Protest gegen den Tod
Sabine Rückert & Johanna Haberer
In dieser Ostersondersendung dreht sich alles um den Protest gegen den Tod — von der schlichten menschlichen Auflehnung gegen die Sterblichkeit bis zu transhumanistischen Visionen, den Geist ins Digitale zu überführen und durch Algorithmen Verstorbene als Hologramme weiterleben zu lassen. Dabei kommen auch die bizarren Versuche zur Sprache, aus Facebook-Einträgen gefallener Soldaten digitale Abbilder für deren Eltern zu erschaffen, und die Frage, ob eine Ansammlung von Datenblitzen noch ein Mensch ist.
„Gegen den Tod zu protestieren, das kann ich gerne laut und lang tun, er wird mich trotzdem holen.“
Erwähnte Medien (13)
Hologrammatica
Tom Hillenbrand · 2018
Hologrammatica ist ein Science-Fiction-Krimi von Tom Hillenbrand, der in einer Zukunft spielt, in der Menschen ihr Gehirn digitalisieren und ihren biologischen Körper verlassen können. Der Roman erkundet transhumanistische Visionen der Unsterblichkeit durch digitales Weiterleben und verbindet diese philosophischen Fragen mit einem spannenden Kriminalfall. Hillenbrand, ehemaliger Journalist und bekannt für futuristische Thriller, schafft eine fesselnde Erzählung über die Grenzen zwischen Menschsein und Technologie.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:04:26 „Jetzt wollte ich dir erzählen von einem Buch, das ich mit Freuden gelesen habe. Es ist von Tom Hillenbrand, einem Schriftsteller, der früher mal Journalist war und jetzt unglaublich spannende Krimis schreibt, die in der Zukunft spielen. Und der hat ein Buch geschrieben, das auch ein Krimi ist, das heißt Hologrammatica.“
Sabine Rückert empfiehlt den Science-Fiction-Krimi begeistert im Zusammenhang mit der Diskussion über Transhumanismus und die Möglichkeit, den Tod zu überwinden. Das Buch spielt in einer Zukunft, in der Menschen ihr Gehirn auf einen Chip hochladen können und so den biologischen Körper hinter sich lassen. Rückert nutzt es als konkretes Beispiel für die transhumanistischen Visionen, die im Gespräch diskutiert werden.
Cube
Tom Hillenbrand · 2021
Seit Jahrzehnten leben die Bewohner der Milchstraße in Frieden, die Sternenvölker arbeiten zusammen. Dann öffnet sich buchstäblich eine Kluft im Kosmos. Wie sich zeigt, greifen die Mächte des Chaos erneut nach der Milchstraße und den benachbarten Galaxien. Die Terraner finden heraus: In Cassiopeia, einer kleinen Galaxis bei Andromeda, ist ein Chaoporter gestrandet.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:05:45 „Und dann gibt es eine Fortsetzung dieses Hologrammatika, das heißt Cube. Und da geht es darum, dass man sich auch von der Erde verabschiedet. Das ist ja auch die Idee, dass man die Erde in aller Ruhe vernichten kann, wenn man nicht mehr an diesen Körper gebunden ist.“
Als Fortsetzung von Hologrammatica wird Cube erwähnt, in dem die Idee des körperlosen Lebens noch weitergetrieben wird: Die Menschen können als Chip ins All fliegen und sich auf anderen Planeten neue Körper anziehen. Rückert beschreibt damit die radikale Vision einer Menschheit, die weder an Raum, Zeit noch Erde gebunden ist.
Homo Deus
Yuval Noah Harari · 2024
Step into the future with Yuval Noah Harari’s groundbreaking book, Homo Deus: A Brief History of Tomorrow. Discover how humanity’s next chapter may be defined by the pursuit of immortality, artificial intelligence, and ultimate happiness, as we attempt to transcend our biological limitations. Harari challenges everything we know about the future of humankind, revealing the possibility that we might soon become gods ourselves.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:06:29 „Und Yuval Harari sagt ja, es wird demnächst den Dataismus als Religion geben, wo man sich als Menschheit zusammentut und die gemeinsamen Daten als eine Art religiösen Wert ansieht.“
Johanna Haberer zitiert Hararis These vom Dataismus als neue Religion im Kontext der Diskussion über transhumanistische Bewegungen und die Abwertung des Körpers. Sie nutzt Hararis Gedanken, um zu argumentieren, dass diese Vorstellungen den Körper für irrelevant erklären, obwohl gerade der Körper die Grundlage menschlichen Denkens und Erfahrens ist.
