Ausgabe Fuenfundsiebzig
Markus Lanz & Richard David Precht
Die Episode dreht sich um den Hype um Künstliche Intelligenz und ChatGPT, den Lanz und Precht mit historischen Technologie-Revolutionen vergleichen: Edisons Glühbirne brauchte 40 Jahre, bis die Elektrifizierung wirklich durchschlug, und der Neue Markt um 2000 ließ alle an schnellen Reichtum glauben — bis die Blase platzte und das Internet erst danach seine wahre Macht entfaltete. Mit Anekdoten über EMTV, die Haffa-Brüder und Thomas Middelhoffs verpasste Chance mit Jeff Bezos zeichnen sie das Muster nach, das sich bei jeder großen Innovation wiederholt.
„Mit Produkten, die es gar nicht gibt, unendlich reich werden.“
Erwähnte Medien (11)
Die Biene Maja
Waldemar Bonsels · 1975
Im Bienenstock auf der Klatschmohnwiese wird eine Biene geboren, die gleich nachdem sie aus ihrer Zelle geschlüpft ist, besonders auffällt: die Biene Maja. Sie lacht, tanzt sofort aus der Reihe und bringt die Königin mit ihren Fragen durcheinander. Frau Kassandra, ihre Lehrerin, wundert sich sehr über diese kleine, freche, neugierige Biene. Für sie ist es wichtig, dass alle Bienen in der Gemeinschaft ihre Arbeit leisten.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:03:01 „EMTV, um es jetzt mal deutlich zu sagen. Die die Rechte an Biene Maier plötzlich erworben hatten und alle dachten, jetzt werden alle Milliardäre.“
Markus Lanz erzählt als Einleitung zum Thema ChatGPT die Geschichte der Dotcom-Blase und des Neuen Marktes. Er nennt EMTV als Beispiel für die maßlose Überbewertung von Unternehmen, die durch den Erwerb der Rechte an der Zeichentrickserie 'Die Biene Maja' berühmt wurden.
Autobiografie / Gefängnisbuch von Thomas Middelhoff
Thomas Middelhoff · 2019
Dr. Thomas Middelhoff, genannt "Big T" , war DER Topmanager Deutschlands, erst als Chef des Medienriesen Bertelsmann, später als Vorstandsvorsitzender des KarstadtMutterkonzerns Arcandor. Er lebte ein Leben im Luxus. Und er erlebte einen öffentlichen Absturz von epischer Dimension: 2014 wurde er wegen Untreue zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt und noch im Gerichtssaal abgeführt. Er verlor seinen Ruf, sein Vermögen und seine Gesundheit.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:04:16 „Der Thomas Mittelhoff, der dann später im Gefängnis gelandet ist und ein sehr beeindruckendes Buch darüber gemacht hat.“
Lanz erzählt die Geschichte, wie Jeff Bezos bei Bertelsmann vorstellig wurde und abgelehnt wurde. Dabei erwähnt er den damaligen Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff und dessen Buch über seine Gefängniszeit, das er als beeindruckend bezeichnet.
Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens
Richard David Precht · 2020
Richard David Precht beschäftigt sich mit den wichtigsten Fragen rund um das Thema »Künstliche Intelligenz« – und bezieht dabei auch die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen durch die aktuelle Krise mit ein. Während die drohende Klimakatastrophe und der enorme Ressourcenverbrauch der Menschheit den Planeten zerstört, machen sich Informatiker und Ingenieure daran, die Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz voranzutreiben, die alles das können soll, was wir Menschen auch können – nur...
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:10:47 „Also die gleiche Diskussion, als ich das Buch über künstliche Intelligenz geschrieben habe. Also vor drei, vier Jahren. Das Buch schrieb künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens. Da gab es Chat-GPT in dieser Form noch nicht, aber Watson.“
Precht verweist auf sein eigenes Buch, in dem er bereits vor Jahren die Frage behandelt hat, ob KI Juristen ersetzen wird. Er zieht eine Parallele zwischen der damaligen Diskussion um IBM Watson und der aktuellen Debatte um ChatGPT und argumentiert, dass die prophezeiten Umwälzungen bisher nicht eingetreten sind.
