Ausgabe Neunundsechzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Im Jahresrückblick widmen sich die beiden den übersehenen Themen und persönlichen Momenten abseits der großen Nachrichtenlage. Richard David Precht erzählt von seiner Reise nach Uganda und Ruanda zu den Gorillas als prägendster Erinnerung des Jahres und entwickelt daraus die Metapher der *unvertauschbaren Glanzbilder* — jene Erlebnisse, die so kostbar sind, dass man sie nicht mehr hergeben würde.
„Und seitdem ist das für mich so ein wichtiger Begriff in meinem Leben, unvertauschbare Glanzbilder.“
Erwähnte Medien (12)
Tagebücher
Franz Kafka · 1967
Sammlung persönlicher Aufzeichnungen mit Gedanken, inneren Konflikten und philosophischen Reflexionen. Die Einträge verbinden alltägliche Beobachtungen mit tiefgründigen Überlegungen zur Natur des Lebens, zur Existenz und der verborgenen Schönheit, die überall bereit liegt.
🗣 Richard David Precht zitiert daraus bei ⏱ 00:01:39 „Also es gibt so diese berühmte Tagebucheintragung von Franz Kafka. Da hat er irgendwie notiert, vormittags im Freibad, nachmittags erster Weltkrieg.“
Precht nutzt Kafkas lakonische Tagebucheintragung als Beispiel dafür, dass persönliche Erlebnisse und Weltgeschichte oft gleichzeitig und gleichwertig nebeneinander stehen. Er leitet damit den Jahresrückblick ein, in dem es um persönliche Glanzmomente abseits der großen Nachrichtenlage gehen soll.
Kunstinstallation / Audio-File von Jean-Rémy von Matt
Jean-Rémy von Matt
Audio-Kunstinstallation von Jean-Rémy von Matt mit Jan-Josef Liefers und Anna Loos. Das Werk erkundet eine philosophische Frage: Was bleibt, wenn alles erzählt ist? Eine minimale, nachdenklich stimmende Komposition über Sprache, Ende und Stille.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:07:00 „Und in diesem Audio-File, das war eine Kunstinstallation, fängt Jan-Josef Liefers darüber an, nachzudenken, wie es wäre, wenn alles erzählt wäre auf der Welt. Einfach alles zu Ende erzählt. Und sie sagt dann, und dann was? Und er dann, ja, und dann Stille.“
Lanz erzählt begeistert von einem Audio-Kunstwerk, das ihm Jean-Rémy von Matt zugeschickt hat. Darin philosophieren Anna Loos und Jan-Josef Liefers darüber, was passiert, wenn alles auf der Welt zu Ende erzählt ist. Lanz war davon so beeindruckt, dass es zu einem persönlichen Treffen mit von Matt führte, bei dem dieser ihm sein Lebenszeituhr-Projekt vorstellte.
Essai sur les données immédiates de la conscience / Zeit und Freiheit
Henri Bergson · 2021
Henri Bergson, né le 18 octobre 1859 à Paris, ville où il meurt le 4 janvier 1941, est un philosophe français. Bergson est élu à l'Académie Française en 1914 et il reçoit le prix Nobel de littérature en 1927. Il est également l'auteur du Rire, un essai sur la signification du comique. Ses idées pacifistes ont influencé la rédaction des statuts de la Société des Nations.Essai sur les données immédiates de la conscience est un ouvrage du philosophe français Henri Bergson paru en 1889 à Paris chez ...
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:09:15 „Nein, aber guck mal, einer meiner Lieblingsphilosophen ist Henri Bergson.“
Lanz nennt Bergson als einen seiner Lieblingsphilosophen, woraufhin Precht ausführlich Bergsons Zeitphilosophie erläutert: Die gemessene, in Sekunden zerlegte Zeit hat nichts mit dem wirklichen Erleben von Zeit zu tun. Bergson wird als Gegenposition zu Jean-Rémy von Matts Lebenszeituhr herangezogen, die die verbleibende Lebenszeit in Sekunden herunterzählt.
G.I. Jane
· 1997
Jordan O′Neill stellt sich einer sehr großen Herausforderung: Als erste Frau nimmt sie am knallharten Ausbildungsprogramm der Elitetruppe Navy-SEALS teil. Zunächst stößt sie auf blanke Ablehnung und vor allem ihr Ausbilder, Master Chief Urgayle begegnet ihr mit offener Feindseligkeit. Trotz allem schafft es O′Neill, sich allmählich Anerkennung und Respekt unter den Rekruten zu verschaffen. Gegen alle Widerstände steht sie tapfer ihren Mann.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:20:03 „Erinnerst du dich, jetzt mal richtig Gossip, ja? Ich stelle mir jetzt vor, du bist Frauke Ludewig und frage dich jetzt, wie du es findest, dass Will Smith Chris Rock geohrfeigt hat. Erinnerst du dich? Die Oscar-Verleihung im März.“
Lanz und Precht diskutieren die berühmte Ohrfeige von Will Smith bei der Oscar-Verleihung 2022, ausgelöst durch Chris Rocks Witz über Jada Pinkett Smith. Der Witz bezog sich auf den Film G.I. Jane, wird aber im Transkript nicht namentlich genannt. Die Erwähnung ist nur implizit über den Kontext der Oscar-Ohrfeige erkennbar.