Für immer jung
Ulrich Bahnsen
Der Artikel von Ulrich Bahnsen untersucht aktuelle Forschungen zum Verlangsamen des Alterungsprozesses. Im Fokus stehen Experimente mit Blutplasma-Transfusionen zwischen jungen und älteren Lebewesen, etwa an der Stanford University. Der Text beleuchtet, wie Genetiker dem Traum von längerem Leben näherkommen und welche biologischen Mechanismen dabei eine Rolle spielen.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:13:13 „Ich habe hier einen Text mitgebracht für unsere heutige Sendung. Der ist aus der Wissenschaft und ist geschrieben von einem Redakteur aus dem Ressort Wissen, Ulrich Bahnsen, der sich mit Genetik beschäftigt. Und er hat, das war sogar eine Titelgeschichte, die habe ich betreut, deswegen kenne ich sie besonders gut, der hat den Titel betreut für immer jung.“
Sabine Rückert bringt eine ZEIT-Titelgeschichte von Ulrich Bahnsen mit, die sie selbst redaktionell betreut hat. Der Artikel beschreibt, wie Genetiker versuchen, den Alterungsprozess aufzuhalten – insbesondere durch die Experimente von Tony Wyss-Coray an der Stanford University mit Blutplasma-Transfusionen zwischen jungen und alten Mäusen. Rückert liest ausführlich daraus vor.
Faust
Johann Wolfgang von Goethe · 2018
Goethes »Faust. Der Tragödie erster Teil« mit 200 Wort- und Sacherklärungen für ein besseres Textverständnis Goethes »Faust« ist schlichtweg das Menschheitsdrama. Es ist das Drama des nach Erkenntnis strebenden Menschen, der an seine eigenen Grenzen stößt. In seinem Existenzhunger überschreitet Faust diese Grenze und geht einen Pakt mit dem Teufel ein. Goethes Faust-Dichtung ist eines der wort- und motivgewaltigsten Dramen der deutschen Literatur.
🗣 Johanna Haberer referenziert bei ⏱ 00:17:33 „Das haben wir in unseren Opferrieten in der letzten Sendung auch schon gehabt, dass Blut ein ganz besonderer Saft ist. Und das haben die Alten eigentlich immer gedacht, dass Blut ein ganz besonderer Saft ist.“
Johanna Haberer greift die bekannte Formulierung aus Goethes Faust auf ('Blut ist ein ganz besonderer Saft' – Mephistopheles), als sie über die Experimente mit Blutplasma-Transfusionen zwischen jungen und alten Mäusen spricht. Die Formulierung wird als allgemeines altes Wissen präsentiert, ist aber ein erkennbares Faust-Zitat.
Karfreitagspsalm
Ernesto Cardenal
Gedicht von 1967, das den biblischen Psalm 22 mit modernen Schreckensbildern (Gaskammern, Stacheldraht, Psychiatrie) aktualisiert. Christlicher Protest gegen todbringende Strukturen, der in die Hoffnung auf ein Fest der Armen mündet.
🗣 Johanna Haberer empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:22:49 „Und der schreibt jetzt einen Karfreitagspsalm, Der Ernesto Kardinal 1967 und der redet von diesen todbringenden Strukturen. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich bin zur Karikatur geworden, das Volk verachtet mich.“
Johanna Haberer liest den Karfreitagspsalm von 1967 vollständig vor. Das Gedicht aktualisiert den biblischen Psalm 22 mit Bildern aus dem 20. Jahrhundert – Gaskammern, Stacheldraht, Psychiatrie, Sauerstoffzelt – und mündet in die Hoffnung auf ein Fest der Armen. Haberer nutzt es als zentrales Beispiel für den christlichen Protest gegen todbringende Strukturen.
