Die Berlin-Paris-Connection
Iris Radisch, Adam Soboczynski
Live von der Frankfurter Buchmesse diskutieren die Hosts drei Bücher, die alle um Überlebenskünstler kreisen: Han Kangs erschütterndes "Menschenwerk" über das Gwangju-Massaker, das der frischgebackenen Nobelpreisträgerin als Ursprungstrauma dient; Katja Lange-Müllers "Unser Ole" über zwei herzlose, aber schlagfertige Berliner Seniorinnen aus Ost und West mit einem autistischen Enkel; und Patrick Modianos melancholisches "Memory Lane" über eine Pariser Gesellschaft, die noch Cabrio fährt, aber keinen Strom mehr hat. Als Klassiker rundet Brechts "Die unwürdige Greisin" den Bogen — eine 72-Jährige, die nach dem Tod ihres Mannes den Hedonismus entdeckt.
„Ich habe noch nie so ein Buch gelesen, wo man sagen würde, das ist in einer Weise trist, dass man es kaum aushält eigentlich, wenn man sich genau überlegt, was da passiert. Und trotzdem so humorvoll, dass man es gar nicht weglegen will.“
Erwähnte Medien (14)
Die Verwandlung
Franz Kafka · 2020
Die Verwandlung ist die längste von Kafkas Erzählungen. In dieser Ausgabe erweckt die Game-Artistin und Expertin für 3-D-Animation, Marlene Bucka, die Käferwelt von Gregor Samsa eindrucksvoll zum Leben. Die Geschichte handelt von Gregor Samsa, der sich über Nacht in ein Ungeziefer verwandelt, die es ihm immer schwerer macht, sich mit seinen Mitmenschen zu unterhalten. Selbst seine Familie hält ihn irgendwann nicht mehr aus.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:02:06 „Also ist der Mensch eigentlich dazu da, keine Würde zu haben? Ist er ein Wesen, was sich jederzeit in ein Insekt verwandeln kann? Da würde ich schon mal sagen, nein. Also das geht eigentlich nur bei Kafka.“
Iris Radisch spielt auf Kafkas Verwandlung an, als sie das Zitat aus Han Kangs Menschenwerk diskutiert. Die Idee, dass ein Mensch sich in ein Insekt verwandeln kann, assoziiert sie sofort mit Kafka – eine literarische Referenz als Kontrastfolie zur Frage nach der menschlichen Natur.
Menschenwerk
Han Kang
In the midst of a violent student uprising in South Korea, a young boy named Dong-ho is shockingly killed. The story of this tragic episode unfolds in a sequence of interconnected chapters as the victims and the bereaved encounter suppression, denial, and the echoing agony of the massacre. From Dong-ho’s best friend who meets his own fateful end; to an editor struggling against censorship; to a prisoner and a factory worker, each suffering from traumatic memories; and to Dong-ho's own grief-...
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:05:26 „Aber dieses Zitat kommt aus dem Roman Menschenwerk, der vielleicht nicht Ihr bester, aber mindestens meiner Ansicht nach Ihr zweitbester“
Wird als politisch bedeutendstes Werk von Han Kang besprochen, handelt vom Gwangju-Aufstand 1980 in Südkorea
Die Vegetarierin
Han Kang
Han Kangs Roman porträtiert eine Frau, die ihre Lebensweise radikal umgestaltet und durch extreme Ernährungsumstellung den Grenzen zwischen Mensch und Natur nachspürt – bis zu dem Punkt, selbst ein Baum sein zu wollen. Die psychologische Tiefe und literarische Verrücktheit der Charakterisierung machen das Werk zu einer eindringlichen Erkundung menschlicher Obsession und Selbstaufgabe. Als eines der einflussreichsten Romane Han Kangs besticht das Buch durch philosophische Komplexität und narrative Originalität.
