Sind wir Geschichte
Lars Weisbrod, Nina Pauer
Zehnte Folge, aufgenommen in der Wahlnacht-Erschöpfung nach der US-Wahl 2020 — Lars hat tagelang durchgemacht. Angestoßen von einem Hörer, der die Anfangstage essayistischer fand, wollen die beiden heute 'deep und geschichtsphilosophisch' werden: Warum spürt ihre Generation plötzlich wieder die Wucht der Geschichte, obwohl sie längst nicht mehr damit gerechnet hatte? Bevor es ernst wird, landet Lars erst mal bei salted caramel als Gegenwartsvorschlag.
„Dass wir das Publikum mit einbeziehen, heißt bei uns kompletter Opportunismus. Wir machen einfach immer genau das, was in der letzten Zuhörermail stand.“
Erwähnte Medien (15)
Das Ende der Geschichte und der letzte Mensch
Francis Fukuyama · 2022
Ist Geschichte eine endlose Wiederholung von Aufstieg und Verfall? In seinem weltberühmten Grundlagenwerk legt Francis Fukuyama dar, warum für ihn die liberale Demokratie den Endpunkt der Geschichte bedeutet. Im Sommer 1989 elektrisierte ein Artikel eines bis dato unbekannten Politikwissenschaftlers in der Zeitschrift The National Interest die Welt. Er führte zu Kontroversen bis in die Leitartikel diverser Zeitungen.
🗣 Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:12:00 „Hatten wir das Ende der Geschichte, das nach 1989 ausgerufen wurde, nicht längst hinter uns“
Weisbrod diskutiert Fukuyamas These vom Ende der Geschichte als Ausgangspunkt für das Millennial-Gefühl, in einer geschichtslosen Zeit aufgewachsen zu sein.
Fridays for Future
· 2020
Wer sind die jungen Menschen, die sich in der Bewegung "Fridays for Future" engagieren und unermüdlich für Umwelt- und Klimaschutz auf die Straße gehen? Wie sieht ihr Leben aus und wie wird ihr Aktivismus durch die aktuellen Ereignisse im Jahr 2020 und die Coronavirus-Pandemie beeinflusst oder verändert? Der Dokumentarfilm begleitet sie und zeigt, wie vielfältig, kreativ, aber auch kräftezehrend die Protestarbeit sein kann, indem die Filmemacher eindrucksvoll von den Ängsten, Träumen, Erfolgen u...
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:18:38 „Also ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich irgendwann mal so eine Arte-Doku über Fridays for Future gesehen habe, die richtig, richtig gut war. Vielleicht suche ich den Titel noch mal raus, dann kann ich die unten verlinken. Wo ich da so saß und dachte, boah, ihr seid da so drin.“
Nina Pauer erinnert sich an eine Arte-Dokumentation über Fridays for Future, die sie sehr beeindruckt hat. Sie beschreibt das Gefühl, als Millennial zuzuschauen, wie die jüngere Generation mit voller Wucht in eine politische Bewegung einsteigt, während man selbst nur am Rand steht. Den genauen Titel kennt sie nicht mehr.
Zaungäste: Die Generation, die nach der Revolte kam
Reinhard Mohr · 1992
Generationsporträt der Nachachtundsechziger, die als „Zaungäste" die Revolte von 1968 von außen beobachteten. Mohr untersucht das Lebensgefühl einer Generation, die zwischen den Epochen stand und versuchte, ihre eigene Identität im Schatten großer historischer Ereignisse zu finden.
🗣 Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:20:00 „Reinhard Mohr hat ein Buch geschrieben, Zaungäste, Die Generation, die nach der Revolte kam“
Weisbrod erwähnt Mohrs Generationsporträt der Nachachtundsechziger als Beispiel für das Gefühl, zwischen historischen Ereignissen zu leben.
Die Jugend von heute
Jens Balzer
Jens Balzers Artikel in der Zeit Online untersucht die Generationenkonflikte, die durch Corona neu entfacht wurden. Im Fokus steht der Topos der feiernden Jugend, der für steigende Infektionszahlen verantwortlich gemacht wird – eine vereinfachte Erzählung, die gesellschaftliche Spannungen zwischen den Generationen verschärft.
