Muss Dienen wieder sexy werden
Nina Pauer, Lars Weisbrod, Ijoma Mangold
Deutschland diskutiert die Rückkehr des Militärischen: Braucht das Land wieder eine schlagkräftige Bundeswehr, und was ist aus dem Pazifismus geworden, der einst ganze Parteien definierte? Die Folge kreist um Wehrtüchtigkeit, die Wandlung der Grünen zur "olivgrünen" Partei und die Frage, ob eine ganze Generation ihren Pazifismus verlernen muss. Im Gegenwartscheck beobachtet Lars Weisbrod ein neues Sprachphänomen: Junge Menschen wechseln mitten im deutschen Satz nicht mehr nur für Anglizismen ins Englische, sondern heben ganz gewöhnliche Sätze random in die andere Sprache.
„Müssen wir jetzt den Pazifismus — Unlearning Pazifismus?“
Erwähnte Medien (14)
Glosse über Zahnkosmetik und Amy Lou Wood
Claire Beermann
Die Glosse von Claire Beermann im Zeitmagazin behandelt den Wandel von Schönheitsidealen: Zahnlücken gelten zunehmend als attraktiv, im Gegensatz zum lange dominierenden Ideal der perfekt korrigierten Zahnkosmetik. Der Text beschreibt diese Gegenbewegung zu standardisierten Schönheitsidealen.
🗣 Nina Pauer zitiert daraus bei ⏱ 00:11:35 „Wir hatten eine schöne Glosse von Claire Beermann im Zeitmagazin darüber, wie sozusagen das jetzt als, also es gibt ja immer diese Dialektik von Schönheitsidealen, die Zahnkosmetik ist angestiegen.“
Nina Pauer bringt im Gegenwartscheck das Thema Zahnlücken als neues Schönheitsideal ein, ausgelöst durch die White-Lotus-Schauspielerin Amy Lou Wood. Sie verweist auf eine Glosse von Claire Beermann im Zeitmagazin, die den Trend zur imperfekten Zahnästhetik als Gegenbewegung zur perfekten Porzellan-Zahnkosmetik beschreibt.
Give Peace a Chance
John Lennon
Give Peace a Chance (englisch für: Gebt dem Frieden eine Chance) ist ein Lied von John Lennon, das am 1. Juni 1969 von Lennon, Yoko Ono und weiteren Beteiligten während eines „Bed-ins“ im Queen Elizabeth Hotel in Montreal aufgenommen und unter dem Gruppennamen Plastic Ono Band veröffentlicht wurde. Es war die erste Solosingle eines Mitglieds der Beatles.
🗣 Nina Pauer zitiert daraus bei ⏱ 00:17:12 „Also bei mir war das so, ich bin aufgewachsen und es gab diese, das wird mir jetzt erst klar, wie viele Topoi es gab, also Yoko Ono und John Lennon, gemeinsam, die im Bett liegen und ich und meine Eltern mir erklären, was die da gemacht haben. Give Peace a Chance singen, Imagine singen.“
Neben 'Imagine' nennt Nina Pauer auch 'Give Peace a Chance' als prägendes Friedenslied ihrer Kindheit. Die Bed-Ins von Yoko Ono und John Lennon und ihre Friedenslieder waren Teil des kulturellen Überbaus, in dem sie aufgewachsen ist.
Im Westen nichts Neues
Erich Maria Remarque · 1984
The full German text of Remarque's 1929 novel is accompanied by German-English vocabulary. Notes and a detailed introduction in English put the work in its social and historical context.
🗣 Nina Pauer referenziert bei ⏱ 00:18:49 „Natürlich aus der NS-Zeit, aber auch im Westen nichts Neues. Da haben wir ja schon darüber geredet in der Folge über die Verfilmung von im Westen nichts Neues.“
Nina Pauer erwähnt den Antikriegsroman als Teil der pazifistischen Bildungstradition, in der sie aufgewachsen ist. Das Buch steht neben dem Nie-Wieder-Krieg-Gedenken als kultureller Referenzpunkt, der in Schule und Studium vermittelt wurde.
Spiegeltitel über nicht einsatzfähige Fregatten
Der Artikel thematisiert ein Defizit in der Einsatzbereitschaft der deutschen Marine: Eine Analyse zeigte, dass zu jenem Zeitpunkt keine einzige Fregatte der Marine einsatzfähig war. Trotz dieser erheblichen Rüstungsdefizite führte die damalige Enthüllung zu keiner nennenswerten öffentlichen Debatte oder Sorge in der Bevölkerung.