21 Lektionen für das 21. Jahrhundert
Yuval Noah Harari · 2018
Yuval Noah Harari ist der Weltstar unter den Historikern. In «Eine kurze Geschichte der Menschheit» erzählte er vom Aufstieg des Homo Sapiens zum Herrn der Welt. In «Homo Deus» ging es um die Zukunft unserer Spezies. Sein neues Buch schaut auf das Hier und Jetzt und konfrontiert uns mit den drängenden Fragen unserer Zeit.
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:25:42 „Und es schreibt übrigens auch der Yuval Harari am Ende seiner letzten Lektionen, wir haben einen Körper, was macht da den Unterschied? Und dann schreibt er auch noch, könnte es nicht sein, wenn wir die Menschen wie Algorithmen denken, dass wir da einen ganz entscheidenden Fehler machen?“
Haberer bezieht sich auf Hararis Selbstkritik am Ende von '21 Lektionen für das 21. Jahrhundert', wo er einräumt, dass das Denken des Menschen als Algorithmus dessen Innenperspektive und Körperlichkeit unterschlägt. Sie nutzt diese Passage, um die Brücke zum biblischen Seelenbegriff zu schlagen.
Der Name der Rose
Umberto Eco · 2022
Umberto Ecos Weltbestseller wird 40 – eine Jubiläumsausgabe Ecos legendärer Roman, 40 Jahre nach Erscheinen in einer Prachtausgabe mit Zeichnungen des Autors: Italien, 1327. In einem Benediktinerkloster kommt es zu unheimlichen Todesfällen. Ein Mönch ertrinkt im Schweineblutbottich, ein anderer springt aus dem Fenster, ein dritter liegt tot im Badehaus. Der Abt bittet den für seinen Scharfsinn weithin bekannten Franziskaner William von Baskerville um Hilfe.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:26:35 „Und davon handelt ja auch das Buch von Umberto Eco, Der Name der Rose. In diesem Buch geht es um einen alten Mönch, der mit seinem Atlatus in einem Kloster landet. Und in diesem Kloster werden Morde begangen. Und keiner weiß, warum diese Morde begangen werden.“
Sabine Rückert bringt Ecos Roman als Beleg für die These, dass Lachen der größte Protest gegen den Tod sei. Sie erzählt die Handlung nach: Ein blinder Mönch namens Jorge mordet, um Aristoteles' verschollene Abhandlung über die Komödie zu vernichten, weil er fürchtet, das Lachen könne die Menschen von der Angst befreien und damit die kirchliche Herrschaft untergraben. Rückert liest eine zentrale Passage vor.
Poetik (Abhandlung über die Komödie)
Aristoteles · 2008
Es gibt kaum einen literaturtheoretischen Text, der über Jahrhunderte hin eine solche Autorität ausgeübt hat wie Aristoteles' kleiner Traktat "Über die Dichtkunst". Die "Poetik" gilt seit der Renaissance als Text, der einen "neuen", der Welt zugewandeten Aristoteles zeigt, der der Dichtung die Aufgabe zugewiesen habe, die empirische Wirklichkeit selbst nachzuahmen. Dem Dichter war dadurch eine rationale Aufgabe gestellt: Er sollte die Ordnung der Welt erkennen und darstellen.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:27:02 „Alle ermordeten Mönche waren in Besitz gekommen eines Buches, das es vielleicht wirklich gegeben hat, aber vielleicht auch nicht. Es handelt sich um die Abhandlung des Aristoteles über die Komödie.“
Im Kontext der Nacherzählung von 'Der Name der Rose' wird das verschollene zweite Buch der Poetik des Aristoteles erwähnt – die Abhandlung über die Komödie, die möglicherweise nie existiert hat oder verloren ging. Im Roman ist dieses Buch der Auslöser aller Morde, weil es das Lachen als höchste Kunst des Menschen lehren könnte.
Über das Lachen
Harald Martenstein
In dieser Kolumne für das ZEITmagazin untersucht Martenstein rassistische Aspekte von Weihnachtstraditionen. Am Beispiel der Heiligen Drei Könige zeigt er auf, welche problematischen Bilder sich in etablierten Bräuchen festgesetzt haben. Der Text verbindet dabei Kritik mit Humor und regt zu einer Neubewertung von weihnachtlichen Darstellungen an.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:31:54 „Harald Martenstein, der ja auch unser Autor ist, im Zeitmagazin und dort eine Kolumne hat, der schrieb für Geowissen im Jahr 2018 ein Stück über das Lachen.“
Am Ende des Transkript-Abschnitts kündigt Sabine Rückert einen Text von Harald Martenstein an, der 2018 für das Magazin GEO Wissen einen Artikel über das Lachen geschrieben hat. Der Artikel wird als nächster Gesprächsgegenstand eingeführt, passend zum Thema Lachen als Protest gegen den Tod.