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:21:36 „Ein Kollege von uns, Jens Balzer, hat gerade einen Artikel geschrieben auf Zeit Online, die Jugend von heute, dass durch Corona, also da geht es vor allem um diesen Topos, die feiernde Jugend treibt die Infektionszahlen hoch.“
Nina Pauer verweist auf einen aktuellen Zeit-Online-Artikel ihres Kollegen Jens Balzer, der beschreibt, wie Corona die Generationenkonflikte wieder verschärft hat. Der Artikel passt in die Diskussion darüber, dass verschiedenen Generationen unterschiedliche Rollen und Verhaltensweisen zugeschrieben werden.
Zaungäste
· 1992
Zaungäste ist ein Lustspiel in einem Akt von Christoph Hein. Der Text erschien 1999 innerhalb der Sammlung „Christoph Hein. Stücke“ im Aufbau-Verlag Berlin. Für seine Farce legt der Autor ein trauriges Ereignis aus der deutschen Nachkriegsgeschichte zugrunde: die Sprengung der Klosterkirche St. Pauli in der Leipziger City am 30. Mai 1968.
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:23:50 „Und als Phänomen, dass es das schon vorher mal gab, das ist ein Buch, das heißt Zaungäste, was überhaupt ein sehr schönes Wort ist. Das geht darum, dass die Generation direkt nach den 68er, also die noch zu jung war für die 68er, dass die sozusagen auch das Gefühl hatten, sie gucken den anderen so dabei zu bei der Revolution und selber sind sie irgendwie auch in so einer bleiernden, stillgestandenen Welt eher gefangen, aus der sie nicht rauskamen.“
Nina Pauer erzählt, dass ein Kollege ihr dieses Buch empfohlen hat. Es beschreibt die Generation direkt nach den 68ern, die sich als Zuschauer der Revolution fühlte – ein Phänomen, das Nina als Parallele zur Situation der Millennials sieht, die ebenfalls das Gefühl haben, zwischen den geschichtsträchtigen Generationen festzustecken.
Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?
Mark Fisher · 2009
Das Werk analysiert, wie die Popkultur und Gesellschaft die Fähigkeit verloren haben, sich Alternativen zum Kapitalismus vorzustellen. Fisher diagnostiziert eine kulturelle Lähmung: Selbst Kapitalismuskritik verfällt in nostalgischer Sehnsucht nach besseren Zeiten, statt neue Modelle zu entwerfen.
🗣 Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:25:00 „Mark Fisher hat das in seinem Buch Kapitalistischer Realismus so treffend beschrieben“
Weisbrod nutzt Fishers These, dass es leichter sei, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus, um die Geschichtsvergessenheit der Millennials zu erklären.
The End of History and the Last Man
Francis Fukuyama · 2006
Ever since its first publication in 1992, The End of History and the Last Man has provoked controversy and debate. Francis Fukuyama's prescient analysis of religious fundamentalism, politics, scientific progress, ethical codes, and war is as essential for a world fighting fundamentalist terrorists as it was for the end of the Cold War. Now updated with a new afterword, The End of History and the Last Man is a modern classic.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:25:28 „Es gibt ja diesen berühmten Ausspruch von Fukuyama, von diesem Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, dass nach 1989, als der große Systemkonflikt zwischen Ost und West beendet wurde, es gab überall auf der Welt im Prinzip nur noch liberale Demokratien und Kapitalismus. Das war, so ging der Satz, das Ende der Geschichte.“
Lars Weisbrod ergänzt Nina Pauers Generationenbeschreibung um eine geschichtsphilosophische Perspektive. Fukuyamas These vom 'Ende der Geschichte' nach 1989 dient als Erklärung dafür, warum ihre Generation in einer scheinbar geschichtslosen Zeit aufgewachsen ist – ohne große ideologische Konflikte, gefangen in einem postmodernen 90er-Jahre-Vibe.
