Ausgabe Sechsundvierzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Richard David Precht berichtet, dass er gemeinsam mit Harald Welzer ein Buch über die Mechanismen der deutschen Medienlandschaft schreibt — und sich bereits vor Erscheinen vernichtende Kritik einhandelt. Journalisten wie Miriam Holstein von T-Online und Joachim Huber vom Tagesspiegel haben das noch ungeschriebene Werk schon rezensiert, was Precht als unfreiwillige Kabaretteinlage und zugleich als besorgniserregendes Symptom des Journalismus empfindet.
„Normalerweise machen Rezensenten das so: Sie tun so, als hätten sie ein Buch gelesen und rezensieren es. Und hier ist es so, dass ja jeder weiß, dass sie es noch gar nicht gelesen haben — und es trotzdem rezensieren.“
Erwähnte Medien (9)
Die vierte Gewalt
Richard David Precht, Harald Welzer · 2022
Analyse wie Medien ohne bewusste Absprache eine veröffentlichte Meinung schaffen, die von der tatsächlichen öffentlichen Meinung abweicht. Das Werk untersucht die Selbstangleichung der Presse am Beispiel der Ukraine-Berichterstattung und hinterfragt die Rolle der Medien als vierte Gewalt in der Demokratie.
🗣 Richard David Precht empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:01:01 „Und jetzt habe ich ja vor drei Wochen zusammen mit Harald Welzer angefangen, ein Buch zu schreiben aus aktuellem Anlass. Und das Buch analysiert bestimmte Mechanismen, wie unsere Medien funktionieren.“
Precht spricht über sein aktuelles Buchprojekt mit Harald Welzer, das die Selbstangleichung der Medien analysiert. Das Buch untersucht, wie ohne Absprachen eine veröffentlichte Meinung entsteht, die von der öffentlichen Meinung stark abweicht – etwa bei der Ukraine-Berichterstattung. Das Buch ist zentrales Thema der gesamten Episode und wird kontrovers diskutiert, da es bereits vor Erscheinen von Journalisten kritisiert wurde.
Ankündigung im Buchreport
Nachruf auf das Branchenmagazin Buchreport, das nach Jahren als zentrales Informationsmedium der deutschsprachigen Verlagsbranche eingestellt wurde. Der Artikel würdigt seine Bedeutung für die Buchbranche und dokumentiert das Ende eines wichtigen Branchenorgans, das auch in Diskussionen wie der um Prechts Medien-Buch eine Rolle spielte.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:01:51 „Und zwar auf eine kleine Ankündigung im Buchreport hin. Das heißt, da wird angekündigt, Welser und Precht schreiben ein Buch über die Medien. Und dann wird schon vernichtend geurteilt.“
Precht erwähnt eine kurze Verlagsankündigung im Branchenmagazin Buchreport, die den Anlass für die Vorab-Kritik an seinem Buch lieferte. Obwohl es nur eine knappe Ankündigung war, hätten Journalisten daraufhin bereits vernichtende Urteile gefällt.
Artikel von Miriam Holstein über Precht und Welzer
Miriam Holstein
Miriam Holstein kritisiert in ihrem Artikel Richard David Precht und Harald Welzer, die mit ihrem Buch 'Die vierte Gewalt' (2022) die Medien und den Qualitätsjournalismus pauschal angreifen. Holstein ordnet die beiden Autoren dem Schwurbler- oder Querdenker-Milieu zu, da ihre Medienkritik strukturelle Ähnlichkeiten zu Verschwörungsnarrativen aufweise. Precht reagierte empört darauf, weil Holstein diese Einordnung vornahm, bevor das Buch überhaupt erschienen war. Der Artikel ist ein Beispiel für den Konflikt zwischen etablierten Medien und den von Precht/Welzer geübten Pressekritikern.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:02:30 „Da gibt es eine Frau, die heißt Miriam Holstein. Von T-Online. Die hat mir schon nahegelegt, ich wäre im Schwurblerlager, ohne eine Zeile gelesen zu haben.“
Precht beschwert sich über Journalisten, die sein noch unveröffentlichtes Buch bereits rezensiert haben. Holstein von T-Online habe ihn als Schwurbler eingeordnet, obwohl das Buch noch gar nicht erschienen war – für Precht ein Beispiel für die Probleme im Journalismus, die er in seinem Buch beschreibt.
Artikel über Precht/Welzer-Buchankündigung im Tagesspiegel
Joachim Huber
Der Philosoph Richard David Precht und der Soziologe Harald Welzer veröffentlichen das Buch "Die vierte Gewalt", in dem sie Medienunternehmen scharf kritisieren. Sie argumentieren, dass sich die Medienlandschaft selbstgleichgeschaltet habe und damit die Unabhängigkeit der vierten Gewalt verloren gegangen sei. Bereits vor der Buchveröffentlichung erscheinen kritische Artikel wie im Tagesspiegel, was Precht als Vorverurteilung des noch ungelesenen Werkes kritisiert. Die frühe mediale Kritik illustriert die Polarisierung der öffentlichen Debatte über Medienfreiheit und journalistische Unabhängigkeit.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:05:40 „Ich habe gelesen das Stück von Joachim Huber im Tagesspiegel. [...] Ich habe nur die Überschrift gelesen, Buchautoren üben scharfe Kritik. Und dann kommt der entscheidende Satz. Er sagt sogar, die schreiben ein Klagebuch über die vierte Gewalt.“
Lanz und Precht diskutieren über bereits erschienene Vorab-Kritiken an ihrem noch unveröffentlichten Buch 'Die Vierte Gewalt'. Lanz hat den Tagesspiegel-Artikel von Joachim Huber gelesen und zitiert daraus, während Precht sich über die Vorverurteilung ohne Lektüre des Buches beschwert.