Brief an Mark über KI-generierte Songs
Nick Cave
Nick Cave publiziert in seiner Rubrik „Red Hand Files" ein von ChatGPT im eigenen Stil generiertes Lied und fordert seine Leser auf, Stellung dazu zu nehmen. Das Gedicht arbeitet mit typischen dramatischen Gegensätzen wie Sünder/Heiliger, Dunkelheit/Licht und Jäger/Beute, die sich durch alle Strophen wiederholen. Cave eröffnet damit eine Diskussion über die Leistungen und Grenzen von künstlicher Intelligenz im kreativen Schreiben sowie ihre Fähigkeit, einen individuellen künstlerischen Stil zu imitieren. Die Veröffentlichung zeigt sowohl, welche Muster KI erfolgreich reproduzieren kann, als auch die Oberflächlichkeit ihrer Ergebnisse im Vergleich zu echter künstlerischer Arbeit.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:29:49 „Nick Cave, ein großer Songwriter, der unglaublich schöne Texte, gute Gedanken, wahnsinnig kluger Mensch. Der hat neulich einem jungen Mann zurückgeschrieben, einem gewissen Mark, der ihm mal wieder berichtet, er kriegt seit der Einführung im November letzten Jahres die ganze Zeit von Leuten Songs geschickt, die im Stile von Nick Cave erstellt sind. Und er schreibt ihm dann, lieber Marc, sei mir bitte nicht böse, dieses Lied ist wirklich scheiße.“
Lanz erzählt ausführlich von Nick Caves öffentlichem Antwortbrief an einen Fan, der ihm KI-generierte Songs im Stil von Nick Cave geschickt hatte. Cave beschreibt darin Kreativität als 'Akt des Selbstmords, der alles zerstört, was man in der Vergangenheit produziert hat'. Lanz nutzt den Brief als starkes Argument dafür, dass echte Kunst durch KI nicht bedroht ist.
Les Demoiselles d'Avignon
Pablo Picasso
Bahnbrechendes Ölgemälde von Pablo Picasso, das den modernen Kubismus begründete. Nach einjähriger intensiver Arbeit mit über 1500 Skizzen entstand ein revolutionäres Werk, das völlig Neues schuf statt nur Bekanntes neu zu kombinieren – ein Symbol echter künstlerischer Innovation, die anfangs sogar von Freunden abgelehnt wurde.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:32:02 „Ich schreibe gerade den vierten Band meiner Philosophiegeschichte zu Ende. Ich beginne ja all meine Bände mit einer Bildbeschreibung. In diesem Fall mit einem Werk der klassischen Moderne, was also jeder, der sich für Kunst interessiert, kennt. Das sind die Demoiselles von Avignon von Picasso.“
Precht nutzt Picassos revolutionäres Gemälde als Beispiel dafür, dass wahre Kreativität radikal Neues schafft, das anfangs sogar von Freunden abgelehnt wird. Er argumentiert, dass KI solche völlig innovativen Leistungen nie erbringen kann, weil sie nur Bekanntes neu zusammensetzt. Das Bild dient ihm als Eröffnung des vierten Bandes seiner Philosophiegeschichte.
Erkenne die Welt – Eine Geschichte der Philosophie
Richard David Precht · 2015
Vierbändiges Nachschlagewerk zur Philosophiegeschichte, das die historischen Denkwege von den Ursprüngen bis zur Gegenwart nachzeichnet. Das Werk vermittelt nicht nur philosophische Antworten, sondern zeigt den Weg zum eigenständigen kritischen Denken – als Anleitung zum tieferen Verstehen der Welt.
🗣 Richard David Precht erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:32:02 „Ich schreibe gerade den vierten Band meiner Philosophiegeschichte zu Ende. Ich beginne ja all meine Bände mit einer Bildbeschreibung. In diesem Fall mit einem Werk der klassischen Moderne, was also jeder, der sich für Kunst interessiert, kennt.“
Precht erwähnt beiläufig, dass er gerade den vierten Band seiner mehrbändigen Philosophiegeschichte fertigschreibt. Er nutzt dies als Überleitung, um über Picassos Demoiselles d'Avignon als Beispiel für radikale Kreativität zu sprechen, die KI nicht leisten könne.
Spiegel-Online-Kolumne über ChatGPT
Sascha Lobo
Sascha Lobos Kolumne dokumentiert anhand konkreter Beispiele, dass ChatGPT trotz überzeugender Darstellung faktisch falsche Antworten gibt – etwa zu verfassungsrechtlichen Fragen oder biologischen Fakten. Der Spiegel-Artikel nutzt dies, um die verbreitete Panikmache über die Gefahren von KI für junge Menschen kritisch zu hinterfragen und zu relativieren.
🗣 Markus Lanz empfiehlt aktiv bei ⏱ 00:42:52 „Es gibt dieses schöne Beispiel Sascha Lobo, schöne Grüße, den ich sehr schätze, hat das in seiner Kolumne dieser Woche beschrieben. Er sagte, die Frage, ob Donald Trump wiedergewählt werden sollte, hat die Maschine gesagt, Donald Trump ist nicht berechtigt, jetzt nochmal anzutreten, weil er schon zweimal Präsident war.“
Lanz zitiert aus Sascha Lobos aktueller Kolumne, in der dieser amüsante Fehler von ChatGPT dokumentiert. Neben dem Trump-Beispiel nennt Lanz auch die absurde Behauptung der KI, Elefanten würden Eier legen. Die Kolumne dient als Beleg dafür, dass ChatGPT trotz überzeugender Darstellung faktischen Unsinn produziert.