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:05:26 „Das ist, glaube ich, wirklich die Vegetarierin, für den sie auch den International Booker Prize völlig zurechtbekommen hat. Das ist ein so eindrückliches Buch“
Wird als bestes Buch von Han Kang bezeichnet, ein Werk das unter die Haut geht
Deine kalten Hände
Han Kang
Nobelpreis für Literatur 2024. Han Kangs großer Roman über die Einsamkeit der menschlichen Existenz. Eines Tages verschwindet der Bildhauer Jang Unhyong beinahe spurlos. Er hinterlässt seine faszinierenden Gipsabdrücke von Händen und Körpern – und ein bewegendes Tagebuch, das seine lebenslange Suche nach Nähe und Wahrhaftigkeit in einer Welt voller Masken schildert.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:06:44 „Also die Vegetarierin, die Griechischstunde, Deine kalten Hände, da ist diese Gewalt indirekt vorhanden.“
Iris Radisch zählt Deine kalten Hände als weiteres Beispiel für Han Kangs Werke auf, in denen die traumatische Gewalt des Gwangju-Aufstands indirekt in den Figuren nachwirkt – etwa durch Essstörungen oder andere Formen der Selbstschädigung.
Griechischstunde
Han Kang · 2024
»Griechischstunden« erzählt die Geschichte zweier gewöhnlicher Menschen, die sich in einem Moment privater Angst begegnen. In einem Klassenzimmer in Seoul beobachtet eine junge Frau ihren Griechischlehrer. Sie versucht, zu sprechen, aber sie hat ihre Stimme verloren. Ihr Lehrer fühlt sich zu der stummen Frau hingezogen, denn er verliert von Tag zu Tag mehr von seinem Augenlicht. Bald entdecken die beiden, dass ein tiefer Schmerz sie verbindet.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:07:24 „Also die Vegetarierin, die Griechischstunde, Deine kalten Hände“
Wird im Kontext der weiteren Werke von Han Kang erwähnt, in denen Gewalt indirekt vorhanden ist
Weiß
Han Kang
Sixty-five short interconnected chapters portray humanity and all its suffering and resiliency.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:07:36 „Dann gibt es auch ein wunderbares Buch, was ich jetzt vergessen habe zu erwähnen, »Weiß«. Da geht es wirklich auch um die Heilkraft der Sprache. Das ist wie eine Meditation über weiße Gegenstände, die sich dann ganz ruhig, das Buch ist in großer Ruhe, ganz minimalistisch geschrieben.“
Iris Radisch empfiehlt Weiß als ein besonders rührendes Buch Han Kangs, das sich von den gewaltgeprägten Werken unterscheidet. Es sei eine minimalistische Meditation über weiße Gegenstände und die Heilkraft der Sprache – wie Verbände, die Han Kang sich auf die Seele legt.
Unser Ole
Katja Lange-Müller
Roman über drei Frauen und einen autistischen Jungen am Rande Berlins im Spannungsfeld zwischen Ost und West. Trotz trister Handlung und kaltherziger Charaktere besticht das Buch durch beißenden Humor und Berliner Schnauze – ein paradoxes Werk, das fasziniert, obwohl es verstört.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:09:06 „Wir kommen zu unserem ersten aktuellen Buch. Katja Lange-Müller, Unser Ole heißt das. Sie war hier auch am Stand gestern und du hast Iris mit ihr gesprochen.“
Adam Soboczynski und Iris Radisch besprechen das Buch ausführlich als Hauptempfehlung. Es handelt von drei Frauen und einem autistischen Jungen am Rande Berlins, mit einem Ost-West-Spannungsfeld. Beide loben den Humor und die Berliner Schnauze trotz der tristen Handlung – ein paradoxes Buch, das man trotz seiner kaltherzigen Figuren nicht weglegen will.