Citizen Kane
Orson Welles · 1941
»Rosebud« - das ist das letzte Wort, das Charles Foster Kane im Sterbebett auf seinem Schloss Xanadu haucht. "Citizen Kane" schildert die Geschichte des Zeitungsmagnaten, der die öffentliche Meinung Amerikas über Jahrzehnte beherrschte. Sein geschäftliches Leben begann mit viel Enthusiasmus und dem Bekenntnis zur Wahrheit und Unbestechlichkeit.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:20:13 „Also der berühmteste Zeitungsverleger aller Zeiten international ist Hearst. Den kennen viele, weil er das Vorbild war für den Orson Welles Film Citizen Kane.“
Precht erzählt von historischen Beispielen mächtiger Medienmogule und deren Missbrauch. Er erwähnt den Zeitungsverleger William Randolph Hearst, der den Spanisch-Amerikanischen Krieg um Kuba aus Geschäftsinteressen befeuert habe, und verweist auf den berühmten Film als kulturelle Referenz für diese Geschichte.
Offener Brief gegen schwere Waffenlieferungen an die Ukraine
28 Prominente haben in einem offenen Brief vor einem dritten Weltkrieg gewarnt. Für ihr Anliegen, nicht noch mehr schweres Kriegsgerät in die Ukraine zu schicken, bekommen sie nun Unterstützung – ernten aber auch Kritik.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:32:19 „Eigentlich ist der Anlass beispielsweise, um jetzt bei Reinhard Merkel zu bleiben mit dem offenen Brief, gegen diese schweren Waffenlieferungen. Dann ist dieser Brief, dann gibt es diese These, wir nehmen wahr und das ist halt auch genau wiederum das, was sozusagen auf der Haben-Seite der Medien steht.“
Lanz schildert, wie ein offener Brief gegen schwere Waffenlieferungen an die Ukraine – mitunterzeichnet von Reinhard Merkel – zum Anlass für eine Sendungsbesetzung wurde. Der Brief dient im Gespräch als konkretes Beispiel dafür, wie Redaktionen auf gesellschaftliche Debatten reagieren und Gäste nach Positionen auswählen.
Studien zur Corona-Berichterstattung und Migrationskrise
Kommunikationswissenschaftliche Untersuchungen zur deutschen Medienberichterstattung über Corona und die Migrationskrise. Die Studien untersuchen systematisch, wie und wo Medien in ihrer Berichterstattung zu diesen Themen Lücken aufweisen – ihre wissenschaftlichen Befunde erhalten aber kaum öffentliche Aufmerksamkeit.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:42:24 „Und die haben ja Untersuchungen gemacht. Die haben zum Beispiel die Berichterstattung zur Migrationskrise oder zu Corona ausführlichst untersucht. Da gibt es ja unglaublich viele Studien. Es gibt viele Dinge, die von diesen Wissenschaftlern bemängelt werden, die aber nie irgendwo das Licht der Öffentlichkeit ernsthaft sehen.“
Precht verweist auf eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen von Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlern zur deutschen Medienberichterstattung über Corona und Migration. Er kritisiert, dass deren Befunde kaum öffentlich wahrgenommen werden und nur im Fachdiskurs bleiben – weshalb es prominenter Medienfiguren bedürfe, um diese Erkenntnisse sichtbar zu machen.
Hart aber fair
Louis Klamroth · 2001
„Hart aber fair“ ist eine wöchentliche politische Talkshow. Moderator Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen ein aktuelles kontroverses Thema. Vor dem Wechsel ins Hauptprogramm der ARD lief die Sendung sieben Jahre lang im WDR-Fernsehen.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:43:49 „Die größte mediale Entgleisung war die Talkshow Hart aber fair, in dem vier Befürworter der Impfpflicht gegen Svenja Flaßpöhler in dem Fall standen, die Zweifel an der Impfpflicht hatte und auch nicht eine kollektive Denunziation aller Ungeimpften hinnehmen wollte, die einschließlich eines parteiischen Moderators da an den Pranger gestellt wurde in einem Ausmaß.“
Precht nennt eine konkrete Hart-aber-fair-Folge als Beispiel für mediale Entgleisungen während der Corona-Pandemie. In dieser Sendung stand Svenja Flaßpöhler als einzige Kritikerin der Impfpflicht vier Befürwortern gegenüber, obwohl sie lediglich die geltende Rechtslage verteidigte. Precht nutzt die Episode als Beleg für asymmetrische Talkshow-Besetzungen.
Mediokratie: Die Kolonisierung der Politik durch die Medien
Thomas Meyer · 2001
Das Buch analysiert, wie Medienlogiken die Spielregeln der Politik zunehmend bestimmen und sich Politiker nach Medienzwängen richten. Es führt das Konzept der 'Mediokratie' ein – eine Ordnung, in der Medienregeln über demokratische Prozesse dominieren.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:49:05 „Es gibt Politikwissenschaftler, die sagen, wir leben in einer Mediokratie. Und damit wollen sie sagen, dass im Grunde genommen die Spielregeln der Medien heute in einem Ausmaß die Spielregeln der Politik bestimmen oder mitbestimmen, wie das in früheren Zeiten nicht der Fall war.“
Precht argumentiert, dass Politiker sich heute stärker von Medien treiben lassen als früher. Er verweist auf den politikwissenschaftlichen Begriff 'Mediokratie', der maßgeblich vom Politikwissenschaftler Thomas Meyer geprägt und in seinem gleichnamigen Buch (2001) ausgearbeitet wurde.