwähnung ist sehr beiläufig, der genaue Name des zweiten Moderators fällt ihr nicht ein.
The Colbert Report
Stephen Colbert · 2005
Rechtskonservativ, engstirnig, egozentrisch, größenwahnsinnig – alles Attribute, in denen Stephen Colbert seinem großen Vorbild Bill O’Reilly von Fox News in nichts nachsteht. Als Parodie des rechten Newsshow-Frontmanns moderiert Colbert viermal pro Woche seine eigene Nachrichtensendung und ist mit dem halbstündigen Satireformat mittlerweile sogar erfolgreicher als die „Daily Show with Jon Stewart“, von der sie als Spin-Off entstanden ist.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:42:56 „Er hat einen super konservativen Nachrichtenkommentator gespielt, mit all dem, was eben man aus linksliberaler Perspektive da reinlegt. Er hatte auch eine eigene Show, Colbert Report, die lief nach der Daily Show, die hat nur das gemacht, also sozusagen imitiertes, persifliertes Fox News.“
Stephen Colberts Show wird als Weiterentwicklung der Daily Show beschrieben, in der Colbert durchgehend in Character als konservativer Kommentator agierte – eine Art Persiflage auf Fox-News-Moderatoren wie Tucker Carlson. Das Format wird als wichtiges Beispiel für die Theatralisierung politischer Satire eingeordnet.
White House Correspondents' Dinner 2006 – Stephen Colbert Rede
Stephen Colbert · 2016
A Study Guide for Stephen Colbert's "White House Correspondents' Association Dinner 2006 Speech," excerpted from Gale's acclaimed Literary Themes for Students: The American Dream. This concise study guide includes plot summary; character analysis; author biography; study questions; historical context; suggestions for further reading; and much more. For any literature project, trust Literary Themes for Students: The American Dream for all of your research needs.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:43:08 „Dann durfte Stephen Colbert als seine Kunstfigur Stephen Colbert beim sogenannten White House Correspondence Dinner 2006, wo immer ein Komiker einen Vortrag hält, sprechen, in Anwesenheit des Präsidenten ist.“
Stephen Colberts Auftritt beim White House Correspondents' Dinner 2006 wird als denkwürdiger Fernsehmoment besprochen, bei dem Colbert in seiner Rolle als konservativer Kommentator George W. Bush und dessen Anhänger vor dem Präsidenten selbst karikierte. Die Sprecher analysieren Bushs sichtbares Unbehagen und die Unmöglichkeit, über sich selbst zu lachen, wenn man als Vollidiot dargestellt wird.
Comedians in Cars Getting Coffee
Jerry Seinfeld · 2012
Jerry Seinfelds Format „Comedians in Cars Getting Coffee" ist eine Serie, in der der Comedian mit glamourösen Autos zu bekannten Persönlichkeiten fährt, um sie auf Kaffee zu treffen. Die Sendung wird im Kontext der politischen Satire unter Barack Obama untersucht: Eine Folge zeigt Seinfeld, der im Weißen Haus vorfährt und Obama zum Kaffee abholt. Dies illustriert, wie sich die Beziehung zwischen Comedians und der Regierung veränderte – die fehlende kritische Distanz erschwerte authentische Satire.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:47:42 „Von Jerry Seinfeld, den wir beide sehr, sehr verehren, der hat eine Sendung, die hat den schönen Titel Comedians in Cars Getting Coffee, wo er immer mit einem extravaganten, glamourösen Auto irgendwo vorfährt und dann einen Promi einlädt und die holen sich einen Kaffee.“
Die Sendung wird als Beispiel dafür herangezogen, wie sich die politische Satire unter Obama veränderte. In einer Folge fährt Seinfeld im Weißen Haus vor und holt Obama zum Kaffee – Ijoma Mangold beschreibt die Szene als Beleg dafür, dass zwischen Comedians und dem Obama-Lager keine Distanz mehr bestand, was Satire schwierig machte.
White House Correspondents' Dinner 2011 – Barack Obama Rede
Barack Obama · 2017
Here is the complete text of the historic speech given by President Barack Obama on May 19, 2011 about self-determination and change in the Middle East and North Africa, plus extensive material from the State Department about Administration policy towards Bahrain, Egypt, Jordan, Libya, Morocco, Syria, Tunisia, Yeman, Iraq, Iran, Israel and the Palestinians, and more.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:49:33 „Jetzt könnte man sagen, ihnen fällt natürlich das beste Material, das sie je hatten, George W. Bush, weg. Stattdessen kommt Obama. [...] sagt Obama sehr, sehr komisch und lässig, er habe noch nie gezeigtes Filmmaterial beschafft über seine Geburt.“
Die Sprecher diskutieren Obamas legendären Auftritt beim White House Correspondents' Dinner 2011, bei dem er Donald Trump mit einem Clip aus König der Löwen als angebliches Geburtsvideo verspottete. Der Ausschnitt wird im Podcast eingespielt und als mögliche Urszene für Trumps Präsidentschaftsambitionen gedeutet.