Memory Lane
Patrick Modiano
Ein Roman über die Pariser Nachkriegsgesellschaft verarmter Großbürger, die ihre Fassade aufrechtzuerhalten versuchen. Mit melancholischem Blick erforscht das Werk Spuren verlorener Menschen und die Sehnsucht nach dem Verlorenen — eine poetische Meditation über Gedächtnis, Verlust und soziale Maskeraden.
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:17:31 „Patrick Modiano mit seinem kleinen Büchelchen Memory Lane, was jetzt ausnahmsweise mal im Camper Verlag erschienen ist. Er hat 2014 den Literatur-Nobelpreis bekommen.“
Iris Radisch stellt Memory Lane als Neuerscheinung des Nobelpreisträgers Modiano vor, übersetzt von Elisabeth Edel. Das 1981 in Paris erschienene Buch erzählt von einer Nachkriegsgesellschaft verarmter Großbürger, die ihre Fassade aufrechterhalten. Die beiden diskutieren Modianos melancholischen Stil und seine Suche nach Spuren verlorener Menschen.
Im Café der verlorenen Jugend
Patrick Modiano
Patrick Modianos Roman „Im Café der verlorenen Jugend" ist eine elegante Erzählung über das Pariser Nachtleben und verlorene Lieben. Der Nobelpreisträger erforscht darin Erinnerung und Identität durch die Geschichte einer mysteriösen Frau in einem Café. Der Roman gilt als exemplarisch für Modianos Schreibstil und seine Fähigkeit, melancholische Stimmungen einzufangen. Literaturkritiker wie Iris Radisch sehen das Werk als Beleg für Modianos literarische Bedeutung und seinen internationalen Einfluss.
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:27:12 „Also ganz toll finde ich, um das vielleicht zu sagen. Aha, jetzt kommt Kaffee der verlorenen Jugend.“
Iris Radisch empfiehlt Im Café der verlorenen Jugend als weiteren gelungenen Modiano-Roman, als sie argumentiert, dass Modiano den Nobelpreis verdient hat. Adam Soboczynski bestätigt, dass er es gelesen hat und es "ganz hübsch" findet.
Kaffee der verlorenen Jugend
Patrick Modiano · 2012
Paris in den 60er Jahren: Schon als Mädchen ist Louki aus der Wohnung der Mutter, einer Garderobiere im Moulin Rouge, immer wieder weggelaufen. Den Vater hat sie nie gesehen. Ihren Mann, einen reichen Immobilienmakler, verliess sie ein Jahr nach der Heirat wieder. Mit ihrem Geliebten, dem angehenden Schriftsteller Roland, der in einer zwielichtigen Buchhandlung arbeitet, streift sie tagelang durch die grosse Stadt.
🗣 Iris Radisch empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:27:15 „Also ganz toll finde ich, um das vielleicht zu sagen, Kaffee der verlorenen Jugend.“
Wird als weiterer empfehlenswerter Roman von Modiano genannt
Dora Bruder
Patrick Modiano
"Patrick Modiano opens Dora Bruder by telling how in 1988 he stumbled across an ad in the personal columns of the New Year's Eve 1941 edition of Paris Soir. Placed by the parents of a 15-year-old Jewish girl, Dora Bruder, who had run away from her Catholic boarding school, the ad sets Modiano off on a quest to find out everything he can about Dora and why, at the height of German reprisals, she ran away on a bitterly cold day from the people hiding her. He finds only one other official mention ...
🗣 Iris Radisch referenziert bei ⏱ 00:27:34 „Oder ein wirklich auch sehr wichtiges jüdisches, es sind schon auch immer jüdische Schicksale. Dora Bruder, wo es um das Verschwinden einer jüdischen, also es gibt wirklich, ich finde, er hat den Nobelpreis völlig zurechtbekommen.“
Iris Radisch erwähnt Dora Bruder als Beispiel für Modianos wichtige Auseinandersetzung mit jüdischen Schicksalen. Das Buch handelt vom Verschwinden eines jüdischen Mädchens und unterstreicht, warum Modiano den Nobelpreis verdient hat.