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:38:26 „Vor zehn Jahren hat unser Kollege Adam Soboczynski mich auf einen Spiegeltitel hingewiesen, wo nachgewiesen wurde, dass es keine einsatzfähige Fregatte bei der deutschen Marine gibt. Und das rief aber überhaupt keine Sorge in der Bevölkerung hervor.“
Ijoma Mangold erinnert an einen Spiegel-Titel von etwa zehn Jahren zuvor, auf den ihn sein Kollege Adam Soboczynski aufmerksam gemacht hatte. Die damalige Enthüllung, dass keine einzige Fregatte der deutschen Marine einsatzfähig sei, habe in der Bevölkerung keinerlei Besorgnis ausgelöst — im krassen Gegensatz zum historischen Skandal um 'Bedingt abwehrbereit'.
Bedingt abwehrbereit
Rudolf Augstein
Die Stationen seiner Karriere Rudolf Augstein wurde am 5. November 1923 in Hannover geboren. Nach dem Abitur 1941 arbeitete er unter anderem als Volontär beim Hannoverschen Anzeiger., Im Anschluss an das Volontariat wurde Augstein zum Arbeitsdienst eingezogen…
🗣 Ijoma Mangold referenziert bei ⏱ 00:38:51 „Ältere unter uns werden sich erinnern, dass es früher mal einen Spiegeltitel gab, der lautete, bedingt abwehrbereit. Das war glaube ich in den 50er, 60er Jahren. Das war ein Riesenskandal, der Franz Josef Strauß, da werden fast Köpfe gerollt, weil die Tatsache, dass man militärisch nicht handlungsfähig ist, als ein Moment großer Unverantwortlichkeit wahrgenommen wurde.“
Ijoma Mangold kontrastiert zwei historische Spiegel-Titelgeschichten, um den Mentalitätswandel in der deutschen Gesellschaft zu illustrieren. Der berühmte Titel 'Bedingt abwehrbereit' aus den frühen 1960er Jahren löste einen Riesenskandal aus und brachte Franz Josef Strauß in Bedrängnis — die fehlende Verteidigungsfähigkeit wurde als unverantwortlich empfunden, ganz anders als Jahrzehnte später.
Politikteil
ZEIT Online
Kann die Zeitenwende gelingen? Wie weit geht der Aufstieg der Populisten? Und welche Macht gewinnt KI über unser Leben? Am Ende der Woche sprechen wir über Politik – was sie antreibt, was sie anrichtet, was sie erreichen kann. Jeden Freitag zwei Moderatoren, ein Gast und ein Geräusch. Im Wechsel hören Sie hier Ileana Grabitz, Peter Dausend, Tina Hildebrandt, und Heinrich Wefing.
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:39:14 „Ich fand ja sehr eine Empfehlung, nochmal zu hören, das Politikteil vor, glaube ich, das vorletzte. Da war Franz-Stefan Gardi, der Militärexperte, zu Gast.“
Nina Pauer empfiehlt eine konkrete Episode des ZEIT-Podcasts Politikteil, in der der Militärexperte Franz-Stefan Gady zu Gast war. Sie nutzt dessen Argumente als Grundlage für ihre Position in der Debatte über Wehrtüchtigkeit und referiert daraus ausführlich seine Analyse zur Personalknappheit der Bundeswehr und zur Notwendigkeit eines mentalen Wandels.
Die Rückkehr des Krieges
Franz-Stefan Gady · 2024
Der Militärexperte Franz-Stefan Gady untersucht in diesem Werk die Notwendigkeit einer neuen Verteidigungsstrategie für Deutschland. Das Buch behandelt nicht nur technische und finanzielle Aspekte der Aufrüstung, sondern argumentiert, dass ein mentaler Wandel in der Gesellschaft ebenso entscheidend ist. Gady plädiert dabei für ein deutlich größeres Reserveheer und betont, dass potenzielle Gegner vom Verteidigungswillen Deutschlands überzeugt sein müssen.
🗣 Nina Pauer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:39:26 „Da war Franz-Stefan Gardi, der Militärexperte, zu Gast. Der hat ein Buch geschrieben, die Rückkehr des Krieges, warum wir wieder lernen müssen, mit Krieg umzugehen. Und wenn der jetzt spricht, kann man ja sagen, jetzt hört man dem halt mal auch an Stellen zu, wo man vorher abgeschaltet hätte.“
Nina Pauer empfiehlt das Buch des Militärexperten Franz-Stefan Gady im Kontext der Debatte um Deutschlands Verteidigungsfähigkeit. Sie referiert ausführlich seine Thesen: Deutschland brauche ein Reserveheer von 200.000 bis 300.000 Mann, habe aber nur zehn Prozent davon. Besonders betont sie sein Argument, dass der mentale Shift in den Köpfen wichtiger sei als das bloße finanzielle Aufrüsten — potenzielle Gegner müssten auch den Willen zur Verteidigung spüren.