König der Löwen
· 1994
Unter der Obhut seines Vaters Mufasa wächst der Löwenjunge Simba unbeschwert heran und soll eines Tages dessen Platz als König einnehmen. Aber bis dahin ist es ein langer Weg, der Simbas ganzen Mut erfordert. Stets begleitet von seinen witzigen Freunden Timon und Pumbaa und deren urgemütlicher Lebensphilosophie „Hakuna Matata“, muss Simba sich seiner größten Herausforderung stellen: dem Kampf mit dem hinterhältigen Scar um die Herrschaft über das „geweihte Land“ …
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:49:52 „Und jetzt zeigt er eben einen Ausschnitt aus dem Zeichentrickfilm König der Löwen, wo die ganze Tierwelt sich verbeugt bei der Geburt dieses jungen Löwen, ich glaube, er heißt Simba. Und da hören wir jetzt gleich die Filmmusik.“
Im Kontext von Obamas berühmtem Auftritt beim White House Correspondents' Dinner zeigt der Präsident als ironische Antwort auf die Birther-Verschwörungstheorie die Eröffnungsszene von König der Löwen als angebliches Filmmaterial seiner Geburt. Der Gag dient als Beispiel für Obamas komödiantisches Talent und seine Fähigkeit, politische Angriffe mit Humor zu kontern.
Oh My God
Louis C.K.
Louis C.K.s 2013er Stand-up-Special demonstriert seine charakteristische Strategie, politische Korrektheit von innen heraus zu kritisieren. Seine berühmte 'Of course... but maybe'-Routine behandelt die Diskrepanz zwischen moralisch korrekten Positionen und unaussprechbaren menschlichen Gedanken, exemplarisch am Beispiel von Erdnussallergien.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:54:17 „Also darf ich eine Lieblingsszene, die finde ich ihn sehr, sehr gut charakterisiert. Ich glaube, das ist aus dem Jahr 2013. Da erzählt er, dass es bei ihm immer so zwei Dinge gäbe in ihm, so the good things and the bad things in me.“
Nina Pauer und Ijoma Mangold spielen einen Ausschnitt aus Louis C.K.s Stand-up-Special von 2013 ein, in dem er seine berühmte 'Of course... but maybe'-Routine über Erdnussallergien vorträgt. Die Szene dient als Beispiel dafür, wie Louis C.K. als Kritiker politischer Korrektheit 'from within' das liberal-progressive Amerika herausfordert, indem er die Diskrepanz zwischen moralisch korrekten Positionen und unaussprechlichen Gedanken zum Thema macht.
Stand-up-Special über MeToo
Dave Chappelle
Stand-up-Auftritt von Dave Chappelle zur MeToo-Bewegung, in dem er eine differenziertere Perspektive wagt, während das linksliberale Amerika eine einhellige Haltung vertritt. Chappelle wird als Beispiel dafür erwähnt, dass Stand-up-Komiker fast die letzten sind, die die politische Polarisierung in der amerikanischen Öffentlichkeit unterlaufen.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:56:54 „Auf dem Höhepunkt der MeToo-Bewegung gab es aus dem linksliberalen Amerika wiederum eine einhellige Meinung dazu. Wenn kam das von Komikern, wie Chappelle hat damals in einem Stand-Up was dazu gesagt oder sowas, das wieder versucht hat, so ein bisschen anzuordnen.“
Lars Weisbrod nennt Dave Chappelles Stand-up-Kommentar zur MeToo-Bewegung als Beispiel dafür, dass Stand-up-Comedians fast die letzten in der amerikanischen Öffentlichkeit sind, die die politische Polarisierung unterlaufen. Während das linksliberale Establishment eine einhellige Meinung vertrat, wagten Komiker wie Chappelle eine differenziertere Einordnung.
Real Time with Bill Maher
Bill Maher · 2003
Wöchentliche Comedy-Talkshow, in der aktuelle politische und gesellschaftliche Themen satirisch kommentiert werden. Mit renommierten Gästen diskutiert die Show progressives Amerika und innerdemokratische Debatten kritisch-witzig. Der Ton ist pointiert und kontrovers.
🗣 Ijoma Mangold empfiehlt aktiv bei ⏱ 01:05:09 „Bill Mayer, dessen Show ich sehr gerne schaue, ist seit Jahren ein Kritiker, sagen wir es jetzt mal mit einem Begriff, der hier in unserer Sendung immer wieder gern gebraucht wird, des Vogue-Milieus. Bill Mayer sagt, die Demokraten haben die Verbindung zu weiten Teilen der Bevölkerung verloren, weil sie nur noch in diesem identitätspolitischen Wahnsinn unterwegs sind.“
Ijoma Mangold stellt Bill Mahers Show als Prognose für die Zukunft der amerikanischen Comedy vor. Maher verkörpere eine Kritik an der identitätspolitischen Ausrichtung der Demokraten von innen heraus. Mangold sieht in dieser innerdemokratischen Debatte zwischen Mittellager und Progressives die neue Front, die von Comedians orchestriert werden wird.