Warten ohne Ablenkung ist besser als gedacht
Eine Studie der Uni Tübingen mit 260 Probanden untersucht, wie Menschen Wartezeiten wahrnehmen und erleben. Das Experiment zeigt, dass Menschen ohne Smartphone-Ablenkung Wartezeiten angenehmer empfinden als vorher erwartet. Die Forschung demonstriert den Reichtum innerer Erfahrung im Vergleich zu permanenten Außenreizen.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:33:57 „Eine Studie in der SZ mit der schönen Überschrift »Warten ohne Ablenkung ist besser als gedacht«. Also ein Mann von der Uni Tübingen hat ein Experiment gemacht mit 260 Leuten ungefähr und die Probanden sollten vor einer Wartezeit von 20 Minuten einschätzen, wie sich das Alleinsein anfühlen würde.“
Lanz bringt eine in der Süddeutschen Zeitung besprochene Studie der Uni Tübingen ins Gespräch, die zeigt, dass Menschen es angenehmer finden, ohne Smartphone und Ablenkung zu warten, als sie vorher erwartet hatten. Dies führt zu einer ausführlichen Diskussion über den Reichtum an innerer Welt, die Auswirkungen permanenter Außenreize und die Frage, ob Meditation und Kontemplation in der Schule gelehrt werden sollten.
Die satanischen Verse
Salman Rushdie · 2006
Die satanischen Verse (englischer Originaltitel The Satanic Verses) ist ein Roman des Schriftstellers Salman Rushdie, der von indisch-muslimischen Immigranten in Großbritannien handelt und teilweise vom Leben des islamischen Propheten Mohammed inspiriert ist. Das Erscheinen des Buches am 26. September 1988 im Verlag Viking Press löste eine Reihe von Protesten und Gewalttaten von fundamentalistischen Muslimen aus. Der iranische „Oberste Führer“ Chomeini rief am 14.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:40:50 „Er wusste, dass er weiterhin gefährdet war. Das wusste er. Hat dann auch irgendwann ein Buch darüber geschrieben, in dem er das alles nochmal aufgearbeitet hat und so weiter. Aber er wollte das loswerden.“
Die gesamte Diskussion über Salman Rushdie dreht sich um die Fatwa, die Ayatollah Khomeini am 14. Februar 1989 wegen dieses Romans über ihn verhängte. Das Buch wird nie beim Titel genannt, ist aber der zentrale Auslöser für alles Beschriebene – das Todesurteil, die Jahre im Versteck und das Attentat im August 2022.
Joseph Anton
Salman Rushdie
On February 14, 1989, Salman Rushdie received a call from a journalist informing him that he had been "sentenced to death" by the Ayatollah Khomeini. It was the first time Rushdie heard the word fatwa. His crime? Writing a novel, The Satanic Verses, which was accused of being "against Islam, the Prophet, and the Quran." So begins the extraordinary story of how a writer was forced underground for more than nine years, moving from house to house, with the constant presence of an armed police prote...
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:45:12 „Ich weiß, er hatte damals auch in diesem Buch, Joseph Anton hieß das, also das war sozusagen er, ein anderer Name, den er sich da gegeben hat. Das war seine Geschichte. Da schreibt er, das Todesurteil gegen mich war der Beginn von etwas.“
Im Kontext des Attentats auf Salman Rushdie erwähnt Lanz dessen autobiografisches Buch 'Joseph Anton', in dem Rushdie seine Jahre im Versteck nach der Fatwa aufarbeitet. Lanz zitiert daraus Rushdies These, dass das Todesurteil der Beginn einer größeren Entwicklung war – der Rückkehr religiösen Fanatismus weltweit, nicht nur im Islam.
Klima vor acht
"Klima vor acht" ist eine Initiative, die fordert, den etablierten Sendeplatz von "Börse vor acht" in der ARD für tägliche Klimaberichterstattung zu nutzen. Die Initiative argumentiert, dass regelmäßige Kurzberichte über Umwelt- und Klimathemen genauso selbstverständlich und medial präsent sein sollten wie täglich wiederholte Börseninformationen. Das Zitat verdeutlicht die Forderung nach mehr medialer Aufmerksamkeit für Klimathemen durch etablierte Formate.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:50:30 „Ich meine, es gibt eine Initiative, die sagt, man müsste statt Börse vor acht Umwelt vor acht machen. Oder Klima vor acht. Dass man einfach so fünf Minuten genau, dass man dann jemand ist, so wie jetzt die netten Damen und Herren, die da von der Börse berichten.“
In der Diskussion über mangelnde mediale Aufmerksamkeit für Umweltthemen wie die Uganda-Pipeline erwähnt Precht die Initiative 'Klima vor acht', die fordert, den Sendeplatz von 'Börse vor acht' in der ARD für Klimaberichterstattung zu nutzen. Er unterstützt die Idee, dass tägliche Kurzberichte über Umweltthemen genauso selbstverständlich sein sollten wie Börsenberichte.