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
Richard David Precht · 2024
Der große Bestseller in neuer Ausgabe! Bücher über Philosophie gibt es viele. Aber Richard David Prechts Buch ist anders als alle anderen. Denn es gibt bisher keines, das den Leser so umfassend und kompetent – und unter Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse – an die großen philosophischen Fragen des Lebens herangeführt hätte: Was ist Wahrheit? Woher weiß ich, wer ich bin? Was darf die Hirnforschung? Prechts Buch schlägt einen weiten Bogen über die verschiedenen Disziplinen und is...
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:43:51 „Weißt du, was Chat-GPT sagt, wenn man fragt, wie heißt das letzte Buch von Richard David Precht? Das letzte Buch von Richard David Precht heißt Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Und wurde im Jahre 2017 veröffentlicht.“
Lanz demonstriert die Fehleranfälligkeit von ChatGPT, indem er dessen Antwort auf die Frage nach Prechts letztem Buch vorliest. Die Maschine nennt fälschlicherweise dieses Buch als sein letztes, datiert es auf 2017 statt 2007, und beschreibt den Inhalt falsch. Precht korrigiert amüsiert, dass es sein fünftes von zwanzig Büchern war.
Principia Ethica
George Edward Moore · 2005
"First published in 1903, this volume revolutionized philosophy and forever altered the direction of ethical studies. A philosopher's philosopher, G. E. Moore was the idol of the Bloomsbury group, and Lytton Strachey declared that Principia Ethica marked the rebirth of the Age of Reason. G.E. (George Edward) Moore is regarded, along with Bertrand Russell and Ludwig Wittgenstein, as a founder of 20th century analytic philosophy.
🗣 Richard David Precht referenziert bei ⏱ 00:46:24 „Also da müssen Leute, die Chat-GPT programmiert haben, gute Kenner der analytischen Philosophie gewesen sein. Es ist nämlich eine wichtige Erkenntnis, der analytische Philosophie geht zurück auf die Prinzipia Ethica von Moore aus dem Jahr 1903, dass Gut keine natürliche Eigenschaft von Dingen ist.“
Als ChatGPT antwortet, dass die Qualität eines Podcasts subjektiv sei, erkennt Precht darin eine zentrale Erkenntnis der analytischen Philosophie. Er verweist auf Moores Principia Ethica von 1903, wonach 'gut' keine natürliche Eigenschaft von Dingen ist, sondern eine persönliche Bewertung – und lobt ironisch die philosophische Bildung der ChatGPT-Programmierer.
On Bullshit
Harry Frankfurt · 2025
Over one million copies sold worldwide The international and #1 New York Times bestseller The anniversary edition of the acclaimed book that reveals why bullshit is more dangerous than lying One of the most prominent features of our world is that there is so much bullshit. Yet we have no clear understanding of what bullshit is, how it’s different from lying, what purposes it serves, and what it means.
🗣 Markus Lanz referenziert bei ⏱ 00:47:19 „Aber die Definition von Bullshit ist ja nicht, dass es einfach nur Quatsch ist. Die klassische Definition von Bullshit, so wie man es eigentlich versteht, ist ja, dass du etwas mit unglaublicher Überzeugungskraft vorträgst und es ist trotzdem Mist.“
Markus Lanz beschreibt, wie ChatGPT falsche Antworten mit großer Überzeugungskraft vorträgt. Er verweist dabei auf die 'klassische Definition von Bullshit', die der Kernthese von Harry Frankfurts berühmtem philosophischen Essay 'On Bullshit' (2005) entspricht: Bullshit zeichnet sich nicht durch Falschheit aus, sondern durch Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit bei gleichzeitiger Überzeugungskraft.
Artikel über KI-Herausforderungen für Juristen
Der Artikel behandelt die zunehmende Nutzung von KI-Tools in der juristischen Praxis. Während 87 Prozent der Juristen bereits KI-Systeme einsetzen, stellt sich die zentrale Herausforderung, dass diese zwar zu Ergebnissen gelangen, aber die für Rechtswissenschaft und Gerichtsbarkeit unverzichtbare Begründungsarbeit nicht transparent nachvollziehbar machen können. Dies widerspreche einem Kernprinzip juristischen Arbeitens, bei dem jede Entscheidung argumentativ hergeleitet und nachvollziehbar sein muss.
🗣 Markus Lanz erwähnt beiläufig bei ⏱ 00:58:52 „Ich habe neulich einen interessanten Text darüber gelesen, vor welche Herausforderungen das Juristen stellt. Der Albtraum von Juristen ist ja, wenn sie Dinge nicht mehr begründen können.“
Lanz und Precht diskutieren über die Auswirkungen von KI auf verschiedene Berufsfelder. Lanz erwähnt einen kürzlich gelesenen Text, der beschreibt, wie KI die juristische Arbeit verändert – insbesondere das Problem, dass KI zwar zu Ergebnissen kommt, aber die für Juristen zentrale Begründungsarbeit nicht transparent leisten kann.