The Post-Capitalist Interregnum
Wolfgang Streeck · 2016
The Old System Is Dying, But a New Social Order Cannot Yet Be Born Appeared in Juncture, Vol. 23 (2016), No. 2, 68-77. Download [Paywall]
🗣 Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:30:00 „Wolfgang Streeck hat diesen Aufsatz geschrieben, The Post-Capitalist Interregnum“
Weisbrod zitiert Streecks These, dass das alte System stirbt, aber eine neue Ordnung noch nicht geboren werden kann.
Black Mirror
Charlie Brooker · 2011
In dieser dystopischen Anthologieserie treffen die größten Innovationen der Menschheit auf ihre dunkelsten Eigenschaften.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:31:33 „Und natürlich war mein erster Gedanke, ah, das ist ja wie in so einer leicht schrägen, Black-Mirror-dystopischen Serie. Also selbst in diesem Moment konnte ich mich nicht freimachen von dieser Übersetzung, das ist ja wie im Film oder wie in der Serie.“
Lars Weisbrod beschreibt seinen Eindruck von Trumps Wahlnacht-Auftritt vor den wuchernden amerikanischen Flaggen. Sein erster Reflex war, das Geschehen mit der dystopischen Serie Black Mirror zu vergleichen – ein Beispiel dafür, wie seine Generation reale Geschichte unwillkürlich durch den Filter von Fiktion wahrnimmt.
Heimat: Ein deutsches Familienalbum
Nora Krug · 2018
Grafisches Memoir von Nora Krug, das deutsche Familiengeschichte und persönliche Zeitzeugenschaft verwebt. Das Buch erzählt durch Zeichnungen und Text von den Fluchterlebnissen ihrer Familie während des 20. Jahrhunderts und erforscht, wie historische Ereignisse einzelne Familien prägen. Ein wichtiges Werk über Identität, Flucht und das Erbe von Kriegsgenerationen in Deutschland.
🗣 Pauer referenziert bei ⏱ 00:35:00 „Nora Krug hat dieses Buch Heimat geschrieben, Ein deutsches Familienalbum“
Pauer erwähnt Krugs grafisches Memoir über deutsche Familiengeschichte und Zeitzeugenschaft.
Streiken fürs Klima
Arte Re: · 2020
Die Dokumentation aus der Arte-Reihe 'Re:' porträtiert die Klimabewegung Fridays for Future und zeigt, wie junge Menschen sich für den Klimawandel engagieren. Sie beleuchtet ihre Motivation, ihre Proteste und ihren Einsatz in einem historischen Kampf um die Zukunft unseres Planeten.
🗣 Pauer referenziert bei ⏱ 00:40:00 „Die Doku über Fridays For Futures aus der Reihe Arte Re heißt Streiken fürs Klima“
Pauer erwähnt die Arte-Dokumentation über die Klimabewegung als Beispiel dafür, wie junge Menschen sich in historischen Kämpfen engagieren.
Children of Men
Alfonso Cuarón · 2006
Im Jahre 2027 hat die Menschheit die Zeugungskraft verloren und steuert in einem letzten anarchistischen Aufbäumen dem eigenen Aussterben entgegen. Mittendrin: Theo, einst idealistischer Kämpfer für eine bessere Welt, jetzt resignierter, angepasster Regierungsagent in einem mitleidslosen Wettlauf um die Macht auf den kriminellen Straßen. Sein neuer Auftrag ist anders als die anderen: Er soll die junge Kee beschützen. Auf Kee hat es die ganze Welt abgesehen. Denn Kee ist schwanger.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:40:03 „In seinem Buch Kapitalistischer Realismus gibt es einen kurzen Absatz, den ich gerne einmal Siri bitten würde, uns vorzulesen. Am Anfang geht es kurz um den Film Children of Man. Den muss man aber nicht weiter kennen, um zu verstehen, was hier gemeint ist.“
Der Film wird als Referenzpunkt in Mark Fishers Buch 'Capitalist Realism' erwähnt. Fisher nutzt die dystopische Welt des Films, um seine These zu illustrieren: Die Katastrophe kommt nicht als plötzliches Ereignis, sondern als schleichendes Ausfranzen der Welt. Lars Weisbrod ordnet den Film als nicht zwingend nötig zum Verständnis ein.