Das hier ist keine Übung
Jens Jessen
Der Artikel argumentiert, dass Deutschlands Aufrüstung nicht allein eine Frage der Finanzierung ist, sondern ein grundsätzliches Umdenken gegenüber dem Soldatenberuf erfordert. Angesichts der deutschen Geschichte ist es eine besondere kulturelle Herausforderung, den Soldatenberuf wieder gesellschaftlich zu würdigen und zu bewundern. Jessen plädiert dafür, dass dieser mentale Shift in der Bevölkerung genauso wichtig ist wie der Anstieg des Militärhaushalts.
🗣 Nina Pauer zitiert daraus bei ⏱ 00:49:03 „Und ich finde jetzt, ich finde den Text, den wir von Jens Jessen im Feuilleton diese Woche haben, das hier ist keine Übung. Wenn Deutschland aufrüsten will, muss es auch den Soldatenberuf neu denken. Auch wenn uns das wegen unserer Geschichte schwerfällt.“
Nina Pauer bringt einen aktuellen Feuilleton-Text von Jens Jessen ins Gespräch, der argumentiert, dass Aufrüstung auch ein Umdenken beim Soldatenberuf erfordere. Sie nutzt den Artikel, um die Diskussion von der reinen Finanzierungsfrage auf die kulturelle Dimension zu lenken — den sogenannten Shift in den Köpfen, der schwieriger sei als das bloße Hochfahren des Militärhaushalts.
Franz Josef Degenhardt-Lied
Franz Josef Degenhardt
Referenz auf Franz Josef Degenhardt und die klassische moralische Gewissensprüfung bei Kriegsdienstverweigerung. Lars Weisbrod nutzt das berühmte Lied als Metapher für die Dilemmasituation, die frühere Generationen während der Musterung bewältigen mussten. Es geht um die Spannung zwischen Landesverteidigung und individueller Gewissensfreiheit, ein Kernthema von Degenhardts sozialkritischem Werk.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:50:05 „Nein, ich will die Frage nicht beantworten, weil die für mich so klingt wie aus dem berühmten Franz Josef Degenhardt-Lied, die alte Frage, die man wir nicht mehr, Nina hat das ja erklärt mit ihrem Ex-Freund, wir mussten das so hart nicht mehr beantworten, aber frühere Generationen mussten dann immer gefragt werden.“
Lars Weisbrod verweigert die direkte Beantwortung der Frage nach der Legitimität von Landesverteidigung und verweist auf ein bekanntes Lied von Franz Josef Degenhardt. Er assoziiert damit die typische Gewissensprüfung, die Kriegsdienstverweigerer bei der Musterung beantworten mussten — die konstruierte Extremsituation mit dem Angreifer im Wald. Der genaue Titel wird nicht genannt.
Terror
Ferdinand von Schirach · 2016
Ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt? Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:50:33 „Das ist ja alles auch so ein Ferdinand von Schirach-Kitsch, wo man immer überlegen muss, und soll man dann das Flugzeug abschießen, wenn es über dem Stadion ist oder nicht, ja?“
Lars Weisbrod verweist auf Ferdinand von Schirachs moralisches Dilemma-Szenario — darf man ein entführtes Flugzeug über einem vollen Stadion abschießen? — als Beispiel für konstruierte Extremsituationen, mit denen man Menschen zu einer bestimmten Antwort drängt. Er zieht die Parallele zur Frage nach der Landesverteidigung, die ihm ähnlich manipulativ gestellt erscheint.
Der Soldat James Ryan
Steven Spielberg · 1998
Aus der Sicht einer Einheit amerikanischer Soldaten beginnt der Film am Tag der historischen D-Day-Invasion des 2. Weltkrieges mit der Landung am Strand. Von hier aus startet die Einheit zu einem gefährlichen Sonderauftrag: Captian John Miller muss mit seinen Männern hinter die feindlichen Linien dringen, um den Gefreiten James Ryan zu finden, dessen drei Brüder auf dem Schlachtfeld gestorben sind. Angesichts dieser schier unlösbaren Aufgabe beginnen die Männer an ihren Befehlen zu zweifeln.