Text über seinen Schlaganfall
Hans Zippert
Hans Zippert schildert in diesem humorvollen Essay seinen Schlaganfall, der ihn beim Fahrradfahren in Berlin traf. Mit Galgenhumor und Witz verarbeitet er das traumatische Ereignis und demonstriert, wie sich schwere Lebenssituationen durch Humor bewältigen lassen. Der Text wird als Meisterstück der ironischen Auseinandersetzung mit einer existenziellen Krise gewürdigt.
🗣 Sabine Rückert referenziert bei ⏱ 00:33:01 „Ein Meisterstück hat vor einigen Jahren mein Kollege Hans Zippert abgeliefert. Er hat einen witzigen Text über seinen Schlaganfall geschrieben. Zippert war in Berlin mit dem Fahrrad unterwegs, als der Anfall ihn traf.“
Im Kontext von Martensteins Essay über das Lachen wird Zipperts humoristischer Text über seinen eigenen Schlaganfall als Beispiel für Galgenhumor und die Fähigkeit erwähnt, selbst schwere Lebenssituationen mit Humor zu verarbeiten. Der Text wird als 'Meisterstück' gewürdigt.
Es hielt uns am Leben
Shaya Ostrova
Es hielt uns am Leben ist eine Dokumentation der israelischen Psychologin Shaya Ostrova über die Rolle von Humor bei Holocaust-Überlebenden. Das Buch zeigt, wie Überlebende Humor als Überlebensstrategie und geistigen Widerstand nutzten – um Abstand zum Grauen zu schaffen und der Einsamkeit zu begegnen. Eine eindringliche Studie über die menschliche Widerstandskraft in extremsten Zeiten.
🗣 Sabine Rückert empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:34:08 „Erstaunlicherweise gibt es ein Buch über den Humor im Holocaust. Es hielt uns am Leben, ist der Titel, herausgegeben von der israelischen Psychologin Shaya Ostrova. Die Überlebenden sagen, dass Humor ein Abwehrmechanismus für sie gewesen sei, es wurde gelacht, sogar in der Hölle.“
Im Gespräch über die Kraft des Humors auch in extremsten Situationen wird dieses Buch vorgestellt. Es dokumentiert, wie Holocaust-Überlebende Humor als Abwehrmechanismus nutzten — als 'geistigen Widerstand', der Abstand zum Grauen schuf und das Gefühl der Einsamkeit linderte.
Tao Te King (Vom Weg)
Lao Tse · 2020
Das ›Tao-Te-King‹ von Lao Tse, das Buch vom rechten Sinn und Weg, dürfte nach der Bibel das am weitesten verbreitete und meistübersetzte Buch sein. Die Alternativbewegung könnte bei Lao Tse manche Anregung oder Bestätigung finden. Er ist geradezu der Verkünder der Maxime ›small is beautiful‹ und eines einfachen Lebens. Die Hauptlehre: Lebe nicht nach außen, sondern nach innen.
🗣 Johanna Haberer zitiert daraus bei ⏱ 00:38:06 „Da wollte ich mal vom Lao Tse aus seinem Buch Vom Weg über die Bedeutung des Nichts was schreiben. Lao Tse nennt diese Bedeutung Nutzen. Da beschreibt er, ein Gedicht ist es, 30 Speichen umringen die Narbe, wo nichts ist, liegt der Nutzen des Rats.“
Johanna Haberer zitiert Lao Tses 'Tao Te King' (hier als 'Vom Weg' übersetzt), um die produktive Kraft des Nichts zu illustrieren. Das Gedicht über Rad, Topf und Haus zeigt, dass gerade die Leere den Nutzen stiftet — eine Brücke zur Frage, was nach dem Tod kommt und ob das Nichts selbst schöpferisches Potenzial birgt.