Die unwürdige Greisin
Bertolt Brecht
Bertolt Brechts Kurzgeschichte erzählt aus der Perspektive eines Enkels von seiner Großmutter, einer 72-Jährigen, die nach dem Tod ihres Mannes ein völlig neues und unkonventionelles Leben beginnt. Die Geschichte feiert die Möglichkeit zur persönlichen Befreiung und Veränderung im Alter und wirkt als mutmachende Gegenperspektive zu düstereren Darstellungen weiblicher Lebensgeschichten.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:29:08 „Die heißt Die unwürdige Greisin. Ich finde die ja ganz toll. Die ist wirklich interessant. Da geht es um eine, ist aus der Perspektive eines Enkels geschrieben. Der beschreibt, was mit seiner Großmutter passiert, als ihr Mann, der Großvater, eben stirbt.“
Die Kurzgeschichte von Brecht wird als zweiter Haupttext der Episode ausführlich besprochen. Soboczynski und Radisch diskutieren die Geschichte einer 72-jährigen Frau, die nach dem Tod ihres Mannes ein völlig neues, unkonventionelles Leben beginnt – Brecht feiert darin die Möglichkeit zur Veränderung und Befreiung. Die Geschichte wird als mutmachendes Gegenstück zum zuvor besprochenen, tristeren Text von Katja Lange-Müller gelesen.
Kalendergeschichten
Bertolt Brecht
Sammlung von Gedichten, Prosa und berühmten Keuner-Geschichten, in der die klassische Gattung der Kalendergeschichte reformiert wird. Charakteristische Werke, die literarisches Experimentieren mit traditionellen Formen zeigen.
🗣 Adam Soboczynski referenziert bei ⏱ 00:32:10 „Das Ganze ist erschienen in rechtsberühmten Kalendergeschichten. Ist so eine Gattung, die schon etwas älter ist, vor allen Dingen im 19. Jahrhundert populär gewesen ist und da hat er versucht, diese Gattung zu reformieren und hat das hier gemacht. Hier gibt es Gedichte drin, kurze Geschichten. Auch die berühmten Keuner-Geschichten sind da drin.“
Soboczynski ordnet die zuvor besprochene Erzählung 'Die unwürdige Greisin' in ihren Sammelband ein: Brechts Kalendergeschichten, in denen auch Gedichte und die berühmten Keuner-Geschichten enthalten sind. Er erklärt, dass Brecht mit dem Band die ältere Gattung der Kalendergeschichte reformieren wollte.
Geschichten vom Herrn Keuner
Bertolt Brecht · 2004
Bertolt Brechts Sammlung philosophischer Anekdoten und Dialoge, in denen der fiktive Charakter Herr Keuner Fragen des Lebens erörtert. Der ausgewählte Dialog behandelt das biblische Bilderverbot und zeigt die Gefahr auf, sich ein fertiges Bild von Menschen oder Dingen zu machen – dadurch versteht man sie nicht mehr wirklich. Brechts provokante These: Nicht der Entwurf sollte dem Menschen ähnlich werden, sondern der Mensch sich dem Entwurf anpassen – eine subtile Kritik am dogmatischen Denken.
🗣 Adam Soboczynski zitiert daraus bei ⏱ 00:32:36 „Auch die berühmten Keuner-Geschichten sind da drin. Eine passt ganz genau zu dieser Geschichte, die vielleicht berühmteste. Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten, sie haben sich gar nicht verändert. Oh, sagte Herr K. und er bleichte.“
Soboczynski zitiert die wohl berühmteste Keuner-Geschichte, um Brechts zentrales Thema der Veränderung zu illustrieren. Die Pointe – dass es für Herrn K. ein Albtraum ist, sich nicht verändert zu haben – spiegelt exakt das Motiv der 'Unwürdigen Greisin', die sich im Alter noch einmal komplett neu erfindet.