🗣 Lars Weisbrod referenziert bei ⏱ 00:59:35 „Ich habe damals auf, also ich muss ganz zum Ersten Weltkrieg gehen, ich habe damals auf der Soldat James Ryan, ein Mainstream-Popkulturwerk eher verwiesen, dessen Botschaft ja an sich ist, dass da selbst für die ganz viel Sinnlosigkeit drin steckte. Und sich niemand unbedingt wie ein toller Held da fühlte.“
Im Kontext der Debatte über Heldentum und Wehrtüchtigkeit nennt Lars Weisbrod Spielbergs Film als Beispiel dafür, dass selbst die Alliierten im Zweiten Weltkrieg – die für die beste Sache kämpften – sich nicht als Helden fühlten. Der Film dient ihm als popkulturelles Argument gegen eine heroische Verklärung des Krieges.
Der Herr der Ringe
J. R. R. Tolkien
Ein ungewöhnlicher Held. Eine Reise voller Gefahren. Das größte Abenteuer aller Zeiten. In einem ruhigen Dorf im Auenland bekommt der junge Frodo ein Geschenk, das sein Leben für immer verändern wird – den Einen Ring, der seit Jahrhunderten als verschollen galt. Ein mächtiges und furchterregendes Ding, mit dem der Dunkle Herrscher einst Mittelerde versklavte.
🗣 Lars Weisbrod erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:59:49 „Es ist irgendwie diese Vorstellung, als würden die Leute dann mit silbernem Schwert, ja, wie sagt man dann immer, die Russen sind die Orks und ich kämpfe jetzt mit der silbernen Rüstung, flüge ich da mit meinem Schwert durch die Orks durch und dann kommt immer jemand mit Herr der Ringe vergleichen oder so. Es ist ja offensichtlich Blödsinn.“
Lars Weisbrod kritisiert die romantisierte Vorstellung von Krieg als heroischem Abenteuer. Er verweist auf den verbreiteten Vergleich des Ukraine-Kriegs mit Herr der Ringe – Russen als Orks, Verteidiger als strahlende Ritter – und nennt das offensichtlichen Blödsinn, der die Antikriegsliteratur der letzten 100 Jahre ignoriere.
Warum ich nicht kämpfen werde
Ole Nyman · 2019
Der zweite Fall von Dänemarks sympathischster Ermittlerin Der Herbst hält EInzug in Skagen und vertreibt die letzten Sommergäste. Helle Jespers, Leiterin der örtlichen Polizeistation, sehnt sich nach mehr Zeit und weniger Trubel. Doch die Ruhe währt nur kurz, denn in der Nähe der beliebten Wanderdüne Rabjerg Mile wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Laut Obduktion stammt sie offenbar aus dem südostasiatischen Raum. Doch niemand scheint sie zu vermissen.
🗣 Lars Weisbrod zitiert daraus bei ⏱ 01:06:27 „Ole Nyman, der bei uns in der Zeit den Gastbeitrag geschrieben hat, warum ich nicht kämpfen werde, der jetzt auch nochmal ein Buch darüber geschrieben hat und sozusagen ein bisschen der... auf verlorenen Posten fast ist der Einzige, der in Talkshows sitzt, wo er jetzt aber immer eingeladen wird und irgendwie diese Position verteidigt.“
Lars Weisbrod erwähnt Ole Nymans Buch, das aus einem ZEIT-Gastbeitrag hervorgegangen ist und eine pazifistische Gegenposition zur Aufrüstungsdebatte vertritt. Nyman argumentiert als Linker, dass Liberale bei minimalen Steuererhöhungen Totalitarismus wittern, aber bei Wehrpflicht und Zwangsrekrutierung plötzlich relativieren.
De Civitate Dei
Augustinus von Hippo · 2021
Philosophisch-theologisches Werk, das untersucht, was einen gerechten Staat von willkürlicher Herrschaft unterscheidet. Die zentrale These: Ohne Recht und Gerechtigkeit ist der Staat nur eine Räuberbande. Ein einflussreicher Klassiker der politischen Philosophie.
🗣 Ijoma Mangold zitiert daraus bei ⏱ 01:11:31 „Der Staat ist, wie sagt der heilige Augustinus, nimm das Recht weg. Und der Staat ist nichts anderes als eine einzige große Räuberbande. Da hat der heilige Augustinus völlig recht.“
Ijoma Mangold zitiert Augustinus' berühmtes Diktum über den Staat als Räuberbande, um seine liberale Staatsauffassung zu untermauern. Er argumentiert, dass der Staat nur bei Kernaufgaben – äußere und innere Sicherheit sowie Bildung – handlungsfähig sein müsse, darüber hinaus aber schlank bleiben solle.