Börse vor acht
ARD-Nachrichtensendung über Aktienmärkte und Wirtschaft, fünf Minuten täglich. Im Podcast wird sie als Beispiel für ein etabliertes Informationsformat genannt, das die Notwendigkeit eines vergleichbaren, regelmäßigen Formates für Umwelt- und Klimathemen verdeutlicht. Der Vorschlag lautet, dass existenzielle Klimafragen in der Medienlandschaft die gleiche tägliche Aufmerksamkeit erhalten sollten wie Börsenberichte.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:50:30 „Ich meine, es gibt eine Initiative, die sagt, man müsste statt Börse vor acht Umwelt vor acht machen. Oder Klima vor acht. Dass man einfach so fünf Minuten genau, dass man dann jemand ist, so wie jetzt die netten Damen und Herren, die da von der Börse berichten.“
Precht erwähnt die ARD-Sendung 'Börse vor acht' als Vergleichsformat, das durch ein Klimaformat ersetzt werden sollte. Die Erwähnung dient als Kontrastfolie: Während tägliche Börsenberichte selbstverständlich sind, fehlt ein vergleichbares Format für die existenziellen Umweltfragen.
Thriller
Michael Jackson
Thriller (engl. für sinngemäß: „Schauergeschichte“) ist das sechste Studioalbum des US-amerikanischen Sängers Michael Jackson. Es erschien am 30. November 1982 bei dem Label Epic Records. Wie bei dem Vorgängeralbum Off the Wall (1979) war Quincy Jones erneut Produzent, Jackson fungierte bei einigen Titeln als Co-Produzent und übte bei ihrer zweiten Zusammenarbeit einen deutlich stärkeren Einfluss auf das Album aus als noch bei Off the Wall. Mit Thriller avancierte er zum weltweit kommerziell erfolgreichsten Popsänger der 1980er Jahre. Die zuvor ungebräuchliche Bezeichnung „Megastar“ wurde ihm fortan zugeschrieben.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:51:41 „Zum Schluss Michael Jackson. Thriller wird 40 und Alice Schwarzer wird 80.“
Lanz bringt das 40-jährige Jubiläum von Michael Jacksons Album 'Thriller' als Gesprächsthema ein. Precht nutzt den Anlass, um klarzustellen, dass Michael Jackson auf seine musikalische Biografie keinen Einfluss hatte, und stellt ihm Prince als das weitaus größere musikalische Genie gegenüber.
Der dressierte Mann
Esther Vilar · 1987
Der dressierte Mann ist Esther Vilars provokatives Werk über Geschlechterrollen und Macht in der Gesellschaft. Vilar vertritt darin die These, dass Männer – trotz ihrer scheinbaren Privilegien – durch gesellschaftliche Zwänge und wirtschaftliche Verpflichtungen als Versorger tatsächlich unterdrückt sind. Das Buch wurde vor allem durch die legendäre Fernsehdebatten mit Alice Schwarzer bekannt und bleibt bis heute ein kontrovers diskutiertes Werk zu Geschlechterverhältnissen.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:52:32 „Ich habe eine Fernsehsendung gesehen, ich schätze mal, ich war um die zehn, wo Esther Villar und Alice Schwarzer miteinander geredet haben. Und Esther Villar war der Überzeugung, eigentlich sind die Männer die ärmeren Schweine in der Gesellschaft. Alice Schwarzer sah das natürlich ganz, ganz anders.“
Precht erinnert sich an die legendäre Fernsehdebatte zwischen Esther Vilar und Alice Schwarzer, in der Vilar ihre bekannte These vertrat, dass Männer die eigentlich Unterdrückten seien – die zentrale These ihres Buchs 'Der dressierte Mann'. Die Erwähnung ist implizit über die Autorin und ihre Position identifizierbar.
Fernsehduell Esther Vilar gegen Alice Schwarzer
WDR
Dokumentation des historischen WDR-Fernsehduells von 1975 zwischen Esther Vilar und Alice Schwarzer über die Frage, wer in der Gesellschaft unterdrückt ist. Die intensive Debatte zwischen der Feministin Schwarzer und der Autorin Vilar ist kulturhistorisch bedeutsam und zeigt die leidenschaftliche Auseinandersetzung um Geschlechterverhältnisse in den siebziger Jahren.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:52:32 „Ich habe eine Fernsehsendung gesehen, ich schätze mal, ich war um die zehn, wo Esther Villar und Alice Schwarzer miteinander geredet haben. Und was mir vor allen Dingen in Erinnerung blieb, war dieser unglaubliche Zigarettenrauch in der Luft.“
Precht erinnert sich anlässlich des 80. Geburtstags von Alice Schwarzer an die berühmte TV-Debatte von 1975, in der Vilar und Schwarzer über die Frage stritten, ob Männer oder Frauen die Unterdrückten seien. Er beschreibt den verrauchten Raum und die Position seiner Mutter.