Gefängnishefte
Antonio Gramsci · 1992
Antonio Gramscis Gefängnishefte enthalten das berühmte Zitat über Umbruchzeiten: „Die alte Welt ist untergegangen, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster." Der italienische Marxist schrieb diese Reflexionen während seiner Haft in den 1930ern auf und analysierte damit, wie gesellschaftliche Krisen die menschliche Natur verändern. Das Zitat bleibt relevant, weil es erklärt, warum Menschen in Zeiten großer Veränderung zu extremeren Verhaltensweisen neigen – ein zentrales Thema für das Verständnis von Kultur, Politik und Literatur.
🗣 Nina Pauer zitiert daraus bei ⏱ 00:42:41 „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren, es ist die Zeit der Monster. Also von wem ist das, Lars?“
Nina Pauer zitiert den berühmten Satz, der Gramsci zugeschrieben wird, um das Gefühl der Gegenwart zwischen zwei Epochen zu beschreiben. Lars Weisbrod ergänzt, dass das Zitat möglicherweise gar nicht direkt von Gramsci stammt, sondern von Žižek so zugespitzt übersetzt wurde. Beide nutzen es als treffende Formel für die 'Monster' der Gegenwart wie Trump und Populismus.
Heimat
Nora Krug · 2018
The German bestseller - a powerful and deeply affecting graphic memoir that explores identity, guilt and the meaning of home *WINNER of the The National Book Critics Circle Award for Autobiography* One of the Guardian's '50 Biggest Books of Autumn 2018' The New York Times Critics' Top Books of 2018 Nora Krug grew up as a second-generation German after the end of the Second World War, struggling with a profound ambivalence towards her country's recent past.
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:47:00 „Also zumindest, es gibt ja auch viele nachdenkliche, zum Beispiel von Nora Krug gibt es so eine, Heimat heißt es, glaube ich, so eine Graphic Novel, also diese Spurensuche der Millennials bei ihrer NS-Familienvergangenheit.“
Nina Pauer nennt Nora Krugs Graphic Novel als Beispiel für die These, dass Millennials unbewusst Traumata früherer Generationen in sich tragen. Das Buch steht exemplarisch für eine Spurensuche in der NS-Familienvergangenheit und das diffuse Unwohlsein, das sich bei Nachgeborenen als private Unruhe äußert statt als politisches Engagement.
Capitalist Realism
Mark Fisher · 2009
After 1989, capitalism has successfully presented itself as the only realistic political-economic system - a situation that the bank crisis of 2008, far from ending, actually compounded. The book analyses the development and principal features of this capitalist realism as a lived ideological framework. Using examples from politics, films, fiction, work and education, it argues that capitalist realism colours all areas of contemporary experience.
🗣 Lars Weisbrod empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:48:12 „Der leider auch früh verstorbene Kulturtheoretiker, würde man ihn vielleicht nennen, Mark Fisher, hat ein Buch geschrieben, Capitalist Realism heißt das auf Deutsch, kapitalistischer Realismus, schreiben wir auch unten in die Shownotes rein. Und Mark Fischer ist immer davon ausgegangen, dass eben nach 89 Geschichte auf eine schlechte Art zu Ende ging und ersetzt wurde durch das, was er kapitalistischer Realismus nennt, der vor allem geprägt ist durch eine Alternativlosigkeit.“
Lars Weisbrod stellt Mark Fishers Buch als die pessimistischere Variante der Gegenwartsdiagnose vor: Nach 1989 wurde Geschichte durch kapitalistischen Realismus ersetzt, geprägt von Alternativlosigkeit. Er lässt sogar einen längeren Absatz aus dem Buch vorlesen, der das Gefühl einer schleichenden, nicht greifbaren Katastrophe beschreibt – passend zur Stimmung von 2020.